1. Art. 18 I, 26 I und 46 der Richt­li­nie 2007/46/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 05.09.2007 zur Schaf­fung ei­nes Rah­mens für die Ge­neh­mi­gung von Kraft­fahr­zeu­gen und Kraft­fahr­zeug­an­hän­gern so­wie von Sys­te­men, Bau­tei­len und selbst­stän­di­gen tech­ni­schen Ein­hei­ten für die­se Fahr­zeu­ge (Rah­men­richt­li­nie) in der durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 385/2009 der Kom­mis­si­on vom 07.05.2009 ge­än­der­ten Fas­sung in Ver­bin­dung mit Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 20.06.2007 über die Typ­ge­neh­mi­gung von Kraft­fahr­zeu­gen hin­sicht­lich der Emis­sio­nen von leich­ten Per­so­nen­kraft­wa­gen und Nutz­fahr­zeu­gen (Eu­ro 5 und Eu­ro 6) und über den Zu­gang zu Re­pa­ra­tur- und War­tungs­in­for­ma­tio­nen für Fahr­zeu­ge sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ne­ben all­ge­mei­nen Rechts­gü­tern die Ein­zel­in­ter­es­sen des in­di­vi­du­el­len Käu­fers ei­nes Kraft­fahr­zeugs ge­gen­über des­sen Her­stel­ler schüt­zen, wenn die­ses Fahr­zeug mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II die­ser Ver­ord­nung aus­ge­stat­tet ist.
  2. Das Uni­ons­recht ist da­hin aus­zu­le­gen, dass es in Er­man­ge­lung ein­schlä­gi­ger uni­ons­recht­li­cher Vor­schrif­ten Sa­che des Rechts des be­tref­fen­den Mit­glied­staats ist, die Vor­schrif­ten über den Er­satz des Scha­dens fest­zu­le­gen, der dem Käu­fer ei­nes mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 aus­ge­stat­te­ten Fahr­zeug tat­säch­lich ent­stan­den ist, vor­aus­ge­setzt, dass die­ser Er­satz in ei­nem an­ge­mes­se­nen Ver­hält­nis zum ent­stan­de­nen Scha­den steht.

EuGH (Gro­ße Kam­mer), Ur­teil vom 21.03.2023 – C-100/21 (QB/​Mer­ce­des-Benz Group AG, vor­mals Daim­ler AG)

Das vor­lie­gen­de Ur­teil be­trifft die Aus­le­gung von Art. 18 I, 26 I und 46 der Richt­li­nie 2007/46/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 05.09.2007 zur Schaf­fung ei­nes Rah­mens für die Ge­neh­mi­gung von Kraft­fahr­zeu­gen und Kraft­fahr­zeug­an­hän­gern so­wie von Sys­te­men, Bau­tei­len und selbst­stän­di­gen tech­ni­schen Ein­hei­ten für die­se Fahr­zeu­ge (Rah­men­richt­li­nie; ABl. 2007 L 263, 1) in der durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 385/2009 der Kom­mis­si­on vom 07.05.2009 (ABl. 2009 L 118, 13) ge­än­der­ten Fas­sung (im Fol­gen­den: Rah­men­richt­li­nie) in Ver­bin­dung mit Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 20.06.2007 über die Typ­ge­neh­mi­gung von Kraft­fahr­zeu­gen hin­sicht­lich der Emis­sio­nen von leich­ten Per­so­nen­kraft­wa­gen und Nutz­fahr­zeu­gen (Eu­ro 5 und Eu­ro 6) und über den Zu­gang zu Re­pa­ra­tur- und War­tungs­in­for­ma­tio­nen für Fahr­zeu­ge (ABl. 2007 L 171, 1) so­wie von Art. 267 II AEUV. Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen QB und der Mer­ce­des-Benz Group AG, vor­mals Daim­ler AG, ei­nem Au­to­mo­bil­her­stel­ler. Ge­gen­stand die­ses Rechts­streits ist der von QB gel­tend ge­mach­te An­spruch auf Scha­dens­er­satz und die Be­rech­nung die­ses Scha­dens­er­sat­zes, der QB mög­li­cher­wei­se des­halb zu­steht, weil er ein Kraft­fahr­zeug mit ei­nem Die­sel­mo­tor er­wor­ben hat, in dem ei­ne Soft­ware zu Ein­satz kommt, die nicht mit den sich aus dem Uni­ons­recht er­ge­ben­den Vor­ga­ben in Ein­klang steht und die die Ab­gas­rück­füh­rung je nach der Au­ßen­tem­pe­ra­tur ver­rin­gert.

