1. Ein recht­lich vom Volks­wa­gen-Kon­zern un­ab­hän­gi­ger Kfz-Händ­ler, der gut­gläu­big ei­nen vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen Ge­braucht­wa­gen ver­kauft, muss sich ei­ne mög­li­che arg­lis­ti­ge Täu­schung des Käu­fers durch den Fahr­zeug­her­stel­ler nicht zu­rech­nen las­sen. Der Her­stel­ler ist im Ver­hält­nis zum Händ­ler viel­mehr Drit­ter i. S. des § 123 II 1 BGB.
  2. Ein vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­ner Ge­braucht­wa­gen, der ent­ge­gen ei­ner kauf­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung die Eu­ro-5-Emis­si­ons­grenz­wer­te nicht ein­hält, ist zwar im recht­li­chen Sin­ne man­gel­haft. Grund­sätz­lich muss der Käu­fer dem Ver­käu­fer je­doch er­folg­los ei­ne an­ge­mes­se­ne Frist zur Nach­bes­se­rung set­zen, be­vor er we­gen die­ses Man­gels vom Kauf­ver­trag zu­rück­tre­ten darf. Die pau­scha­le Be­haup­tung des Käu­fers, ei­ne Nach­bes­se­rung durch die In­stal­la­ti­on ei­nes Soft­ware­up­dates ha­be ei­nen An­stieg des Kraft­stoff­ver­brauchs und ei­ne Ver­rin­ge­rung der Mo­tor­leis­tung zur Fol­ge, recht­fer­tigt es nicht, et­wa mit Blick auf § 440 Satz 1 Fall 3 BGB ei­ne Aus­nah­me von die­sem Grund­satz zu­zu­las­sen.
  3. Die Pflicht­ver­let­zung des Ver­käu­fers, die in der Lie­fe­rung ei­nes vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen – man­gel­haf­ten – Ge­braucht­wa­gens liegt, ist i. S. des § 323 V 2 BGB un­er­heb­lich, wenn der Man­gel durch die In­stal­la­ti­on ei­nes Soft­ware­up­dates voll­stän­dig be­sei­tigt wer­den kann und die Man­gel­be­sei­ti­gung mit rund 100 € ei­nen Kos­ten­auf­wand von we­ni­ger als ei­nem Pro­zent des Kauf­prei­ses er­for­dert.

OLG Mün­chen, Ur­teil vom 03.07.2017 – 21 U 4818/16

Sach­ver­halt: Der Klä­ger be­gehrt im Zu­sam­men­hang mit dem VW-Ab­gas­skan­dal die Rück­ab­wick­lung ei­nes Kfz-Kauf­ver­tra­ges.

Er er­warb von der Be­klag­ten mit Kauf­ver­trag vom 25.08.2014 ei­nen ge­brauch­ten Au­di A3 Sport­back zum Preis von 18.550 €. Nach­dem die AU­DI AG den Klä­ger dar­über in­for­miert hat­te, dass die­ses Fahr­zeug vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fen sei, er­klär­te der Klä­ger mit Schrei­ben vom 08.01.2016 ge­gen­über der Be­klag­ten die An­fech­tung we­gen arg­lis­ti­ger Täu­schung und ver­lang­te die Rück­ab­wick­lung des Kauf­ver­tra­ges. Dies lehn­te die Be­klag­te mit Schrei­ben vom 03.02.2016 ab und er­hob vor­sorg­lich die Ein­re­de der Ver­jäh­rung.

Erst­in­stanz­lich hat der Klä­ger den gel­tend ge­mach­ten An­spruch auf Rück­zah­lung des Kauf­prei­ses mit dem Vor­wurf be­grün­det, die AU­DI AG ha­be ihn arg­lis­tig ge­täuscht, in­dem sie fal­sche An­ga­ben zu den Schad­stoff­emis­sio­nen des streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeugs ge­macht ha­be. Die­se arg­lis­ti­ge Täu­schung müs­se sich die Be­klag­te als hun­dert­pro­zen­ti­ge Toch­ter­ge­sell­schaft der AU­DI AG bzw. des VW-Kon­zerns zu­min­dest un­ter Rechts­scheins­ge­sichts­punk­ten zu­rech­nen las­sen. Die Be­klag­te hat dem­ge­gen­über gel­tend ge­macht, dass sie ei­ne un­ab­hän­gi­ge Kfz-Händ­le­rin sei. Au­ßer­dem sei­en Rech­te des Klä­gers we­gen ei­nes mög­li­chen Man­gels sei­nes Fahr­zeugs ver­jährt, da kauf­ver­trag­lich die ge­setz­li­che Ver­jäh­rungs­frist für die An­sprü­che des Klä­gers we­gen ei­nes Man­gels auf ein Jahr ab­ge­kürzt wor­den sei.

