1. Heißt es in ei­nem Kauf­ver­trag über ei­nen Ge­braucht­wa­gen un­ein­ge­schränkt, das Fahr­zeug sei un­fall­frei, liegt ei­ne Be­schaf­fen­heits­ver­ein­ba­rung (§ 434 I 1 BGB) des In­halts vor, dass das Fahr­zeug kei­nen Un­fall er­lit­ten hat, bei dem es zu mehr als blo­ßen Ba­ga­tell­schä­den ge­kom­men ist.
  2. Neh­men die Ver­trags­par­tei­en in den Kauf­ver­trag über ei­nen Ge­braucht­wa­gen auf, dass das Fahr­zeug kei­ne Nachla­ckie­run­gen auf­wei­se, tref­fen sie da­mit ei­ne Be­schaf­fen­heits­ver­ein­ba­rung (§ 434 I 1 BGB) und schul­det der Ver­käu­fer die Lie­fe­rung ei­nes Fahr­zeugs, das noch die Ori­gi­nal­la­ckie­rung auf­weist.
  3. Ein pau­scha­ler Ge­währ­leis­tungs­aus­schluss gilt re­gel­mä­ßig nicht für ei­nen Man­gel, der dar­in be­steht, dass der Kauf­sa­che ei­ne ver­ein­bar­te Be­schaf­fen­heit fehlt (im An­schluss an BGH, Urt. v. 29.11.2006 – VI­II ZR 92/06, NJW 2007, 1346 Rn. 28 ff.; Urt. v. 19.12.2012 – VI­II ZR 117/12, NJW 2013, 1733 Rn. 15).
  4. Gro­be Fahr­läs­sig­keit i. S. des § 442 I 2 BGB setzt ei­nen ob­jek­tiv schwer­wie­gen­den und sub­jek­tiv nicht ent­schuld­ba­ren Ver­stoß des Käu­fers ge­gen die An­for­de­run­gen der im Ver­kehr er­for­der­li­chen Sorg­falt vor­aus. Dar­an fehlt es man­gels ei­ner ent­spre­chen­den Ob­lie­gen­heit grund­sätz­lich, wenn der Käu­fer ei­nes Ge­braucht­wa­gens das Fahr­zeug nicht gründ­lich auf (Un­fall-)Schä­den und Män­gel un­ter­sucht. Denn der Käu­fer darf sich im Re­gel­fall selbst dann, wenn er ge­werb­lich mit Kraft­fahr­zeu­gen han­delt, auf die An­ga­ben des Ver­käu­fers (z. B. zur Un­fall­frei­heit) ver­las­sen und sich auf ei­ne Sicht­prü­fung be­schrän­ken. Hat er da­nach oder auf­grund sons­ti­ger Er­kennt­nis­se kon­kre­te An­halts­punk­te da­für, dass die An­ga­ben des Ver­käu­fers un­zu­tref­fend sind, kann es al­ler­dings grob fahr­läs­sig sein, wenn der Käu­fer das Fahr­zeug nicht ge­nau­er un­ter­sucht.

OLG Hamm, Ur­teil vom 16.05.2017 – 28 U 101/16

Sach­ver­halt: Die kla­gen­de Kfz-Händ­le­rin kauf­te von der Be­klag­ten mit ei­nem spä­tes­tens am 16.02.2015 ge­schlos­se­nen Kauf­ver­trag ei­nen ge­brauch­ten Nis­san Juke zum Preis von 10.066 €.

Die­ses Fahr­zeug hat­te die Be­klag­te im In­ter­net­por­tal „ea­sy­au­to­sa­le“ zum Kauf an­ge­bo­ten und ein Kauf­an­ge­bot der Klä­ge­rin er­hal­ten. Nach­dem sich die Be­klag­te ent­schie­den hat­te, die­ses An­ge­bot an­zu­neh­men, ver­ein­bar­ten die Par­tei­en, dass das Fahr­zeug der Klä­ge­rin am 16.02.2015 über­ge­ben wer­den und an die­sem Tag auch ein schrift­li­cher Kauf­ver­trag ge­schlos­sen wer­den soll­te.

