Das Ver­hal­ten der für ei­nen Kraft­fahr­zeug­her­stel­ler han­deln­den Per­so­nen ist nicht be­reits des­halb als sit­ten­wid­rig zu qua­li­fi­zie­ren, weil sie ei­nen Fahr­zeug­typ auf­grund ei­ner grund­le­gen­den un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung mit ei­ner tem­pe­ra­tur­ab­hän­gi­gen Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems (Ther­mo­fens­ter) aus­ge­stat­tet und in den Ver­kehr ge­bracht ha­ben. Hier­für be­dürf­te es viel­mehr wei­te­rer Um­stän­de. Der ob­jek­ti­ve Tat­be­stand der Sit­ten­wid­rig­keit setzt je­den­falls vor­aus, dass die­se Per­so­nen bei der Ent­wick­lung und/​oder Ver­wen­dung der tem­pe­ra­tur­ab­hän­gi­gen Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems in dem Be­wusst­sein han­del­ten, ei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung zu ver­wen­den, und den dar­in lie­gen­den Ge­set­zes­ver­stoß bil­li­gend in Kauf nah­men (vgl. Se­nat, Beschl. v. 19.01.2021 – VI ZR 433/19, ZIP 2021, 297 Rn. 19; Beschl. v. 09.03.2021 – VI ZR 889/20, VersR 2021, 661 Rn. 28).

BGH, Ur­teil vom 13.07.2021 – VI ZR 128/20

Sach­ver­halt: Der Klä­ger nimmt die be­klag­te Fahr­zeug­her­stel­le­rin we­gen der Ver­wen­dung un­zu­läs­si­ger Ab­schalt­ein­rich­tun­gen auf Scha­dens­er­satz in An­spruch.

Er er­warb im Ok­to­ber 2012 für 34.958,99 € von der Be­klag­ten ein von die­ser her­ge­stell­tes Neu­fahr­zeug Mer­ce­des-Benz C 220 CDI Blue­Ef­fi­ci­en­cy T-Mo­dell. Das Fahr­zeug ist mit ei­nem Die­sel­mo­tor der Bau­rei­he OM 651 aus­ge­stat­tet und un­ter­liegt kei­nem Rück­ruf durch das Kraft­fahrt-Bun­des­amt. Für den Fahr­zeug­typ wur­de die Typ­ge­neh­mi­gung nach der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 mit der Schad­stoff­klas­se Eu­ro 5 er­teilt.

Die Ab­gas­rei­ni­gung er­folgt bei dem streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeug über die Ab­gas­rück­füh­rung (AGR), das heißt, ein Teil der Ab­ga­se wird in das An­saug­sys­tem des Mo­tors zu­rück­ge­führt und nimmt dort er­neut an der Ver­bren­nung teil. Bei nied­ri­ge­ren Tem­pe­ra­tu­ren wird die Ab­gas­rück­füh­rung re­du­ziert („Ther­mo­fens­ter“), wo­bei zwi­schen den Par­tei­en strei­tig ist, bei wel­chen Au­ßen-/​La­de­luft­tem­pe­ra­tu­ren das der Fall ist.

Der Klä­ger be­haup­tet, die Be­klag­te ha­be durch den Ein­bau un­zu­läs­si­ger Ab­schalt­ein­rich­tun­gen in die Mo­tor­steue­rung des streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeugs in ver­bo­te­ner Wei­se Ein­fluss auf das Emis­si­ons­ver­hal­ten ge­nom­men und so im Rah­men des Typ­ge­neh­mi­gungs­ver­fah­rens un­ter Vor­spie­ge­lung der Ein­hal­tung der ge­setz­li­chen Grenz­wer­te die Er­lan­gung der EG-Über­ein­stim­mungs­be­schei­ni­gung und die da­mit ein­her­ge­hen­de Er­tei­lung der Be­triebs­er­laub­nis er­wirkt. Mit der Kla­ge be­gehrt er – Zug um Zug ge­gen Über­ga­be des Pkw und nebst Ver­zugs­zin­sen – die Er­stat­tung des Kauf­prei­ses (34.958,99 €) zu­züg­lich Dar­le­hens­zin­sen in Hö­he von 3.311,64 € und ab­züg­lich ei­ner noch zu be­zif­fern­den Nut­zungs­ent­schä­di­gung. Au­ßer­dem ver­langt der Klä­ger die Er­stat­tung vor­ge­richt­lich an­ge­fal­le­ner Rechts­an­walts­kos­ten so­wie die Fest­stel­lung, dass die Be­klag­te in An­nah­me­ver­zug ist.

Das Land­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen; das Ober­lan­des­ge­richt hat die Be­ru­fung des Klä­gers zu­rück­ge­wie­sen. Auf die Re­vi­si­on des Klä­gers wur­de das Be­ru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sa­che an das Be­ru­fungs­ge­richt zu­rück­ver­wie­sen.

