1. Ein vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­ner Neu­wa­gen ist i. S. von § 434 I 2 Nr. 2 BGB man­gel­haft, oh­ne dass es dar­auf an­kommt, ob die in dem Fahr­zeug zum Ein­satz kom­men­de, sei­nen Schad­stoff­aus­stoß ma­ni­pu­lie­ren­de Soft­ware ei­ne (un­zu­läs­si­ge) Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II i. V. mit Art. 3 Nr. 10 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 ist oder ob es sich da­bei – poin­tiert be­trach­tet – um ei­ne „Zu­schalt­ein­rich­tung“ han­delt.
  2. Ei­ne an­ge­mes­se­ne Frist zur Nach­bes­se­rung ei­nes vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen – man­gel­haf­ten – Fahr­zeugs be­trägt zwei Wo­chen. Denn der Käu­fer ei­nes sol­chen Fahr­zeugs muss bei der Frist­set­zung nicht be­rück­sich­ti­gen, dass es au­ßer ihm noch zahl­rei­che an­de­re Käu­fer gibt, die eben­falls vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fen sind.
  3. Ei­ne Nach­bes­se­rung durch die In­stal­la­ti­on ei­nes von der Volks­wa­gen AG ent­wi­ckel­ten Soft­ware­up­dates ist dem Käu­fer ei­nes vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen Neu­wa­gens auch dann i. S. von § 440 Satz 1 Fall 3 BGB un­zu­mut­bar, wenn ihn zwar nicht der Ver­käu­fer, wohl aber die (am Kauf­ver­trag nicht be­tei­lig­te) Volks­wa­gen AG arg­lis­tig ge­täuscht hat. Für ei­ne Un­zu­mut­bar­keit ge­nügt es näm­lich, wenn der­je­ni­ge, der vor­sätz­lich ei­nen Man­gel ver­ur­sacht hat, auch maß­geb­lich den Ab­lauf und die Art der Nach­bes­se­rung be­stimmt. Denn auch in die­sem Fall kann der Käu­fer nicht mehr dar­auf ver­trau­en, dass die Nach­bes­se­rung ord­nungs­ge­mäß er­fol­gen wird.
  4. Der Man­gel, der ei­nem vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen Fahr­zeug an­haf­tet, ist schon des­halb nicht ge­ring­fü­gig i. S. von § 323 V 2 BGB, weil er al­len­falls im An­schluss an um­fang­rei­che und zu­dem mit dem Kraft­fahrt-Bun­des­amt ab­ge­stimm­te Vor­be­rei­tungs­maß­nah­men – ins­be­son­de­re die Ent­wick­lung ei­nes Soft­ware­up­dates – be­sei­tigt wer­den kann.

LG Wup­per­tal, Ur­teil vom 20.06.2017 – 6 O 50/16

Sach­ver­halt: Der Klä­ger macht ge­gen die Be­klag­ten An­sprü­che im Zu­sam­men­hang mit dem VW-Ab­gas­skan­dal gel­tend.

Er kauf­te bei der Be­klag­ten zu 1, die als Kfz-Händ­le­rin auch VW-, Se­at- und ŠKO­DA-Fahr­zeu­ge ver­treibt, im Jah­re 2013 ei­nen ŠKO­DA Su­perb zum Preis von 32.527,39 €. Die­ses Fahr­zeug ist mit ei­nem von der Be­klag­ten zu 2, der Volks­wa­gen AG, her­ge­stell­ten EA189-Die­sel­mo­tor aus­ge­stat­tet. Ge­baut hat den Pkw die ŠKO­DA AU­TO a.s., ei­ne Toch­ter­ge­sell­schaft der Be­klag­ten zu 2.

Den Kauf­ver­trag über den ŠKO­DA Su­perb hat die L-GmbH, die im In­ter­net ei­ne Fahr­zeug­ver­mitt­lungs­platt­form be­treibt, ver­mit­telt; ein per­sön­li­cher Kon­takt zwi­schen dem Klä­ger und der Be­klag­ten zu 1 ging dem Ab­schluss des Kauf­ver­trags nicht vor­aus.

Der streit­ge­gen­ständ­li­che Pkw wur­de dem Klä­ger am 23.09.2013 über­ge­ben.