Am 16.02.2015 un­ter­such­te ein Mit­ar­bei­ter der Klä­ge­rin (Q) den Nis­san Juke in An­we­sen­heit des Le­bens­ge­fähr­ten der Be­klag­ten und stell­te kei­ne Schä­den fest. Q und der Le­bens­ge­fähr­te der Be­klag­ten un­ter­zeich­ne­ten dar­auf­hin ei­nen schrift­li­chen Kauf­ver­trag über das Fahr­zeug, das Q an­schlie­ßend über­ge­ben wur­de.

Mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 30.03.2015 for­der­te die Klä­ge­rin die Be­klag­te zur Nach­bes­se­rung (§ 439 I Fall 1 BGB) bzw. Er­satz­lie­fe­rung (§ 439 I Fall 2 BGB) auf und setz­te ihr hier­für ei­ne Frist von ei­ner Wo­che. Die gel­tend ge­mach­ten An­sprü­che wies die Be­klag­te mit Schrei­ben vom 08.04.2015 zu­rück. Dar­auf­hin er­klär­te die Klä­ge­rin mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 28.04.2015 den Rück­tritt vom Kauf­ver­trag und for­der­te die Be­klag­te auf, ihr bin­nen ei­ner Wo­che den Kauf­preis Zug um Zug ge­gen Rück­ga­be des Fahr­zeugs zu­rück­zu­zah­len. Den Rück­tritt wies die Be­klag­te mit Schrei­ben vom 02.05.2015 zu­rück.

Die Klä­ge­rin be­haup­tet, dass der streit­ge­gen­ständ­li­che Pkw ent­ge­gen der Be­schrei­bung so­wohl im In­ter­net­in­se­rat der Be­klag­ten als auch im schrift­li­chen Kauf­ver­trag nicht un­fall­frei sei, son­dern – teils un­fach­män­nisch re­pa­rier­te – Un­fall­schä­den auf­wei­se. Auf den ver­ein­bar­ten Ge­währ­leis­tungs­aus­schluss kann sich die Be­klag­te in­so­weit nach Auf­fas­sung der Klä­ge­rin nicht be­ru­fen, weil die Par­tei­en ei­ne Be­schaf­fen­heits­ver­ein­ba­rung des In­halts ge­trof­fen hät­ten, dass der Nis­san Juke un­fall­frei sei.

Das Land­ge­richt (LG Dort­mund, Urt. v. 14.04.2016 – 25 O 301/15) hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Es hat of­fen­ge­las­sen, ob das streit­ge­gen­ständ­li­che Fahr­zeug be­reits bei der Über­ga­be an die Klä­ge­rin ei­nen Un­fall­scha­den auf­ge­wie­sen hat und des­halb man­gel­haft ist. Denn je­den­falls – so das Land­ge­richt – ste­he ei­nem Rück­tritt der Klä­ge­rin vom Kauf­ver­trag der zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bar­te wirk­sa­me Ge­währ­leis­tungs­aus­schluss ent­ge­gen. Auf die­sen Aus­schluss dürf­te sich die Be­klag­te zwar ge­mäß § 444 BGB nicht be­ru­fen, wenn sie der Klä­ge­rin den be­haup­te­ten Man­gel arg­lis­tig ver­schwie­gen oder ei­ne Ga­ran­tie für die Un­fall­frei­heit des Fahr­zeugs über­nom­men hät­te. Bei­des sei je­doch nicht der Fall. Dass die Be­klag­te sie arg­lis­tig ge­täuscht ha­be, be­haup­te die Klä­ge­rin schon nicht. Die Be­klag­te ha­be auch we­der die Un­fall­frei­heit des Nis­san Juke ga­ran­tiert, noch sei zwi­schen den Par­tei­en ei­ne ent­spre­chen­de Be­schaf­fen­heits­ver­ein­ba­rung (§ 434 I 1 BGB) ge­trof­fen wor­den. Viel­mehr ha­be es sich bei der An­ga­be der Be­klag­ten, das streit­ge­gen­ständ­li­che Fahr­zeug sei un­fall­frei, auch mit Blick dar­auf, dass sie er­kenn­bar nicht die ers­te Hal­te­rin des Pkw ge­we­sen sei, um ei­ne rei­ne Wis­sens­mit­tei­lung ge­han­delt.

