1. Dass die Soft­ware, die in ei­nem vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen Neu­wa­gen zum Ein­satz kommt, ei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 3 Nr. 10, 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 ist, steht auf­grund ei­nes an­de­re Be­hör­den und Ge­rich­te bin­den­den be­stands­kräf­ti­gen Be­scheids des Kraft­fahrt-Bun­des­am­tes vom 15.10.2015 fest. Das Vor­han­den­sein ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung stellt ei­nen Sach­man­gel i. S. des § 434 I 2 Nr. 2 BGB dar.
  2. Der Käu­fer ei­nes vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen VW Ti­gu­an 2.0 TDI BMT Sport & Style der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on hat schon des­halb kei­nen An­spruch auf Er­satz­lie­fe­rung (§§ 437 Nr. 1, 439 I Fall 2 BGB), weil Fahr­zeu­ge der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on nicht mehr her­ge­stellt wer­den und des­halb ei­ne Er­satz­lie­fe­rung i. S. des § 275 I BGB un­mög­lich ist.
  3. Die Er­satz­lie­fe­rung (§ 439 I Fall 2 BGB) ei­nes VW Ti­gu­an II kann der Käu­fer ei­nes vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen VW Ti­gu­an I auch dann nicht ver­lan­gen, wenn Be­stand­teil des Kauf­ver­tra­ges ein Än­de­rungs­vor­be­halt i. S. des § 308 Nr. 4 BGB ist. Ein sol­cher Vor­be­halt er­wei­tert näm­lich ein­sei­tig die Rech­te des Ver­käu­fers, wäh­rend er gleich­zei­tig die Rech­te des Käu­fers auf ei­ne Bil­lig­keits­kon­trol­le be­schränkt. Er kann des­halb bei ei­ner Aus­le­gung des Kauf­ver­tra­ges nicht zur Be­grün­dung ei­ner Be­nach­tei­li­gung des Ver­käu­fers bei gleich­zei­ti­ger Er­wei­te­rung der Rech­te des Käu­fers her­an­ge­zo­gen wer­den.
  4. Bei der ge­mäß § 439 III 3 BGB er­for­der­li­chen Prü­fung, ob auf ei­ne Nach­bes­se­rung (§ 439 I Fall 1 BGB) oh­ne er­heb­li­che Nach­tei­le für den Käu­fer ei­nes vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen Neu­wa­gens zu­rück­ge­grif­fen wer­den kann, ist zu be­rück­sich­ti­gen, dass der Käu­fer das Fahr­zeug oh­ne je­de Ein­schrän­kung nut­zen kann, mit­hin der dem Fahr­zeug an­haf­ten­de Man­gel nur ei­ne ge­rin­ge Be­deu­tung hat. Fer­ner steht auf­grund ei­nes ent­spre­chen­den Frei­ga­be­be­scheids des Kraft­fahrt-Bun­des­am­tes fest, dass ei­ne Nach­bes­se­rung durch In­stal­la­ti­on ei­nes Soft­ware­up­dates kei­ne tech­ni­schen Nach­tei­le (z. B. Er­hö­hung des Kraft­stoff­ver­brauchs, Er­hö­hung des CO2-Aus­sto­ßes, Ver­rin­ge­rung der Mo­tor­leis­tung) zur Fol­ge hat.
  5. Bei der Prü­fung, ob ei­ne Er­satz­lie­fe­rung (§ 439 I Fall 2 BGB) im Ver­gleich zu ei­ner Nach­bes­se­rung (§ 439 I Fall 1 BGB) ei­nes vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen Neu­wa­gens mit un­ver­hält­nis­mä­ßi­gen Kos­ten ver­bun­den ist, sind die Kos­ten für die Ent­wick­lung des zur Nach­bes­se­rung er­for­der­li­chen Soft­ware­up­dates nur an­tei­lig für das ein­zel­ne Fahr­zeug zu be­rück­sich­ti­gen.

