1. Bei ei­nem Ver­brauchs­gü­ter­kauf (§ 474 I 1 BGB) muss der Käu­fer be­wei­sen, dass bin­nen sechs Mo­na­ten seit Ge­fahr­über­gang ein Sach­man­gel auf­ge­tre­ten ist. Ge­lingt ihm der Be­weis, greift die Ver­mu­tung des § 476 BGB ein, dass die­ser Man­gel im Zeit­punkt des Ge­fahr­über­gangs be­reits vor­lag. Die­se Ver­mu­tung kann der Ver­käu­fer grund­sätz­lich wi­der­le­gen.
  2. Be­ruft sich ein Käu­fer bei ei­nem Ver­brauchs­gü­ter­kauf dar­auf, dass ein nach Ge­fahr­über­gang sicht­bar ge­wor­de­ner (aku­ter) Man­gel auf ei­ner Ur­sa­che be­ru­he, die ih­rer­seits ei­nen (la­ten­ten) Man­gel dar­stel­le, so muss er dies be­wei­sen. Denn die in § 476 BGB vor­ge­se­he­ne Be­weis­last­um­kehr zu­guns­ten des Käu­fers gilt nicht da­für, dass der aku­te Sach­man­gel auf ei­ner Ur­sa­che be­ruht, die ih­rer­seits ei­ne ver­trags­wid­ri­ge Be­schaf­fen­heit dar­stellt. Ge­lingt dem Käu­fer der Be­weis, dass der aku­te Man­gel auf ei­nem la­ten­ten Man­gel be­ruht, so wird zu sei­nen Guns­ten nach § 476 BGB ver­mu­tet, dass die­ser la­ten­te Man­gel be­reits bei Ge­fahr­über­gang be­stand. Kom­men da­ge­gen meh­re­re Ur­sa­chen für den akut auf­ge­tre­te­nen Man­gel in Be­tracht, von de­nen die ei­ne ei­nen Man­gel dar­stellt, die an­de­re da­ge­gen nicht, und ist nicht auf­klär­bar, wor­auf der auf­ge­tre­te­ne Man­gel be­ruht, so geht dies zu­las­ten des Käu­fers.
  3. Auch bei ei­nem Ver­brauchs­gü­ter­kauf kann ver­ein­bart wer­den, dass die Ge­fahr des zu­fäl­li­gen Un­ter­gangs und der zu­fäl­li­gen Ver­schlech­te­rung der ver­kauf­ten Sa­che ent­ge­gen § 446 BGB nicht erst mit de­ren Über­ga­be, son­dern schon mit Ab­schluss des Kauf­ver­trags auf den Käu­fer über­geht.

BGH, Ur­teil vom 15.01.2014 – VI­II ZR 70/13

Sach­ver­halt: Der Be­klag­te kauf­te von der Klä­ge­rin mit Ver­trag vom 07.02.2007 das Dres­sur­pferd L zum Preis von 500.000 € un­ter Aus­schluss der Ge­währ­leis­tung. Im Kauf­ver­trag ist ver­merkt, dass die An­kaufs­un­ter­su­chung durch die Tier­ärz­te Dr. F und Dr. S zu­frie­den­stel­lend er­folgt sei. In § 6 des Kauf­ver­trags („Ge­fahr­über­gang“) ist ge­re­gelt:

„Kos­ten und Ge­fahr ge­hen auf den Käu­fer über, so­bald das Pferd dem Käu­fer oder des­sen Be­auf­trag­ten über­ge­ben (wird) … Der Ver­käu­fer über­gibt hier­mit das Pferd dem Käu­fer.“

Eben­falls am 07.02.2007 schloss der Be­klag­te mit B, die von der­sel­ben Per­son ver­tre­ten wur­de wie die Klä­ge­rin beim Ab­schluss des Kauf­ver­trags, ei­nen Aus­bil­dungs- und Ein­stell­ver­trag, auf­grund des­sen das Pferd wei­ter­hin im Reit­stall H in K. ver­blieb.