Aus den Grün­den: [6]    I. Nach Auf­fas­sung des Be­ru­fungs­ge­richts (OLG Ko­blenz, Urt. v. 06.01.2020 – 12 U 1408/18, BeckRS 2020, 969) ste­hen dem Klä­ger kei­ne Scha­dens­er­satz­an­sprü­che ge­gen die Be­klag­te zu. Ein An­spruch aus § 826 BGB schei­de aus, weil das Ver­hal­ten der Be­klag­ten, ein Fahr­zeug in den Ver­kehr zu brin­gen, in des­sen Mo­tor­steue­rung ein Ther­mo­fens­ter in­stal­liert sei, im vor­lie­gen­den Fall nicht als sit­ten­wid­ri­ge Hand­lung ein­zu­stu­fen sei. Da­bei kom­me es nicht dar­auf an, ob das im streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeug in­stal­lier­te Ther­mo­fens­ter ei­ne ob­jek­tiv un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung dar­stel­le oder nicht. Bei ei­ner die Ab­gas­rei­ni­gung be­ein­flus­sen­den Mo­tor­steue­rungs­soft­ware wie dem vor­lie­gend in Re­de ste­hen­den Ther­mo­fens­ter, die vom Grund­satz her im nor­ma­len Fahr­be­trieb in glei­cher Wei­se ar­bei­te wie auf dem Prüf­stand und bei der Ge­sichts­punk­te des Mo­tor- oder Bau­teil­schut­zes als Recht­fer­ti­gung ernst­haft er­wo­gen wer­den könn­ten, kön­ne bei Feh­len jed­we­der kon­kre­ter An­halts­punk­te nicht oh­ne Wei­te­res un­ter­stellt wer-den, dass die Han­deln­den be­zie­hungs­wei­se Ver­ant­wort­li­chen bei der Be­klag­ten in dem Be­wusst­sein agiert hät­ten, mög­li­cher­wei­se ei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung zu ver­wen­den. Sol­che An­halts­punk­te ha­be der Klä­ger we­der vor­ge­tra­gen, noch sei­en die­se an­der­wei­tig er­sicht­lich. Die Ge­set­zes­la­ge sei hin­sicht­lich der Zu­läs-sig­keit von Ther­mo­fens­tern nicht ein­deu­tig. Ein Han­deln un­ter ver­tret­ba­rer Aus­le­gung des Ge­set­zes kön­ne nicht als be­son­ders ver­werf­lich an­ge­se­hen wer­den.

[7]    So­weit der Klä­ger dar­über hin­aus mit der Be­ru­fung auf ei­ne Viel­zahl wei­te­rer von der Be­klag­ten an­geb­lich ver­wen­de­ter Steue­rungs­stra­te­gi­en zur Ab­gas­nach­be­hand­lung ver­wie­sen ha­be, sei der Klä­ger mit dem dies­be­züg­li­chen Sach­vor­trag nach § 531 II ZPO aus­ge­schlos­sen. Al­len­falls die un­ter Be­zug­nah­me auf Pres­se­be­rich­te aus April/​Mai 2019 er­folg­te Be­haup­tung ei­ner Ein­fluss­nah­me auf den Kühl­mit­tel­kreis­lauf durch ei­ne künst­li­che Ver­zö­ge­rung der Auf­wär­mung des Mo­toröls könn­te die Fra­ge auf­wer­fen, ob der Klä­ger in zeit­li­cher Hin­sicht in der La­ge ge­we­sen sei, die­sen Sach­vor­trag be­reits in ers­ter In­stanz zu hal­ten. Im Er­geb­nis kön­ne die Be­ant­wor­tung die­ser Fra­ge je­doch da­hin­ste­hen, da es hin­sicht­lich der mit der Be­ru­fung zu­sätz­lich vor­ge­brach­ten Ma­ni­pu­la­ti­ons­me­tho­den an ei­nem kon­kre­ten Be­zug zu dem hier in Re­de ste­hen­den Fahr­zeug und da­mit je­den­falls an ei­nem sub­stan­zi­ier­ten, dem Be­weis zu­gäng­li­chen Sach­vor­trag feh­le.

[8]    II. Die Re­vi­si­on ist ins­ge­samt zu­läs­sig. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat die Re­vi­si­on – an­ders als die Re­vi­si­ons­er­wi­de­rung meint – un­be­schränkt zu­ge­las­sen. Es hat im Te­nor des Ur­teils die Re­vi­si­ons­zu­las­sung oh­ne Ein­schrän­kun­gen aus­ge­spro­chen. Zwar kann sich ei­ne Be­schrän­kung der Re­vi­si­ons­zu­las­sung auch aus den Ent­schei­dungs­grün­den er­ge­ben. Dies muss sich al­ler­dings klar und ein­deu­tig aus den Grün­den des Ur­teils ab­lei­ten las­sen (vgl. Se­nat, Urt. v. 29.09.2020 – VI ZR 449/19, GRUR 2021, 106 Rn. 12; BGH, Urt. v. 08.01.2019 – II ZR 139/17, ZIP 2019, 513 Rn. 17; Urt. v. 15.05.2014 – III ZR 368/13, NJW 2014, 2857 Rn. 11; Urt. v. 31.05.2012 – I ZR 45/11, GRUR 2012, 949 Rn. 16). Hier­an fehlt es vor­lie­gend. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat in den Ent­schei­dungs­grün­den aus­ge­führt, die Re­vi­si­on sei ge­mäß § 543 II 1 Nr. 2 Fall 2 ZPO zu­zu­las­sen, weil die höchst­rich­ter­lich noch nicht ent­schie­de­ne Rechts­fra­ge, ob und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein so­ge­nann­tes Ther­mo­fens­ter ei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung dar­stel­le, eben­so wie die Fra­ge ei­ner Haf­tung der Be­klag­ten ge­mäß § 826 BGB im Hin­blick auf die gro­ße An­zahl der bun­des­weit ge­gen die Be­klag­te an­hän­gi­gen Kla­gen grund­sätz­li­che Be­deu­tung ha­be. Die­ser Be­grün­dung lässt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­ons­er­wi­de­rung kei­ne Be­schrän­kung der Re­vi­si­ons­zu­las­sung auf An­sprü­che ent­neh­men, die dem Klä­ger we­gen ei­ner tem­pe­ra­tur­ab­hän­gi­gen Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems des streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeugs (so­ge­nann­tes Ther­mo­fens­ter) zu­ste­hen kön­nen.