Die ge­gen die­ses Ur­teil ge­rich­te­te Be­ru­fung der Klä­ge­rin hat­te Er­folg.

Aus den Grün­den: II. … Die Kla­ge ist be­grün­det.

1. Die Klä­ge­rin kann von der Be­klag­ten ge­mäß den §§ 346, 323, 437 Nr. 2 Fall 1, 434 I 1 BGB die Rück­ab­wick­lung des im Fe­bru­ar 2015 ge­schlos­se­nen Ge­braucht­fahr­zeug­kauf­ver­tra­ges ver­lan­gen.

a) Dass zwi­schen den Par­tei­en spä­tes­tens am 16.02.2015 ein Kauf­ver­trag über das streit­ge­gen­ständ­li­che Ge­braucht­fahr­zeug … zu­stan­de ge­kom­men ist, ist nicht im Streit. …

b) Die Klä­ge­rin ist mit An­walts­schrei­ben vom 28.04.2015 be­rech­tigt vom Kauf­ver­trag zu­rück­ge­tre­ten.

c) Das von der Be­klag­ten ver­kauf­te Fahr­zeug ent­spricht nicht der ver­ein­bar­ten Be­schaf­fen­heit und ist des­halb man­gel­haft i. S. des § 434 I 1 BGB.

aa) Wel­che Be­schaf­fen­heit der Kauf­sa­che die Par­tei­en ver­ein­bart ha­ben, er­gibt sich aus der am 16.02.2015 bei Ab­ho­lung des Fahr­zeugs un­ter­zeich­ne­ten Kauf­ver­trags­ur­kun­de. Da­nach soll­te das Fahr­zeug un­fall­frei sein und kei­ne Nachla­ckie­run­gen ha­ben; an­ge­ge­ben war ei­ne Be­schä­di­gung an der Tür vorn links in Form ei­nes win­zi­gen, kaum be­merk­ba­ren Krat­zers.

Ent­ge­gen der Ein­schät­zung des Land­ge­richts ist die­se ein­ver­nehm­li­che Fahr­zeug­be­schrei­bung zwar nicht als Ga­ran­tie i. S. des § 444 Fall 2 BGB aus­zu­le­gen – die­se vom Land­ge­richt in den Vor­der­grund ge­stell­te Über­le­gung er­scheint fern­lie­gend –, je­doch als „ein­fa­che“ Be­schaf­fen­heits­ver­ein­ba­rung i. S. des § 434 I 1 BGB.

Ent­hält ein Kauf­ver­trag die un­ein­ge­schränk­te An­ga­be, das ver­kauf­te Fahr­zeug sei un­fall­frei, brin­gen die Par­tei­en da­mit zum Aus­druck, dass sie ein­ver­ständ­lich da­von aus­ge­hen, das Fahr­zeug ha­be bis da­hin kei­nen Un­fall­scha­den er­lit­ten, der über ei­ne blo­ße Ba­ga­tell­be­schä­di­gung hin­aus­ge­gan­gen ist. Mit der An­ga­be feh­len­der Nachla­ckie­run­gen le­gen sie das Vor­han­den­sein der Ori­gi­nal­la­ckie­rung als ge­schul­de­te Fahr­zeug­be­schaf­fen­heit fest.