Nach­dem be­kannt ge­wor­den war, dass der VW-Kon­zern Mes­sun­gen des Schad­stoff­aus­sto­ßes durch die Ver­wen­dung ei­ner spe­zi­el­len Soft­ware ma­ni­pu­liert hat­te, er­klär­te der Klä­ger mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 25.04.2016 ge­gen­über der Be­klag­ten zu 1 die An­fech­tung, hilfs­wei­se den Rück­tritt vom Kauf­ver­trag. Für des­sen Rück­ab­wick­lung setz­te der Klä­ger der Be­klag­ten zu 1 ei­ne Frist bis zum 06.05.2016, oh­ne die Be­klag­te zu 1 zu­vor zur Nach­bes­se­rung auf­ge­for­dert zu ha­ben.

Die Be­klag­ten zu 1 lehn­te ei­ne Rück­ab­wick­lung des Kauf­ver­trags mit Schrei­ben vom 09.05.2016 ab, stell­te dem Klä­ger – oh­ne die An­ga­be kon­kre­ter Da­ten – ei­ne zwi­schen der Be­klag­ten zu 2  und dem Kraft­fahrt-Bun­des­amt ab­zu­stim­men­de „Be­he­bung der Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten“ in Aus­sicht und bat mit dem Hin­weis um Ge­duld, dass die Be­klag­te zu 2 mit Hoch­druck an Lö­sun­gen für al­le be­trof­fe­nen Mo­tor­va­ri­an­ten ar­bei­te.

Mit der Um­schrei­bung „Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten“ nahm die Be­klag­te zu 1 in ih­rem Schrei­ben Be­zug auf fol­gen­den tech­ni­schen Sach­ver­halt: Das Fahr­zeug des Klä­gers ist mit ei­ner Soft­ware aus­ge­stat­tet, die die Ab­gas­rück­füh­rung steu­ert und zwi­schen zwei ver­schie­de­nen Be­triebs­mo­di wech­seln kann. Im nor­ma­len Stra­ßen­ver­kehr läuft das Fahr­zeug im „Mo­dus 0“, auf ei­nem Prüf­stand, der von der Soft­ware iden­ti­fi­ziert wer­den kann, da­ge­gen im „Mo­dus 1“. Der Stick­oxid­aus­stoß ist im Be­triebs­mo­dus 0 so hoch, dass der ein­schlä­gi­ge Eu­ro-5-Emis­si­ons­grenz­wert nicht ein­ge­hal­ten wird. Dies ge­lingt nur im „Mo­dus 1“ auf dem Prüf­stand.

Der Klä­ger sieht dar­in ei­nen Man­gel und be­haup­tet, die In­stal­la­ti­on ei­nes Soft­ware­up­dates sei kei­ne ad­äqua­te Nach­bes­se­rung, weil zu be­fürch­ten sei, dass mit dem Up­date zahl­rei­che tech­ni­sche Nach­tei­le (z. B. ein hö­he­rer Kraft­stoff­ver­brauch) ver­bun­den sei­en. Die Be­klag­te zu 2 – so meint der Klä­ger – ha­be ihn arg­lis­tig ge­täuscht, und die­se Täu­schung müs­se sich die Be­klag­te zu 1 zu­rech­nen las­sen.

Die Kla­ge hat­te (nur) über­wie­gend Er­folg, so­weit sie sich ge­gen die Be­klag­te zu 1 rich­te­te.

Aus den Grün­den: A. Be­züg­lich der Be­klag­ten zu 2 ist die Kla­ge … be­reits we­gen feh­len­der Zu­stän­dig­keit des LG Wup­per­tal un­zu­läs­sig. Das LG Wup­per­tal ist ört­lich für die ge­gen die Be­klag­te zu 2 ge­rich­te­te Kla­ge nicht zu­stän­dig, was die Be­klag­te zu 2 auch rügt.

Der all­ge­mei­ne Ge­richt­stand der Be­klag­ten zu 2 ge­mäß § 17 ZPO ist nicht Wup­per­tal, son­dern Wolfs­burg.