Sach­ver­halt: Am 20.03.2014 kauf­te QB von der Au­to X-GmbH für 29.999 € ein Ge­braucht­fahr­zeug Mer­ce­des-Benz C 220 CDI, das mit ei­nem Die­sel­mo­tor der Ge­ne­ra­ti­on Eu­ro 5 aus­ge­stat­tet war und ei­nen Ki­lo­me­ter­stand von 28.591 hat­te. Die­ses von der Daim­ler AG in Ver­kehr ge­brach­te Fahr­zeug war am 15.03.2013 erst­mals zu­ge­las­sen wor­den.

Es ist mit ei­ner Mo­tor­steue­rungs­soft­ware aus­ge­rüs­tet, die die Ab­gas­rück­füh­rung ver­rin­gert, wenn die Au­ßen­tem­pe­ra­tu­ren un­ter ei­ner ge­wis­sen Schwel­le lie­gen, was ei­ne Er­hö­hung der Stick­stoff­oxid(NOX)-Emis­sio­nen zur Fol­ge hat. Die Ab­gas­rück­füh­rung ist so­mit nur dann voll wirk­sam, wenn die Au­ßen­tem­pe­ra­tur nicht un­ter die­se Schwel­le sinkt (im Fol­gen­den: Ther­mo­fens­ter). Un­ter­halb wel­cher kon­kre­ten Au­ßen­tem­pe­ra­tur die Ab­gas­rück­füh­rung re­du­ziert wird und in wel­chem Um­fang dies er­folgt, ist zwi­schen den Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens strei­tig.

QB er­hob beim LG Ra­vens­burg (Deutsch­land), dem vor­le­gen­den Ge­richt, Kla­ge auf Er­satz des Scha­dens, den die Mer­ce­des-Benz Group AG da­durch ver­ur­sacht ha­be, dass sie das in Re­de ste­hen­de Fahr­zeug mit nach Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tun­gen aus­ge­rüs­tet ha­be. Vor die­sem Ge­richt ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig, ob das in Re­de ste­hen­de Fahr­zeug mit sol­chen un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tun­gen aus­ge­stat­tet ist, wel­chen Um­fang ein et­wai­ger Scha­dens­er­satz­an­spruch von QB hat und ob sich QB den Vor­teil aus der Nut­zung des Fahr­zeugs auf die Hö­he des Scha­dens­er­sat­zes an­rech­nen las­sen muss.

Das vor­le­gen­de Ge­richt ist der An­sicht, dass das Ther­mo­fens­ter ei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 3 Nr. 10 und Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 sei. Die Ab­gas­rück­füh­rung des in Re­de ste­hen­den Fahr­zeugs und da­mit die Wirk­sam­keit des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems wer­de näm­lich schon bei über 0 °C lie­gen­den Au­ßen­tem­pe­ra­tu­ren ver­rin­gert, ob­wohl die­se Tem­pe­ra­tur in­ner­halb des „Be­reichs der bei nor­ma­lem Fahr­zeug­be­trieb zu er­war­ten­den Be­din­gun­gen“ i. S. von Art. 3 Nr. 10 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 lie­ge.