Das Land­ge­richt (LG In­gol­stadt, Urt. v. 15.11.2016 – 21 O 970/16) hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Zur Be­grün­dung hat es aus­ge­führt, ei­ne arg­lis­ti­ge Täu­schung durch die Be­klag­te sei nicht an­nä­hernd sub­stan­zi­iert dar­ge­legt. Die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Zu­rech­nung fal­scher An­ga­ben der Fahr­zeug­her­stel­le­rin lä­gen nicht vor. Dem Klä­ger ste­he auch kein An­spruch aus kauf­ver­trag­li­chem Ge­währ­leis­tungs­recht zu. Ein er­heb­li­cher Man­gel des streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeugs sei nicht sub­stan­zi­iert vor­ge­tra­gen. Zu­dem müs­se der Klä­ger grund­sätz­lich Nach­er­fül­lung ver­lan­gen und hier­für ei­ne Frist set­zen. Da­zu ha­be der Klä­ger nichts vor­ge­tra­gen. An­ge­sichts der ein­deu­ti­gen, be­wuss­ten Ent­schei­dung des an­walt­lich be­ra­te­nen Klä­gers, die An­fech­tung zu er­klä­ren, schei­de ei­ne Um­deu­tung aus. Ein Hin­weis des Ge­richts zu den Vor­aus­set­zun­gen theo­re­tisch denk­ba­rer Ge­währ­leis­tungs­an­sprü­che sei nicht ver­an­lasst ge­we­sen.

Die Be­ru­fung des Klä­gers, mit der er erst­mals gel­tend mach­te, sein Fahr­zeug sei i. S. des § 434 I 2 Nr. 2 BGB man­gel­haft, hat­te kei­nen Er­folg.

Aus den Grün­den: II. … Der Klä­ger kann we­der aus Be­rei­che­rungs­recht nach An­fech­tung des Kauf­ver­trags (1) noch aus Ge­währ­leis­tungs­recht nach Rück­tritt we­gen ei­nes Sach­man­gels (2) die Rück­zah­lung des Kauf­prei­ses – Zug um Zug ge­gen Rück­über­eig­nung des Fahr­zeugs – ver­lan­gen.

1. Das Land­ge­richt hat zu Recht ei­ne er­folg­rei­che An­fech­tung des Kauf­ver­trags ver­neint. Auf die zu­tref­fen­den Aus­füh­run­gen des Land­ge­richts nimmt der Se­nat Be­zug. Die Be­klag­te hat we­der selbst arg­lis­tig ge­täuscht, noch muss sie sich Wis­sen des Her­stel­ler­kon­zerns in Be­zug auf Ma­ni­pu­la­tio­nen an der Ab­gas­soft­ware des ver­kauf­ten Fahr­zeugs zu­rech­nen las­sen.

An­halts­punk­te da­für, dass die Be­klag­te ent­ge­gen ih­rem Vor­trag zum Zeit­punkt des Kauf­ver­trags­ab­schlus­ses Kennt­nis (oder auch nur den Ver­dacht) von Ma­ni­pu­la­ti­ons­maß­nah­men sei­tens des Her­stel­lers hat­te, lie­gen nicht vor. Dem Vor­brin­gen der Be­klag­ten, sie sei … ei­ne ei­gen­stän­di­ge, un­ab­hän­gi­ge Kfz-Händ­le­rin, ver­moch­te der Klä­ger eben­falls nichts Sub­stan­zi­el­les ent­ge­gen­zu­hal­ten. Hier­von ist mit­hin aus­zu­ge­hen.