Im kon­kre­ten Fall ist nichts an­de­res an­zu­neh­men. Das gilt auch un­ter Be­rück­sich­ti­gung des­sen, dass die kla­gen­de Käu­fe­rin Au­to­händ­le­rin und die be­klag­te Ver­käu­fe­rin Pri­vat­per­son ist, dass die Be­klag­te – der Klä­ge­rin be­kannt – nicht die Erst­hal­te­rin des Fahr­zeugs war und die Klä­ge­rin vor Un­ter­zeich­nung des Kauf­ver­trags vom 16.02.2015 die Mög­lich­keit hat­te, das Fahr­zeug auf (Un­fall-)Vor­schä­den, Nachla­ckie­run­gen und sons­ti­ge Män­gel zu un­ter­su­chen.

Die Auf­nah­me der An­ga­ben zur Un­fall­frei­heit wie zu den feh­len­den Nachla­ckie­run­gen in den Ver­trag be­legt, dass un­ter an­de­rem die­se Punk­te für die Kauf­ent­schei­dung der Käu­fe­rin wich­tig wa­ren, sie al­so an­sons­ten den Ver­trag nicht zu dem Preis bzw. zu die­sen Kon­di­tio­nen ab­ge­schlos­sen hät­te. Das In­ter­es­se der Käu­fe­rin an der Un­fall- und sons­ti­gen Scha­dens­frei­heit be­stand – für die Ge­gen­sei­te er­sicht­lich – im Hin­blick auf die ge­sam­te Le­bens­zeit des Fahr­zeugs und nicht nur be­schränkt auf die Be­sitz­zeit der Ver­käu­fe­rin. Und es be­stand er­kenn­bar auch un­ab­hän­gig da­von, ob bzw. in­wie­weit die pri­va­te Ver­käu­fe­rin in der La­ge war, die Un­fall-/Nachla­ckie­rungs­frei­heit aus ei­ge­ner Kennt­nis zu be­ur­tei­len oder zum Bei­spiel durch Nach­fra­gen beim Vor­be­sit­zer oder ei­ge­ne Fahr­zeug­un­ter­su­chun­gen in Er­fah­rung zu brin­gen.

Dass die Klä­ge­rin Wert dar­auf leg­te, vor Un­ter­zeich­nung des schrift­li­chen Kauf­ver­trags das Fahr­zeug selbst zu un­ter­su­chen, be­deu­te­te nicht, dass sie da­mit das Ri­si­ko über­neh­men woll­te, dass das Fahr­zeug nicht den vor­be­zeich­ne­ten An­ga­ben ent­sprach. Viel­mehr er­gab sich nicht zu­letzt aus der zum Ver­trags­ge­gen­stand er­ho­be­nen E-Mail vom 11.02.2015 deut­lich, dass die Klä­ge­rin die­se Un­ter­su­chung nur im ei­ge­nen In­ter­es­se zur Ver­mei­dung spä­te­rer Strei­te­rei­en vor­neh­men woll­te, aber nicht, um da­durch die Be­klag­te zu ent­las­ten bzw. aus der Ge­währ zu ent­las­sen.

Die Be­klag­te brach­te ih­rer­seits durch die Ver­trags­un­ter­zeich­nung zum Aus­druck, dass sie mit der Käu­fe­rer­war­tung der Un­fall-/Nachla­ckie­rungs­frei­heit kon­form ging, al­so die be­tref­fen­den Be­schaf­fen­heits­merk­ma­le als maß­geb­lich für den Ver­trags­schluss ak­zep­tier­te. Ei­ne Ein­schrän­kung da­hin, dass sie hier­für nicht ein­ste­hen woll­te, so­weit es um Ge­scheh­nis­se aus der Zeit vor ih­rem Fahr­zeug­be­sitz geht, fin­det sich im Ver­trag nicht.