[9]    III. Die Re­vi­si­on ist auch be­grün­det. Mit der Be­grün­dung des Be­ru­fungs­ge­richts kann ein Scha­dens­er­satz­an­spruch des Klä­gers ge­gen die Be­klag­te we­gen sit­ten­wid­ri­ger vor­sätz­li­cher Schä­di­gung (§ 826 BGB) nicht ver­neint wer­den.

[10]   1. Im Aus­gangs­punkt zu­tref­fend hat das Be­ru­fungs­ge­richt an­ge­nom­men, dass das Ver­hal­ten der für die Be­klag­te han­deln­den Per­so­nen nicht be­reits des­halb als sit­ten­wid­rig zu qua­li­fi­zie­ren ist, weil sie den streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeug­typ auf­grund ei­ner grund­le­gen­den un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung mit ei­ner tem­pe­ra­tur­ab­hän­gi­gen Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems (Ther­mo­fens­ter) aus­ge­stat­tet und in den Ver­kehr ge­bracht ha­ben.

[11]   a) Sit­ten­wid­rig ist ein Ver­hal­ten, das nach sei­nem Ge­samt­cha­rak­ter, der durch um­fas­sen­de Wür­di­gung von In­halt, Be­weg­grund und Zweck zu er­mit­teln ist, ge­gen das An­stands­ge­fühl al­ler bil­lig und ge­recht Den­ken­den ver­stößt. Da­für ge­nügt es im All­ge­mei­nen nicht, dass der Han­deln­de ei­ne Pflicht ver­letzt und ei­nen Ver­mö­gens­scha­den her­vor­ruft. Viel­mehr muss ei­ne be­son­de­re Ver­werf­lich­keit sei­nes Ver­hal­tens hin­zu­tre­ten, die sich aus dem ver­folg­ten Ziel, den ein­ge­setz­ten Mit­teln, der zu­ta­ge ge­tre­te­nen Ge­sin­nung oder den ein­ge­tre­te­nen Fol­gen er­ge­ben kann (st. Rspr., s. nur Se­nat, Urt. v. 30.07.2020 – VI ZR 5/20, ZIP 2020, 1715 Rn. 29; Urt. v. 25.05.2020 – VI ZR 252/19, ZIP 2020, 1179 Rn. 15; je­weils m. w. Nachw.). Schon zur Fest­stel­lung der ob­jek­ti­ven Sit­ten­wid­rig­keit kann es da­her auf Kennt­nis­se, Ab­sich­ten und Be­weg­grün­de des Han­deln­den an­kom­men, die die Be­wer­tung sei­nes Ver­hal­tens als ver­werf­lich recht­fer­ti­gen. Die Ver­werf­lich­keit kann sich auch aus ei­ner be­wuss­ten Täu­schung er­ge­ben (Se­nat, Urt. v. 30.07.2020 – VI ZR 5/20, ZIP 2020, 1715 Rn. 29; Urt. v. 25.05.2020 – VI ZR 252/19, ZIP 2020, 1179 Rn. 15). Ins­be­son­de­re bei mit­tel­ba­ren Schä­di­gun­gen kommt es fer­ner dar­auf an, dass den Schä­di­ger das Un­wert­ur­teil, sit­ten­wid­rig ge­han­delt zu ha­ben, ge­ra­de auch in Be­zug auf die Schä­den des­je­ni­gen trifft, der An­sprü­che aus § 826 BGB gel­tend macht (Se­nat, Urt. v. 30.07.2020 – VI ZR 5/20, ZIP 2020, 1715 Rn. 29; Urt. v. 25.05.2020 – VI ZR 252/19, ZIP 2020, 1179 Rn. 15; Beschl. v. 09.03.2021 – VI ZR 889/20, VersR 2021, 661 Rn. 12; Beschl. v. 19.01.2021 – VI ZR 433/19, ZIP 2021, 297 Rn. 14).