Eben­so we­nig ist er­sicht­lich, dass die Be­klag­te vor­werf­bar ei­nen Rechts­schein ge­setzt hat, der es recht­fer­ti­gen könn­te, den Fahr­zeug­her­stel­ler ih­rem Ver­ant­wor­tungs­kreis zu­zu­ord­nen. Die Be­klag­te und die Her­stel­ler­fir­ma sind selbst­stän­di­ge recht­li­che Per­so­nen mit je­weils ei­gen­stän­di­gen Pflich­ten­krei­sen. Auch die Tat­sa­che, dass es in den Räum­lich­kei­ten der Be­klag­ten Wer­be­pro­spek­te zu Fahr­zeu­gen der Mar­ke Au­di ge­ben mag, die von der AU­DI AG stam­men, recht­fer­tigt kei­ne an­de­re Be­ur­tei­lung, zu­mal nicht dar­ge­tan wur­de, dass der In­halt von Wer­be­pro­spek­ten beim streit­ge­gen­ständ­li­chen Kauf ei­ne Rol­le ge­spielt hät­te.

Ei­ne Zu­rech­nung ei­ner et­wai­gen arg­lis­ti­gen Täu­schung des Her­stel­lers im Ver­hält­nis zu der Be­klag­ten als un­ab­hän­gi­ge Händ­le­rin, die – wie vor­lie­gend – ei­nen von ihr er­wor­be­nen Ge­braucht­wa­gen an ei­nen Kun­den ver­kauft hat, kommt da­mit nicht in Be­tracht (so z. B. LG Bam­berg, Urt. v. 22.07.2016 – 11 O 62/16; LG Nürn­berg-Fürth, Urt. v. 21.06.2016 – 4 O 441/16; vgl. auch … OLG Hamm, Beschl. v. 18.05.2017 – 2 U 39/17; OLG Karls­ru­he, Beschl. v. 18.05.2017 – 19 U 5/17; OLG Bran­den­burg, Beschl. v. 31.01.2017 – 2 U 39/16; so­wie die Ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den des OLG Naum­burg vom 01.12.2016 – 5 U 129/16). Der Her­stel­ler ist viel­mehr als Drit­ter i. S. des § 123 II BGB zu qua­li­fi­zie­ren.

2. Auch ein An­spruch auf Rück­zah­lung des Kauf­prei­ses aus Ge­währ­leis­tung be­steht nicht. Auf Ge­währ­leis­tungs­an­sprü­che hat sich der Klä­ger erst­mals in der Be­ru­fung ge­stützt.

a) Der Klä­ger ist mit Schrei­ben vom 08.01.2016 vom Kauf­ver­trag zu­rück­ge­tre­ten. Zwar hat er aus­drück­lich nur ei­ne An­fech­tung we­gen arg­lis­ti­ger Täu­schung er­klärt, doch muss für den Fall der Un­wirk­sam­keit der An­fech­tung, an­ders als das Land­ge­richt meint, die Um­deu­tung in ei­ne Rück­tritts­er­klä­rung we­gen Män­geln in Be­tracht ge­zo­gen wer­den (vgl. BGH, Urt. v. 07.06.2006 – VI­II ZR 209/05 Rn. 16).

b) Der Se­nat geht zu­guns­ten des Klä­gers da­von aus, dass der er­wor­be­ne Wa­gen nicht die ver­trag­lich vor­aus­ge­setz­te Be­schaf­fen­heit hat­te, mit­hin ein Man­gel ge­ge­ben ist. Denn es ist un­strei­tig, dass der Wa­gen aus­weis­lich der in den Ver­trag ein­be­zo­ge­nen Fahr­zeug­da­ten (An­la­ge K 2) über das „Ab­gas­kon­zept EU5“ ver­fü­gen soll­te, das Fahr­zeug je­doch vom „Ab­gas­skan­dal“ be­trof­fen ist, die Ab­gas­norm „Eu­ro 5“ al­so nicht er­füllt. Dem­entspre­chend wur­de der Klä­ger dar­über in­for­miert, dass es „Be­an­stan­dun­gen am Emis­si­ons­ver­hal­ten“ ge­be. Die zen­tra­le Pro­ble­ma­tik des Fal­les liegt viel­mehr dar­in, ob vor­lie­gend ei­ne Frist­set­zung zur Nach­er­fül­lung nach §§ 437 Nr. 2 Fall 1, 440, 323 BGB ent­behr­lich war (hier­zu un­ten c) und ob der Man­gel er­heb­lich ist (hier­zu un­ten d).

c) Der Klä­ger hat kurz nach Er­halt der Kun­den­in­for­ma­ti­on den Rück­tritt vom Kauf­ver­trag er­klärt.

