1. Zur Ver­jäh­rung des Scha­dens­er­satz­an­spruchs nach § 826 BGB in ei­nem so­ge­nann­ten Die­sel­fall (hier: EA189-Mo­tor).
  2. Je­den­falls in mehr­ak­ti­gen Fäl­len wie bei dem Kauf ei­nes von dem Her­stel­ler mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung in den Ver­kehr ge­brach­ten und von dem Ge­schä­dig­ten erst spä­ter von ei­nem Drit­ten er­wor­be­nen Ge­braucht­wa­gens führt der letzt­ge­nann­te Er­werbs­vor­gang zu kei­ner Ver­mö­gens­meh­rung i. S. von § 852 Satz 1 BGB auf Sei­ten des Her­stel­lers.

BGH, Ur­teil vom 10.02.2022 – VII ZR 365/21

Sach­ver­halt: Der Klä­ger nimmt die be­klag­te Fahr­zeug­her­stel­le­rin we­gen der Ver­wen­dung ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung auf Scha­dens­er­satz in An­spruch.

Er er­warb im Sep­tem­ber 2015 von ei­nem Au­to­händ­ler ein von der Be­klag­ten her­ge­stell­tes Fahr­zeug VW Sha­ran TDI als Ge­braucht­wa­gen zum Preis von 24.400 €. Das Fahr­zeug ist mit ei­nem Die­sel­mo­tor des Typs EA189 (Eu­ro 5) aus­ge­stat­tet. Der Mo­tor ent­hielt ei­ne Steue­rungs­soft­ware, durch wel­che auf dem Prüf­stand beim Durch­fah­ren des Neu­en Eu­ro­päi­schen Fahr­zy­klus (NEFZ) ge­rin­ge­re Stick­oxid­wer­te er­zielt wur­den als im rea­len Fahr­be­trieb („Um­schalt­lo­gik“).

Ab En­de Sep­tem­ber 2015 in­for­mier­te die Be­klag­te die Öf­fent­lich­keit in Form von Pres­se­mit­tei­lun­gen dar­über, dass der Mo­tor EA189 mit ei­ner Ab­schalt­ein­rich­tung ver­se­hen sei, die vom Kraft­fahrt-Bun­des­amt (KBA) als nicht ord­nungs­ge­mäß an­ge­se­hen wer­de und da­her zu ent­fer­nen sei. Zeit­gleich war der so­ge­nann­te Die­selskan­dal Ge­gen­stand ei­ner um­fas­sen­den Me­di­en­be­richt­er­stat­tung. Das Kraft­fahrt-Bun­des­amt in­for­mier­te die Öf­fent­lich­keit über das Vor­han­den­sein ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung bei Fahr­zeu­gen mit dem Die­sel­mo­tor EA 189. An­fang Ok­to­ber 2015 schal­te­te die Be­klag­te ei­ne Web­sei­te frei, auf der durch Ein­ga­be der Fahr­zeug-Iden­ti­fi­zie­rungs­num­mer (FIN) über­prüft wer­den konn­te, ob ein kon­kre­tes Fahr­zeug mit der Ab­schalt­ein­rich­tung ver­se­hen ist. Dies wur­de eben­falls in ei­ner Pres­se­mit­tei­lung be­kannt ge­ge­ben und war Ge­gen­stand ei­ner um­fang­rei­chen Me­di­en­be­richt­er­stat­tung.

Das Kraft­fahrt-Bun­des­amt ord­ne­te im Jahr 2015 ei­nen ver­pflich­ten­den Rück­ruf für sämt­li­che be­trof­fe­nen Fahr­zeu­ge mit EA189-Mo­to­ren an. Für die­se Fahr­zeu­ge wur­de ein Soft­ware­up­date ent­wi­ckelt, das nach ei­ner Frei­ga­be­be­stä­ti­gung des Kraft­fahrt-Bun­des­am­tes ge­eig­net ist, ei­nen ge­neh­mi­gungs­kon­for­men Zu­stand der Fahr­zeu­ge her­zu­stel­len. Die Be­klag­te un­ter­rich­te­te die Hal­ter der von ihr her­ge­stell­ten Fahr­zeu­ge mit dem Mo­tor­typ EA189 im Fe­bru­ar 2016 per Post über die Ent­wick­lung und den Zeit­plan für die Zur­ver­fü­gung­stel­lung des Up­dates. Im April 2017 wur­de das Soft­ware­up­date auf das streit­ge­gen­ständ­li­che Fahr­zeug auf­ge­spielt.