[12]   Ob das Ver­hal­ten des An­spruchs­geg­ners sit­ten­wid­rig i. S. des § 826 BGB ist, ist da­bei ei­ne Rechts­fra­ge, die der un­ein­ge­schränk­ten Kon­trol­le des Re­vi­si­ons­ge­richts un­ter­liegt (st. Rspr., s. nur Se­nat, Urt. v. 25.05.2020 – VI ZR 252/19, ZIP 2020, 1179 Rn. 14 m. w. Nachw.; Beschl. v. 09.03.2021 – VI ZR 889/20, VersR 2021, 661 Rn. 14; Beschl. v. 19.01.2021 – VI ZR 433/19, ZIP 2021, 297 Rn. 15).

[13]   b) Nach die­sen Grund­sät­zen reicht der Um­stand, dass die Ab­gas­rück­füh­rung im Fahr­zeug des Klä­gers nach sei­nem vom Be­ru­fungs­ge­richt fest­ge­stell­ten und da­her re­vi­si­ons­recht­lich zu­grun­de zu le­gen­den Sach­vor­trag durch ei­ne tem­pe­ra­tur­ab­hän­gi­ge Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems bei küh­le­ren Tem­pe­ra­tu­ren ab et­wa 17 °C zu­rück­ge­fah­ren wer­de, wo­bei ei­ne si­gni­fi­kan­te Re­duk­ti­on je­den­falls bei ei­ner Um­ge­bungs­tem­pe­ra­tur von 5 °C er­fol­ge, für sich ge­nom­men nicht aus, um dem Ver­hal­ten der für die Be­klag­te han­deln­den Per­so­nen ein sit­ten­wid­ri­ges Ge­prä­ge zu ge­ben. Da­bei kann zu­guns­ten des Klä­gers in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht un­ter­stellt wer­den, dass ei­ne der­ar­ti­ge tem­pe­ra­tur­be­ein­fluss­te Steue­rung der Ab­gas­rück­füh­rung als un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II 1 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 zu qua­li­fi­zie­ren ist. Wie das Be­ru­fungs­ge­richt zu­tref­fend an­ge­nom­men hat, wä­re der dar­in lie­gen­de Ge­set­zes­ver­stoß für sich ge­nom­men nicht ge­eig­net, den Ein­satz die­ser Steue­rungs­soft­ware durch die für die Be­klag­te han­deln­den Per­so­nen als be­son­ders ver­werf­lich er­schei­nen zu las­sen. Hier­für be­dürf­te es viel­mehr wei­te­rer Um­stän­de (vgl. Se­nat, Beschl. v. 19.01.2021 – VI ZR 433/19, ZIP 2021, 297 Rn. 16; Beschl. v. 09.03.2021 – VI ZR 889/20, VersR 2021, 661 Rn. 26). So setzt die An­nah­me von Sit­ten­wid­rig­keit je­den­falls vor­aus, dass die­se Per­so­nen bei der Ent­wick­lung und/​oder Ver­wen­dung der tem­pe­ra­tur­ab­hän­gi­gen Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems in dem Be­wusst­sein han­del­ten, ei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung zu ver­wen­den, und den dar­in lie­gen­den Ge­set­zes­ver­stoß bil­li­gend in Kauf nah­men. Fehlt es hier­an, ist be­reits der ob­jek­ti­ve Tat­be­stand der Sit­ten­wid­rig­keit nicht er­füllt (vgl. Se­nat, Beschl. v. 19.01.2021 – VI ZR 433/19, ZIP 2021, 297 Rn. 19; Beschl. v. 09.03.2021 – VI ZR 889/20, VersR 2021, 661 Rn. 28).

[14]   Die Re­vi­si­on zeigt aber we­der vom Be­ru­fungs­ge­richt fest­ge­stell­ten noch von die­sem über­gan­ge­nen Sach­vor­trag des in­so­weit dar­le­gungs­be­las­te­ten Klä­gers (vgl. Se­nat, Beschl. v. 09.03.2021 – VI ZR 889/20, VersR 2021, 661 Rn. 28) auf, dem für ein sol­ches Vor­stel­lungs­bild der für die Be­klag­te han­deln­den Per­so­nen spre­chen­de An­halts­punk­te zu ent­neh­men wä­ren.

[15]   aa) So­weit die Re­vi­si­on gel­tend macht, der Klä­ger ha­be vor­in­stanz­lich vor­ge­tra­gen, im Typ­ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren be­ste­he ge­gen­über dem Kraft­fahrt-Bun­des­amt die Pflicht, Ab­schalt­ein­rich­tun­gen of­fen­zu­le­gen und ih­ren aus­nahms­wei­sen Ein­satz ge­neh­mi­gen zu las­sen, wo­ge­gen die Be­klag­te ver­sto­ßen ha­be, kann da­hin­ste­hen, ob da­mit wirk­sam ei­ne Ver­fah­rens­rüge (§ 557 III 2 ZPO) in Ge­stalt ei­ner Ge­hörs­rü­ge er­ho­ben wor­den ist. Denn sie wä­re je­den­falls nicht ord­nungs­ge­mäß aus­ge­führt.