Im April 2007 lahm­te das Pferd. Der Tier­arzt Dr. F stell­te am 13.04.2007 mit­tels ei­ner Ul­tra­schall­un­ter­su­chung ei­nen „fri­schen iso­lier­ten Fa­ser­scha­den mit ei­ner aku­ten Ein­blu­tung“ im la­te­ra­len Fes­sel­trä­ge­rast hin­ten rechts fest. Am 17.04.2007 dia­gnos­ti­zier­te auch der Tier­arzt Dr. S ei­nen „Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­den hin­ten rechts la­te­ral“. Nach sei­nem At­test vom 22.12.2010 war das Pferd sei­ner­zeit „ge­ring-mit­tel­gra­dig lahm und zeig­te ei­ne über der be­trof­fe­nen Fes­sel­trä­ger­re­gi­on er­höh­te Wär­me, deut­li­che Um­fangs­ver­meh­rung des Seh­nen­schen­kels ver­bun­den mit hoch­gra­di­gem Druck­schmerz“. Der Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­den wur­de über meh­re­re Mo­na­te be­han­delt und war da­nach aus­ge­heilt. Seit 2008 wur­de das Pferd auf Tur­nie­ren ge­rit­ten; Kom­pli­ka­tio­nen in der be­tref­fen­den Re­gi­on tra­ten nicht wie­der auf.

Die Klä­ge­rin hat im Ur­kun­den­pro­zess ei­nen Rest­kauf­preis­an­spruch in Hö­he von 50.000 € nebst Zin­sen gel­tend ge­macht. Durch rechts­kräf­ti­ges Vor­be­halts­ur­teil des Land­ge­richts ist der Be­klag­te an­trags­ge­mäß ver­ur­teilt wor­den. Der Be­klag­te macht sei­ne Rech­te im Nach­ver­fah­ren gel­tend. Er be­an­sprucht, so­weit im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren noch von In­ter­es­se, Min­de­rung des Kauf­prei­ses in Hö­he ei­nes die Kla­ge­for­de­rung über­stei­gen­den Be­tra­ges we­gen des im April 2007 auf­ge­tre­te­nen Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­dens.

Das Land­ge­richt hat das Vor­be­halts­ur­teil – mit Aus­nah­me ei­nes Teils der Zin­sen – auf­recht­er­hal­ten. Das Ober­lan­des­ge­richt hat die Be­ru­fung des Be­klag­ten zu­rück­ge­wie­sen. Da­ge­gen wand­te sich der Be­klag­te mit sei­ner Re­vi­si­on, mit der er wei­ter­hin die Ab­wei­sung der Kla­ge be­gehr­te. Das Recht­mit­tel hat­te Er­folg.

Aus den Grün­den: [7]    I. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat zur Be­grün­dung sei­ner Ent­schei­dung, so­weit im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren von In­ter­es­se, im We­sent­li­chen aus­ge­führt:

[8]    Dem Be­klag­ten ste­he ge­gen­über dem Rest­kauf­an­spruch nicht die Ein­re­de der Min­de­rung des Kauf­prei­ses we­gen ei­nes Man­gels des Pfer­des zu. Ei­ner Min­de­rung ste­he al­ler­dings nicht der ver­ein­bar­te Ge­währ­leis­tungs­aus­schluss ent­ge­gen, denn die­ser sei in Be­zug auf die Rech­te auf Rück­tritt und Min­de­rung nach § 475 I BGB un­wirk­sam, weil es sich bei dem zwi­schen den Par­tei­en ge­schlos­se­nen Kauf­ver­trag um ei­nen Ver­brauchs­gü­ter­kauf i. S. von § 474 BGB ge­han­delt ha­be. Ein Min­de­rungs­an­spruch des Be­klag­ten be­ste­he je­doch des­halb nicht, weil das ver­kauf­te Pferd bei Ge­fahr­über­gang nicht man­gel­be­haf­tet i. S. des § 434 I BGB ge­we­sen sei.

[9]    Maß­ge­bend für die Be­ur­tei­lung der Man­gel­haf­tig­keit des Pfer­des sei der Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses (07.02.2007) und nicht erst der Zeit­punkt der Ver­brin­gung des Pfer­des zum Be­klag­ten und in die Ob­hut des von ihm be­auf­trag­ten Tier­arz­tes Dr. S An­fang Mai 2007. Der Ge­fahr­über­gang tre­te nach § 446 BGB zwar grund­sätz­lich mit der Über­ga­be der Kauf­sa­che an den Käu­fer ein. Dies er­for­de­re aber nicht not­wen­dig die Ein­räu­mung des un­mit­tel­ba­ren Be­sit­zes. Ei­ne Über­ga­be kön­ne auch da­durch er­fol­gen, dass dem Käu­fer auf Ver­an­las­sung des Ver­käu­fers der mit­tel­ba­re Be­sitz an dem Kauf­ge­gen­stand ver­schafft wer­de, so­fern dies beim Kauf oder spä­ter ver­ein­bart wer­de. Die Par­tei­en hät­ten hier durch die in § 6 des Ver­tra­ges ab­ge­ge­be­ne Er­klä­rung, der Ver­käu­fer über­ge­be hier­mit das Pferd dem Käu­fer, in Ver­bin­dung mit dem am glei­chen Tag vom Be­klag­ten ge­schlos­se­nen Aus­bil­dungs- und Ein­stell­ver­trag, der in der Fol­ge­zeit auch durch­ge­führt wor­den sei, dem Be­klag­ten zu­min­dest kon­klu­dent mit­tel­ba­ren Be­sitz an dem Pferd ein­ge­räumt.