Au­ßer­dem sei auf den ers­ten Blick die in Art. 5 II lit. a die­ser Ver­ord­nung vor­ge­se­he­ne Aus­nah­me nicht auf den Aus­gangs­rechts­streit an­wend­bar, da nur un­mit­tel­ba­re Be­schä­di­gungs­ri­si­ken, die zu ei­ner kon­kre­ten Ge­fahr wäh­rend des Be­triebs des Fahr­zeugs führ­ten, ge­eig­net sei­en, die Nut­zung ei­ner Ab­schalt­ein­rich­tung zu recht­fer­ti­gen (EuGH, Urt. v. 17.12.2020 – C-693/18, EU:C:2020:1040 Rn. 114 – CLCV u. a.). Das vor­le­gen­de Ge­richt be­zwei­felt je­doch, dass ein Ther­mo­fens­ter, das den Zweck ha­be, Ab­la­ge­run­gen im Mo­tor, al­so Ver­schleiß zu ver­hin­dern, die stren­gen An­wen­dungs­vor­aus­set­zun­gen die­ser Aus­nah­me er­füllt.

QB könn­te ein Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 823 II BGB zu­ste­hen, für den ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit ge­nü­ge. Die­se Be­stim­mung set­ze je­doch den Ver­stoß ge­gen ein den Schutz ei­nes an­de­ren be­zwe­cken­des Ge­setz vor­aus, was nach der Recht­spre­chung des BGH (Deutsch­land) be­deu­te, dass die­ses Ge­setz da­zu die­nen sol­le, ei­nen Ein­zel­nen oder ein­zel­ne Per­so­nen­krei­se ge­gen die Ver­let­zung ei­nes be­stimm­ten Rechts­guts zu schüt­zen. In­so­weit ge­nü­ge es, dass die­ses Ge­setz mit dem Ziel er­las­sen wor­den sei, die­sem Ein­zel­nen oder die­sem Per­so­nen­kreis ei­nen recht­li­chen Schutz zu ver­lei­hen, auch wenn es in ers­ter Li­nie das In­ter­es­se der All­ge­mein­heit im Au­ge ha­be. Au­ßer­dem set­ze die­se Be­stim­mung vor­aus, dass sich im kon­kre­ten Scha­den die Ge­fahr ver­wirk­licht ha­be, vor der die­ses Ge­setz schüt­zen soll­te, und dass die kon­kret ge­schä­dig­te(n) Per­son(en) vom per­sön­li­chen Schutz­be­reich des be­tref­fen­den Ge­set­zes er­fasst sei­en. Da­her stellt sich das vor­le­gen­de Ge­richt die Fra­ge, ob Art. 18  I, 26 I und 46 der Rah­men­richt­li­nie i. V. mit Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 au­ßer auf den Schutz all­ge­mei­ner In­ter­es­sen auch auf den Schutz der In­ter­es­sen ei­nes ein­zel­nen Er­wer­bers ei­nes nicht uni­ons­rechts­kon­for­men Fahr­zeugs ab­zie­len, ins­be­son­de­re wenn die­ses Fahr­zeug mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung ge­mäß Art. 5 II die­ser Ver­ord­nung aus­ge­stat­tet ist.