Un­strei­tig hat der Klä­ger we­der ei­ne Frist zur Nach­er­fül­lung ge­setzt, noch hat er sich mit der Be­klag­ten we­gen ei­ner Nach­rüs­tung des Wa­gens in Ver­bin­dung ge­setzt. So­weit der Klä­ger auf Fra­ge des Se­nats in der münd­li­chen Ver­hand­lung an­ge­ge­ben hat, er ha­be dar­auf ge­war­tet, dass man auf ihn zu­kom­me und ihm ei­nen Ter­min ge­be, ist fest­zu­stel­len, dass die Be­klag­te im Ver­fah­ren wie­der­holt auf die Not­wen­dig­keit und Mög­lich­keit der Nach­bes­se­rung hin­ge­wie­sen hat. Wes­we­gen der Klä­ger hier­auf nicht re­agiert hat, er­schließt sich nicht. Noch im Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung hat die Be­klag­te dem Klä­ger die um­ge­hen­de Nach­rüs­tung an­ge­bo­ten. Ab­ge­se­hen
da­von ist es Sa­che des Käu­fers, die Nach­bes­se­rung der Kauf­sa­che zu er­mög­li­chen, in­dem er die Sa­che zur Ver­fü­gung stellt, und ei­ne Frist zur Män­gel­be­sei­ti­gung zu set­zen.

Ei­ne Frist­set­zung war nach §§ 437 Nr. 2 Fall 1, 440, 323 BGB auch er­for­der­lich. An­ders als in an­de­ren Fäl­len er­gibt sich we­der aus dem Vor­trag der Par­tei­en noch aus den vor­ge­leg­ten An­la­gen, dass die Nach­rüs­tung nicht zeit­ge­recht vor­ge­nom­men wor­den wä­re oder un­zu­mut­bar lan­ge ge­dau­ert hät­te, wenn der Klä­ger den Wa­gen zur Ver­fü­gung ge­stellt hät­te. Dem Ar­gu­ment des Klä­gers, er sei arg­lis­tig ge­täuscht wor­den, des­we­gen müs­se er auch kei­ne Nach­bes­se­rung vor­neh­men las­sen, kann eben­falls nicht ge­folgt wer­den. Wie dar­ge­legt muss sich die Be­klag­te die Kennt­nis von Ver­ant­wort­li­chen des Her­stel­ler­kon­zerns zur Ma­ni­pu­la­ti­on der Ab­gas­wer­te nicht zu­rech­nen las­sen.

Auch aus an­de­ren Grün­den war es nicht ent­behr­lich, die Be­klag­te zur Nach­er­fül­lung auf­zu­for­dern und hier­zu ei­ne Frist zu set­zen. Nach § 440 BGB be­darf es kei­ner Frist­set­zung, wenn von vorn­her­ein fest­steht, dass die Nach­er­fül­lung fehl­schlägt, oder wenn sie dem Käu­fer un­zu­mut­bar ist. Die dies­be­züg­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hat der Klä­ger nicht hin­rei­chend sub­stan­zi­iert dar­ge­tan.