Auch liegt kein be­son­de­rer Ge­richt­stand Wup­per­tal vor, ins­be­son­de­re nicht der be­son­de­re Ge­richt­stand der un­er­laub­ten Hand­lung ge­mäß § 32 ZPO (vgl. zur Zu­stän­dig­keit bei sog. Dis­tanz­de­lik­ten Zöl­ler/Voll­kom­mer, ZPO, 31. Aufl., § 32 Rn. 17). We­der ist im Land­ge­richts­be­zirk Wup­per­tal ei­ne de­lik­ti­sche Hand­lung be­gan­gen wor­den, noch ist hier ein (Ver­mö­gens­scha­den-)Scha­den des Klä­gers ein­ge­tre­ten. Denn im Ge­richts­be­zirk Wup­per­tal ist kei­ne Täu­schung ver­übt wor­den. Ei­nen per­sön­li­chen Kon­takt in H., an­läss­lich des­sen der Klä­ger hät­te ge­täuscht wer­den kön­nen, hat es nicht ge­ge­ben. Das Fahr­zeug wur­de über Ver­mitt­lung  der L-GmbH, die im In­ter­net tä­tig ist, an den Klä­ger ver­kauft. Auch ist ein et­wai­ger (Ver­mö­gens-)Scha­den des Klä­gers nicht im Land­ge­richts­be­zirk Wup­per­tal, son­dern am Wohn­ort des Klä­gers in D. ein­ge­tre­ten.

Auf die ört­li­che Un­zu­stän­dig­keit wur­de mit Be­schluss vom 16.12.2016 hin­ge­wie­sen. Ei­ne Re­ak­ti­on des Klä­gers er­folg­te nicht.

B. Ge­gen­über der Be­klag­ten zu 1 ist die Kla­ge je­doch über­wie­gend be­grün­det.

I. Dem Klä­ger steht ein An­spruch auf Rück­zah­lung des Kauf­prei­ses ab­züg­lich der Nut­zungs­ent­schä­di­gung für die ge­fah­re­nen Ki­lo­me­ter zu.

1. Zwar konn­te der Klä­ger den Kauf­ver­trag mit der Be­klag­ten zu 1 man­gels ei­nes An­fech­tungs­grun­des nicht er­folg­reich an­fech­ten. Denn die Be­klag­te zu 1 hat den Klä­ger nicht im Hin­blick auf die ein­ge­bau­te Ma­ni­pu­la­ti­ons­soft­ware ge­täuscht. Die Be­klag­te zu 1 wuss­te beim Ab­schluss des Kauf­ver­trags nichts von die­ser Soft­ware. Ein Wis­sen der Be­klag­ten zu 2 oder de­ren et­wai­ge auf die Täu­schung von Ver­brau­chern aus­ge­rich­te­te Hand­lun­gen muss sich die Be­klag­te zu 1 nicht zu­rech­nen las­sen. Denn im Hin­blick auf § 123 BGB ist die Be­klag­te zu 2 „Drit­ter“. Die Be­klag­te zu 2 war näm­lich an den Ver­hand­lun­gen vor Ver­trags­schluss in kei­ner Wei­se be­tei­ligt, son­dern hat le­dig­lich den man­gel­haf­ten (da­zu un­ten) Mo­tor ge­baut.

2. Der Klä­ger ist aber wirk­sam vom Kauf­ver­trag zu­rück­ge­tre­ten, so­dass die emp­fan­ge­nen wech­sel­sei­ti­gen Leis­tun­gen zu­rück­zu­ge­wäh­ren sind, dem Klä­ger al­so der Kauf­preis ab­züg­lich der Nut­zungs­ent­schä­di­gung zu er­stat­ten ist (§§ 433, 434 I 2 Nr. 2, 437 Nr. 2 Fall 1, 440 Satz 1 Fall 3, 346 I und II, 348, 349 BGB).

a) Der Klä­ger hat den Rück­tritt mit an­walt­li­chem Schrei­ben er­klärt.

b) Dem Klä­ger steht auch ein Rück­tritts­grund zu.

aa) Denn das Au­to war bei der Über­ga­be man­gel­haft i. S. des § 434 I 2 Nr. 2 BGB, denn es hat­te nicht die Be­schaf­fen­heit, die bei glei­cher Art üb­lich ist und die der Käu­fer er­war­ten darf. Der Käu­fer ei­nes Neu­fahr­zeugs darf näm­lich da­von aus­ge­hen, dass die ge­setz­lich vor­ge­ge­be­nen und im tech­ni­schen Da­ten­blatt auf­ge­nom­me­nen Ab­gas­wer­te nicht al­lein des­halb ein­ge­hal­ten und be­schei­nigt wer­den, weil ei­ne Ma­ni­pu­la­ti­ons­soft­ware ein­ge­baut wur­de.