Die Be­klag­te wen­det auch oh­ne Er­folg ein, dass die Ein­ga­be­mas­ke von „ea­sy­au­to­sa­le“ nicht vor­se­he, die ent­spre­chen­den An­ga­ben als blo­ße Wis­sens­mit­tei­lun­gen zu for­mu­lie­ren. Ab­ge­se­hen da­von, dass in­di­vi­du­el­le An­ga­ben doch mög­lich wa­ren – wie der Hin­weis auf die Be­schä­di­gung in Form ei­nes Krat­zers be­legt –, hät­te die Ein­schrän­kung je­den­falls im schrift­li­chen Ver­trag er­fol­gen kön­nen, was aber nicht ge­sche­hen ist.

bb) Wie die Be­weis­auf­nah­me des Se­nats er­ge­ben hat, war das ver­kauf­te Fahr­zeug bei Über­ga­be nicht un­fall- und nachla­ckie­rungs­frei.

Der Sach­ver­stän­di­ge Dipl.-Ing. C … hat das streit­ge­gen­ständ­li­che Fahr­zeug un­ter­sucht und da­bei fest­ge­stellt, dass die­ses im rech­ten hin­te­ren Be­reich ei­nen un­fach­män­nisch re­pa­rier­ten Un­fall­scha­den mit Nachla­ckie­run­gen und zu­dem an dem vor­de­ren Stoß­fän­ger Spu­ren ei­nes An­prall­ge­sche­hens auf­weist. Vor­nehm­lich im Be­reich der Rad­lauf­ver­klei­dung hin­ten rechts und der an­gren­zen­den Stoß­fän­ger­ver­klei­dung fin­den sich Pas­sun­ge­nau­ig­kei­ten, Rest­ver­for­mun­gen, La­ck­un­re­gel­mä­ßig­kei­ten so­wie auf ei­ne scha­dens­be­ding­te Nachla­ckie­rung hin­wei­sen­de ho­he Lack­schicht­di­cken. Zu­dem hat der Sach­ver­stän­di­ge fest­ge­stellt, dass die Rad­haus­ver­klei­dung und das rech­te Sei­ten­teil – und da­mit tra­gen­de Ka­ros­se­rie­bau­tei­le – nicht mit­ein­an­der ver­bun­den sind und das Fahr­zeug des­halb nicht ver­kehrs­si­cher ist.

Der Sach­ver­stän­di­ge hat die­se Schä­den im hin­te­ren Be­reich aus tech­ni­scher Sicht für den Se­nat über­zeu­gend als Un­fall­fol­gen ein­ge­ord­net. Er hat im Üb­ri­gen auch be­stä­tigt, dass ei­ne Hal­te­rung des Ne­bel­schein­wer­fers ge­bro­chen ist und die­ser des­halb lo­se in der Aus­spa­rung des Stoß­fän­gers sitzt; an des­sen Ver­klei­dung sind zu­dem La­ck­un­re­gel­mä­ßig­kei­ten vor­han­den.

In die­sem Zu­stand ent­spricht das Fahr­zeug nicht der ver­ein­bar­ten Be­schaf­fen­heit, un­fall- und nachla­ckie­rungs­frei zu sein.

cc) Die fest­ge­stell­ten Un­fall­scha­dens­fol­gen wa­ren be­reits zur Zeit des Ge­fahr­über­gangs, das heißt bei Über­ga­be an die Klä­ge­rin am 16.02.2015, vor­han­den.

Die Zeu­gen L und F ha­ben be­stä­tigt, dass das Fahr­zeug nach Über­nah­me durch die Klä­ge­rin we­der ge­nutzt noch be­schä­digt wor­den ist. Zwei­fel an der Rich­tig­keit die­ser über­ein­stim­men­den und nach der Le­bens­er­fah­rung glaub­haf­ten An­ga­ben be­ste­hen nicht. Die Aus­sa­ge des Zeu­gen M steht dem auch nicht ent­ge­gen; sie war hin­sicht­lich der Fra­ge der Un­fall­be­schä­di­gung im Zeit­punkt der Fahr­zeug­über­ga­be un­er­gie­big.

