1. Ein gut­gläu­bi­ger Er­werb des Ei­gen­tums an ei­nem ge­brauch­ten Kraft­fahr­zeug ist re­gel­mä­ßig aus­ge­schlos­sen, wenn sich der Er­wer­ber nicht ein­mal den Fahr­zeug­brief (Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung Teil II) vor­le­gen lässt, um die Ver­fü­gungs­be­rech­ti­gung des Ver­äu­ße­rers zu prü­fen. Das gilt un­ab­hän­gig da­von, ob der Er­wer­ber ei­ne Pri­vat­per­son oder ein Kfz-Händ­ler ist.
  2. Ei­ne all­ge­mei­ne Nach­for­schungs­pflicht des Er­wer­bers be­steht zwar nicht. Der Er­wer­ber darf je­doch ver­däch­ti­ge Um­stän­de (z. B. ei­nen sehr güns­ti­gen Kauf­preis, Feh­len ei­nes funk­ti­ons­fä­hi­gen Zweit­schlüs­sels) nicht un­be­ach­tet las­sen, son­dern muss ge­ge­be­nen­falls wei­te­re Nach­for­schun­gen an­stel­len, die im Ein­zel­fall bis zu ei­ner An­fra­ge bei der Kfz-Zu­las­sungs­stel­le oder beim Kraft­fahrt-Bun­des­amt rei­chen kön­nen. Ins­be­son­de­re kön­nen ei­ne be­son­de­re Vor­sicht und wei­te­re Nach­for­schun­gen ge­bo­ten sein, wenn ein Ge­braucht­fahr­zeug „auf der Stra­ße“ ver­kauft wird, da ein Stra­ßen­ver­kauf er­fah­rungs­ge­mäß das Ri­si­ko, dass ein ge­stoh­le­nes Fahr­zeug ent­deckt wird, min­dert.
  3. Ist der Er­wer­ber ei­nes Ge­braucht­wa­gens Kfz-Händ­ler, kommt die An­nah­me gro­ber Fahr­läs­sig­keit i. S. des § 932 II BGB eher in Be­tracht als bei ei­nem pri­va­ten Er­wer­ber, das heißt, ei­nen Kfz-Händ­ler trifft ei­ne ge­stei­ger­te Sorg­falts­pflicht. Für ei­nen Er­wer­ber, der als Ser­vice­be­ra­ter in ei­nem Au­to­haus tä­tig ist, gilt das zwar nicht in glei­chem Ma­ße. Bei der Be­ur­tei­lung, ob gro­be Fahr­läs­sig­keit i. S. des § 932 II BGB vor­liegt, ist aber zu be­rück­sich­ti­gen, dass ein Ser­vice­be­ra­ter et­wa im Um­gang mit Kfz-Pa­pie­ren deut­lich er­fah­re­ner ist, als dies von ei­nem pri­va­ten Er­wer­ber üb­li­cher­wei­se er­war­tet wer­den kann. Die­se hö­he­ren Vor­kennt­nis­se müs­sen sich bei der Fest­le­gung des maß­geb­li­chen Sorg­falts­stan­dards nie­der­schla­gen.
  4. Von dem Er­wer­ber ei­nes Ge­braucht­wa­gens, der als Ser­vice­be­ra­ter in ei­nem Au­to­haus tä­tig ist, kann des­halb et­wa er­war­tet wer­den, dass er das im Kauf­ver­trag an­ge­ge­be­ne Da­tum der Erst­zu­las­sung (hier: 20.05.2015) mit dem in der Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung Teil II an­ge­ge­be­nen Da­tum (hier: 08.10.2015) ver­gleicht und ihm ei­ne Ab­wei­chung auf­fällt.

OLG Schles­wig, Ur­teil vom 07.04.2017 – 17 U 6/17

Sach­ver­halt: Der Klä­ger be­gehrt von dem Be­klag­ten die Zu­stim­mung zur Her­aus­ga­be ei­nes der­zeit po­li­zei­lich si­cher­ge­stell­ten Wohn­mo­bils an ihn selbst. Zu­sätz­lich ver­langt er im Be­ru­fungs­rechts­zug die Fest­stel­lung, dass er Ei­gen­tü­mer des Fahr­zeugs ist.

Das Wohn­mo­bil hat­te der Be­klag­te an ei­ne Frau ver­mie­tet, von die­ser aber nicht zu­rück­er­hal­ten. Statt­des­sen bot ei­ne als H aus Ham­burg auf­tre­ten­de Ver­käu­fe­rin das Fahr­zeug, das 2015 ei­nen Lis­ten­preis von 50.755 € ge­habt hat­te und für das der Be­klag­te tat­säch­lich 44.000 € ge­zahlt hat­te, im In­ter­net zum Preis von 33.400 € (Ver­hand­lungs­ba­sis) zum Kauf an. Die Lauf­leis­tung des Wohn­mo­bils war da­bei mit 5.500 km an­ge­ge­ben.