LG Braun­schweig, Ur­teil vom 01.06.2017 – 3 O 1276/16

Sach­ver­halt: Die Klä­ge­rin be­gehrt von der Be­klag­ten im Zu­sam­men­hang mit dem so­ge­nann­ten VW-Ab­gas­skan­dal die Er­satz­lie­fe­rung (§ 439 I Fall 2 BGB) ei­nes Neu­fahr­zeugs.

Sie er­warb am 18.08.2014 von der für die Be­klag­ten ei­nen neu­en VW Ti­gu­an 2.0 TDI BMT Sport & Style (103 kW/140 PS) der ers­ten Mo­dell­ge­ne­ra­ti­on zu ei­nem ra­bat­tier­ten Kauf­preis von 31.879 €. Das Fahr­zeug wur­de am 01.09.2014 auf die Klä­ge­rin erst­zu­ge­las­sen und ihr an­schlie­ßend über­ge­ben.

In den Kauf­ver­trag wur­den die All­ge­mei­nen Ge­schäfts­be­din­gun­gen der Be­klag­ten ein­be­zo­gen. Sie ent­hal­ten im Ab­schnitt IV fol­gen­de Klau­sel:

„6. Kon­struk­ti­ons- oder Form­än­de­run­gen, Ab­wei­chun­gen im Farb­ton so­wie Än­de­run­gen des Lie­fer­um­fangs sei­tens des Her­stel­lers blei­ben wäh­rend der Lie­fer­zeit vor­be­hal­ten, so­fern die Än­de­run­gen oder Ab­wei­chun­gen un­ter Be­rück­sich­ti­gung der In­ter­es­sen des Ver­käu­fers für den Käu­fer zu­mut­bar sind. So­fern der Ver­käu­fer oder der Her­stel­ler zur Be­zeich­nung der Be­stel­lung oder des be­stell­ten Kauf­ge­gen­stan­des Zei­chen oder Num­mern ge­braucht, kön­nen al­lein dar­aus kei­ne Rech­te her­ge­lei­tet wer­den.“

Der streit­ge­gen­ständ­li­che Pkw ist mit ei­nem Die­sel­mo­tor der Bau­rei­he EA189 (Eu­ro 5) aus­ge­stat­tet. Mit – nicht an­ge­foch­te­nem – Be­scheid vom 15.10.2015 stell­te das Kraft­fahrt-Bun­des­amt fest, dass die Mo­to­ren die­ser Bau­rei­he mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 3 Nr. 10, 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 aus­ge­rüs­tet sind, und ord­ne­te als nach­träg­li­che Ne­ben­be­stim­mun­gen für die je­weils er­teil­ten Typ­ge­neh­mi­gun­gen ge­mäß § 25 II EG-FGV an, dass die Be­klag­te zur Ver­mei­dung des Wi­der­rufs oder der Rück­nah­me der Typ­ge­neh­mi­gun­gen ver­pflich­tet ist, die un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tun­gen zu ent­fer­nen so­wie ge­eig­ne­te Maß­nah­men zur Wie­der­her­stel­lung der Vor­schrifts­mä­ßig­keit der be­trof­fe­nen Fahr­zeu­ge zu er­grei­fen und dies durch ge­eig­ne­te Nach­wei­se zu be­le­gen.

Die Klä­ge­rin for­der­te die Be­klag­te mit An­walts­schrei­ben vom 26.01.2016 ge­stützt auf §§ 437 Nr. 1, 439 I Fall 2 BGB auf, ihr bis zum 08.03.2016 ei­nen nach den ak­tu­el­len Vor­schrif­ten zu­las­sungs­fä­hi­gen, man­gel­frei­en und ver­trags­ge­mä­ßen Neu­wa­gen zu lie­fern.