Mit sei­ner im Ju­ni 2020 ein­ge­reich­ten Kla­ge hat der Klä­ger die Er­stat­tung des Kauf­prei­ses ab­züg­lich ei­ner Nut­zungs­ent­schä­di­gung nebst Zah­lung von Ver­zugs- und Pro­zess­zin­sen, Zug um Zug ge­gen Über­ga­be und Über­eig­nung des Fahr­zeugs, die Fest­stel­lung des An­nah­me­ver­zugs der Be­klag­ten so­wie die Frei­stel­lung von vor­ge­richt­li­chen Rechts­ver­fol­gungs­kos­ten ver­langt. Die Be­klag­te hat die Ein­re­de der Ver­jäh­rung er­ho­ben. Die Kla­ge ist in den Vor­in­stan­zen oh­ne Er­folg ge­blie­ben. Die Re­vi­si­on des Klä­gers, der da­mit sei­ne Schluss­an­trä­ge aus der Be­ru­fungs­in­stanz wei­ter­ver­folg­te, hat­te eben­falls kei­nen Er­folg.

Aus den Grün­den: [8]    I. Die Re­vi­si­on ist un­be­schränkt zu­läs­sig.

[9]    Das Be­ru­fungs­ge­richt hat die Zu­las­sung der Re­vi­si­on im Te­nor sei­nes Ur­teils oh­ne Ein­schrän­kun­gen aus­ge­spro­chen. Al­ler­dings kann sich ei­ne Zu­las­sungs­be­schrän­kung nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des BGH auch aus den Ent­schei­dungs­grün­den er­ge­ben, so­fern die Be­schrän­kung klar und ein­deu­tig ist. Das ist re­gel­mä­ßig dann an­zu­neh­men, wenn sich die vom Be­ru­fungs­ge­richt als zu­las­sungs­re­le­vant an­ge­se­he­ne Fra­ge nur für ei­nen ein­deu­tig ab­grenz­ba­ren selb­stän­di­gen Teil des Streitstoffs stellt, der Ge­gen­stand ei­nes Teil­ur­teils oder ei­nes ein­ge­schränkt ein­ge­leg­ten Rechts­mit­tels sein kann. Hin­ge­gen ge­nügt die blo­ße An­ga­be des Grun­des für die Zu­las­sung der Re­vi­si­on nicht, um von ei­ner Zu­las­sungs­be­schrän­kung aus­zu­ge­hen (vgl. BGH, Urt. v. 16.09.2021 – VII ZR 192/20, MDR 2022, 28 Rn. 16; Urt. v. 29.09.2020 – VI ZR 449/19, GRUR 2021, 106 Rn. 12; je­weils m. w. Nachw.).

[10]   Den Ent­schei­dungs­grün­den des Be­ru­fungs­ur­teils ist ei­ne Be­schrän­kung der Re­vi­si­ons­zu­las­sung nicht mit hin­rei­chen­der Klar­heit zu ent­neh­men. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat die Re­vi­si­on – be­schränkt auf die Ver­jäh­rung – zu­ge­las­sen, weil die Fra­ge, ob es auf­grund der all­ge­mei­nen Be­kannt­heit des „Ab­gas­skan­dals“ und der brei­ten me­dia­len Be­richt­er­stat­tung hier­über als grob fahr­läs­sig i. S. des § 199 I Nr. 2 BGB an­zu­se­hen sei, wenn ein Er­wer­ber ei­nes hier­von be­trof­fe­nen Fahr­zeugs im Jahr 2015 kei­ne Er­kun­di­gun­gen be­züg­lich der Be­trof­fen­heit sei­nes Fahr­zeugs ein­ho­le, grund­sätz­li­che Be­deu­tung ha­be. Das lässt ei­ne Be­schrän­kungs­ab­sicht nicht ein­deu­tig er­ken­nen, zu­mal ei­ne Be­schrän­kung der Re­vi­si­ons­zu­las­sung auf die Ver­jäh­rungs­fra­ge un­zu­läs­sig und da­mit wir­kungs­los wä­re (BGH, Urt. v. 16.09.2021 – VII ZR 192/20, MDR 2022, 28 Rn. 28; Beschl. v. 10.02.2011 – VII ZR 71/10, NZ­Bau 2011, 354 Rn. 11). Es kann nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass das Be­ru­fungs­ge­richt die Zu­las­sung in un­zu­läs­si­ger Wei­se ein­schrän­ken woll­te (vgl. BGH, Beschl. v. 15.02.2011 – XI ZR 291/09, ju­ris).