Nach sei­ner Dar­stel­lung traf sich der in Köln woh­nen­de Klä­ger mit der Ver­käu­fe­rin zu­nächst in ei­nem Café in ei­nem Su­per­markt in Ham­burg, in dem die Ver­käu­fe­rin ge­ar­bei­tet ha­ben will. Von dort fuh­ren sie zu dem ei­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Stand­ort des Wohn­mo­bils, das in ei­ner Park­bucht vor ei­nem grö­ße­ren Ge­bäu­de – mög­li­cher­wei­se ei­ner Schwimm­hal­le – park­te. Nach ei­ner Be­sich­ti­gung des Fahr­zeugs er­reich­te der Klä­ger nicht zu­letzt we­gen ei­ner Be­schä­di­gung am Heck des Fahr­zeugs ei­ne Re­du­zie­rung des Kauf­prei­ses auf 29.500 €.

Im schrift­li­chen Kauf­ver­trag vom 22.03.2016 wur­de ei­ne Lauf­leis­tung von 4.117 km an­stel­le der im In­ter­net­in­se­rat ge­nann­ten 5.500 km an­ge­ge­ben. Die im Kauf­ver­trag auf­ge­führ­te Fahr­zeug-Iden­ti­fi­zie­rungs­num­mer stimmt mit der Num­mer in Teil I und Teil II der vor­ge­leg­ten Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung über­ein. In der Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung Teil I ist in­des als An­schrift des Fahr­zeug­hal­ters „K. Stra­ße 37 B, 2… Ham­burg“ an­ge­ge­ben, wäh­rend es in der Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung Teil II „K. Stra­ße 37 B, 2… Ham­burg“ heißt und der Kauf­ver­trag als An­schrift der Ver­käu­fe­rin „K. Stra­ße 278, 2… Ham­burg“ nennt. Aus­weis­lich des Kauf­ver­trags ist Ver­käu­fe­rin des Wohn­mo­bils ei­ne „H. H…nn“. Ei­ne E-Mail an den Klä­ger vom 21.03.2016 mit den tech­ni­schen Da­ten des Fahr­zeugs en­det dem­ge­gen­über mit „MfG Fa­mi­lie H…n“ und wur­de über die E-Mail-Adres­se „mh…n@​gmx.​de“ ver­sen­det.

Der Klä­ger hat be­haup­tet, er ha­be an­hand des Per­so­nal­aus­wei­ses die Iden­ti­tät der Ver­käu­fe­rin über­prüft; die Un­stim­mig­kei­ten (Na­me und Adres­se) sei­en ihm da­bei nicht auf­ge­fal­len.

Nach­dem er den Kauf­preis in bar ge­zahlt hat­te, er­hielt der Klä­ger die Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung Teil I und Teil II, die sich spä­ter als so­ge­nann­te Blan­ko­fäl­schun­gen her­aus­stell­ten, und zwei Fahr­zeug­schlüs­sel. Da­von ist le­dig­lich ei­ner ein Ori­gi­nal; bei dem an­de­ren Schlüs­sel han­delt es sich um ein Imi­tat, mit dem das Wohn­mo­bil nur ge­star­tet wer­den kann, wenn sich der Ori­gi­nal­schlüs­sel in un­mit­tel­ba­rer Nä­he be­fin­det.

Der Klä­ger meint, er ha­be gut­gläu­big das Ei­gen­tum an dem Wohn­mo­bil er­wor­ben. Dies stellt der Be­klag­te auch mit Blick dar­auf in Ab­re­de, dass der Klä­ger – un­strei­tig – als Ser­vice­be­ra­ter in ei­nem Au­to­haus ar­bei­tet.