Mit Be­scheid vom 01.06.2016 be­stä­tig­te das Kraft­fahrt-Bun­des­amt un­ter Be­zug­nah­me auf sei­nen Be­scheid vom 15.10.2015, dass für die be­trof­fe­nen Fahr­zeug­ty­pen aus Clus­ter 6 (da­zu ge­hört u. a. der VW Ti­gu­an) der von der Be­klag­ten ver­lang­te Nach­weis ge­führt wur­de und die von der Be­klag­ten vor­ge­stell­te Än­de­rung der Ap­pli­ka­ti­ons­da­ten ge­eig­net ist, die Vor­schrifts­mä­ßig­keit der ge­nann­ten Fahr­zeu­ge her­zu­stel­len. Die Be­klag­te in­for­mier­te die Klä­ge­rin da­von mit Kla­ge­er­wi­de­rung vom 26.10.2016 und teil­te des Wei­te­ren mit, dass die tech­ni­sche Über­ar­bei­tung ih­res Fahr­zeugs be­reits mög­lich sei. Mit Schrift­satz vom 13.01.2017 wies die Be­klag­te noch­mals aus­drück­lich dar­auf hin, dass ei­ne Soft­ware­lö­sung für das Fahr­zeug der Klä­ge­rin zur Ver­fü­gung ste­he, und for­der­te die Klä­ge­rin auf, sich zur Ver­ein­ba­rung ei­nes In­stal­la­ti­ons­ter­mins mit ihr in Ver­bin­dung zu set­zen. Dem ist die Klä­ge­rin, die das Fahr­zeug wei­ter­hin oh­ne Ge­brauch­s­ein­schrän­kun­gen nutzt, nicht nach­ge­kom­men.

Die Klä­ge­rin ist der An­sicht, sie ha­be ge­gen die Be­klag­te man­gel­be­dingt ei­nen An­spruch auf Lie­fe­rung ei­nes Neu­fahr­zeugs aus der ak­tu­el­len Se­ri­en­pro­duk­ti­on. Die­sen An­spruch stützt die Klä­ge­rin in ers­ter Li­nie auf kauf­recht­li­che Ge­währ­leis­tung, in zwei­ter Li­nie auf die Grund­sät­ze der Pro­spekt­haf­tung und schließ­lich auf un­er­laub­te Hand­lung. Sie be­haup­tet, dass das ihr von der Be­klag­ten an­ge­bo­te­ne Soft­ware­up­date nicht zu ei­ner Män­gel­be­sei­ti­gung füh­re, weil sich durch die In­stal­la­ti­on die­ses Up­dates der Kraft­stoff­ver­brauch und der CO2-Aus­stoß ih­res Fahr­zeugs er­höh­ten und sich die Mo­tor­leis­tung ver­rin­ge­re. Au­ßer­dem ver­blei­be auch nach der In­stal­la­ti­on des Up­dates ein mer­kan­ti­ler Min­der­wert.

Die Be­klag­te meint, es lie­ge schon kein Sach­man­gel vor. Selbst wenn ein sol­cher ge­ge­ben wä­re, könn­te die Klä­ge­rin nicht die Er­satz­lie­fe­rung ei­nes Fahr­zeugs aus der ak­tu­el­len Se­ri­en­pro­duk­ti­on ver­lan­gen, son­dern nur die Er­satz­lie­fe­rung des­sel­ben Mo­dells. Die­se sei aber un­mög­lich, je­den­falls aber wä­re sie im Ver­gleich zu der von ihr – der Be­klag­ten – an­ge­bo­te­nen Nach­bes­se­rung mit un­ver­hält­nis­mä­ßig ho­hen Kos­ten ver­bun­den.

Die Kla­ge hat­te kei­nen Er­folg.

Aus den Grün­den: I. … Der Klä­ge­rin steht ge­gen die Be­klag­te kein An­spruch auf Lie­fe­rung ei­nes Neu­fahr­zeugs zu, und zwar we­der aus §§ 434 I, 437 Nr. 1, 439 I Fall 2 BGB (1) noch aus §§ 280 I, 241 II, 311 II BGB un­ter dem Ge­sichts­punkt der Pro­spekt­haf­tung (2) oder aus § 823 II BGB bzw. § 826 BGB (3). Man­gels Be­grün­det­heit der Haupt­for­de­rung sind auch die Kla­ge­an­trä­ge zu 2 und zu 3 un­be­grün­det.