[11]   So­weit das Be­ru­fungs­ge­richt fer­ner aus­ge­führt hat, hin­sicht­lich des An­spruchs aus § 852 BGB sei­en die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Zu­las­sung der Re­vi­si­on nicht ge­ge­ben, kann auch hier­in je­den­falls kei­ne wirk­sa­me Be­schrän­kung der Zu­las­sungs­ent­schei­dung ge­se­hen wer­den. Ist die Zu­las­sung der Re­vi­si­on nicht auf die Ver­jäh­rungs­fra­ge be­schränk­bar, kann die Zu­las­sungs­ent­schei­dung des Be­ru­fungs­ge­richts ver­nünf­ti­ger­wei­se auch nicht da­hin ver­stan­den wer­den, dass die Re­vi­si­on nur für die An­sprü­che zu­ge­las­sen wer­den soll­te, hin­sicht­lich de­rer sich die Be­klag­te auf Ver­jäh­rung be­ru­fen hat. Die Rechts­fra­ge, de­rent­we­gen das Be­ru­fungs­ge­richt die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen hat, ist nicht nur für ei­nen Teil der im Be­ru­fungs­ur­teil be­han­del­ten An­sprü­che von Be­deu­tung, so­dass in der An­ga­be die­ses Zu­las­sungs­grun­des kei­ne Be­schrän­kung der Re­vi­si­ons­zu­las­sung auf die­se An­sprü­che zu se­hen ist (vgl. BGH, Beschl. v. 10.02.2011 – VII ZR 71/10, NZ­Bau 2011, 354 Rn. 11). Der An­spruch aus § 852 BGB knüpft in­so­weit an die Ein­re­de der Ver­jäh­rung an, als der we­gen Ver­jäh­rung nicht mehr durch­setz­ba­re ur­sprüng­li­che Scha­dens­er­satz­an­spruch als sol­cher be­ste­hen bleibt und nur in sei­nem Um­fang auf das durch die un­er­laub­te Hand­lung auf Kos­ten des Ge­schä­dig­ten Er­lang­te be­schränkt wird (vgl. BGH, Urt. v. 26.10.2006 – IX ZR 147/04, BGHZ 169, 308 Rn. 18 [zu § 852 III BGB a.F.]; Urt. v. 14.02.1978 – X ZR 19/76, BGHZ 71, 86 = ju­ris Rn. 61 – Fahr­rad­ge­päck­trä­ger II [zu § 852 III BGB a.F.]; Grü­ne­berg/​Sprau, BGB, 81. Aufl., § 852 Rn. 2; BeckOGK/​Ei­chel­ber­ger, Stand: 01.12.2021, § 852 Rn. 11).

[12]   II. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat – so­weit für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren von In­ter­es­se – aus­ge­führt, dem An­spruch des Klä­gers auf Scha­dens­er­satz we­gen sit­ten­wid­ri­ger vor­sätz­li­cher Schä­di­gung ste­he die von der Be­klag­ten er­ho­be­ne Ein­re­de der Ver­jäh­rung ent­ge­gen. Die Vor­aus­set­zun­gen für den Be­ginn der Ver­jäh­rung hät­ten be­reits im Jahr 2015 vor­ge­le­gen, so­dass die Ver­jäh­rungs­frist En­de des Jah­res 2015 zu lau­fen be­gon­nen und mit dem Schluss des Jah­res 2018 ge­en­det ha­be. Dass der Sach­ver­halt des so­ge­nann­ten Die­selskan­dals be­reits ab Sep­tem­ber 2015 in der Me­di­en­be­richt­er­stat­tung om­ni­prä­sent ge­we­sen sei, be­strei­te der Klä­ger nicht. Durch die auch in der Me­di­en­be­richt­er­stat­tung be­kannt ge­mach­te Mög­lich­keit ei­ner Ab­fra­ge auf der Her­stel­ler­web­sei­te ha­be der Klä­ger ab Ok­to­ber 2015 un­ter Ein­ga­be der Fahr­zeug-Iden­ti­fi­zie­rungs­num­mer des ei­ge­nen Fahr­zeugs zu über­prü­fen ver­mocht, ob die­ses mit der Soft­ware zur Ab­gas­ma­ni­pu­la­ti­on aus­ge­stat­tet sei. Der Klä­ger ha­be die­se na­he­lie­gen­de und un­schwer zu­gäng­li­che In­for­ma­ti­ons­quel­le nicht ge­nutzt. Auch oh­ne von den Be­hör­den oder der Her­stel­le­rin in­di­vi­du­ell und un­mit­tel­bar durch di­rek­tes An­schrei­ben dar­auf auf­merk­sam ge­macht wor­den zu sein, sei es vor die­sem Hin­ter­grund grob fahr­läs­sig ge­we­sen, sich die In­for­ma­ti­on der Scha­dens­be­trof­fen­heit des ei­ge­nen Fahr­zeugs nicht schon En­de Sep­tem­ber 2015 be­schafft zu ha­ben, ob­wohl die Nach­for­schun­gen zum Er­folg ge­führt hät­ten.