[16]   Die ord­nungs­ge­mä­ße Be­grün­dung ei­ner Ver­fah­rens­rüge setzt vor­aus, dass die Tat­sa­chen, die den Man­gel er­ge­ben, kon­kret be­zeich­net und des­sen Aus­wir­kun­gen auf die Ent­schei­dung auf­ge­zeigt wer­den (vgl. Se­nat, Urt. v. 26.04.2016 – VI ZR 50/15, VersR 2016, 1133 Rn. 16; Ja­cobs, in: Stein/​Jo­nas, ZPO, 23. Aufl. [2018], § 551 Rn. 27; Münch­Komm-ZPO/​Krü­ger, 6. Aufl. [2020], § 551 Rn. 22). Geht die Rü­ge da­hin, dass ein Tat­sa­chen­vor­trag nicht be­rück­sich­tigt wur­de, muss die­ser un­ter An­ga­be der Fund­stel­le in den Schrift­sät­zen der Tat­sa­chen­in­stan­zen ge­nau be­zeich­net wer­den (vgl. BGH, Urt. v. 12.05.2016 – I ZR 5/15, NJW 2016, 3233 Rn. 17; Ball, in: Mu­sielak/​Voit, ZPO, 18. Aufl. [2021], § 551 Rn. 11). Dar­über hin­aus muss sich aus dem Vor­brin­gen des Re­vi­si­ons­füh­rers er­ge­ben, dass es sich um pro­zes­su­al be­rück­sich­ti­gungs­fä­hi­ges Vor­brin­gen, ins­be­son­de­re um Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen von aus­rei­chen­der Sub­stanz han­del­te (vgl. BAG, Urt. v. 12.07.2007 – 2 AZR 666/05, NJW 2008, 540 Rn. 26; Be­ckOK-ZPO/​Kes­sal-Wulf, Stand: 01.03.2021, § 551 Rn. 13.1; Ja­cobs, in: Stein/​Jo­nas, a. a. O., § 551 Rn. 28).

[17]   Dar­an fehlt es hier. Der Klä­ger hat in sei­nem von der Re­vi­si­on in Be­zug ge­nom­me­nen Vor­trag be­haup­tet, die Be­klag­te ha­be das Ther­mo­fens­ter ge­gen­über dem Kraft­fahrt-Bun­des­amt nicht of­fen­ge­legt. Es kann of­fen­blei­ben, ob die­ser Vor­trag im An­satz ge­eig­net war, das Be­wusst­sein über die Ver­wen­dung ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung zu be­grün­den. Denn die Be­klag­te hat, wie im Tat­be­stand des Be­ru­fungs­ur­teils durch Be­zug­nah­me auf das land­ge­richt­li­che Ur­teil fest­ge­stellt, dem­ge­gen­über er­klärt, dass die im Rah­men des Ge­neh­mi­gungs­ver­fah­rens of­fen­zu­le­gen­den An­ga­ben zu dem ver­wen­de­ten Emis­si­ons­min­de­rungs­sys­tem er­folgt sei­en, wo­zu An­ga­ben zu et­wai­gen Ab­schalt­ein­rich­tun­gen nicht ge­hört hät­ten. Wei­ter hat sie, wor­auf die Re­vi­si­ons­er­wi­de­rung hin­weist, schrift­sätz­lich vor­ge­tra­gen, sie wei­se im Rah­men des Typ­ge­neh­mi­gungs­pro­zes­ses die Pa­ra­me­ter aus, die für die Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems ein­schließ­lich der Ab­gas­rei­ni­gung re­le­vant sei­en. Die Re­vi­si­on zeigt nicht auf, ob der Klä­ger die­sen er­sicht­lich ei­ne Re­ak­ti­on er­for­dern­den Sach­vor­trag der Be­klag­ten be­strit­ten und wenn ja, was er dar­auf er­wi­dert hat. Da­mit fehlt es je­den­falls an der für ei­ne Ver­fah­rens­rüge er­for­der­li­chen Dar­le­gung, dass das an­geb­lich über­gan­ge­ne Vor­brin­gen pro­zes­su­al be­acht­lich war.

[18]   bb) So­weit die Re­vi­si­on wei­ter gel­tend macht, die Her­stel­ler müss­ten An­ga­ben zur Ver­wen­dung ei­ner On-Board-Dia­gno­se (OBD) ma­chen, die On-Board-Dia­gno­se sei aber so kon­stru­iert ge­we­sen, dass sie kei­ne Hin­wei­se auf die In­stal­la­ti­on ei­ner soft­ware­ge­steu­er­ten Ab­schalt­ein­rich­tung ent­hal­te, da­mit ha­be die Be­klag­te im Typ­ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren zum Aus­druck ge­bracht, kei­ne Ab­schalt­ein­rich­tung zu ver­wen­den, lässt sich ei­ne dies­be­züg­li­che Aus­sa­ge, un­ge­ach­tet der Fra­ge ih­rer Er­heb­lich­keit, dem in­so­weit in Be­zug ge­nom­me­nen Vor­trag zur OBD nicht ent­neh­men. Auch in­so­weit blie­be al­so ei­ne Ver­fah­rens­rüge, soll­te sie er­ho­ben sein, oh­ne Er­folg.