d) Die Be­klag­te be­ruft sich oh­ne Er­folg auf den im Ver­trag ent­hal­te­nen Ge­währ­leis­tungs­aus­schluss. Ein pau­scha­ler Ge­währ­leis­tungs­aus­schluss gilt re­gel­mä­ßig nicht für Män­gel, die in ei­ner Ab­wei­chung von der ver­ein­bar­ten Be­schaf­fen­heit der Kauf­sa­che be­ste­hen (BGH, Urt. v. 29.11.2006 – VI­II ZR 92/06, NJW 2007, 1346 Rn. 28 ff.; Urt. v. 19.12.2012 – VI­II ZR 117/12, NJW 2013, 1733 Rn. 15). So ist es auch hier.

e) Der Ver­trags­rück­tritt setz­te im kon­kre­ten Fall kei­ne ver­geb­lich ge­setz­te Frist zur Nach­er­fül­lung ge­mäß § 323 I BGB vor­aus.

Der Man­gel der feh­len­den Un­fall- und Nachla­ckie­rungs­frei­heit ist ei­ner Nach­bes­se­rung nicht zu­gäng­lich, wes­halb in­so­weit ei­ne Nach­er­fül­lungs­auf­for­de­rung ent­behr­lich ist. So­weit es um Re­pa­ra­tur­de­fi­zi­te geht, hat die Klä­ge­rin die Be­klag­te un­ter dem 30.03.2015 zur Nach­bes­se­rung oder Nach­lie­fe­rung auf­ge­for­dert, was von die­ser mit Schrei­ben vom 08.04.2015 ab­ge­lehnt wor­den ist. Da­nach stand der Klä­ge­rin der Weg zur Er­klä­rung des Ver­trags­rück­tritts of­fen.

f) Ent­ge­gen der An­nah­me der Be­klag­ten ist der Rück­tritt hier auch nicht ge­mäß § 442 I BGB aus­ge­schlos­sen. Da­nach kann ein Käu­fer nicht vom Ver­trag zu­rück­tre­ten, wenn er den Man­gel bei Ver­trags­schluss kennt; Glei­ches gilt, wenn ihm der Man­gel in­fol­ge gro­ber Fahr­läs­sig­keit un­be­kannt ge­blie­ben ist, es sei denn, der Ver­käu­fer hat arg­lis­tig ge­han­delt oder ei­ne Ga­ran­tie i. S. des § 444 Fall 2 BGB ab­ge­ge­ben.

Dass die Klä­ge­rin die Un­fall­schä­den und Nachla­ckie­run­gen bei dem spä­tes­tens am 16.02.2015 er­folg­ten Ver­trags­schluss po­si­tiv kann­te, be­haup­tet die Be­klag­te selbst nicht.

Dass der Klä­ge­rin zu die­sem Zeit­punkt die­se Män­gel in­fol­ge gro­ber Fahr­läs­sig­keit un­be­kannt ge­blie­ben sind, lässt sich auch nicht fest­stel­len.

Gro­be Fahr­läs­sig­keit setzt ei­nen ob­jek­tiv schwer­wie­gen­den und sub­jek­tiv nicht ent­schuld­ba­ren Ver­stoß ge­gen die An­for­de­run­gen der im Ver­kehr er­for­der­li­chen Sorg­falt vor­aus (BGH, Urt. v. 22.09.2011 – III ZR 186/10, NJW-RR 2012, 111 Rn. 8).