Das Land­ge­richt hat der auf Zu­stim­mung zur Her­aus­ga­be des Wohn­mo­bils an den Klä­ger ge­rich­te­ten Kla­ge statt­ge­ge­ben. Hier­zu – so das Land­ge­richt – sei der Be­klag­te ver­pflich­tet, weil der Klä­ger ge­mäß §§ 929 Satz 1, 932 I 1, II BGB gut­gläu­big Ei­gen­tü­mer des Fahr­zeugs ge­wor­den sei. Der Klä­ger ha­be sich von der Ver­käu­fe­rin al­le er­for­der­li­chen Un­ter­la­gen vor­le­gen las­sen. Dass ihm die Un­stim­mig­kei­ten nicht auf­ge­fal­len sei­en, sei plau­si­bel und nach­voll­zieh­bar; zu wei­te­ren Nach­for­schun­gen sei der Klä­ger nicht ver­pflich­tet ge­we­sen. Er ha­be auch nicht be­mer­ken müs­sen, dass ei­ner der Schlüs­sel of­fen­sicht­lich kein Ori­gi­nal­schlüs­sel sei, da er mit die­sem Schlüs­sel kei­ne ver­geb­li­chen Start­ver­su­che un­ter­nom­men ha­be.

Die Be­ru­fung des Be­klag­ten hat­te in vol­lem Um­fang Er­folg. Das Ober­lan­des­ge­richt hat die ge­gen den Be­klag­ten er­ho­be­ne, auf Zu­stim­mung zur Her­aus­ga­be des Fahr­zeugs ge­rich­te­te Kla­ge un­ter Ab­än­de­rung des land­ge­richt­li­chen Ur­teils ab­ge­wie­sen. Auf die Wi­der­kla­ge des Be­klag­ten hat es den Klä­ger ver­ur­teilt, der Her­aus­ga­be des Wohn­mo­bils an den Be­klag­ten zu­zu­stim­men, und fest­ge­stellt, dass der Be­klag­te Ei­gen­tü­mer des Fahr­zeugs ist. Dem­entspre­chend hat­te das Be­geh­ren des Klä­gers, sein Ei­gen­tum an dem Wohn­mo­bil fest­zu­stel­len, kei­nen Er­folg.

Aus den Grün­den: II. … In der Sa­che kam es für die Fra­ge der ei­gen­tums­recht­li­chen Zu­ord­nung des streit­be­fan­ge­nen Wohn­mo­bils al­lein dar­auf an, ob der Be­klag­te sein ur­sprüng­li­ches Ei­gen­tum durch gut­gläu­bi­gen Er­werb des Klä­gers ge­mäß § 932 BGB ver­lo­ren hat. Denn die an­fäng­li­che Si­che­rungs­über­eig­nung an die den Er­werb des Be­klag­ten fi­nan­zie­ren­de Bank ist nach – auch vom Klä­ger nicht be­strit­te­ner – Rück­füh­rung des ge­währ­ten Dar­le­hens ge­gen­stands­los ge­wor­den, zu­mal die Bank mit­ge­teilt hat, dass sie im Fal­le ei­nes Ob­sie­gens des Be­klag­ten in die­sem Rechts­streit die „ech­te“ Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung Teil II auch an die­sen her­aus­ge­ben wer­de. So­fern nicht die Si­che­rungs­über­eig­nung selbst auf­lö­send be­dingt ge­we­sen sein soll­te, hät­te die fi­nan­zie­ren­de Bank je­den­falls i. S. des § 931 BGB ih­ren Her­aus­ga­be­an­spruch auf­schie­bend be­dingt ab­ge­tre­ten, so­dass der Be­klag­te mit Ent­schei­dung die­ses Rechts­streits zu­gleich Ei­gen­tum er­wirbt; die Über­ga­be der Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung wirkt oh­ne­hin nicht als sol­che rechts­be­grün­dend.

Al­ler­dings wird der Be­klag­te vor ei­nem gut­gläu­bi­gen Er­werb nicht ge­mäß § 935 I BGB ge­schützt, weil er den un­mit­tel­ba­ren Be­sitz am Fahr­zeug durch die Über­las­sung zu Ver­mie­tungs­zwe­cken mit sei­nem Ein­ver­ständ­nis auf­ge­ge­ben hat­te und für ei­nen un­frei­wil­li­gen Be­sitz­ver­lust der Mie­te­rin nichts spricht; die Weg­ga­be durch den Be­sitz­mitt­ler ist kein Fall des „Ab­han­den­kom­mens“ (BGH, Urt. v. 20.09.2004 – II ZR 318/02, NJW-RR 2005, 280 = ju­ris Rn. 21).

Gleich­wohl kann ein gut­gläu­bi­ger Er­werb durch den Klä­ger nach Auf­fas­sung des Se­nats nicht an­ge­nom­men wer­den. Die in­so­weit zu for­dern­den Stan­dards an die ge­bo­te­ne Sorg­falt beim Er­werb ei­nes ge­brauch­ten Kraft­fahr­zeugs (1), ins­be­son­de­re un­ter Be­rück­sich­ti­gung des kon­kre­ten In­for­ma­ti­ons­gra­des des Klä­gers (2), wur­den von die­sem näm­lich er­sicht­lich nicht be­ach­tet, so­dass ihm der ei­nen gut­gläu­bi­gen Er­werb aus­schlie­ßen­de Vor­wurf gro­ber Fahr­läs­sig­keit i. S. des § 932 II BGB nicht er­spart wer­den kann (3).