Der dar­le­gungs- und be­weis­be­las­te­te Klä­ger hat oh­ne­hin erst in der Be­ru­fung gel­tend ge­macht, dass „die Nach­rüs­tung als Nach­bes­se­rungs­ar­beit für den Klä­ger un­be­hel­flich“ sei. So­weit der Klä­ger in die­sem Zu­sam­men­hang in den Raum stellt, dass zu­ge­si­cher­te Ab­gas­wer­te nicht er­reicht wer­den wür­den, dass Ver­brauchs­wer­te stei­gen und Leis­tungs­wer­te sin­ken wür­den, kann der Se­nat we­der aus den ver­trag­li­chen Un­ter­la­gen noch aus dem Vor­trag des Klä­gers ei­ne ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung über be­stimm­te Ab­gas-, Ver­brauchs- und/oder Leis­tungs­wer­te ent­neh­men. Die ein­zi­ge ver­trag­li­che Re­ge­lung, die die Par­tei­en ge­trof­fen ha­ben, ist, dass der Wa­gen die Ab­gas­norm „Eu­ro 5“ ein­hält. Hier­zu hat die Be­klag­te vor­ge­tra­gen, dass sie über ein taug­li­ches Soft­ware­up­date ver­fügt, das den Man­gel be­sei­tigt, und dass dem Maß­nah­men­plan vom Kraft­fahrt-Bun­des­amt zu­ge­stimmt wor­den ist. Die­sem Vor­brin­gen ist der Klä­ger we­der schrift­sätz­lich noch in der münd­li­chen Ver­hand­lung ent­ge­gen­ge­tre­ten. Auch an­sons­ten ent­hält der Vor­trag des Klä­gers kei­ne kon­kre­ten Dar­le­gun­gen, aus de­nen der Schluss ei­ner Ent­behr­lich­keit der Frist­set­zung ge­zo­gen wer­den könn­te. Ins­be­son­de­re ge­nügt die pau­scha­le Be­haup­tung, dass Ver­brauchs­wer­te stei­gen und Leis­tungs­wer­te sin­ken, auch nicht für ei­ne Dar­le­gung der Un­zu­mut­bar­keit der Nach­bes­se­rung. We­der wird mit­ge­teilt, wel­che Ver­brauchs- bzw. Leis­tungs­wer­te aus Sicht des Klä­gers ein­ge­hal­ten wer­den müss­ten, noch wie sich die­se bei ei­ner Nach­rüs­tung nach­tei­lig ver­än­dern wür­den. Dass der Wa­gen nach ei­ner Nach­rüs­tung im­mer noch man­gel­haft wä­re oder ei­nen an­de­ren Man­gel hät­te, ist da­mit nicht hin­rei­chend dar­ge­tan (vgl. auch BGH, Beschl. v. 08.05.2007 – VI­II ZR 19/05 – zum un­we­sent­li­chen Ab­wei­chen des Kraft­stoff­ver­brauchs von den Her­stel­ler­an­ga­ben beim Kauf ei­nes Neu­wa­gens). Es fehlt an der Dar­le­gung kon­kre­ter An­knüp­fungs­tat­sa­chen sei­tens des Klä­gers.

Er­gän­zend ist fest­zu­stel­len, dass sich der Klä­ger zu­dem auf den schrift­li­chen Hin­weis des Se­nats zum Vor­rang der Nach­bes­se­rung nicht frist­ge­recht er­klärt hat. Wei­te­res Vor­brin­gen ist da­mit auch ver­spä­tet. Ab­ge­se­hen da­von kann der Se­nat nicht fest­stel­len, dass es „wohl“ zwi­schen­zeit­lich nach­ge­wie­sen – mit an­de­ren Wor­ten ge­richts­be­kannt – sei, dass die Nach­rüs­tung mit ei­nem – nicht nä­her kon­kre­ti­sier­ten – Mehr­ver­brauch so­wie ei­nem – eben­falls nicht nä­her dar­ge­leg­ten – Leis­tungs­ver­lust ver­bun­den sei, wie der Klä­ger meint. So­weit sich der Klä­ger auf den Aus­gang an­de­rer Ver­fah­ren stützt, er­setzt dies nicht den in ei­nem Zi­vil­pro­zess er­for­der­li­chen Sach­vor­trag so­wie Be­weis­an­ge­bo­te zu kon­kre­ten Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, wie in der münd­li­chen Ver­hand­lung ein­ge­hend er­ör­tert wur­de.