[10]   Die Klä­ge­rin tref­fe nach § 476 BGB die Be­weis­last da­für, dass der bei den tier­ärzt­li­chen Un­ter­su­chun­gen am 13.04. und 17.04.2007 of­fen­bar ge­wor­de­ne Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­den am 07.02.2007 noch nicht vor­ge­le­gen ha­be. Sie ha­be die­sen Be­weis ge­führt. Nach den über­zeu­gen­den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen ha­be die­ser Be­fund mit an Si­cher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit am 07.02.2007 noch nicht vor­ge­le­gen, weil die da­mit ver­bun­de­ne Lahm­heit des Pfer­des auch für Lai­en er­kenn­bar ge­we­sen wä­re.

[11]   Al­ler­dings ha­be der Sach­ver­stän­di­ge aus­ge­führt, dass der Fes­sel­trä­ger wie auch die Fes­sel­trä­ger­schen­kel so­wohl durch ein aku­tes Trau­ma bei ei­nem Un­fall oder ei­ner Über­deh­nung ge­schä­digt wer­den könn­ten als auch – be­son­ders bei Sport­pfer­den – durch ei­ne chro­ni­sche Über­be­an­spru­chung und all­mäh­li­che Schä­di­gung der dor­ti­gen Seh­nen­fa­sern. Es sei nach den Be­fun­den durch­aus mög­lich, so­gar wahr­schein­lich, dass der äu­ße­re Fes­sel­trä­ger­schen­kel des Pfer­des be­reits län­ger, zu­min­dest sub­kli­nisch oder in­ap­pa­rent, ge­schä­digt ge­we­sen sei, ehe es zu der aku­ten Sym­pto­ma­tik ge­kom­men sei. Der Sach­ver­stän­di­ge ha­be je­doch kei­ne Fest­stel­lung da­zu tref­fen kön­nen, dass die­ser Zu­stand be­reits bei Über­ga­be am 07.02.2007 vor­han­den ge­we­sen sei. Er ha­be aus­ge­führt, dass ei­ne si­che­re Rück­da­tie­rung der even­tu­el­len chro­ni­schen Ver­än­de­rung des Fes­sel­trä­ger­schen­kels nicht mög­lich sei.

[12]   In die­ser Si­tua­ti­on, dass ei­ne chro­ni­sche Vor­schä­di­gung zum Über­ga­be-zeit­punkt zwar mög­lich oder so­gar wahr­schein­lich, aber nicht si­cher fest­stell­bar sei, grei­fe zu­guns­ten des Be­klag­ten nicht die Ver­mu­tung des § 476 BGB ein. Die Ver­mu­tung be­zie­he sich aus­schließ­lich auf den kon­kre­ten Man­gel, der sich in­ner­halb der Sechs­mo­nats­frist ge­zeigt ha­be. Das sei hier die im April 2007 auf­ge­tre­te­ne Lahm­heit durch Lä­si­on am Fes­sel­trä­ger. Die Ver­mu­tung be­zie­he sich nach der Recht­spre­chung des BGH nicht auch dar­auf, dass die Man­gel­ur­sa­che, auf der der auf­ge­tre­te­ne Man­gel be­ru­he, schon bei Ge­fahr­über­gang vor­han­den ge­we­sen sei. Wenn die Ur­sa­che des Man­gels ih­rer­seits ei­ne ver­trags­wid­ri­ge Be­schaf­fen­heit dar­stel­le, müs­se des­halb fest­ge­stellt wer­den kön­nen, dass die­se bei Ge­fahr­über­gang schon vor­ge­le­gen ha­be.