1. Be­reits seit Län­ge­rem ist in der Recht­spre­chung an­er­kannt, dass beim Kauf ei­nes ge­brauch­ten Kraft­fahr­zeugs sich der Er­wer­ber nicht al­lein auf den Recht­schein des vor­han­de­nen Be­sit­zes des Ver­käu­fers ver­las­sen darf, son­dern das Un­ter­las­sen der Ein­sicht­nah­me in den Kraft­fahr­zeug­schein und den Kraft­fahr­zeug­brief (heu­te: Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung Teil I und Teil II) in al­ler Re­gel ei­nem gut­gläu­bi­gen Er­werb ent­ge­gen­steht (s. nur BGH, Urt. v. 05.02.1975 – VI­II ZR 151/73, NJW 1975, 735 = ju­ris Rn. 12 mit Ver­weis auf die frü­he­re Recht­spre­chung).

Ob­wohl ei­nen Er­wer­ber kei­ne ge­ne­rel­le Nach­for­schungs­pflicht trifft, ist es mit der blo­ßen Ein­sicht­nah­me in die vor­ge­leg­ten Pa­pie­re je­doch re­gel­mä­ßig nicht ge­tan. Er­for­der­lich ist viel­mehr, und zwar als Min­dest­an­for­de­rung für ei­nen gut­gläu­bi­gen Er­werb, die „Über­ga­be und Prü­fung des Kraft­fahr­zeug­brie­fes“ (BGH, Urt. v. 05.02.1975 – VI­II ZR 151/73, NJW 1975, 735 = ju­ris Rn. 18; be­stä­tigt et­wa durch BGH, Urt. v. 13.05.1996 – II ZR 222/95, NJW 1996, 2226 = ju­ris Rn. 7; Urt. v. 01.03.2013 – V ZR 92/12, NJW 2013, 1946 Rn. 13). Dies gilt un­ab­hän­gig da­von, ob der Er­wer­ber Pri­vat­mann ist oder als Händ­ler Er­fah­run­gen in der Vor­nah­me von Fahr­zeugan­käu­fen ge­sam­melt hat (KG, Urt. v. 22.05.2014 – 8 U 114/13, MDR 2015, 23 = ju­ris Rn. 17; OLG Braun­schweig, Urt. v. 01.09.2011 – 8 U 170/10, ju­ris Rn. 34, 36).

Je nach dem Er­geb­nis die­ser Prü­fung oder auch auf­grund an­de­rer Be­gleit­um­stän­de kann es zur Not­wen­dig­keit wei­te­rer Er­kun­di­gun­gen kom­men, die – soll nicht vom Kauf Ab­stand ge­nom­men wer­den – bis zu ei­ner An­fra­ge bei der Kraft­fahr­zeug­zu­las­sungs­stel­le oder beim Kraft­fahrt-Bun­des­amt rei­chen kön­nen (BGH, Urt. v. 09.10.1991 – VI­II ZR 19/91, NJW 1992, 310 = ju­ris Rn. 13 ff., 18). Um­stän­de, die ge­eig­net sind, in­so­weit wei­te­re Nach­for­schun­gen na­he­zu­le­gen, sind et­wa Un­ge­reimt­hei­ten im ge­sam­ten Ver­lauf des Ge­schäfts, ein sehr güns­ti­ger Ver­kaufs­preis (s. be­reits BGH, Urt. v. 01.07.1987 – VI­II ZR 331/86, NJW-RR 1987, 1456 = ju­ris Rn. 19, 24 ff.), aber auch be­reits die Si­tua­ti­on des „Stra­ßen­ver­kaufs“ selbst, je­den­falls bei auf­fäl­li­gem Ver­lauf (BGH, Urt. v. 01.03.2013 – V ZR 92/12, NJW 2013, 1946 Rn. 15; vgl. auch OLG Schles­wig, Urt. v. 01.09.2006 – 14 U 201/05, NJW 2007, 3007 = ju­ris Rn. 19), ei­ne Si­tua­ti­on, die des­halb spe­zi­fi­sche Ri­si­ken auf­weist, weil sie na­tur­ge­mäß das Ri­si­ko der Ent­de­ckung ei­nes ent­wen­de­ten Fahr­zeugs min­dert (BGH, Urt. v. 09.10.1991 – VI­II ZR 19/91, NJW 1992, 310 = ju­ris Rn. 14).