1. Das streit­ge­gen­ständ­li­che Fahr­zeug war zwar bei Ge­fahr­über­gang mit ei­nem Sach­man­gel be­haf­tet, weil es mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 aus­ge­rüs­tet war, die auf­grund des Be­schei­des des Kraft­fahrt-Bun­des­am­tes vom 15.10.2015 zu be­sei­ti­gen ist, wo­mit der Klä­ge­rin die Ge­währ­leis­tungs­rech­te aus § 437 BGB grund­sätz­lich er­öff­net sind (a). Doch kann sie von der Be­klag­ten kei­ne Nach­lie­fe­rung aus der ak­tu­el­len Se­ri­en­pro­duk­ti­on ver­lan­gen, son­dern al­len­falls die Lie­fe­rung des­sel­ben Mo­dells (b). Ei­ne sol­che wä­re in­des – wie von der Be­klag­ten wei­ter ein­ge­wandt – un­mög­lich (c), je­den­falls aber be­schränkt sich der An­spruch der Klä­ge­rin ge­mäß § 439 III BGB auf die von der Be­klag­ten an­ge­bo­te­ne Nach­bes­se­rung (d).

a) Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BGH, der die Kam­mer folgt, sind Ver­wal­tungs­ak­te in den Gren­zen ih­rer Be­stands­kraft für an­de­re Ge­rich­te und Be­hör­den bin­dend (vgl. hier­zu und zum Fol­gen­den: BGH, Urt. v. 21.09.2006 – IX ZR 89/05, NJW-RR 2007, 398 Rn. 14 m. w. Nachw.). Ge­rich­te ha­ben Ver­wal­tungs­ak­te des­halb, auch wenn sie feh­ler­haft sein soll­ten, grund­sätz­lich zu be­ach­ten, so­lan­ge sie nicht durch die zu­stän­di­ge Be­hör­de oder durch ein zu­stän­di­ges Ge­richt auf­ge­ho­ben wor­den sind. Sie ha­ben die durch den Ver­wal­tungs­akt ge­trof­fe­ne Re­ge­lung oder Fest­stel­lung un­be­se­hen, das heißt oh­ne ei­ge­ne Nach­prü­fung der Recht­mä­ßig­keit des Ver­wal­tungs­ak­tes, zu­grun­de zu le­gen.

Durch die be­stands­kräf­ti­gen Be­schei­de des Kraft­fahrt-Bun­des­am­tes vom 15.10.2015 und vom 01.06.2016 ist in die­sem Sin­ne bin­dend fest­ge­stellt bzw. ge­re­gelt,

  • dass es sich bei der in den be­tref­fen­den Fahr­zeu­gen ver­wen­de­ten Soft­ware um ei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 han­delt;
  • dass die Be­klag­te zur Ver­mei­dung des Wi­der­rufs oder der Rück­nah­me der Typ­ge­neh­mi­gun­gen ver­pflich­tet ist, die­se un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tun­gen zu ent­fer­nen und ge­eig­ne­te Maß­nah­men zur Wie­der­her­stel­lung der Vor­schrifts­mä­ßig­keit zu er­grei­fen, was durch Bei­brin­gen ge­eig­ne­ter Nach­wei­se zu be­le­gen ist;
  • dass für die be­trof­fe­nen Fahr­zeu­ge die­ser Nach­weis in­zwi­schen ge­führt wur­de und dass die von der Be­klag­ten vor­ge­stell­te Än­de­rung der Ap­pli­ka­ti­ons­da­ten ge­eig­net ist, die Vor­schrifts­mä­ßig­keit der ge­nann­ten Fahr­zeu­ge her­zu­stel­len;
  • dass das Kraft­fahrt-Bun­des­amt da­bei fol­gen­de Sach­ver­hal­te mit fol­gen­den Er­geb­nis­sen über­prüft hat: kei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tun­gen mehr, vor­han­de­ne Ab­schalt­ein­rich­tun­gen zu­läs­sig, Grenz­wer­te und an­de­re An­for­de­run­gen an emis­si­ons­min­dern­de Ein­rich­tun­gen ein­ge­hal­ten, ur­sprüng­lich vom Her­stel­ler an­ge­ge­be­nen Kraft­stoff­ver­brauch­wer­te und CO2-Emis­sio­nen in Prü­fun­gen durch ei­nen tech­ni­schen Dienst be­stä­tigt, bis­he­ri­ge Mo­tor­leis­tung und ma­xi­ma­les Dreh­mo­ment un­ver­än­dert so­wie bis­he­ri­ge Ge­räu­sche­mis­si­ons­wer­te un­ver­än­dert.