Ab­ge­se­hen da­von ist dem Se­nat kein Ur­teil ei­nes an­de­ren Se­nats des OLG Mün­chen be­kannt, das bei ei­ner ver­gleich­ba­ren Fall­kon­stel­la­ti­on ei­ner Kla­ge statt­ge­ge­ben hät­te. Auch ei­ner Kos­ten­ent­schei­dung des 3. Se­nats vom 23.03.2017 – 3 U 4316/16 –, auf die die Kla­ge­sei­te mut­maß­lich ab­stellt, liegt ei­ne an­de­re Fall­ge­stal­tung zu­grun­de. Dort ging es nicht um die Fra­ge der Ent­behr­lich­keit ei­ner Frist­set­zung, son­dern um die an­ge­mes­se­ne Dau­er der Frist zur Nach­er­fül­lung.

d) Dar­über hin­aus ist nach § 323 V 2 BGB der Rück­tritt aus­ge­schlos­sen, wenn die in der Man­gel­haf­tig­keit der Kauf­sa­che lie­gen­de Pflicht­ver­let­zung un­er­heb­lich ist, das heißt, wenn der Man­gel ge­ring­fü­gig ist. Das ist nach der Recht­spre­chung des BGH der Fall, wenn der Man­gel be­heb­bar und die Kos­ten der Man­gel­be­sei­ti­gung im Ver­hält­nis zum Kauf­preis ge­ring­fü­gig sind. Män­gel, de­ren Be­sei­ti­gung Auf­wen­dun­gen in Hö­he von nur knapp ei­nem Pro­zent des Kauf­prei­ses er­for­dern, sind un­zwei­fel­haft als un­er­heb­lich i. S. des § 323 V 2 BGB ein­zu­stu­fen, so­dass auf sie ein Rück­tritt nicht ge­stützt wer­den kann (vgl. BGH, Urt. v. 29.06.2011 – VI­II ZR 202/10 Rn. 19).

Wie dar­ge­legt ist der Klä­ger dem Vor­trag der Be­klag­ten zur Be­heb­bar­keit des Man­gels nicht sub­stan­zi­iert ent­ge­gen­ge­tre­ten (s. oben). Eben­so we­nig hat der Klä­ger den Vor­trag der Be­klag­ten, die Kos­ten für das Auf­spie­len der neu­en Soft­ware wür­den un­ter 100 € lie­gen, mit­hin nicht ein­mal ein Pro­zent des Kauf­prei­ses er­rei­chen, be­strit­ten. Auch aus die­sem Grund schei­det ein Rück­tritt vor­lie­gend aus.

Die Er­heb­lich­keit des Man­gels er­gibt sich auch nicht, wie der Klä­ger meint, aus der be­haup­te­ten arg­lis­ti­gen Täu­schung, weil die Be­klag­te we­der ge­täuscht hat noch sich Fehl­ver­hal­ten Drit­ter (Her­stel­ler) zu­rech­nen las­sen muss.

f) Es kann of­fen­blei­ben, ob sich die Be­klag­te auf die Ver­jäh­rung im Hin­blick auf die Ab­ga­be der Rück­tritts­er­klä­rung be­ru­fen kann: Die zwei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist ist, wenn man die An­fech­tungs­er­klä­rung als Rück­tritts­er­klä­rung aus­legt, je­den­falls ein­ge­hal­ten. Die Ein­re­de der Ver­jäh­rung greift da­mit nur, wenn die Ver­jäh­rungs­frist für Sach­män­gel durch Ab­schnitt VI Nr. 1 der All­ge­mei­nen Ge­schäfts­be­din­gun­gen der Be­klag­ten wirk­sam auf ein Jahr be­schränkt wur­de.