[13]   Ei­ne Hem­mung der Ver­jäh­rung vor Ab­lauf der Ver­jäh­rungs­frist sei nicht er­folgt, da die Kla­ge erst im Ju­ni 2020 ein­ge­reicht wor­den sei. Schließ­lich ste­he dem Klä­ger auch kein An­spruch nach § 852 BGB zu, da der Klä­ger das Fahr­zeug nicht als Neu-, son­dern als Ge­braucht­wa­gen er­wor­ben und die Be­klag­te da­her nichts auf sei­ne Kos­ten er­langt ha­be.

[14]   III. Das hält recht­li­cher Nach­prü­fung im Er­geb­nis stand.

[15]   1. Das Be­ru­fungs­ge­richt ist zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, dass ei­nem Scha­dens­er­satz­an­spruch des Klä­gers ge­mäß §§ 826, 31 BGB die von der Be­klag­ten er­ho­be­ne Ein­re­de der Ver­jäh­rung ent­ge­gen­steht (§ 214 I BGB).

[16]   a) Ge­mäß § 195 BGB be­trägt die re­gel­mä­ßi­ge Ver­jäh­rungs­frist für den Scha­dens­er­satz­an­spruch nach §§ 826, 31 BGB drei Jah­re. Sie be­ginnt ge­mäß § 199 I BGB mit dem Schluss des Jah­res, in dem der An­spruch ent­stan­den ist (§ 199 I Nr. 1 BGB) und der Gläu­bi­ger von den an­spruchs­be­grün­den­den Um­stän­den und der Per­son des Schuld­ners Kennt­nis er­langt oder oh­ne gro­be Fahr­läs­sig­keit er­lan­gen müss­te (§ 199 I Nr. 2 BGB). Die da­nach für den Ver­jäh­rungs­be­ginn er­for­der­li­che Kennt­nis (§ 199 I Nr. 2 Fall 1 BGB) hat­te der Klä­ger nach den Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts je­den­falls im Jah­re 2016 er­langt. Die drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist des § 195 BGB be­gann da­her spä­tes­tens mit Schluss des Jah­res 2016 zu lau­fen und en­de­te so­mit mit Ab­lauf des 31.12.2019, al­so vor Ein­rei­chung der Kla­ge im Jahr 2020.

[17]   b) Wie der BGH be­reits wie­der­holt ent­schie­den hat, ge­nügt es in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art für den Be­ginn der Ver­jäh­rung ge­mäß § 199 I BGB, dass der ge­schä­dig­te Fahr­zeug­käu­fer Kennt­nis vom „Die­sel-“ bzw. „Ab­gas­skan­dal“ im All­ge­mei­nen, von der kon­kre­ten Be­trof­fen­heit sei­nes Fahr­zeugs und von der Re­le­vanz die­ser Be­trof­fen­heit für sei­ne Kauf­ent­schei­dung hat, wo­bei letz­te­re Kennt­nis nicht ge­son­dert fest­ge­stellt wer­den muss, son­dern na­tur­ge­mäß beim Ge­schä­dig­ten vor­han­den ist (BGH, Urt. v. 21.12.2021 – VI ZR 212/20, ju­ris Rn. 14; Beschl. v. 15.09.2021 – VII ZR 294/20, ju­ris Rn. 6; Urt. v. 17.12.2020 – VI ZR 739/20, NJW 2021, 918 Rn. 20 ff.).