Aus die­sen Fest­stel­lun­gen und Re­ge­lun­gen er­gibt sich für die zi­vil­recht­li­che Wür­di­gung, dass

  • es sich bei der un­zu­läs­si­gen, zu be­sei­ti­gen­den Ab­schalt­ein­rich­tung um ei­nen Sach­man­gel i. S. von § 434 I 2 Nr. 2 BGB han­delt und dass
  • die vom Kraft­fahrt-Bun­des­amt frei­ge­ge­be­ne tech­ni­sche Über­ar­bei­tung durch ein rei­nes Soft­ware­up­date ge­eig­net ist, die­sen Man­gel ge­mäß § 439 I Fall 1 BGB zu be­sei­ti­gen, die Nach­bes­se­rung mit­hin ent­ge­gen der An­sicht der Klä­ge­rin mög­lich ist (so i. E. auch OLG Hamm, Beschl. v. 21.06.2016 – 28 W 14/16, ju­ris Rn. 37).

b) Ei­ne Nach­lie­fe­rung aus der ak­tu­el­len Se­ri­en­pro­duk­ti­on kann die Klä­ge­rin von der Be­klag­ten schon des­halb nicht be­an­spru­chen, weil die Aus­le­gung des Kauf­ver­tra­ges nicht er­gibt, dass die Klä­ge­rin im Fal­le ei­nes Man­gels ei­nen An­spruch auf Lie­fe­rung des Nach­fol­ge­mo­dells der zwei­ten Mo­dell­ge­ne­ra­ti­on des VW Ti­gu­an hat. Der Nach­lie­fe­rungs­an­spruch aus §§ 437 Nr. 1, 439 I Fall 2 BGB be­schränkt sich viel­mehr auf die Lie­fe­rung ei­ner an­de­ren Sa­che, die der ver­kauf­ten Sa­che gleich, aber man­gel­frei ist (vgl. Pa­landt/Wei­den­kaff, BGB, 76. Aufl., § 437 Rn. 7), kann al­so nicht wei­ter rei­chen als der ur­sprüng­li­che Er­fül­lungs­an­spruch.

Die Klä­ge­rin hat das sub­stan­zi­ier­te Vor­brin­gen der Be­klag­ten, dass die ers­te, auf der PQ35/A5-Platt­form ge­bau­te Mo­dell­ge­ne­ra­ti­on des VW Ti­gu­an nicht mehr her­ge­stellt wer­de und das auf dem Markt be­find­li­che Nach­fol­ge­mo­dell der zwei­ten Mo­dell­ge­ne­ra­ti­on auf dem neu­en mo­du­la­ren Quer­bau­kas­ten … ba­sie­re so­wie sich von der Vor­gän­ger­ge­ne­ra­ti­on hin­sicht­lich Bau­rei­he, Typ, Ka­ros­se­rie und Mo­tor fun­da­men­tal un­ter­schei­de, nur mit Nicht­wis­sen, das heißt un­ter Au­ßer­acht­las­sung der da­zu öf­fent­lich zu­gäng­li­chen In­for­ma­ti­ons­quel­len, mit­hin nicht hin­rei­chend be­strit­ten.