Zu die­sen Fra­gen ge­be es in der deut­schen Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur un­ter­schied­li­che Aus­le­gun­gen. Der BGH sei der Auf­fas­sung, dass die zur Har­mo­ni­sie­rung der tech­ni­schen An­for­de­run­gen an Fahr­zeu­ge er­las­se­nen Uni­ons­rechts­ak­te vor al­lem auf ei­ne ho­he Ver­kehrs­si­cher­heit so­wie ei­nen ho­hen Ge­sund­heits- und Um­welt­schutz ab­ziel­ten. Zu­dem zie­le Art. 5 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 nicht auf den Schutz des wirt­schaft­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts des ein­zel­nen Fahr­zeu­ger­wer­bers ab. Da­ge­gen sei­en meh­re­re Land­ge­rich­te der Auf­fas­sung, dass Art. 18 I, 26 I und Art. 46 der Rah­men­richt­li­nie so­wie Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 auch den in­di­vi­du­el­len Schutz des Käu­fers ei­nes Fahr­zeugs be­zweck­ten. Ei­nes der Zie­le der Über­ein­stim­mungs­be­schei­ni­gung sei näm­lich ge­mäß An­hang IX der Rah­men­richt­li­nie, dass der Her­stel­ler ei­nes Fahr­zeugs dem Käu­fer die­ses Fahr­zeugs ver­si­che­re, dass die­ses zum Zeit­punkt sei­ner Her­stel­lung mit den in der Uni­on gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten über­ein­stim­me. Die­se Be­schei­ni­gung be­zwe­cke auch, das be­hörd­li­che Zu­las­sungs­ver­fah­ren und den frei­en Wa­ren­ver­kehr in­ner­halb der Uni­on zu er­leich­tern.

Falls da­von aus­ge­gan­gen wür­de, dass die oben ge­nann­ten Be­stim­mun­gen nur all­ge­mei­ne Rechts­gü­ter und nicht die be­son­de­ren Er­wer­ber­in­ter­es­sen schüt­zen, fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt au­ßer­dem, ob es nach dem Grund­satz der Ef­fek­ti­vi­tät ge­bo­ten sein könn­te, je­des schuld­haf­te (fahr­läs­si­ge oder vor­sätz­li­che) Han­deln ei­nes Fahr­zeug­her­stel­lers in Be­zug auf das In­ver­kehr­brin­gen von Fahr­zeu­gen, die mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung ge­mäß Art. 5 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2017 aus­ge­stat­tet sei­en, da­durch zu sank­tio­nie­ren, dass der be­tref­fen­de Er­wer­ber ei­nen auf die de­lik­ti­sche Haf­tung die­ses Her­stel­lers ge­stütz­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch gel­tend ma­chen kön­ne. Nach An­sicht des LG Stutt­gart (Deutsch­land) be­ru­he die An­wend­bar­keit von § 823 II BGB dar­auf, dass es im In­ter­es­se ei­ner ef­fek­ti­ven Durch­set­zung des Uni­ons­rechts ge­bo­ten sei, die maß­geb­li­chen Be­stim­mun­gen des Uni­ons­rechts mit zi­vil­recht­li­chen Sank­tio­nen zu ver­se­hen.

Für den Fall, dass QB ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 823 II BGB ha­ben soll­te, fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt, ob es für die prak­ti­sche Wirk­sam­keit der im vor­lie­gen­den Fall an­wend­ba­ren Be­stim­mun­gen des Uni­ons­rechts er­for­der­lich sei, dass ei­ne An­rech­nung von Nut­zungs­vor­tei­len auf die­sen Scha­dens­er­satz­an­spruch un­ter­blei­be oder nur in ein­ge­schränk­tem Um­fang er­fol­ge. Zu die­ser Fra­ge ge­be es in der deut­schen Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur eben­falls un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen, auch was den Ein­fluss be­tref­fe, den das Ver­bot un­ge­recht­fer­tig­ter Be­rei­che­rung auf ei­ne sol­che An­rech­nung ha­ben kön­ne. In die­sem Zu­sam­men­hang ge­he der BGH zum ei­nen da­von aus, dass der Ge­schä­dig­te im Hin­blick auf das im deut­schen Recht vor­ge­se­he­ne scha­dens­er­satz­recht­li­che Be­rei­che­rungs­ver­bot nicht bes­ser­ge­stellt wer­den dür­fe, als er oh­ne das schä­di­gen­de Er­eig­nis stün­de, und dass zum an­de­ren nur die durch das Scha­dens­er­eig­nis be­ding­ten Vor­tei­le auf den Scha­dens­er­satz­an­spruch an­zu­rech­nen sei­en, de­ren An­rech­nung den Schä­di­ger nicht un­an­ge­mes­sen ent­las­te. Meh­re­re Land­ge­rich­te sei­en hin­ge­gen der Auf­fas­sung, dass der aus der Nut­zung ei­nes Fahr­zeugs mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung ge­zo­ge­ne Vor­teil auf den Scha­dens­er­satz­an­spruch an­ge­rech­net wer­den kön­ne.