[18]   aa) Dass der Klä­ger – schon im Jah­re 2015 – all­ge­mei­ne Kennt­nis vom so­ge­nann­ten Die­sel- oder Ab­gas­skan­dal hat­te, steht nach den Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts au­ßer Streit. Auch die Re­vi­si­on geht aus­drück­lich da­von aus, der Klä­ger ha­be schon erst­in­stanz­lich an­ge­führt, im Jah­re 2015 von dem Ab­gas­skan­dal durch die Me­di­en­be­richt­er­stat­tung Kennt­nis er­langt zu ha­ben. Die da­mit ver­bun­de­ne Ein­schrän­kung, er ha­be dies aber nicht auf sein Fahr­zeug be­zo­gen, ist hin­sicht­lich der Fra­ge all­ge­mei­ner Kennt­nis oh­ne Be­lang.

[19]   bb) Das Be­ru­fungs­ge­richt hat auch hin­rei­chen­de Fest­stel­lun­gen da­zu ge­trof­fen, dass der Klä­ger je­den­falls im Jah­re 2016 die kon­kre­te Be­trof­fen­heit sei­nes Fahr­zeugs kann­te. Ob er die­se Kennt­nis, wie das Be­ru­fungs­ge­richt an­ge­nom­men hat, schon zu­vor im Jah­re 2015 oh­ne gro­be Fahr­läs­sig­keit hät­te er­lan­gen müs­sen (§ 199 I Nr. 2 Fall 2 BGB), kann des­halb auf sich be­ru­hen.

[20]   (1) Nach den für den Se­nat ge­mäß §§ 314, 559 ZPO bin­den­den und von der Re­vi­si­on auch nicht an­ge­grif­fe­nen tat­be­stand­li­chen Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts, die im Streit­fall durch ent­spre­chen­de Be­zug­nah­me auch die tat­be­stand­li­chen Fest­stel­lun­gen des land­ge­richt­li­chen Ur­teils um­fas­sen, hat der Klä­ger erst­in­stanz­lich un­strei­tig ge­stellt, dass er durch ein Kun­den­an­schrei­ben der Be­klag­ten im Jahr 2016 po­si­ti­ve Kennt­nis von der Be­trof­fen­heit sei­nes Fahr­zeugs vom so­ge­nann­ten Die­selskan­dal er­langt hat. Da­mit steht für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren fest, dass der Klä­ger je­den­falls im Jahr 2016 Kennt­nis hat­te so­wohl von dem so­ge­nann­ten Die­selskan­dal all­ge­mein als auch von der kon­kre­ten Be­trof­fen­heit sei­nes Die­sel­fahr­zeugs.

[21]   (2) Dem Klä­ger, der seit dem Jahr 2015 all­ge­mei­ne Kennt­nis vom so­ge­nann­ten Die­selskan­dal und je­den­falls seit dem Jahr 2016 auch po­si­ti­ve Kennt­nis von der Be­trof­fen­heit sei­nes Fahr­zeugs hat­te, war es im Jahr 2016 auch zu­mut­bar, Kla­ge zu er­he­ben und sei­nen An­spruch ge­gen die Be­klag­te aus §§ 826, 31 BGB ge­richt­lich gel­tend zu ma­chen.

[22]   (a) Die Fra­ge, wann die für den Be­ginn der Ver­jäh­rung ge­mäß § 199 I Nr. 2 Fall 1 BGB er­for­der­li­che Kennt­nis vor­han­den ist, ist nicht aus­schließ­lich Tat­fra­ge, son­dern wird maß­geb­lich durch den der Be­ur­tei­lung des Re­vi­si­ons­ge­richts un­ter­lie­gen­den Be­griff der Zu­mut­bar­keit der Kla­ge­er­he­bung ge­prägt (vgl. BGH, Urt. v. 17.12.2020 – VI ZR 739/20, NJW 2021, 918 Rn. 16; Urt. v. 17.06.2016 – V ZR 134/15, NJW 2017, 248 Rn. 11; Urt. v. 11.09.2014 – III ZR 217/13, VersR 2015, 332 Rn. 17; Urt. v. 26.09.2012 – VI­II ZR 279/11, NJW 2013, 1077 Rn. 46). In­so­weit un­ter­liegt die Fra­ge, wann ei­ne un­si­che­re und zwei­fel­haf­te Rechts­la­ge vor­liegt, die zur Un­zu­mut­bar­keit der Kla­ge­er­he­bung führt, der un­ein­ge­schränk­ten Be­ur­tei­lung durch das Re­vi­si­ons­ge­richt (vgl. BGH, Urt. v. 17.12.2020 – VI ZR 739/20, NJW 2021, 918 Rn. 16).