Dass die Klä­ge­rin ei­nen An­spruch auf die Lie­fe­rung ei­nes VW Ti­gu­an aus der ak­tu­el­len Se­ri­en­pro­duk­ti­on hat, lässt sich auch nicht aus der von ihr zi­tier­ten Klau­sel IV 6 der All­ge­mei­nen Ge­schäfts­be­din­gun­gen her­lei­ten. Die­se Klau­sel stellt näm­lich recht­lich ein ein­sei­ti­ges Leis­tungs­be­stim­mungs­recht des Ver­käu­fers ge­mäß § 315 I BGB, das heißt ei­ne ein­sei­ti­ge Er­wei­te­rung der Rech­te des Ver­käu­fers bei gleich­zei­ti­ger Be­schrän­kung des Rech­tes des Käu­fers auf ei­ne Bil­lig­keits­kon­trol­le dar. Das ver­bie­tet es, sie im We­ge der Ver­trags­aus­le­gung zur Be­grün­dung ei­ner Be­nach­tei­li­gung des Ver­käu­fers bei gleich­zei­ti­ger Er­wei­te­rung der Rech­te des Käu­fers her­an­zu­zie­hen (vgl. LG Braun­schweig, Urt. v. 19.05.2017 – 11 O 3605/16, ju­ris Rn. 23).

c) Da die ers­te Mo­dell­ge­ne­ra­ti­on des VW Ti­gu­an als Neu­fahr­zeug nicht mehr be­stell­bar ist, ist die Nach­lie­fe­rung ei­ner man­gel­frei­en Sa­che un­mög­lich ge­wor­den. Ein An­spruch der Klä­ge­rin auf die­se Leis­tung be­steht mit­hin schon ge­mäß § 275 I BGB nicht.

d) Doch selbst wenn sie noch mög­lich wä­re, wä­re sie nur mit un­ver­hält­nis­mä­ßi­gen Kos­ten mög­lich. § 439 III BGB ist richt­li­ni­en­kon­form ein­schrän­kend da­hin aus­zu­le­gen, dass nur die Be­ru­fung auf die re­la­ti­ve Un­ver­hält­nis­mä­ßig­keit der vom Käu­fer ge­wähl­ten Art der Nach­lie­fe­rung statt­haft ist (vgl. OLG Hamm, Beschl. v. 21.06.2016 – 28 W 14/16, ju­ris Rn. 34 m. w. Nachw.). Zu ver­glei­chen sind da­her die vor­aus­sicht­li­chen Kos­ten der von der Be­klag­ten an­ge­bo­te­nen Nach­bes­se­rung auf der ei­nen Sei­te mit de­nen der von der Klä­ge­rin ge­for­der­ten Nach­lie­fe­rung auf der an­de­ren Sei­te. Bei der da­für vor­zu­neh­men­den Ge­samt­ab­wä­gung sind ge­mäß § 439 III 2 BGB der Wert des Fahr­zeugs in man­gel­frei­em Zu­stand, die Be­deu­tung des Man­gels und die Fra­ge zu be­rück­sich­ti­gen, ob auf die von der Be­klag­ten an­ge­bo­te­ne Nach­bes­se­rung oh­ne er­heb­li­che Nach­tei­le für die Klä­ge­rin zu­rück­ge­grif­fen wer­den kann.