In­wie­weit wel­che Um­stän­de tat­säch­lich aus­sa­ge­kräf­tig zu Nach­for­schun­gen ver­an­las­sen müs­sen, ist al­ler­dings ei­ne Fra­ge des Ein­zel­falls. Ent­schei­dend ist stets, ob der Er­wer­ber des­halb die er­for­der­li­che Sorg­falt nach den ge­sam­ten Um­stän­den in un­ge­wöhn­lich gro­ben Ma­ße au­ßer Acht ge­las­sen hat, weil er das­je­ni­ge un­be­ach­tet ge­las­sen hat, was in ge­ge­be­nem Fal­le je­dem hät­te ein­leuch­ten müs­sen (BGH, Urt. v. 09.10.1991 – VI­II ZR 19/91, NJW 1992, 310 = ju­ris Rn. 13 m. w. Nachw.). Hier­bei liegt es in der Na­tur der Sa­che, dass auf den Wahr­neh­mungs­ho­ri­zont des Er­wer­bers ab­zu­stel­len ist, al­so ei­ne Ex-an­te-Be­trach­tung vor­zu­neh­men ist und nicht auf die Ex-post-Sicht nach spä­te­ren Er­mitt­lun­gen.

2. In­so­weit kommt es na­tur­ge­mäß nicht al­lein auf die ob­jek­ti­ven Um­stän­de des Er­werbs­ge­schäfts an, son­dern ge­ra­de auch auf Vor­kennt­nis­se und Er­fah­run­gen des Er­wer­bers. Aus die­sem Grund hat die Recht­spre­chung zu Recht bis­her von Fahr­zeug­händ­lern ei­ne ent­schie­den in­ten­si­ve­re Prü­fung und Nach­for­schung ver­langt als von Pri­vat­per­so­nen (so aus­drück­lich et­wa KG, Urt. v. 22.05.2014 – 8 U 114/13, MDR 2015, 23 = ju­ris Rn. 17, 21; OLG Braun­schweig, Urt. v. 01.09.2011 – 8 U 170/10, ju­ris Rn. 36). Fäl­schun­gen von Zu­las­sungs­be­schei­ni­gun­gen et­wa, die ei­nem im Um­gang mit der­ar­ti­gen Pa­pie­ren ver­trau­ten Händ­ler oh­ne Wei­te­res auf­fal­len oder zu­min­dest als Un­ge­reimt­hei­ten zu wei­te­ren Nach­for­schun­gen ver­an­las­sen, müs­sen ei­nem Pri­vat­käu­fer nicht oh­ne Wei­te­res ins Au­ge fal­len. Ähn­lich liegt es bei an­de­ren Un­ge­reimt­hei­ten. Al­ler­dings muss auch ein Pri­vat­käu­fer sich je­den­falls in wohl­ver­stan­de­nem Ei­gen­in­ter­es­se dar­über hin­rei­chen­de Si­cher­heit ver­schaf­fen, ob et­wa Ser­vice­in­ter­val­le ein­ge­hal­ten sind oder ei­ne Werks­ga­ran­tie noch be­steht, und des­halb das Ser­vice­heft vor­le­gen las­sen (hier­von geht er­sicht­lich auch das OLG Mün­chen, Urt. v. 26.05.2011 – 23 U 434/11, ju­ris Rn. 33, aus).

Vor­lie­gend ist der Klä­ger – Ser­vice­be­ra­ter in ei­nem Au­to­haus – nicht ei­nem selbst­stän­di­gen Händ­ler oder we­nigs­tens ei­nem im An­kauf tä­ti­gen Mit­ar­bei­ter ei­nes Au­to­hau­ses gleich­zu­set­zen, wenn auch zwei­fels­oh­ne fahr­zeug­kun­dig, al­so im Um­gang mit Kraft­fahr­zeu­gen ge­ne­rell er­fah­ren. Wie er vor dem Se­nat er­läu­tert hat, führt er Kun­den­dienst­auf­trä­ge so­wie die Ab­wick­lung von Ver­si­che­rungs­schä­den durch und sieht in die­ser Ei­gen­schaft ein bis zwei Zu­las­sungs­be­schei­ni­gun­gen täg­lich. Er war auch in der La­ge, dem Se­nat die zum Teil nicht ganz le­ser­li­chen Ru­bri­ken in der Ko­pie der vor­ge­leg­ten Fahr­zeug­be­schei­ni­gung Teil II im Hin­blick auf die im Feld K an­ge­spro­che­ne EU-Kon­for­mi­täts­be­schei­ni­gung zu er­läu­tern. Dies ver­an­schau­licht, dass der Klä­ger im Um­gang mit sol­chen Pa­pie­ren und den ein­zu­tra­gen­den Da­ten je­den­falls deut­lich er­fah­re­ner ist als ein durch­schnitt­li­cher Pri­vater­wer­ber.