[23]   (2) Die vom Be­ru­fungs­ge­richt tat­be­stand­lich fest­ge­stell­te all­ge­mei­ne Kennt­nis des Klä­gers vom so­ge­nann­ten Die­selskan­dal so­wie von der kon­kre­ten Be­trof­fen­heit sei­nes Fahr­zeugs im Be­son­de­ren um­fasst al­le für den Schluss auf ei­ne sit­ten­wid­ri­ge vor­sätz­li­che Schä­di­gung der Be­klag­ten re­le­van­ten Tat­sa­chen (vgl. BGH, Beschl. v. 15.09.2021 – VII ZR 294/20, ju­ris Rn. 6; Urt. v. 17.12.2020 – VI ZR 739/20, NJW 2021, 918 Rn. 21 f.). Ins­be­son­de­re be­durf­te es hier­zu – wie das Be­ru­fungs­ge­richt zu­tref­fend er­kannt hat – kei­ner nä­he­ren Kennt­nis des Klä­gers von den in­ter­nen Ver­ant­wort­lich­kei­ten im Hau­se der Be­klag­ten (vgl. BGH, Urt. v. 17.12.2020 – VI ZR 739/20, NJW 2021, 918 Rn. 23). Dar­auf, ob der Klä­ger be­reits im Jahr 2016 aus den ihm be­kann­ten Tat­sa­chen die zu­tref­fen­den recht­li­chen Schlüs­se zog, ins­be­son­de­re aus ih­nen ei­nen An­spruch aus § 826 BGB her­lei­te­te, kommt es eben­falls nicht an (vgl. BGH, Urt. v. 17.12.2020 – VI ZR 739/20, NJW 2021, 918 Rn. 26 ff.). Dass noch nicht al­le Fra­gen aus dem so­ge­nann­ten Die­selskan­dal durch die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung ge­klärt wa­ren, kann die Un­zu­mut­bar­keit der Kla­ge­er­he­bung bei ge­si­cher­ter Tat­sa­chen­grund­la­ge eben­falls nicht be­grün­den (vgl. BGH, Urt. v. 17.12.2020 – VI ZR 739/20, NJW 2021, 918 Rn. 11).

[24]   Nach der Recht­spre­chung des BGH war ei­nem Klä­ger, der noch im Jahr 2015 so­wohl Kennt­nis vom so­ge­nann­ten Die­selskan­dal im All­ge­mei­nen als auch von der kon­kre­ten Be­trof­fen­heit sei­nes Fahr­zeu­ges er­langt hat, noch im Jahr 2015 zu­mut­bar, Kla­ge zu er­he­ben und sei­nen An­spruch ge­gen die Be­klag­te aus §§ 826, 31 BGB ge­richt­lich gel­tend zu ma­chen (BGH, Urt. v. 21.12.2021 – VI ZR 212/20, ju­ris Rn. 14; Beschl. v. 15.09.2021 – VII ZR 294/20, ju­ris Rn. 6 ff.; Urt. v. 17.12.2020 – VI ZR 739/20, NJW 2021, 918 Rn. 20 ff.). Für den hier ge­ge­be­nen Fall der Kennt­nis die­ser Um­stän­de im Jahr 2016 gilt Ent­spre­chen­des.

[25]   2. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat schließ­lich auch ei­nen An­spruch des Klä­gers nach § 852 Satz 1 BGB zu Recht ver­neint.