Die Be­deu­tung des Man­gels ist für die Klä­ge­rin selbst ge­ring, weil sie das Fahr­zeug un­strei­tig wei­ter­hin oh­ne jeg­li­che Ge­brauch­s­ein­schrän­kun­gen nutzt. Die von der Klä­ge­rin gel­tend ge­mach­ten un­mit­tel­ba­ren Nach­tei­le der vom Be­klag­ten an­ge­bo­te­nen Män­gel­be­sei­ti­gung (Er­hö­hung von Kraft­stoff­ver­brauch und CO2-Aus­stoß, Ver­rin­ge­rung der Leis­tung) sind durch die Fest­stel­lun­gen des Kraft­fahrt-Bun­des­amt im Frei­ga­be­be­scheid vom 01.06.2016 wi­der­legt. So­weit die Klä­ge­rin dar­über hin­aus die Dau­er­halt­bar­keit be­zwei­felt und ei­nen ver­blei­ben­den mer­kan­ti­len Min­der­wert be­fürch­tet, ist ihr Vor­brin­gen ge­gen­über dem qua­li­fi­zier­ten Be­strei­ten sei­tens der Be­klag­ten nicht hin­rei­chend sub­stan­zi­iert. Die Be­haup­tung der „bis heu­te nicht ge­klär­ten“ Dau­er­halt­bar­keit er­folgt ins Blaue hin­ein und bie­tet des­halb kei­ne kon­kre­ten An­knüp­fungs­tat­sa­chen für die an­ge­bo­te­ne Ein­ho­lung ei­nes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens. Auch zum be­haup­te­ten mer­kan­ti­len Min­der­wert wür­de die Ein­ho­lung ei­nes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens auf ei­nen un­zu­läs­si­gen Aus­for­schungs­be­weis hin­aus­lau­fen. Dies des­halb, weil der Kraft­fahr­zeug­markt schon grund­sätz­lich sehr trans­pa­rent ist (vgl. die mo­nat­li­chen sog. Schwa­cke-Lis­ten) und zu­dem ge­ra­de die Aus­wir­kun­gen des streit­ge­gen­ständ­li­chen „Ab­gas­skan­dals“ auf das Markt­ge­sche­hen Ge­gen­stand re­gel­mä­ßi­ger Markt­be­ob­ach­tun­gen und Pres­se­ver­öf­fent­li­chun­gen sind, so­dass es der Klä­ge­rin oh­ne Wei­te­res mög­lich wä­re, et­wai­ge Wert­ver­schie­bun­gen, die ge­ra­de auf die un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung und nicht et­wa dar­auf zu­rück­zu­füh­ren sind, dass Die­sel­fahr­zeu­ge aus an­de­ren Grün­den in der Gunst des Mark­tes nach­ge­las­sen ha­ben, be­zo­gen auf ihr kon­kre­tes Au­to dar­zu­le­gen (vgl. LG Braun­schweig, Urt. v. 25.04.2017 – 11 O 4/17, ju­ris Rn. 19). Dar­an fehlt es hier.

Die Be­klag­te hat die Kos­ten der von ihr an­ge­bo­te­nen Män­gel­be­sei­ti­gung mit cir­ca 35 € (40 Zeit­ein­hei­ten, d. h. 24 Mi­nu­ten Ar­beits­zeit für Soft­ware­instal­la­ti­on × durch­schnitt­li­cher Lohn­stun­den­satz … von 87 € net­to = 34,80 €) be­zif­fert so­wie die Kos­ten ei­ner Nach­lie­fe­rung mit min­des­tens 6.254,24 € (31.879,24&€ Kauf­preis − 25.625 € von der Klä­ge­rin be­zif­fer­ter Wert des zu­rück­ge­ge­be­nen Fahr­zeugs). Da­nach wür­den die Nach­lie­fe­rungs- die Nach­bes­se­rungs­kos­ten um das 177-fa­che (!) über­stei­gen. Auch wenn die Klä­ge­rin die an­ge­setz­ten Kos­ten im Ein­zel­nen be­strit­ten hat, be­darf es auch in­so­weit kei­ner Ein­ho­lung ei­nes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens, weil die vor­aus­sicht­li­chen Kos­ten oh­ne­hin zu schät­zen (vgl. Pa­landt/Wei­den­kaff, a. a. O., § 439 Rn. 16a), mit­hin auch ei­ner rich­ter­li­chen Schät­zung ge­mäß § 287 II ZPO zu­gäng­lich sind und es auf der Hand liegt, dass sich die Lie­fe­rung ei­nes Neu­fahr­zeugs ge­gen Rück­nah­me ei­nes in­zwi­schen zwei Jah­re und neun Mo­na­te lang ge­fah­re­nen Ge­braucht­wa­gens ge­gen­über dem ge­rin­gen Auf­wand für die tech­ni­sche Über­ar­bei­tung mit­tels rei­nen Soft­ware­up­dates als evi­dent un­ver­hält­nis­mä­ßig dar­stellt. An­ders als die Klä­ge­rin meint, wür­de auch die Ein­be­zie­hung der Soft­ware-Ent­wick­lungs­kos­ten nicht zu ei­nem an­de­ren Er­geb­nis füh­ren, weil die­se auf die Ge­samt­zahl der be­trof­fe­nen Fahr­zeu­ge „um­ge­legt“ wer­den müss­ten. So hat die Be­klag­te die­se Ent­wick­lungs­kos­ten mit ins­ge­samt 52,5 Mio. € für 10 Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge ver­an­schlagt, so­dass pro Fahr­zeug le­dig­lich wei­te­re Kos­ten von 5,25 € zu be­rück­sich­ti­gen wä­ren.