[19]   2. Die Re­vi­si­on be­an­stan­det aber zu Recht, dass das Be­ru­fungs­ge­richt dem un­ter Be­weis ge­stell­ten und vom Be­ru­fungs­ge­richt nicht be­reits nach § 531 II ZPO zu­rück­ge­wie­se­nen Sach­vor­trag des Klä­gers nicht nach­ge­gan­gen ist, die Ab­gas­rei­ni­gung sei­nes Fahr­zeugs wer­de durch ei­ne Soft­ware­funk­ti­on ge­steu­ert, die er­ken­ne, ob sich das Fahr­zeug auf dem Prüf­stand be­fin­de, und in die­sem Fall ei­ne Kühl­mit­tel-Soll­tem­pe­ra­tur-Re­ge­lung ak­ti­vie­re, die den Aus­stoß von Stick­oxi­den auf das zu­läs­si­ge Maß re­du­zie­re. Die Ver­wen­dung ei­ner der­ar­ti­gen Prüf­stan­der­ken­nungs­soft­ware kä­me als An­knüp­fungs­punkt für die An­nah­me ei­nes sit­ten­wid­ri­gen Ver­hal­tens der für die Be­klag­te han­deln­den Per­so­nen grund­sätz­lich in Be­tracht. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat die­sen Vor­trag rechts­feh­ler­haft als pro­zes­su­al un­be­acht­lich und ei­ner Be­weis­auf­nah­me nicht zu­gäng-lich ge­wür­digt. Da­mit hat es die An­for­de­run­gen an ein sub­stan­zi­ier­tes Vor­brin­gen über­spannt.

[20]   a) Ein Sach­vor­trag zur Be­grün­dung ei­nes An­spruchs ist be­reits dann schlüs­sig und er­heb­lich, wenn die Par­tei Tat­sa­chen vor­trägt, die in Ver­bin­dung mit ei­nem Rechts­satz ge­eig­net und er­for­der­lich sind, das gel­tend ge­mach­te Recht als in der Per­son der Par­tei ent­stan­den er­schei­nen zu las­sen. Die An­ga­be nä­he­rer Ein­zel­hei­ten ist nicht er­for­der­lich, so­weit die­se für die Rechts­fol­gen nicht von Be­deu­tung sind. Das Ge­richt muss nur in die La­ge ver­setzt wer­den, auf­grund des tat­säch­li­chen Vor­brin­gens der Par­tei zu ent­schei­den, ob die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für das Be­ste­hen des gel­tend ge­mach­ten Rechts vor­lie­gen. Sind die­se An­for­de­run­gen er­füllt, ist es Sa­che des Tatrich­ters, in die Be­weis­auf­nah­me ein­zu­tre­ten und da­bei ge­ge­be­nen­falls die be­nann­ten Zeu­gen oder die zu ver­neh­men­de Par­tei nach wei­te­ren Ein­zel­hei­ten zu be­fra­gen oder ei­nem Sach­ver­stän­di­gen die be­weis­er­heb­li­chen Streit­fra­gen zu un­ter­brei­ten (vgl. Se­nat, Urt. v. 18.05.2021 – VI ZR 401/19, ju­ris Rn. 19; Beschl. v. 26.03.2019 – VI ZR 163/17, VersR 2019, 835 Rn. 11; BGH, Beschl. v. 28.01.2020 – VI­II ZR 57/19, ZIP 2020, 486 Rn. 7; BVerfG [3. Kam­mer des Ers­ten Se­nats], Beschl. v. 24.01.2012 – 1 BvR 1819/10, WM 2012, 492 = ju­ris Rn. 16; je­weils m. w. Nachw.).

[21]   Die­se Grund­sät­ze gel­ten ins­be­son­de­re dann, wenn die Par­tei kei­ne un­mit­tel­ba­re Kennt­nis von den ih­rer Be­haup­tung zu­grun­de lie­gen­den Vor­gän­gen hat. Ei­ne Par­tei darf auch von ihr nur ver­mu­te­te Tat­sa­chen als Be­haup­tung in ei­nen Rechts­streit ein­füh­ren, wenn sie man­gels ent­spre­chen­der Er­kennt­nis­quel­len oder Sach­kun­de kei­ne si­che­re Kennt­nis von Ein­zel­tat­sa­chen hat (vgl. Se­nat, Urt. v. 18.05.2021 – VI ZR 401/19, ju­ris Rn. 19; Urt. v. 10.01.1995 – VI ZR 31/94, VersR 1995, 433 = ju­ris Rn. 17; Beschl. v. 26.03.2019 – VI ZR 163/17, VersR 2019, 835 Rn. 17; BGH, Beschl. v. 28.01.2020 – VI­II ZR 57/19, ZIP 2020, 486 Rn. 8; Beschl. v. 13.12.2017 – IV ZR 319/16, VersR 2018, 890 Rn. 17). Ge­mäß § 403 ZPO hat die Par­tei, die die Ein­ho­lung ei­nes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens be­an­tra­gen will, die zu be­gut­ach­ten­den Punk­te zu be­zeich­nen. Da­ge­gen ver­langt das Ge­setz nicht, dass der Be­weis­füh­rer sich auch dar­über äu­ßert, wel­che An­halts­punk­te er für die Rich­tig­keit der in die Sach­kennt­nis des Sach­ver­stän­di­gen ge­stell­ten Be­haup­tung ha­be (Se­nat, Beschl. v. 14.01.2020 – VI ZR 97/19, VersR 2020, 1069 Rn. 8).