Zwar hat der BGH ei­ne wort­glei­che Ver­trags­klau­sel we­gen Ver­sto­ßes ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot für un­wirk­sam er­klärt (BGH, Urt. v. 29.04.2015 – VI­II ZR 104/14, NJW 2015, 2244), kon­kret hat der BGH die frag­li­che Klau­sel je­doch nur im Hin­blick auf Scha­dens­er­satz­an­sprü­che für un­wirk­sam er­ach­tet, weil ein Wi­der­spruch zwi­schen den Re­ge­lun­gen in Ab­schnitt VI Nr. 1 und VI Nr. 5 und Ab­schnitt VII der ver­wen­de­ten Ge­schäfts­be­din­gun­gen be­ste­he. Es stellt sich mit­hin die Fra­ge, ob we­gen des Ver­bots der gel­tungs­er­hal­ten­den Re­duk­ti­on im AGB-Recht die ge­sam­te Klau­sel als un­wirk­sam an­ge­se­hen wer­den muss oder ob die Klau­sel teil­bar ist, mit­hin die ein­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist für Sach­män­gel gilt, nicht je­doch für Scha­dens­er­satz­an­sprü­che (vgl. Pa­landt/Grü­ne­berg, BGB, 76. Aufl., § 306 Rn. 6 f.), wie der Be­klag­ten­ver­tre­ter ar­gu­men­tiert. Da die Be­ru­fung des Klä­gers aus an­de­ren Grün­den zu­rück­zu­wei­sen ist, lässt der Se­nat die Fra­ge der Ver­jäh­rung aus­drück­lich of­fen.

III. … Die Re­vi­si­on war nicht zu­zu­las­sen. Der Se­nat ver­kennt nicht, dass es zahl­rei­che Kla­gen von Kun­den we­gen des Er­werbs von Fahr­zeu­gen mit ma­ni­pu­lier­ter Ab­gas­soft­ware gibt. Maß­geb­lich für die Zu­rück­wei­sung der Be­ru­fung sind je­doch nicht Fra­gen von grund­sätz­li­cher Be­deu­tung, son­dern die im kon­kre­ten Fall auf­grund des in­di­vi­du­el­len Sach­vor­trags der Par­tei­en zu­grun­de zu le­gen­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen.

Hin­weis: Mit Ver­fü­gung vom 26.04.2017 hat­te das Ober­lan­des­ge­richt den Par­tei­en fol­gen­de Hin­wei­se er­teilt:

„1. Der Se­nat teilt nach der Vor­be­ra­tung die Be­ur­tei­lung des Land­ge­richts, wo­nach die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne An­fech­tung des Kauf­ver­tra­ges nicht ge­ge­ben sind. Stich­hal­ti­ge Grün­de, wes­we­gen sich die Be­klag­te als un­ab­hän­gi­ge Händ­le­rin et­wai­ge Täu­schungs­hand­lun­gen des Her­stel­lers zu­rech­nen las­sen müss­te, sind we­der gel­tend ge­macht noch er­sicht­lich. Al­lein die Tat­sa­che, dass die Be­klag­te Pro­duk­te der Fir­ma Au­di ver­treibt und sich ‚Au­di-Zen­trum‘ nennt, ge­nügt nicht für ei­ne Zu­rech­nung. Da­mit kann sich der Klä­ger auch an­sons­ten nicht auf ei­nen – nicht nach­weis­ba­ren – Arg­list­vor­wurf stüt­zen.

2. Erst­mals in zwei­ter In­stanz stützt sich der Klä­ger auf Ge­währ­leis­tungs­recht, wo­bei die Be­ru­fungs­be­grün­dung sehr ober­fläch­lich bleibt, ob­wohl sich di­ver­se Pro­ble­me ge­ra­de­zu auf­drän­gen müss­ten. Al­ler­dings wirft auch das Vor­brin­gen der Be­klag­ten ei­ne Rei­he von Fra­gen auf.

a) Zum Man­gel des Fahr­zeugs

Un­strei­tig war in ers­ter In­stanz, dass der vom Klä­ger ge­kauf­te Wa­gen ‚von der Rück­ruf­ak­ti­on Die­sel-Ab­gas‘ be­trof­fen war, strei­tig al­ler­dings, ob die Be­klag­te für ‚et­wai­ge Män­gel‘ ein­ste­hen muss. In zwei­ter In­stanz er­klärt die Be­klag­te nun zum An­spruch aus Ge­währ­leis­tung, ‚es feh­le klä­ger­seits an ei­nem ent­spre­chen­den sub­stan­zi­ier­ten Vor­tag be­züg­lich ei­nes er­heb­li­chen Man­gels‘. Es bleibt et­was un­klar, was kon­kret die Be­klag­te da­mit in Ab­re­de stellt bzw. als un­zu­rei­chen­den Vor­trag an­sieht, mut­maß­lich be­zwei­felt die Be­klag­te die ‚Er­heb­lich­keit‘ des Man­gels, oh­ne dies je­doch nä­her zu be­grün­den.