Nach al­le­dem be­schränkt sich der An­spruch der Klä­ge­rin ge­mäß § 439 III BGB auf die von der Be­klag­ten an­ge­bo­te­ne Män­gel­be­sei­ti­gung. Das hat al­ler­dings auch zur Fol­ge, dass der Klä­ge­rin ge­gen die Be­klag­te im Fal­le des Fehl­schla­gens der Nach­bes­se­rung die Rech­te aus § 440 BGB zu­ste­hen.

2. Für ei­nen An­spruch der Klä­ge­rin un­ter dem Ge­sichts­punkt der – spe­zi­al­ge­setz­lich nicht ge­re­gel­ten – Pro­spekt­haf­tung ge­mäß §§ 280 I, 241 II, 311 II BGB ist da­ne­ben kein Raum. Ei­ne Haf­tung im vor­ge­nann­ten Sin­ne wur­de von der Recht­spre­chung für den so­ge­nann­ten Grau­en, das heißt nicht or­ga­ni­sier­ten Ka­pi­tal­markt vor dem Hin­ter­grund ent­wi­ckelt, dass in je­nem Markt der Emis­si­ons­pro­spekt die ein­zi­ge In­for­ma­ti­ons­quel­le für den in­ter­es­sier­ten Ka­pi­tal­an­le­ger dar­stellt. Nur wenn die dor­ti­gen An­ga­ben voll­stän­dig und rich­tig sind, kann der In­ter­es­sent die ihm an­ge­bo­te­ne Ka­pi­tal­an­la­ge ob­jek­tiv be­ur­teil­ten und vor al­lem sein An­la­ge­ri­si­ko rich­tig ein­schät­zen (vgl. BGH, Urt. v. 31.05.1990 – VII ZR 340/88, BGHZ 111, 314 ff.). Im vor­lie­gen­den Fall ei­nes Au­to­kaufs ist die Grund­si­tua­ti­on gänz­lich an­ders. Der Kun­de kann sich nicht nur aus Ver­kaufs­pro­spek­ten, son­dern auch aus Test­be­rich­ten ei­ner Viel­zahl ein­schlä­gi­ger Zeit­schrif­ten in­for­mie­ren. Fer­ner kann er sich ein ver­gleich­ba­res Fahr­zeug im Show­room an­schau­en und ge­ge­be­nen­falls so­gar Pro­be fah­ren (vgl. LG Braun­schweig, Urt. v. 19.05.2017 – 11 O 3605/16, ju­ris Rn. 25).

3. Scha­dens­er­satz­an­sprü­che we­gen un­er­laub­ter Hand­lung aus § 823 II BGB bzw. § 826 BGB schei­den un­ab­hän­gig von den da­zu vor­ge­brach­ten Schutz­ge­set­zen, ob § 263 StGB oder § 4 UWG bzw. § 16 UWG bis hin zum EG-Typ­ge­neh­mi­gungs­recht, hier schon des­halb aus, weil sol­che An­sprü­che ge­mäß § 249 BGB im­mer auf den Er­satz des ne­ga­ti­ven In­ter­es­ses ge­rich­tet sind. Mit der be­gehr­ten Lie­fe­rung des Neu­fahr­zeugs be­an­sprucht die Klä­ge­rin aber das po­si­ti­ve In­ter­es­se. …

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