[13]   Der Be­klag­te ha­be nicht be­wei­sen kön­nen, dass die Ver­let­zung des Pfer­des auf ei­ner schon bei Ge­fahr­über­gang vor­han­de­nen Vor­schä­di­gung be­ruht ha­be. Über die Be­haup­tung, der Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­den sei im Fe­bru­ar 2007 „im Sin­ne ei­ner mor­pho­lo­gisch ir­re­ver­si­blen Ver­än­de­rung“ schon la­tent vor­han­den ge­we­sen, sei kein wei­te­rer Be­weis zu er­he­ben. Dies gel­te zu­nächst für die vom Be­klag­ten an­ge­bo­te­ne Ver­neh­mung des Zeu­gen Dr. S für die Be­haup­tung, dass es sich bei dem Fes­sel­trä­ger­scha­den um ein al­tes Ge­scheh­nis han­de­le. Der Zeu­ge ha­be sol­che Tat­sa­chen in sei­nem At­test vom 22.12.2010 nicht be­kun­det. Kon­kre­te über die­ses At­test hin­aus­ge­hen­de Kennt­nis­se und Fest­stel­lun­gen des Zeu­gen ha­be der Be­klag­te nicht be­haup­tet. Eben­so we­nig sei über die – nach wech­seln­dem Vor­trag – zu­letzt auf­ge­stell­te Be­haup­tung Be­weis zu er­he­ben, die Be­treue­rin H ha­be das Trai­ning mit der Toch­ter des Be­klag­ten nach dem 07.02.2007 drei- bis vier­mal ab­ge­sagt, weil das Pferd „et­was am Huf ha­be“.

[14]   II. Die­se Be­ur­tei­lung hält recht­li­cher Nach­prü­fung nicht in je­der Hin­sicht stand. Mit der vom Be­ru­fungs­ge­richt ge­ge­be­nen Be­grün­dung kann ein Min­de­rungs­recht des Be­klag­ten nach dem re­vi­si­ons­recht­lich zu­grun­de zu le­gen­den Sach­vor­trag des Be­klag­ten nicht ver­neint wer­den.

[15]   1. Oh­ne Er­folg be­an­stan­det die Re­vi­si­on al­ler­dings die Aus­füh­run­gen des Be­ru­fungs­ge­richts zum Zeit­punkt des Ge­fahr­über­gangs (§ 446 BGB). Rechts­feh­ler­frei hat das Be­ru­fungs­ge­richt aus der Be­stim­mung über den Ge­fahr­über­gang in § 6 des Kauf­ver­trags her­ge­lei­tet, dass die Ge­fahr mit Ab­schluss des Kauf­ver­trags am 07.02.2007 auf den Be­klag­ten über­ge­gan­gen ist und nicht erst, wie die Re­vi­si­on meint, En­de April/An­fang Mai 2007, als das Pferd in die Kli­nik des Tier­arz­tes Dr. S ge­bracht wur­de.

[16]   Aus der Ver­ein­ba­rung über den Ge­fahr­über­gang in § 6 des Ver­tra­ges er­gibt sich be­reits un­mit­tel­bar, dass die Über­ga­be ge­mäß § 6 II „hier­mit“ – das heißt mit Ab­schluss des Kauf­ver­tra­ges – er­folgt ist und da­mit nach § 6 I die Ge­fahr über­ge­gan­gen ist. Ge­gen ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung, die Ge­fahr mit Ver­trags­schluss über­ge­hen zu las­sen, be­ste­hen kei­ne Be­den­ken. Denn die Vor­schrift des § 446 BGB ist ab­ding­bar; dies gilt auch für den Ver­brauchs­gü­ter­kauf (§ 475 BGB; OLG Cel­le, NJW-RR 2011, 132 f.; Schmidt, in: Prüt­ting/ We­gen/Wein­rich, BGB, 8. Aufl., § 446 Rn. 5; MünchKomm-BGB/Wes­ter­mann, 6. Aufl., § 446 Rn. 14; Faust, in: Bam­ber­ger/Roth, BGB, 3. Aufl., § 446 Rn. 24).