Ein Käu­fer hat grund­sätz­lich kei­ne Ob­lie­gen­heit, das zu er­wer­ben­de Fahr­zeug gründ­lich auf Un­fall­schä­den, sons­ti­ge Be­schä­di­gun­gen oder Män­gel zu un­ter­su­chen. Das gilt auch für ei­nen Händ­ler. Auch ein ge­werb­li­cher Auf­käu­fer darf sich ins­be­son­de­re nor­ma­ler­wei­se auf An­ga­ben des Ver­käu­fers zum Bei­spiel zur Un­fall­frei­heit ver­las­sen und sich auf ei­ne Sicht­prü­fung be­schrän­ken. Hat er da­nach oder auf­grund sons­ti­ger Er­kennt­nis­se kon­kre­te An­halts­punk­te da­für, dass die ent­spre­chen­den An­ga­ben des Ver­käu­fers falsch oder zwei­fel­haft sind, kann es al­ler­dings als grob sorg­falts­pflicht­wid­rig ge­wer­tet wer­den, wenn er das Fahr­zeug dar­auf­hin nicht ge­nau­er un­ter­sucht (s. da­zu OLG Saar­brü­cken, Urt. v. 06.07.2016 – 2 U 54/15, NJW-RR 2017, 434 Rn. 19 ff.; Rein­king/Eg­gert, Der Au­to­kauf, 13. Aufl., Rn. 3932).

Die Par­tei­en strei­ten nicht dar­über, dass die Klä­ge­rin das streit­ge­gen­ständ­li­che Fahr­zeug durch ih­ren Mit­ar­bei­ter Q ei­ner Sicht­prü­fung un­ter­zo­gen hat. Dass dem Ab­ho­ler da­bei die Un­fall­be­schä­di­gung und Nachla­ckie­rung des Fahr­zeugs ent­gan­gen ist, ist der Klä­ge­rin nicht als gro­bes Ver­schul­den i. S. des § 442 I 2 BGB an­zu­las­ten.

Da­bei kommt es nicht ent­schei­dend dar­auf an, dass der Zeu­ge Q nach den ei­ge­nen An­ga­ben der Klä­ge­rin kein Fach­mann war. Der Se­nat kann nicht fest­stel­len, dass die vom Sach­ver­stän­di­gen be­schrie­be­nen Pas­sun­ge­nau­ig­kei­ten und La­ck­un­re­gel­mä­ßig­kei­ten der­art au­gen­fäl­lig wa­ren, dass sie bei ei­ner Sicht­prü­fung auch durch ei­nen fach­kun­di­gen Mit­ar­bei­ter nicht über­se­hen wer­den konn­ten. Zwar hat der Sach­ver­stän­di­ge Dipl.-Ing. C aus­ge­führt, dass die Un­re­gel­mä­ßig­keit zwi­schen der Rad­lauf­abde­ckung und dem Sei­ten­teil im hin­te­ren rech­ten Be­reich für ei­nen Fach­mann bei der Be­sich­ti­gung des Fahr­zeugs er­kenn­bar war und im Fall ih­rer Er­kennt­nis auch An­lass ge­ge­ben hät­te, das Fahr­zeug ge­nau­er zu un­ter­su­chen. Auch die La­ck­un­re­gel­mä­ßig­kei­ten sei­en – ab­hän­gig von den äu­ße­ren Um­stän­den, ins­be­son­de­re den Licht­ver­hält­nis­sen und der Sau­ber­keit des Fahr­zeugs – bei fach­kun­di­ger Be­trach­tung zu er­ken­nen ge­we­sen. Gleich­wohl hat er es auch für mög­lich ge­hal­ten, dass sie bei ei­ner Sicht­prü­fung ei­nes Fach­manns un­ent­deckt blei­ben; für ei­nen Lai­en gel­te das oh­ne­hin.

Vor die­sem Hin­ter­grund – auch un­ter Be­rück­sich­ti­gung der im Be­richt des Sach­ver­stän­di­gen ent­hal­te­nen Fo­to­gra­fi­en – ver­mag der Se­nat es nicht als gro­ben Sorg­falts­pflicht­ver­stoß der Klä­ge­rin zu wer­ten, dass die Un­fall­scha­dens­spu­ren vor Un­ter­zeich­nung des Kauf­ver­trags am 16.02.2015 un­ent­deckt ge­blie­ben sind. Das geht zu­las­ten der Be­klag­ten.

g) Ist da­nach der Ver­trags­rück­tritt der Klä­ge­rin wirk­sam, sind die wech­sel­sei­ti­gen Leis­tun­gen zu­rück­zu­ge­wäh­ren.