Die Man­gel­haf­tig­keit re­sul­tiert dar­aus, dass der Mo­tor die Vor­ga­ben im Prüf­stand­lauf nur auf­grund der ma­ni­pu­lie­ren­den Soft­ware ein­hält, und nicht et­wa dar­aus, dass die un­ter La­bor­be­din­gun­gen ge­mes­se­nen Wer­te im all­täg­li­chen Ge­brauch nicht ein­ge­hal­ten wer­den (vgl. LG Dort­mund, Urt. v. 29.09.2016 – 25 O 49/16).

Ob es sich bei der ma­ni­pu­lie­ren­den Soft­ware um ei­ne ge­setz­lich ver­bo­te­ne „Ab­schalt­au­to­ma­tik“ oder bei poin­tier­ter Be­wer­tung – wie hier – um ei­ne „Zu­schalt­au­to­ma­tik“ han­delt, ist im Hin­blick auf die Man­gel­haf­tig­keit des Fahr­zeugs nicht ent­schei­dend.

bb) Ei­ne Frist­set­zung zur Nach­er­fül­lung war vor­lie­gend aus zwei Grün­den ent­behr­lich (§ 440 Satz 1 Fall 3 BGB).

Zum ei­nen wä­re die­se ei­ne rei­ne För­me­lei ge­we­sen, denn im Früh­jahr 2014 war be­kannt, dass ei­ne Nach­bes­se­rung – un­ge­ach­tet der Be­mü­hun­gen der Be­klag­ten zu 2, für je­de Mo­tor­va­ri­an­te ei­ne ent­spre­chen­de Soft­ware zu ent­wi­ckeln – nicht in­ner­halb ei­ner an­ge­mes­se­nen Frist von zwei Wo­chen mög­lich ge­we­sen wä­re. Auch die Be­klag­te zu 1 konn­te dem Klä­ger kei­nen Zeit­punkt nen­nen, zu dem die neue Soft­ware hät­te auf­ge­spielt wer­den kön­nen, son­dern ver­trös­te­te den Klä­ger auf un­be­stimm­te Zeit. Die­se Ge­duld muss­te der Klä­ger nicht auf­brin­gen. Der ein­zel­ne Ge­schä­dig­te muss nicht des­halb län­ger auf die Durch­set­zung sei­ner Rech­te war­ten, weil es ne­ben ihm noch zahl­rei­che in ähn­li­cher Wei­se Ge­schä­dig­te gibt.

Zu­dem war die Nach­bes­se­rung für den Klä­ger un­zu­mut­bar. Da­bei kann da­hin­ste­hen, ob die an­ge­bo­te­ne Nach­bes­se­rung letzt­lich ei­ne „Ver­schlimm­bes­se­rung“ ge­we­sen wä­re, weil sie au­to­ma­tisch an­de­re Nach­tei­le wie ei­nen hö­he­ren Ver­brauch oder Ver­schleiß oder ei­ne ge­rin­ge­re Leis­tung mit sich ge­bracht hät­te.

Denn die Nach­bes­se­rung durch ein Soft­ware­up­date war für den Klä­ger schon aus an­de­ren Grün­den un­zu­mut­bar. Die Un­zu­mut­bar­keit ei­ner Nach­er­fül­lung kann sich näm­lich nicht nur aus der Art des Man­gels, son­dern auch aus den an­de­ren tat­säch­li­chen Um­stän­den er­ge­ben, zum Bei­spiel dann, wenn die für die Man­gel­be­sei­ti­gung er­for­der­li­che Ver­trau­ens­grund­la­ge ge­lit­ten hat (vgl. Pa­landt/Wei­den­kaff, 76. Aufl., § 440 Rn. 8). Dies kann bei ei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen arg­lis­ti­gen Täu­schung re­gel­mä­ßig der Fall sein.