Auch dar­aus folgt für den Se­nat kei­nes­wegs, dass der Klä­ger gleich­wohl ei­nem Händ­ler gleich­zu­stel­len wä­re, ist es doch ein Un­ter­schied, ob in pri­mä­rer Ver­ant­wor­tung täg­lich der An- und Ver­kauf von Kraft­fahr­zeu­gen vor­ge­nom­men wird oder ob ein Mit­ar­bei­ter ei­nes Au­to­hau­ses le­dig­lich am Ran­de das ei­ne oder an­de­re über An- und Ver­käu­fe er­fah­ren mag, sich aber als Ser­vice­be­ra­ter vor­ran­gig auf die tech­ni­sche Sei­te zu kon­zen­trie­ren hat. An­de­rer­seits wird bei ei­nem Er­wer­ber wie dem Klä­ger im Ver­hält­nis zu ei­nem durch­schnitt­li­chen Pri­vater­wer­ber ein ge­ne­rell leicht er­höh­tes und in tech­ni­schen Fra­gen deut­lich er­höh­tes Ni­veau von Vor­kennt­nis­sen an­ge­nom­men wer­den kön­nen, was den von ei­nem der­ar­ti­gen Er­wer­ber zu be­ach­ten­den Sorg­falts­stan­dard mit­de­fi­nie­ren muss.

 3. Die­sen An­for­de­run­gen ist der Klä­ger beim kon­kre­ten Er­werbs­vor­gang nicht ge­recht ge­wor­den. Viel­mehr sind ihm be­rech­tig­te Zwei­fel an der Ver­fü­gungs­be­fug­nis der ihm ge­gen­über­ge­tre­te­nen Ver­käu­fe­rin und da­mit der An­lass zu wei­te­ren Nach­for­schun­gen in­fol­ge von gro­ber Fahr­läs­sig­keit ver­bor­gen ge­blie­ben.

a) In­so­weit sind be­reits ei­ne Rei­he von Un­stim­mig­kei­ten auf­fäl­lig, die je­den­falls in der Ge­samt­schau dem Klä­ger Ver­an­las­sung zu Nach­fra­gen hät­ten ge­ben müs­sen.

Dies be­trifft in ge­rin­ge­rem Maß die text­li­chen Un­stim­mig­kei­ten in der Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung Teil II selbst, die durch­aus ei­ne ge­konn­te Fäl­schung dar­stellt. Auf Ori­gi­nal­pa­pier und mit qua­li­fi­zier­ter Druck­tech­nik aus­ge­führt, darf be­zwei­felt wer­den, ob ein Laie et­wa hät­te er­ken­nen kön­nen, dass die Sie­ge­lung nicht als ech­te Kle­be­sie­ge­lung, son­dern le­dig­lich mit ei­nem Tin­ten­strahl­dru­cker an­ge­bracht wor­den ist (Be­hör­den­gut­ach­ten des LKA Ham­burg vom 02.06.2016). Eben­so hät­ten die un­ter­schied­li­chen An­ga­ben in der Post­leit­zahl der An­schrift der Ver­käu­fe­rin in der Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung Teil I ei­ner­seits und Teil II an­de­rer­seits zwar bei pe­ni­blem Ver­gleich auf­fal­len kön­nen, aber nicht zwin­gend müs­sen. Schon auf­fäl­li­ger ist der Un­ter­schied zwi­schen der in der Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung an­ge­ge­be­nen Haus­num­mer bei der An­schrift der Ver­käu­fe­rin und der ent­spre­chen­den Haus­num­mer im Kauf­ver­trag, auch wenn grund­sätz­lich ein Um­zug in ei­ner glei­chen Stra­ße mög­lich sein mag. Deut­lich schwe­rer ins Ge­wicht fällt da­her das im Kauf­ver­trag mit 20.05.2015 – of­fen­bar nach „Ver­bes­se­rung“ – an­ge­ge­be­ne Erst­zu­las­sungs­da­tum, das mit dem in der Zu­las­sungs­be­schei­ni­gung Teil II an­ge­ge­be­nen Da­tum in der Zei­le be­tref­fend die EU-Kon­for­mi­täts­be­schei­ni­gung har­mo­niert, nicht aber mit dem wei­ter oben im Feld B an­ge­ge­be­nen Erst­zu­las­sungs­da­tum vom 08.10.2015.