[17]   2. Auch die Fest­stel­lung des Be­ru­fungs­ge­richts, dass der im April 2007 auf­ge­tre­te­ne Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­den bei Ge­fahr­über­gang am 07.02.2007 in sei­ner aku­ten Aus­prä­gung noch nicht vor­ge­le­gen hat­te, ist nicht zu be­an­stan­den. Zwar wird bei dem hier vor­lie­gen­den Ver­brauchs­gü­ter­kauf nach § 476 BGB ver­mu­tet, dass die­ser Man­gel, der sich in­ner­halb von sechs Mo­na­ten nach Ge­fahr­über­gang ge­zeigt hat, be­reits bei Ge­fahr­über­gang vor­han­den war. Der Klä­ge­rin ist es je­doch nach der rechts­feh­ler­frei­en Be­weis­wür­di­gung des Be­ru­fungs­ge­richts ge­lun­gen, die in­so­weit ge­gen sie spre­chen­de Ver­mu­tung zu wi­der­le­gen. Da­ge­gen bringt die Re­vi­si­on nichts vor.

[18]   3. Mit Recht be­an­stan­det die Re­vi­si­on je­doch die An­nah­me des Be­ru­fungs­ge­richts, dass die Ver­mu­tung des § 476 BGB nicht zum Zu­ge kom­me, wenn der im April 2007 fest­ge­stell­te aku­te Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­den auf ei­ner zu die­sem Zeit­punkt be­reits vor­han­de­nen Vor­schä­di­gung des Fes­sel­trä­ger­schen­kels be­ruh­te, die ih­rer­seits ei­ne ver­trags­wid­ri­ge Be­schaf­fen­heit des Pfer­des dar­stellt. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat ver­kannt, dass die Be­weis­last­um­kehr des § 476 BGB be­züg­lich des vom Sach­ver­stän­di­gen nä­her be­schrie­be­nen „Vor­schä­di­gungs­mus­ters“ zu­guns­ten des Be­klag­ten ein­greift, so­fern der Be­klag­te be­weist, dass ei­ne sol­che – ver­trags­wid­ri­ge – Vor­schä­di­gung im April 2007 vor­lag und für den Ein­tritt der aku­ten Ver­let­zung zu die­sem Zeit­punkt mit­ur­säch­lich war.

[19]   a) Das Be­ru­fungs­ge­richt meint un­ter Be­ru­fung auf das Se­nats­ur­teil vom 23.11.2005 (VI­II ZR 43/05, NJW 2006, 434 Rn. 19 ff.), dass die Ver­mu­tung des § 476 BGB nicht ein­grei­fe, wenn die Ur­sa­che ei­nes in­ner­halb von sechs Mo­na­ten nach Ge­fahr­über­gang auf­ge­tre­te­nen Man­gels ih­rer­seits ei­ne ver­trags­wid­ri­ge Be­schaf­fen­heit dar­stel­le; des­halb müs­se der Käu­fer be­wei­sen, dass die­se Ur­sa­che schon bei Ge­fahr­über­gang vor­ge­le­gen ha­be. Das trifft nicht zu und er­gibt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­ru­fungs­ge­richts auch nicht aus dem ge­nann­ten Se­nats­ur­teil.

[20]   Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Se­nats muss der Käu­fer beim Ver­brauchs­gü­ter­kauf be­wei­sen, dass bin­nen sechs Mo­na­ten seit Ge­fahr­über­gang ein Sach­man­gel auf­ge­tre­ten ist; ge­lingt ihm der Be­weis, greift die Ver­mu­tung des § 476 BGB ein, dass die­ser Man­gel im Zeit­punkt des Ge­fahr­über­gangs be­reits vor­lag (vgl. Se­nat, Urt. v. 02.06.2004 – VI­II ZR 329/03, BGHZ 159, 215 [217 f.]; Urt. v. 23.11.2005 – VI­II ZR 43/05, NJW 2006, 434 Rn. 21; Urt. v. 29.03.2006 – VI­II ZR 173/05, BGHZ 167, 40 Rn. 21). Die­se Ver­mu­tung kann der Ver­käu­fer wi­der­le­gen. Dies ist der Klä­ge­rin nach den rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts hin­sicht­lich des im April 2007 akut auf­ge­tre­te­nen Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­dens ge­lun­gen.