Hier hat zwar die Be­klag­te zu 1 den Klä­ger nicht selbst ge­täuscht, da sie von der Ma­ni­pu­la­ti­ons­soft­ware nichts wuss­te. Ei­ne ei­ge­ne Täu­schung durch den Ver­käu­fer ist je­doch für die Fra­ge der Zu­mut­bar­keit der Nach­bes­se­rung nicht zwin­gend er­for­der­lich. Es ge­nügt, wenn der­je­ni­ge, der den Man­gel durch vor­sätz­li­ches Han­deln ver­ur­sacht hat, auch der­je­ni­ge ist, der maß­geb­lich den Ab­lauf und die Art der Nach­bes­se­rung be­stimmt. Denn auch in die­sem Fall braucht der Käu­fer kein Zu­trau­en mehr in die Ord­nungs­ge­mäß­heit der an­ge­bo­te­nen Nach­bes­se­rung zu ha­ben.

Hier ist die Be­klag­te zu 2 so­wohl für die Her­bei­füh­rung der vor­sätz­li­chen Ma­ni­pu­la­ti­on (durch wel­che Per­so­nen im Un­ter­neh­men der Be­klag­ten zu 2 auch im­mer) als auch für die tech­ni­sche Ge­stal­tung der Nach­bes­se­rung ver­ant­wort­lich. Die Be­klag­ten zu 1 oder ei­ne an­de­re Ver­trags­werk­statt wür­den die Nach­bes­se­rung nicht in ei­ge­ner Re­gie, son­dern al­lein nach den Vor­ga­ben der Be­klag­ten zu 2 durch­füh­ren.

Für die Fra­ge des Ver­trau­ens­ver­lusts be­züg­lich der Nach­bes­se­rungs­steue­rung durch die Be­klag­te zu 2 ist es auch un­er­heb­lich, ob ein Or­gan der Be­klag­ten zu 2 Kennt­nis von der Ma­ni­pu­la­ti­ons­soft­ware hat­te. Denn es geht nicht um Kennt­nis oder Wis­sens­zu­rech­nung im Hin­blick auf ei­ne Täu­schung i. S. des § 123 BGB oder des § 826 BGB, son­dern al­lein dar­um, ob das­sel­be Un­ter­neh­men mit den be­ste­hen­den Ent­wick­lungs­struk­tu­ren – wie hier – so­wohl für die Ma­ni­pu­la­ti­ons­soft­ware als auch für die Steue­rung und tech­ni­sche Ent­wick­lung der Nach­bes­se­rungs­maß­nah­men zu­stän­dig ist. Be­grün­de­te Zwei­fel an ei­ner ord­nungs­ge­mä­ßen Nach­bes­se­rung darf ein Ge­schä­dig­ter so­wohl ha­ben, wenn die Or­ga­ne Kennt­nis von den Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten hat­ten, als auch dann, wenn es die Or­ga­ni­sa­ti­onstruk­tur im Un­ter­neh­men er­laub­te, dass der­ar­ti­ge Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten von den Or­ga­nen un­ent­deckt blei­ben konn­ten.

C. Der Rück­tritt ist auch nicht ge­mäß § 323 V 2 BGB aus­ge­schlos­sen. Der Man­gel ist bei Wür­di­gung al­ler Um­stän­de des Ein­zel­falls nicht un­er­heb­lich. Zu­tref­fend ist zwar, dass es ein In­diz für die Un­er­heb­lich­keit ei­nes Man­gels ist, wenn er schnell und mit ge­rin­gen Kos­ten be­sei­tigt wer­den kann. Hier ver­fängt das Ar­gu­ment, der Auf­wand pro Fahr­zeug für das Soft­ware­up­date be­dür­fe zeit­lich we­ni­ger als ei­ne Stun­de und die Kos­ten lä­gen un­ter 100 €, je­doch nicht. Der Auf­wand für die Nach­bes­se­rungs­maß­nah­me ist näm­lich ins­ge­samt groß. Zu be­rück­sich­ti­gen sind nicht nur die kon­kre­ten Ar­beits­schrit­te vor Ort in der Werk­statt, son­dern auch die Vor­be­rei­tungs­maß­nah­men, die er­for­der­lich sind, um ein Soft­ware­up­date über­haupt er­mög­li­chen zu kön­nen. Hier führ­te die Be­klag­te zu 2 ei­ne (be­hörd­lich an­ge­ord­ne­te) Rück­ruf­ak­ti­on be­züg­lich al­ler be­trof­fe­nen Fahr­zeu­ge durch. Zu­dem muss­te die auf­zu­spie­len­de Soft­ware zeit­auf­wen­dig erst noch ent­wi­ckeln wer­den. Schließ­lich – und die­sem As­pekt kommt be­son­de­re Be­deu­tung zu – wa­ren die er­for­der­li­chen Maß­nah­men mit dem Kraft­fahrt-Bun­des­amt im Ein­zel­nen ab­zu­stim­men. Nach­bes­se­rungs­maß­nah­men, die ei­ner be­hörd­li­chen Ge­neh­mi­gung be­dür­fen, sind nicht un­er­heb­lich (wie hier LG Dort­mund, Urt. v. 29.09.2016 – 25 O 49/16).