Fer­ner stellt das vor­le­gen­de Ge­richt, das im Aus­gangs­ver­fah­ren als Ein­zel­rich­ter ent­schei­det, fest, dass der ori­gi­nä­re Ein­zel­rich­ter ge­mäß § 348 III 1 Nr. 1 und Nr. 2 ZPO ver­pflich­tet sei, den Rechts­streit der Zi­vil­kam­mer zur Ent­schei­dung über ei­ne Über­nah­me vor­zu­le­gen, wenn die Sa­che be­son­de­re Schwie­rig­kei­ten tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Art auf­wei­se oder grund­sätz­li­che Be­deu­tung ha­be. Der Ein­zel­rich­ter ha­be da­bei kein Hand­lungs­er­mes­sen. Ins­be­son­de­re ge­he aus der Recht­spre­chung des BGH her­vor, dass ein Ein­zel­rich­ter, wenn er dem Ge­richts­hof ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen vor­le­ge, oh­ne den Rechts­streit zu­vor der Zi­vil­kam­mer zur Ent­schei­dung über ei­ne Über­nah­me vor­ge­legt zu ha­ben, ge­gen den in Art. 101 I 2 GG vor­ge­se­he­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz des ge­setz­li­chen Rich­ters ver­sto­ße. Das vor­le­gen­de Ge­richt ist je­doch der Auf­fas­sung, dass Art. 267 II AEUV ei­ner sol­chen Pflicht zur Vor­la­ge an die Zi­vil­kam­mer ent­ge­gen­ste­he. Der Ge­richts­hof ha­be zwar in sei­nem Ur­teil vom 13.12.2018 (C-492/17, EU:C:2018:1019 – Rit­tin­ger u. a.), ent­schie­den, dass die Vor­la­ge ei­nes Ein­zel­rich­ters un­ge­ach­tet der Ein­hal­tung na­tio­na­ler pro­zes­sua­ler Vor­schrif­ten uni­ons­recht­lich zu­läs­sig sei. Der Ge­richts­hof ha­be al­ler­dings nicht die Fra­ge ge­prüft, ob Art. 267 II AEUV ei­ner na­tio­na­len Be­stim­mung ent­ge­gen­ste­he, die die Mög­lich­keit zur Vor­la­ge ei­nes sol­chen Er­su­chens be­schrän­ke.

Un­ter die­sen Um­stän­den hat das L Ra­vens­burg be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. Ha­ben Art. 18 I, 26 I und 46 der Richt­li­nie 2007/46 i. V. mit Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 auch die Ziel­rich­tung, die In­ter­es­sen in­di­vi­du­el­ler Er­wer­ber von Kraft­fahr­zeu­gen zu schüt­zen?

2. Wenn ja: Zählt da­zu auch das In­ter­es­se ei­nes in­di­vi­du­el­len Fahr­zeu­ger­wer­bers, kein Fahr­zeug zu er­wer­ben, das mit den uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben nicht kon­form ist, ins­be­son­de­re kein Fahr­zeug zu er­wer­ben, das mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung ge­mäß Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 aus­ge­stat­tet ist?