[21]   Be­ruft sich der Käu­fer – wie hier der Be­klag­te – in ei­nem sol­chen Fall dar­auf, dass der nach Ge­fahr­über­gang sicht­bar ge­wor­de­ne – aku­te – Man­gel auf ei­ner Ur­sa­che be­ru­he, die ih­rer­seits ei­nen ver­trags­wid­ri­gen Zu­stand dar­stel­le, so muss er dies be­wei­sen. Denn die in § 476 BGB vor­ge­se­he­ne Be­weis­last­um­kehr zu­guns­ten des Käu­fers gilt nicht da­für, dass der sicht­bar ge­wor­de­ne Sach­man­gel auf ei­ner Ur­sa­che be­ruht, die ih­rer­seits ei­ne ver­trags­wid­ri­ge Be­schaf­fen­heit dar­stellt; ob hin­sicht­lich ei­ner sol­chen Ur­sa­che ein Sach­man­gel vor­liegt, hat viel­mehr der Käu­fer dar­zu­le­gen und zu be­wei­sen (Se­nat, Urt. v. 29.03.2006 – VI­II ZR 173/05, BGHZ 167, 40 Rn. 35 m. w. Nachw.). Be­weist der Käu­fer, dass der sicht­bar ge­wor­de­ne Man­gel auf ei­nem – la­ten­ten – Man­gel be­ruht, so greift zu­guns­ten des Käu­fers auch in­so­weit die Ver­mu­tung des § 476 BGB ein, dass die­ser – la­ten­te – Man­gel be­reits bei Ge­fahr­über­gang be­stand (vgl. Se­nat, Urt. v. 23.11.2005 – VI­II ZR 43/05, NJW 2006, 434 Rn. 19).

[22]   Wenn da­ge­gen meh­re­re Ur­sa­chen für den akut auf­ge­tre­te­nen Man­gel in Be­tracht kom­men, von de­nen die ei­ne ei­ne ver­trags­wid­ri­ge Be­schaf­fen­heit be­grün­det, die an­de­re da­ge­gen nicht, und nicht auf­klär­bar ist, wor­auf der auf­ge­tre­te­ne Man­gel be­ruht, so geht dies zu­las­ten des Käu­fers (Se­nat, Urt. v. 23.11.2005 – VI­II ZR 43/05, NJW 2006, 434 Rn. 20). Nur wenn bei­de mög­li­chen Ur­sa­chen ei­ne ver­trags­wid­ri­ge Be­schaf­fen­heit dar­stel­len wür­den, wä­re je­weils da­von aus­zu­ge­hen, dass der be­tref­fen­de Man­gel be­reits bei Ge­fahr­über­gang be­stan­den hät­te, und kä­me es des­halb auf ei­ne Un­auf­klär­bar­keit, wor­auf der sicht­bar ge­wor­de­ne Man­gel be­ruh­te, nicht an (Se­nat, Urt. v. 23.11.2005 – VI­II ZR 43/05, NJW 2006, 434 Rn. 19).

[23]   b) Da­nach ob­liegt dem Be­klag­ten der Be­weis für sei­ne Be­haup­tung, dass für den im April 2007 auf­ge­tre­te­nen, aku­ten Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­den ei­ne zu die­sem Zeit­punkt be­reits vor­han­de­ne Vor­schä­di­gung des Fes­sel­trä­ger­schen­kels ur­säch­lich war, die ih­rer­seits ei­nen ver­trags­wid­ri­gen Zu­stand und da­mit ei­nen (la­ten­ten) Man­gel dar­stell­te. Kann der Be­klag­te die­sen Be­weis er­brin­gen, so ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­ru­fungs­ge­richts zu­guns­ten des Be­klag­ten ge­mäß § 476 BGB zu ver­mu­ten, dass der la­ten­te Man­gel – die ver­trags­wid­ri­ge Vor­schä­di­gung des Fes­sel­trä­ger­schen­kels – be­reits bei Ge­fahr­über­gang vor­han­den war (Se­nat, Beschl. v. 05.02.2008 – VI­II ZR 94/07, RdL 2009, 118 Rn. 3 f.).

[24]   aa) Nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen, die das Be­ru­fungs­ge­richt sei­ner Ent­schei­dung zu­grun­de ge­legt hat, kann ei­ne Fes­sel­trä­ger­ver­let­zung wie die vor­lie­gen­de durch ein aku­tes Un­fall­ge­sche­hen her­vor­ge­ru­fen wer­den, in­dem das Pferd et­wa in ein Loch im Bo­den tritt. Häu­fi­ger ist je­doch bei Sport­pfer­den ei­ne chro­ni­sche Über­be­an­spru­chung mit all­mäh­li­cher Schä­di­gung der Seh­nen­fa­sern mit der Fol­ge, dass das Seh­nen­ge­we­be ir­gend­wann so ge­schwächt ist, dass schon bei ver­hält­nis­mä­ßig nor­ma­ler Be­las­tung ei­ne Ver­let­zung ent­ste­hen kann, wie sie im April 2007 auf­ge­tre­ten ist.