[22]   Un­be­acht­lich ist der auf Ver­mu­tun­gen ge­stütz­te Sach­vor­trag ei­ner Par­tei erst dann, wenn die Par­tei oh­ne greif­ba­re An­halts­punk­te für das Vor­lie­gen ei­nes be­stimm­ten Sach­ver­halts will­kür­lich Be­haup­tun­gen „aufs Ge­ra­te­wohl“ oder „ins Blaue hin­ein“ auf­stellt (vgl. Se­nat, Urt. v. 25.04.1995 – VI ZR 178/94, VersR 1995, 852 = ju­ris Rn. 13; Urt. v. 24.06.2014 – VI ZR 560/13, ZIP 2014, 1635 Rn. 36; Urt. v. 18.05.2021 – VI ZR 401/19, ju­ris Rn. 20; Beschl. v. 14.01.2020 – VI ZR 97/19, VersR 2020, 1069 Rn. 8; BGH, Beschl. v. 28.01.2020 – VI­II ZR 57/19, ZIP 2020, 486 Rn. 8; Urt. v. 04.03.1991 – II ZR 90/90, NJW-RR 1991, 888 = ju­ris Rn. 18; Urt. v. 08.05.2012 – XI ZR 262/10, BGHZ 193, 159 Rn. 40; Urt. v. 04.02.2014 – XI ZR 398/12, BKR 2014, 200 Rn. 16; BVerfG [3. Kam­mer des Ers­ten Se­nats], Beschl. v. 24.01.2012 – 1 BvR 1819/10, WM 2012, 492 = ju­ris Rn. 15; je­weils m. w. Nachw.). Bei der An­nah­me von Will­kür in die­sem Sin­ne ist al­ler­dings Zu­rück­hal­tung ge­bo­ten. In der Re­gel wird sie nur bei Feh­len jeg­li­cher tat­säch­li­cher An­halts­punk­te vor­lie­gen (vgl. Se­nat, Urt. v. 18.05.2021 – VI ZR 401/19, ju­ris Rn. 20; Urt. v. 25.04.1995 – VI ZR 178/94, VersR 1995, 852 = ju­ris Rn. 13; BGH, Beschl. v. 28.01.2020 – VI­II ZR 57/19, ZIP 2020, 486 Rn. 8).

[23]   b) Nach die­sen Grund­sät­zen ist es zwar re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den, dass das Be­ru­fungs­ge­richt den Vor­trag des Klä­gers zur Steue­rung des Ab­gas­ver­hal­tens an­hand ei­ner zeit­in­ter­vall­ge­steu­er­ten Re­ge­lung der Ab­gas­rei­ni­gung, an­hand des Lenk­win­kel­ein­schlags und ei­ner „Funk­ti­on ‚Bit 15‘“ so­wie mit­tels ei­nes „Slip­guard“ auch un­ab­hän­gig von der Fra­ge der Zu­las­sungs­fä­hig­keit die­ses Vor­trags ge­mäß § 531 II ZPO als pro­zes­su­al un­be­acht­lich an­ge­se­hen hat. In­so­weit zeigt die Re­vi­si­on schon kei­nen Vor­trag des Klä­gers in den Vor­in­stan­zen auf, aus dem sich – über die blo­ße pau­scha­le Be­haup­tung hin­aus – greif­ba­re An­halts­punk­te für die Ver­wen­dung sol­cher Steue­rungs­stra­te­gi­en in dem streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeug er­ge­ben könn­ten. Der Hin­weis auf Dis­kre­pan­zen zwi­schen Stick­oxid­emis­sio­nen un­ter Prüf­stand­be­din­gun­gen, die nach da­ma­li­ger Rechts­la­ge (Eu­ro-5-Norm) zur Er­lan­gung der Typ­ge­neh­mi­gung al­lein maß­geb­lich wa­ren, und un­ter nor­ma­len Be­triebs­be­din­gun­gen auf der Stra­ße ge­nügt, wie die Re­vi­si­ons­er­wi­de­rung zu­tref­fend ein­wen­det, nicht.