Es er­staunt, dass der im Um­gang mit der­ar­ti­gen Un­ter­la­gen er­fah­re­ne Klä­ger er­sicht­lich nicht ei­nen Ab­gleich zwi­schen die­sen Da­ten un­ter­ein­an­der vor­ge­nom­men hat, ob­wohl hier­durch doch zum ei­nen Rück­schlüs­se auf den Lauf der ty­pi­scher­wei­se mit der Erst­zu­las­sung be­gin­nen­den Werks­ga­ran­tie mög­lich sind und zum an­de­ren na­tür­lich auf die Ver­trau­ens­wür­dig­keit der An­ga­ben der Ver­käu­fe­rin.

Ei­ne wei­te­re und auf­fäl­li­ge Un­stim­mig­keit be­trifft die Schreib­wei­se des Nach­na­mens „H…n“ (Kauf­ver­trag, Zu­las­sungs­be­schei­ni­gun­gen) oder „H…n“ der Ver­käu­fe­rin (E-Mail be­tref­fend die Se­ri­en­aus­stat­tung vom 21.03.2016). Ist es schon be­mer­kens­wert, dass ei­ne Ver­käu­fe­rin eher süd­län­di­schen Aus­se­hens sich mit ei­nem ty­pisch deut­schen Vor- und Fa­mi­li­en­na­men nennt, dürf­ten – von Schreib­feh­lern ein­mal ab­ge­se­hen – in al­ler Re­gel die meis­ten Men­schen sich ih­res Na­mens und sei­ner Schreib­wei­se si­cher sein. Um ei­nen blo­ßen Schreib­feh­ler kann es sich bei der An­ga­be „H…nn“ aber schon des­halb nicht han­deln, weil auch die E-Mail-Adres­se der­art lau­te­te, näm­lich „mh…n@​gmx.​de“. Es ver­wun­dert, dass der Klä­ger und sei­ne Ehe­frau auch dies über­se­hen ha­ben wol­len, ob­wohl die­se E-Mail mit den tech­ni­schen Spe­zi­fi­ka­tio­nen doch am Vor­abend des An­kaufs ge­kom­men war und an­nehm­bar der Klä­ger die­se Mail am nächs­ten Tag auch bei sich führ­te, um ei­nen tech­ni­schen Ab­gleich vor­neh­men zu kön­nen. Je­den­falls jetzt wä­re ei­ne ge­naue­re Nach­prü­fung an­ge­zeigt ge­we­sen.

b) Dass aber der Klä­ger er­sicht­lich mit ei­nem ab­ge­senk­ten Auf­merk­sam­keits­ni­veau – wel­ches nicht zu sei­nen als Ser­vice­be­ra­ter in ei­nem Au­to­haus er­wor­be­nen Vor­kennt­nis­sen passt – den Er­werbs­vor­gang ab­wi­ckel­te, wird auch am Um­gang mit Zweit­schlüs­seln und Ser­vice­heft deut­lich.

Es mag sein, dass im kon­kre­ten Fall ei­ne Er­pro­bung des Zweit­schlüs­sels kei­ne be­son­de­ren Er­kennt­nis­se ge­bracht hät­te, weil – so­lan­ge der Erst­schlüs­sel in der Nä­he lag – ein Star­ten auch mit dem Zweit­schlüs­sel mög­lich ge­we­sen wä­re, ob­wohl der not­wen­di­ge Trans­pon­der in die­sen ge­ra­de nicht ein­ge­baut war. Es ist aber schon er­staun­lich, dass nach ei­ge­ner Be­kun­dung der Klä­ger ei­nen Start­vor­gang mit die­sem Schlüs­sel noch nicht ein­mal pro­biert hat­te, ist doch das Feh­len ei­nes funk­ti­ons­fä­hi­gen Zweit­schlüs­sels – was ei­nem Mit­ar­bei­ter ei­nes Au­to­hau­ses kaum ver­bor­gen ge­blie­ben sein kann – ty­pisch für ent­wen­de­te Fahr­zeu­ge.