[26]   a) Nach § 852 Satz 1 BGB ist der Er­satz­pflich­ti­ge, der durch ei­ne un­er­laub­te Hand­lung auf Kos­ten des Ver­letz­ten et­was er­langt hat, auch nach Ein­tritt der Ver­jäh­rung des An­spruchs auf Er­satz des aus der un­er­laub­ten Hand­lung ent­stan­de­nen Scha­dens zur Her­aus­ga­be nach den Vor­schrif­ten über die Her­aus­ga­be ei­ner un­ge­recht­fer­tig­ten Be­rei­che­rung ver­pflich­tet. Nach Sinn und Zweck der Vor­schrift sol­len dem­je­ni­gen, der ei­nen an­de­ren durch un­er­laub­te Hand­lung schä­digt und da­durch sein Ver­mö­gen mehrt, auch bei Ver­jäh­rung des Scha­dens­er­satz­an­spruchs nicht die auf die­se Wei­se er­lang­ten Vor­tei­le ver­blei­ben (vgl. BGH, Urt. v. 26.03.2019 – X ZR 109/16, BGHZ 221, 342 Rn. 19 f., 22; Urt. v. 26.10.2006 – IX ZR 147/04, BGHZ 169, 308 Rn. 20 [zu § 852 III BGB a.F.]; Urt. v. 14.02.1978 – X ZR 19/76, BGHZ 71, 86 = ju­ris Rn. 62 – Fahr­rad­ge­päck­trä­ger II [zu § 852 III BGB a.F.]; Urt. v. 10.06.1965 – VII ZR 198/63, NJW 1965, 1914 = ju­ris Rn. 66 [zu § 852 III BGB a.F.]; Grü­ne­berg/​Sprau, a. a. O., § 852 Rn. 2; BeckOGK/​Ei­chel­ber­ger, a. a. O., § 852 BGB Rn. 3; BT-Drs. 14/6040, S. 270).

[27]   Das Er­for­der­nis, dass der Er­satz­pflich­ti­ge et­was auf Kos­ten des Ver­letz­ten er­langt hat, be­deu­tet nicht, dass sich die Ver­mö­gens­ver­schie­bung – wie bei der Ein­griffs­kon­dik­ti­on – un­mit­tel­bar zwi­schen dem Schä­di­ger und dem Ge­schä­dig­ten voll­zo­gen ha­ben muss. Denn die Vor­schrift ent­hält nur ei­ne Rechts­fol­gen­ver­wei­sung auf das Be­rei­che­rungs­recht (vgl. BGH, Urt. v. 26.03.2019 – X ZR 109/16, BGHZ 221, 342 Rn. 15). Des­halb kann die Ver­mö­gens­ver­schie­bung auch durch ei­nen oder meh­re­re Drit­te ver­mit­telt wer­den, so­lan­ge sie in ei­nem ur­säch­li­chen Zu­sam­men­hang mit der un­er­laub­ten Hand­lung steht (vgl. BGH, Urt. v. 26.03.2019 – X ZR 109/16, BGHZ 221, 342 Rn. 21; Urt. v. 14.02.1978 – X ZR 19/76, BGHZ 71, 86 = ju­ris Rn. 62 – Fahr­rad­ge­päck­trä­ger II ). Wenn ein Ver­mö­gens­ver­lust beim Ge­schä­dig­ten ei­nen ent­spre­chen­den Ver­mö­gens­zu­wachs beim Schä­di­ger zur Fol­ge ge­habt hat, ist er da­her nach § 852 Satz 1 BGB auch dann her­aus­zu­ge­ben, wenn die­se Ver­mö­gens­ver­schie­bung dem Schä­di­ger durch Drit­te ver­mit­telt wor­den ist (vgl. Urt. v. 14.02.1978 – X ZR 19/76, BGHZ 71, 86 = ju­ris Rn. 63 – Fahr­rad­ge­päck­trä­ger II ). Un­be­rührt bleibt da­von die Not­wen­dig­keit, dass der Ver­mö­gens­zu­wachs auf dem Ver­mö­gens­ver­lust des Ge­schä­dig­ten be­ru­hen muss.

[28]   Da­her setzt ein An­spruch aus § 852 Satz 1 BGB je­den­falls vor­aus, dass die Her­stel­le­rin im Ver­hält­nis zum Ge­schä­dig­ten et­was aus dem Fahr­zeug­ver­kauf an die­sen er­langt hat (vgl. BGH, Urt. v. 17.12.2020 – VI ZR 739/20, NJW 2021, 918 Rn. 29; Riehm, NJW 2021, 1625 Rn. 19).

[29]   b) Auf die­ser Grund­la­ge hat das Be­ru­fungs­ge­richt ei­ne Ver­mö­gens­ver­schie­bung i. S. von § 852 Satz 1 BGB im Ver­hält­nis zwi­schen dem Klä­ger und der Be­klag­ten zu Recht ver­neint.