So­weit der Klä­ger in der Be­ru­fung gel­tend macht, ihm sei­en ‚ein ge­rin­ger Ver­brauch und ge­rin­ge Ab­gas­wer­te zu­ge­si­chert‘ wor­den, er­schließt sich nicht, wann und wo ei­ne sol­che ‚Zu­sa­ge‘ im Sin­ne des ak­tu­ell gel­ten­den Ge­währ­leis­tungs­rechts ge­ge­ben wor­den sein soll.

b) Vor­rang der Nach­bes­se­rung

Im Kauf­recht gilt nun­mehr eben­so wie im Werk­ver­trags­recht der Vor­rang der Nach­bes­se­rung ge­gen­über an­de­ren Ge­währ­leis­tungs­an­sprü­chen. Dass ei­ne Nach­bes­se­rung nicht in Be­tracht kommt, lässt sich we­der mit dem Vor­wurf der Arg­list (die auf­sei­ten der Be­klag­ten ge­ra­de nicht nach­weis­bar ist) noch mit dem zeit­li­chen Ab­lauf be­grün­den. Un­strei­tig hat der Klä­ger Nach­bes­se­rung we­der ver­langt noch er­mög­licht. …

Es stellt sich da­mit die Fra­ge, ob ei­ne Nach­bes­se­rung aus an­de­ren Grün­den nicht mög­lich/zu­mut­bar ist und ob der dies­be­züg­li­che – ge­ge­be­nen­falls strei­ti­ge – neue Vor­trag in zwei­ter In­stanz aus­rei­chend und/oder noch zu­zu­las­sen oder als ver­spä­tet zu qua­li­fi­zie­ren ist.

c) Ge­währ­leis­tu­na­s­aus­schluss

Der Se­nat hat Be­den­ken, ob die in den All­ge­mei­nen Ge­schäfts­be­din­gun­gen der Be­klag­ten ent­hal­te­ne Be­schrän­kung der Ge­währ­leis­tung auf ein Jahr ei­ner ge­richt­li­chen Über­prü­fung stand­hält. Falls dies nicht der Fall ist, wür­de die zwei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist des § 438 I Nr. 3 BGB (ab Ab­lie­fe­rung der Sa­che) ein­grei­fen. Dann stellt sich die Fra­ge, ob die vom Klä­ger­ver­tre­ter er­klär­te An­fech­tung (Schrei­ben vom 08.01.2016) zu­gleich als Rück­tritt ver­stan­den wer­den kann bzw. ob die Kla­ge­er­he­bung die Ver­jäh­rung ge­hemmt hat, ob­wohl sich der Klä­ger aus­schließ­lich auf ei­ne nicht trag­fä­hi­ge An­fech­tung we­gen arg­lis­ti­ger Täu­schung ge­stützt hat.

d) Der Klä­ger hat bis­lang nichts zu den ge­zo­ge­nen Nut­zun­gen vor­ge­tra­gen, ob­wohl er sich die­se so­wohl bei ei­ner An­fech­tung als auch bei ei­nem Rück­tritt an­rech­nen las­sen müss­te.

Zu­sam­men­fas­send meint der Se­nat, dass bei­de Sei­ten ei­ne güt­li­che Ei­ni­gung an­stre­ben soll­ten. Vor­stell­bar wä­re zum Bei­spiel, dass der Klä­ger das Fahr­zeug bei der Be­klag­ten nach­rüs­ten lässt und die Be­klag­te noch ei­nen Ku­lanz­be­trag auf den ur­sprüng­li­chen Kauf­preis nach­lässt. In Be­tracht kommt auch, dass die Be­klag­te den Wa­gen zu­rück­nimmt und der Klä­ger statt­des­sen ei­nen an­de­ren Wa­gen von der Be­klag­ten über­nimmt, der in Grö­ße, Al­ter und Aus­stat­tung in et­wa dem ge­kauf­ten Fahr­zeug im ak­tu­el­lem Zu­stand (oh­ne ‚Ab­gas­pro­ble­ma­tik‘) ent­spricht.“

PDF er­stel­len