3. Auf­grund des wirk­sa­men Rück­tritts sind die emp­fan­ge­nen Leis­tun­gen zu­rück­zu­ge­wäh­ren. Ge­mäß § 346 II 1 Nr. 1 BGB ist der Wert­er­satz  für die ge­zo­ge­nen Nut­zun­gen – bis­he­ri­ge Lauf­leis­tung – zu be­rück­sich­ti­gen.

Nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me be­trägt die Lauf­leis­tung zum Zeit­punkt des Schlus­ses der münd­li­chen Ver­hand­lung 69.474 km. Hier wird die zu er­war­ten­de Lauf­leis­tung des klä­ge­ri­schen Fahr­zeugs (nicht al­lein des Mo­tors!) auf 300.000 km ge­schätzt. Zwar mag es sein, dass das Fahr­zeug nach 300.000 km nicht un­mit­tel­bar zu ver­schrot­ten ist. Es wer­den aber zahl­rei­che Re­pa­ra­tu­ren mit Aus­tausch von Er­satz­tei­len er­for­der­lich wer­den, so­dass das Fahr­zeug mit über 300.000 km Lauf­leis­tung nicht mehr iden­tisch mit dem ge­kauf­ten sein wird.

Der Nut­zungs­er­satz er­rech­net sich wie folgt:

{\frac{\text{32.527,39 € (Kauf­preis)}\times\text{69.474 km (bis­he­ri­ge Lauf­leis­tung)}}{\text{300.000 km (zu er­war­ten­de Lauf­leis­tung)}}} = \text{7.532,69 €}.

C. Die Be­klag­te zu 1 be­fin­det sich im Ver­zug der An­nah­me mit der Rück­nah­me des Fahr­zeugs.

D. Vor­ge­richt­li­che An­walts­kos­ten für das An­fech­tungs- und Rück­tritt­schrei­ben an die Be­klag­te zu 1 sind dem Klä­ger nicht zu er­stat­ten. Der Klä­ger er­klärt sich in­so­weit nicht da­zu, auf wel­che An­spruchs­grund­la­ge er sein Be­geh­ren stützt.

In Ver­zug be­fand sich die Be­klag­te zu 1 am 25.04.2016 je­den­falls nicht, we­der mit der Nach­bes­se­rung noch mit der Rück­ab­wick­lung. Ei­ne vor­he­ri­ge Erst­mah­nung durch den Klä­ger selbst ist nicht er­sicht­lich, ins­be­son­de­re nicht aus dem an­walt­li­chen Schrei­ben vom 25.04.2016.

Der Klä­ger könn­te oh­ne­hin nicht die von ihm ver­lang­ten Kos­ten in Hö­he von 2,0 Ge­büh­ren für die vor­ge­richt­li­che Tä­tig­keit er­setzt ver­lan­gen. Bei dem Man­dat ge­gen die Be­klag­te zu 1 han­delt es sich um ei­ne ge­wöhn­li­che Kauf­sa­che oh­ne be­son­de­re Schwie­rig­kei­ten in tech­ni­scher, tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Hin­sicht und oh­ne ei­nen be­son­de­ren Um­fang. Um­fang­reich wur­de der Recht­streit erst im ge­richt­li­chen Ver­fah­ren durch die zahl­rei­chen, viel­blätt­ri­gen und über­wie­gend nicht auf den Fall des Klä­gers be­zo­ge­nen, son­dern of­fen­sicht­lich für ei­ne Viel­zahl von Man­da­ten vor­ge­fer­tig­ten Schrift­sät­ze nebst um­fas­sen­der An­la­gen, die oft nicht ein­mal in deut­scher Spra­che vor­ge­legt wur­den. …

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