3. Wenn die Vor­la­ge­fra­ge 1 ver­neint wird: Ist es un­ver­ein­bar mit Uni­ons­recht, wenn ein Er­wer­ber, der un­ge­wollt ein vom Her­stel­ler mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung ge­mäß Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 in Ver­kehr ge­brach­tes Fahr­zeug ge­kauft hat, zi­vil­recht­li­che de­lik­ti­sche An­sprü­che ge­gen­über dem Fahr­zeug­her­stel­ler auf Er­satz sei­nes Scha­dens, ins­be­son­de­re auch ei­nen An­spruch auf Er­stat­tung des für das Fahr­zeug be­zahl­ten Kauf­prei­ses Zug um Zug ge­gen Her­aus­ga­be und Über­eig­nung des Fahr­zeugs, nur aus­nahms­wei­se dann gel­tend ma­chen kann, wenn der Fahr­zeug­her­stel­ler vor­sätz­lich und sit­ten­wid­rig ge­han­delt hat?

4. Wenn ja: Ist es uni­ons­recht­lich ge­bo­ten, dass ein zi­vil­recht­li­cher de­lik­ti­scher Er­satz­an­spruch des Fahr­zeu­ger­wer­bers ge­gen den Fahr­zeug­her­stel­ler bei jeg­li­chem schuld­haf­ten (fahr­läs­si­gen oder vor­sätz­li­chen) Han­deln des Fahr­zeug­her­stel­lers in Be­zug auf das In­ver­kehr­brin­gen ei­nes Fahr­zeugs, das mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung ge­mäß Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 aus­ge­stat­tet ist, ge­ge­ben ist?

5. Un­ab­hän­gig von der Be­ant­wor­tung der Vor­la­ge­fra­gen 1 bis 4: Ist es un­ver­ein­bar mit Uni­ons­recht, wenn sich im na­tio­na­len Recht der Fahr­zeu­ger­wer­ber ei­nen Nut­zungs­vor­teil für die tat­säch­li­che Nut­zung des Fahr­zeugs an­rech­nen las­sen muss, wenn er vom Her­stel­ler im We­ge des de­lik­ti­schen Scha­dens­er­sat­zes die Er­stat­tung des Kauf­prei­ses ei­nes mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung ge­mäß Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 in Ver­kehr ge­brach­ten Fahr­zeugs Zug um Zug ge­gen Über­ga­be und Über­eig­nung des Fahr­zeugs ver­langt?

6. Wenn nein: Ist es un­ver­ein­bar mit Uni­ons­recht, wenn die­ser Nut­zungs­vor­teil sich am vol­len Kauf­preis be­misst, oh­ne dass ein Ab­zug we­gen des aus der Aus­stat­tung mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung re­sul­tie­ren­den Min­der­werts des Fahr­zeugs und/​oder im Hin­blick auf die vom Er­wer­ber un­ge­woll­te Nut­zung ei­nes nicht uni­ons­rechts­kon­for­men Fahr­zeugs ab­ge­zo­gen wird?

7. Un­ab­hän­gig von der Be­ant­wor­tung der Vor­la­ge­fra­gen 1 bis 6: Ist § 348 III ZPO, so­weit die­se Re­ge­lung sich auch auf den Er­lass von Vor­la­ge­be­schlüs­sen ge­mäß Art. 267 II AEUV be­zieht, un­ver­ein­bar mit der Vor­la­ge­be­fug­nis der na­tio­na­len Ge­rich­te ge­mäß Art. 267 II AEUV und da­her auf den Er­lass von Vor­la­ge­be­schlüs­sen nicht an­zu­wen­den?

Der EuGH hat die Vor­la­ge­fra­gen wie aus dem Leit­satz er­sicht­lich be­ant­wor­tet.

Aus den Grün­den: Zu den An­trä­gen auf Wie­der­er­öff­nung des münd­li­chen Ver­fah­rens

[39]   Im An­schluss an die Ver­le­sung der Schluss­an­trä­ge des Ge­ne­ral­an­walts ha­ben die deut­sche Re­gie­rung und die Mer­ce­des-Benz Group AG mit Schrift­sät­zen, die am 11.07. be­zie­hungs­wei­se am 14.07.2022 bei der Kanz­lei des Ge­richts­hofs ein­ge­gan­gen sind, nach Art. 83 der Ver­fah­rens­ord­nung des Ge­richts­hofs die Wie­der­er­öff­nung des münd­li­chen Ver­fah­rens be­an­tragt.