Noch er­staun­li­cher ist es, dass der Klä­ger nach ei­ge­ner Be­kun­dung sich zwar über die Exis­tenz des Ser­vice­hefts als sol­ches in­for­miert, die­ses aber nicht ein­mal auf­ge­schla­gen hat­te. Der Se­nat kann of­fen­las­sen, ob ent­spre­chend dem Vor­trag des Klä­gers – wel­chen der Be­klag­te mit Nicht­wis­sen be­strit­ten hat – schon die ers­te Sei­te auch des Ser­vice­hefts ma­ni­pu­liert war, und zwar auf­grund gro­ber Pi­xelung er­kenn­bar. Ent­schei­dend ist viel­mehr, dass durch die­ses Ver­hal­ten der Klä­ger ei­ne wei­te­re sich auf­drän­gen­de Mög­lich­keit der Ri­si­ko­mi­ni­mie­rung nicht wahr­ge­nom­men hat. Es mag sein, dass bei ei­nem noch re­la­tiv jun­gen Fahr­zeug die Pro­ble­ma­tik von Ser­vice­in­ter­val­len und de­ren Ein­hal­tung sich noch nicht stel­len konn­te, wohl aber Be­stand und Be­ginn der Werks­ga­ran­tie, die sich ei­nem sol­chen Ser­vice­heft ty­pi­scher­wei­se ent­neh­men las­sen; mög­li­cher­wei­se wä­re der Klä­ger ge­ra­de auch hier­durch er­neut auf Dif­fe­ren­zen je­den­falls hin­sicht­lich der an­ge­ge­be­nen Da­ten der Erst­zu­las­sung auf­merk­sam ge­wor­den. Die­ses Ver­säum­nis ist um­so gra­vie­ren­der, als der Klä­ger er­sicht­lich auch nicht et­wa die Vor­la­ge der Erst­be­stel­lung und des Kauf­be­legs ver­langt hat­te, was bei ei­nem jun­gen Fahr­zeug noch mit Er­folg mög­lich sein müss­te.

c) Ins­ge­samt hat der Klä­ger ge­ra­de der­ar­ti­ge Mög­lich­kei­ten der Un­ter­su­chung bzw. des Ab­gleichs von Da­ten nicht wahr­ge­nom­men, die ihm auf­grund be­reits sei­ner Vor­kennt­nis­se als Ser­vice­be­ra­ter in ei­nem Au­to­haus in ih­rer Re­le­vanz hät­ten be­kannt sein müs­sen und wel­che zu­min­dest im Fal­le der Un­stim­mig­kei­ten in der Na­mens­an­ga­be und beim Zu­las­sungs­da­tum auch hin­rei­chen­den An­lass zu wei­te­ren Nach­for­schun­gen ge­ge­ben hät­ten. Nur auf die­se Wei­se wä­re es aber auch mög­lich ge­we­sen, dem Ri­si­ko­po­ten­zi­al ent­ge­gen zu wir­ken, dass vor­lie­gend aus den Rah­men­um­stän­den des Er­werbs­ge­schäfts folg­te.

Die­se be­stan­den näm­lich zu­nächst in der Si­tua­ti­on ei­nes Stra­ßen­ver­kaufs ein­schließ­lich des ei­gen­ar­ti­gen und da­her auf­fäl­li­gen Um­stan­des, dass das Fahr­zeug nicht et­wa auf dem Park­platz des Su­per­mark­tes park­te, son­dern fern­ab vor ei­nem öf­fent­li­chen Ge­bäu­de. Hin­zu kam ein ge­gen­über dem ur­sprüng­li­chen tat­säch­li­chen Kauf­preis von 44.000 € güns­ti­ger Zweit­ver­kaufs­preis von letzt­lich nur 29.500 €, der ge­ra­de des­halb auf­fäl­lig ist, weil – wie aus ein­schlä­gi­gen In­ter­net­platt­for­men und der Ta­ges­pres­se se­nats­be­kannt ist – Wohn­mo­bi­le län­ger ge­nutzt wer­den und wert­sta­bi­ler sind als Per­so­nen­kraft­wa­gen. Ein Phä­no­men, das ei­nem in ei­nem Au­to­haus tä­ti­gen Mit­ar­bei­ter kaum ver­bor­gen ge­blie­ben sein dürf­te, mag er sich be­ruf­lich auch nicht spe­zi­ell mit Wohn­mo­bi­len be­schäf­ti­gen. Ge­ra­de die­se Um­stän­de hät­ten es um­so mehr na­he­ge­legt, sorg­fäl­tig zu han­deln und not­falls noch ei­nen Tag der Über­prü­fung ein­zu­schie­ben. Wer dies nicht tut – viel­leicht aus Sor­ge, dass der güns­ti­ge Kauf dann nicht mehr ge­lingt, oder we­gen der Ent­fer­nung zwi­schen ei­ge­nem Wohn­ort und dem Ver­kaufs­ort –, han­delt aber grob fahr­läs­sig und ist nicht gut­gläu­big i. S. des § 932 BGB. …

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