Ge­gen­über dem An­spruch auf Kauf­preis­rück­zah­lung macht die Be­klag­te oh­ne Er­folg gel­tend, die Klä­ge­rin müs­se sich ei­ne Nut­zungs­ent­schä­di­gung an­rech­nen las­sen. Nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me kann der Se­nat nicht fest­stel­len, dass die Klä­ge­rin das streit­ge­gen­ständ­li­che Fahr­zeug nach der Ab­ho­lung nicht nur auf ih­rem Be­triebs­ge­län­de be­wegt, son­dern dar­über hin­aus ge­nutzt hat.

Zwar lag der Ta­chostand des Fahr­zeugs im Zeit­punkt der Un­ter­su­chung durch den Sach­ver­stän­di­gen um 895 km über der im Ver­trag ent­hal­te­nen Lauf­leis­tungs­an­ga­be von 47.000 km und hat die Be­klag­te in ih­rer per­sön­li­chen An­hö­rung er­klärt, sie ge­he da­von aus, dass der Ki­lo­me­ter­stand bei Ab­ho­lung nicht über 47.000 km ge­le­gen ha­be. Dem ste­hen aber die Aus­sa­gen der Zeu­gen L und F ge­gen­über, die glaub­haft be­kun­det ha­ben, das Fahr­zeug sei in der Be­sitz­zeit der Klä­ge­rin (nach Ver­brin­gung zu ihr) nicht ge­fah­ren wor­den.

Da­nach ist ein auf­re­chen­ba­rer Nut­zungs­ent­schä­di­gungs­an­spruch der Be­klag­ten nicht ge­ge­ben.

2. Der Zins­an­spruch folgt aus den §§ 286, 288 I BGB.

3. Mit der Ab­leh­nung der von der Klä­ge­rin ver­lang­ten Rück­ab­wick­lung des Ver­tra­ges ist die Be­klag­te in An­nah­me­ver­zug ge­ra­ten, was an­trags­ge­mäß fest­zu­stel­len war.

4. Der An­spruch auf Zah­lung vor­ge­richt­li­cher An­walts­kos­ten er­gibt sich aus den §§ 280 I, 437 Nr. 3, § 434 I BGB.

Die Be­klag­te ist der Klä­ge­rin we­gen der Lie­fe­rung des man­gel­haf­ten Fahr­zeugs zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet, weil sie sich von dem zu ver­mu­ten­den Ver­schul­den nicht exkul­piert hat (§ 280 I 2 BGB).

Die Ein­schal­tung der An­wäl­te war ei­ne an­ge­mes­se­ne Rechts­ver­fol­gungs­maß­nah­me, und ge­gen die Hö­he der be­rech­ne­ten (Net­to-)Ge­büh­ren wer­den zu Recht kei­ne Ein­wän­de er­ho­ben.

Auch wenn die Klä­ge­rin die an­walt­li­che Ho­no­rar­for­de­rung noch nicht be­gli­chen hat und des­halb im Scha­dens­er­satz­weg grund­sätz­lich nur ei­ne Frei­stel­lung von der Zah­lungs­pflicht ver­lan­gen kann, hat sich hier der Frei­stel­lungs­an­spruch in ei­nen Zah­lungs­an­spruch um­ge­wan­delt, weil die Ge­gen­sei­te die Frei­stel­lung ernst­haft und end­gül­tig ver­wei­gert hat (s. da­zu OLG Hamm, Urt. v. 03.09.2013 – 4 U 58/13, BeckRS 2013, 21777).

Dass die Klä­ge­rin nicht Zah­lung an sich, son­dern – zur Ver­ein­fa­chung der Ab­wick­lung – di­rekt an ih­re Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­langt, be­las­tet die Be­klag­te nicht, so­dass an­trags­ge­mäß dar­auf zu er­ken­nen war. …

PDF er­stel­len