[24]   Wie die Re­vi­si­on aber zu Recht rügt, durf­te das Be­ru­fungs­ge­richt die Be­haup­tung des Klä­gers, in sei­nem Fahr­zeug sei ei­ne Ab­schalt­ein­rich­tung in Ge­stalt ei­ner Kühl­mit­tel-Soll­tem­pe­ra­tur-Re­ge­lung im­ple­men­tiert, nicht als pro­zes­su­al un­be­acht­lich an­se­hen. Denn der Klä­ger hat hier­zu in der Be­ru­fungs­in­stanz mit Schrift­satz vom 11.11.2019 (S. 6 f.), auf den die Re­vi­si­ons­be­grün­dung (RB 32 oben) ver­weist, kon­kre­te Aus­füh­run­gen ge­macht. Er hat un­ter Be­zug­nah­me auf im In­ter­net ab­ruf­ba­re Pres­se­be­rich­te des Han­dels­blatts vom 14.04. und vom 19.05.2019 so­wie der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung (FAZ) vom 22.06. und vom 11.10.2019 vor­ge­tra­gen, dass das Kraft­fahrt-Bun­des­amt im Herbst 2018 ein for­mel­les An­hö­rungs­ver­fah­ren we­gen des Ver­dachts ei­ner wei­te­ren Ab­schalt­vor­rich­tung ge­gen die Be­klag­te ein­ge­lei­tet ha­be, bei der ei­ne Soft­ware­funk­ti­on ei­ne spe­zi­el­le Tem­pe­ra­tur­re­ge­lung (Kühl­mit­tel-Soll­tem­pe­ra­tur-Re­ge­lung) ak­ti­vie­re, wel­che den Kühl­mit­tel­kreis­lauf künst­lich käl­ter hal­te und die Auf­wär­mung des Mo­toröls ver­zö­ge­re. Nur da­durch blie­ben die Stick­oxid­wer­te auf dem Prüf­stand un­ter­halb der ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Grenz­wer­te. Im rea­len Fahr­be­trieb hin­ge­gen wer­de die­se Funk­ti­on de­ak­ti­viert und der ge­setz­li­che Grenz­wert von 180 mg/km deut­lich über­stie­gen. Die­se Soft­ware­funk­ti­on sei zu­nächst bei Emis­si­ons­mes­sun­gen an ei­nem Mer­ce­des-Benz GLK 220 CDI mit OM 651-Die­sel­mo­tor fest­ge­stellt wor­den. In­zwi­schen sei be­kannt ge­wor­den, dass die­se Ab­schalt­vor­rich­tung nicht nur in OM 651-Mo­to­ren der Mo­dell­rei­he GLK, son­dern dar­über hin­aus auch in Fahr­zeu­gen der C-, E- und S-Klas­se mit OM 642-Mo­to­ren ver­baut wor­den sei. Im Ju­ni 2019 ha­be das Kraft­fahrt-Bun­des­amt auf­grund der de­tek­tier­ten und un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­vor­rich­tung (Kühl­mit­tel-Soll­tem­pe­ra­tur-Re­ge­lung) ei­nen amt­li­chen Rück­ruf für zu­nächst rund 60.000 Die­sel­au­tos des Mo­dells GLK 220 CDI mit Eu­ro-5-Norm und dem von der Be­klag­ten pro­du­zier­ten OM 651-Mo­tor er­las­sen. Es lie­ge na­he, dass dar­über hin­aus vie­le wei­te­re Mo­del­le der Be­klag­ten mit ei­nem OM 651-Die­sel­mo­tor mit die­ser un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung ver­se­hen sei­en. Das Kraft­fahrt-Bun­des­amt ge­he von mehr als 700.000 be­trof­fe­nen Fahr­zeu­gen aus. Im Ok­to­ber 2019 ha­be die Be­klag­te zu­dem selbst mit­ge­teilt, dass das Kraft­fahrt-Bun­des­amt ei­nen wei­te­ren Rück­ruf­be­scheid für ei­ne sechs­stel­li­ge Zahl an Mer­ce­des-Benz-Fahr­zeu­gen mit OM 651-Die­sel­mo­tor und Eu­ro-5-Norm, dar­un­ter un­ter an­de­rem et­wa 260.000 Trans­por­ter des Mo­dells Sprin­ter, er­las­sen ha­be, da ei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung bei der Ab­gas­rei­ni­gung fest­ge­stellt wor­den sei. Im Rah­men der An­ord­nung zum GLK ha­be die Be­klag­te be­reits zu­ge­ge­ben, dass die Kühl­mit­tel-Soll­tem­pe­ra­tur-Re­ge­lung in ver­schie­de­nen Mo­del­len im­ple­men­tiert wor­den sei.

[25]   Wei­ter­ge­hen­der Vor­trag war vom Klä­ger nicht zu ver­lan­gen.

[26]   Der Be­acht­lich­keit des Sach­vor­trags des Klä­gers auf der Dar­le­gungs­ebe­ne steht ent­ge­gen der An­sicht der Re­vi­si­ons­er­wi­de­rung nicht ent­ge­gen, dass die Be­klag­te in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Be­ru­fungs­ge­richt be­strit­ten hat, dass die Funk­ti­on der Kühl­mit­tel-Soll­tem­pe­ra­tur-Re­ge­lung nur auf dem Prüf­stand ak­ti­viert sei. Un­er­heb­lich ist fer­ner, dass sich der Klä­ger nicht zu tech­ni­schen Ein­zel­hei­ten der Be­ein­flus­sung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems ver­hal­ten hat. Vom Klä­ger als Au­ßen­ste­hen­den und tech­ni­schen Lai­en kann nicht ver­langt wer­den, dass er im Ein­zel­nen dar­legt, wie die von ihm be­haup­te­ten Ab­schalt­ein­rich­tun­gen kon­kret funk­tio­nie­ren (vgl. BGH, Beschl. v. 28.01.2020 – VI­II ZR 57/19, ZIP 2020, 486 Rn. 10).

[27]   IV. Das Be­ru­fungs­ur­teil war des­halb auf­zu­he­ben und die Sa­che zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Be­ru­fungs­ge­richt zu­rück­zu­ver­wei­sen, da­mit es die er­for­der­li­chen Fest­stel­lun­gen tref­fen kann (§§ 562 I, 563 I 1 ZPO).

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