[25]   bb) Ein sol­ches Vor­schä­di­gungs­mus­ter, wie es der Sach­ver­stän­di­ge be­schrie­ben hat, das schon bei ver­hält­nis­mä­ßig nor­ma­ler Be­las­tung mit stän­di­ger Ver­let­zungs­ge­fahr ein­her­geht, stellt, wie das Be­ru­fungs­ge­richt zu­tref­fend an­ge­nom­men hat, ei­nen Sach­man­gel dar. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat aber – von sei­nem Stand­punkt aus fol­ge­rich­tig – kei­ne Fest­stel­lung da­zu ge­trof­fen, ob der Fes­sel­trä­ger des Pfer­des im April 2007 tat­säch­lich be­reits in ei­ner sol­chen Wei­se vor­ge­schä­digt war, die ei­nen Man­gel be­grün­de­te. Es hat dies auf­grund der Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen zwar für mög­lich und auch wahr­schein­lich ge­hal­ten, je­doch nicht fest­ge­stellt, dass dies be­wie­sen wä­re.

[26]   Re­vi­si­ons­recht­lich ist des­halb zu­guns­ten des Be­klag­ten zu un­ter­stel­len, dass ei­ne ent­spre­chen­de Vor­schä­di­gung im April 2007 be­reits vor­lag und ur­säch­lich für den aku­ten Fes­sel­trä­ger­scha­den war, nicht da­ge­gen ein trau­ma­ti­sches Un­fall­ge­sche­hen, das eben­falls – auch oh­ne Vor­schä­di­gung des Fes­sel­trä­ger­schen­kels – zu ei­nem der­ar­ti­gen Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­den füh­ren kann. Auf die­ser Grund­la­ge greift die Ver­mu­tung des § 476 BGB ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­ru­fungs­ge­richts zu­guns­ten des Be­klag­ten ein.

[27]   III. Da die Re­vi­si­on be­grün­det ist, ist das Be­ru­fungs­ur­teil auf­zu­he­ben (§ 562 I ZPO). Die nicht ent­schei­dungs­rei­fe Sa­che ist an das Be­ru­fungs­ge­richt zu­rück­zu­ver­wei­sen (§ 563 I und III ZPO), da­mit das Be­ru­fungs­ge­richt die er­for­der­li­chen Fest­stel­lun­gen da­zu tref­fen kann, ob die re­vi­si­ons­recht­lich un­ter­stell­ten tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für das Ein­grei­fen der Ver­mu­tung des § 476 BGB be­wie­sen sind. Der Be­klag­te muss da­nach sei­ne Be­haup­tung be­wei­sen, dass ei­ne ver­trags­wid­ri­ge Vor­schä­di­gung im April 2007 be­reits vor­lag und ur­säch­lich für den aku­ten Fes­sel­trä­ger­scha­den war. Ei­ne sol­che Be­weis­füh­rung ist nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen zwar schwie­rig, weil ei­ne even­tu­el­le Vor­schä­di­gung durch die aku­te Ver­let­zung über­deckt wird, aber nicht aus­ge­schlos­sen. Der Sach­ver­stän­di­ge hat sich da­zu nicht ab­schlie­ßend ge­äu­ßert, weil ihm die im April 2007 an­ge­fer­tig­ten Ul­tra­schall­bil­der des Dr. F nicht vor­la­gen. Das Be­ru­fungs­ge­richt wird dem Vor­brin­gen in der Re­vi­si­ons­er­wi­de­rung nach­zu­ge­hen ha­ben, dem­zu­fol­ge die Ul­tra­schall­bil­der des Dr. F – ent­ge­gen der An­nah­me des Be­ru­fungs­ge­richts – bis zum Ver­hand­lungs­ter­min und da­mit in­ner­halb der vom Be­ru­fungs­ge­richt … ge­setz­ten Frist beim Sach­ver­stän­di­gen ein­ge­gan­gen sei­en, so­dass die vom Be­ru­fungs­ge­richt … an­ge­ord­ne­te er­gän­zen­de Stel­lung­nah­me des Sach­ver­stän­di­gen un­ter Be­rück­sich­ti­gung die­ser Bil­der durch­aus mög­lich sei und noch aus­ste­he.

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