[30]   Je­den­falls in mehr­ak­ti­gen Fäl­len wie bei dem Kauf ei­nes von der Her­stel­le­rin mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung in den Ver­kehr ge­brach­ten und von dem Ge­schä­dig­ten erst spä­ter von ei­nem Drit­ten er­wor­be­nen Ge­braucht­wa­gens führt der letzt­ge­nann­te Er­werbs­vor­gang zu kei­ner Ver­mö­gens­ver­schie­bung im Ver­hält­nis zwi­schen dem Ge­schä­dig­ten und der Her­stel­le­rin. Denn der Her­stel­le­rin, die ei­nen et­wai­gen Vor­teil be­reits mit dem In­ver­kehr­brin­gen des Fahr­zeugs als Neu­wa­gen rea­li­siert hat, fließt im Zu­sam­men­hang mit dem im Ab­schluss des un­ge­woll­ten Ver­trags lie­gen­den Ver­mö­gens­scha­den des Ge­schä­dig­ten durch ih­re un­er­laub­te Hand­lung nichts – mehr – zu. Bei ei­nem Ge­braucht­wa­gen­ver­kauf, der – wie hier – zwi­schen dem kla­gen­den Ge­schä­dig­ten und ei­nem Drit­ten ab­ge­schlos­sen wird, par­ti­zi­piert die Her­stel­le­rin we­der un­mit­tel­bar noch mit­tel­bar an ei­nem et­wai­gen Ver­käu­fer­ge­winn aus die­sem Kauf­ver­trag, sei es, dass der Ge­braucht­wa­gen von ei­ner Pri­vat­per­son oder von ei­nem Händ­ler an den Ge­schä­dig­ten ver­kauft wur­de. Des­halb schei­det in die­sen Fäl­len ein An­spruch aus § 852 Satz 1 BGB aus. Die­ses Er­geb­nis ent­spricht der herr­schen­den Auf­fas­sung in der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung (vgl. OLG Schles­wig, Urt. v. 10.12.2021 – 1 U 34/21, ju­ris Rn. 76; Urt. v. 22.10.2021 – 17 U 40/21, ju­ris Rn. 36; OLG Dres­den, Urt. v. 21.10.2021 – 11a U 986/21, ju­ris Rn. 37; OLG Bran­den­burg, Beschl. v. 11.10.2021 – 12 U 53/21, ju­ris Rn. 2; OLG Bam­berg, Urt. v. 04.08.2021 – 3 U 110/21, MDR 2022, 30, ju­ris Rn. 20; OLG Mün­chen, Urt. v. 26.07.2021 – 3 U 1705/21, ju­ris Rn. 37; OLG Karls­ru­he, Urt. v. 09.07.2021 – 13 U 123/21, ju­ris Rn. 80; Urt. v. 09.07.2021 – 13 U 168/21, ju­ris Rn. 75; Urt. v. 31.03.2021 – 13 U 678/20, NJW-RR 2021, 687 = ju­ris Rn. 25; Urt. v. 31.03.2021 – 13 U 693/20, ju­ris Rn. 38; OLG Stutt­gart, Urt. v. 09.03.2021 – 10 U 339/20, NJW-RR 2021, 681 Rn. 44; Urt. v. 02.02.2021 – 10 U 229/20, VRS 140, 79 = ju­ris Rn. 63; eben­so Mar­ti­nek, jM 2021, 9, 14 f.; Riehm, NJW 2021, 1625 Rn. 29 f.; a. A. OLG Köln, Urt. v. 15.12.2021 – 16 U 63/21, ju­ris Rn. 62 ff.; LG Hil­des­heim, Urt. v. 05.03.2021 – 5 O 183/20, BeckRS 2021, 4473 Rn. 66; Bruns, NJW 2021, 1121 Rn. 17; Fo­ers­ter, VuR 2021, 180, 181; van de Loo/​Walt­her, BB 2021, 1227, 1230).

[31]   Die Auf­fas­sung der Re­vi­si­on, die ei­ne Ver­knüp­fung zwi­schen dem Ver­mö­gens­scha­den des Klä­gers und dem Ver­mö­gens­zu­fluss der Be­klag­ten da­durch her­stel­len will, dass der Scha­den des Erst­erwer­bers in der Ket­te der wei­te­ren Er­wer­ber wei­ter­ge­reicht wer­de, ver­mag da­her ei­nen An­spruch aus § 852 Satz 1 BGB nicht zu be­grün­den.

[32]   IV. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 I ZPO.

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