[40]   Zur Stüt­zung ih­res An­trags macht die Mer­ce­des-Benz Group AG im We­sent­li­chen gel­tend, dass der Ge­ne­ral­an­walt in Num­mer 49 sei­ner Schluss­an­trä­ge zu Un­recht die Auf­fas­sung ver­tre­ten ha­be, dass der Be­sitz ei­nes Fahr­zeugs, das durch Schad­stoff­emis­sio­nen, die die fest­ge­leg­ten Grenz­wer­te über­schrit­ten, die Um­welt­schutz­vor­schrif­ten der Uni­on nicht ein­hal­te, zu ei­nem im­ma­te­ri­el­len Scha­den die­ses Käu­fers füh­re. Das Vor­lie­gen ei­nes et­wai­gen im­ma­te­ri­el­len Scha­dens sei vom vor­le­gen­den Ge­richt nicht auf­ge­wor­fen und zwi­schen den Par­tei­en nicht er­ör­tert wor­den.

[41]   In ih­rem An­trag trägt die deut­sche Re­gie­rung im We­sent­li­chen vor, dass zum ei­nen die Schluss­an­trä­ge des Ge­ne­ral­an­walts auf neu­en Ge­sichts­punk­ten be­ruh­ten, die zwi­schen den Par­tei­en noch nicht er­ör­tert wor­den sei­en, da sie sich auf An­hang IX der Rah­men­richt­li­nie und des­sen Ab­schnitt 0 be­zö­gen. Zum an­de­ren be­zwei­felt die deut­sche Re­gie­rung die Gül­tig­keit die­ses Ab­schnitts 0.

[42]   Des Wei­te­ren sei sie mit den Schluss­an­trä­gen des Ge­ne­ral­an­walts in­so­fern nicht ein­ver­stan­den, als sie die Be­zie­hun­gen zwi­schen der Rah­men­richt­li­nie und der Richt­li­nie 1999/44/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 25.05.1999 zu be­stimm­ten As­pek­ten des Ver­brauchs­gü­ter­kaufs und der Ga­ran­ti­en für Ver­brauchs­gü­ter (ABl. 1999 L 171, 12) ver­kenn­ten. Zum ei­nen sei es mit der all­ge­mei­nen Sys­te­ma­tik die­ser letzt­ge­nann­ten Richt­li­nie un­ver­ein­bar, dem Ver­brau­cher be­reits bei ein­fa­cher Fahr­läs­sig­keit ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch zu­zu­er­ken­nen. Zum an­de­ren kön­ne in der Über­ein­stim­mungs­be­schei­ni­gung im Sin­ne der Rah­men­richt­li­nie kei­ne Ga­ran­tie des Her­stel­lers ge­se­hen wer­den.

[43]   Hier­zu ist fest­zu­stel­len, dass die Sat­zung des Ge­richts­hofs der Eu­ro­päi­schen Uni­on und die Ver­fah­rens­ord­nung kei­ne Mög­lich­keit für die in Art. 23 der Sat­zung be­zeich­ne­ten Be­tei­lig­ten vor­se­hen, ei­ne Stel­lung­nah­me zu den Schluss­an­trä­gen des Ge­ne­ral­an­walts ein­zu­rei­chen (EuGH, Urt. v. 16.11.2021 – C-748/19 bis C-754/19, EU:C:2021:931 Rn. 30 m. w. Nachw. – Pro­ku­ra­tu­ra Re­jo­no­wa w Mi?sku Ma­zo­wieckim u. a.).

[44]   Im Üb­ri­gen stellt der Ge­ne­ral­an­walt nach Art. 252 II AEUV öf­fent­lich in völ­li­ger Un­par­tei­lich­keit und Un­ab­hän­gig­keit be­grün­de­te Schluss­an­trä­ge zu den Rechts­sa­chen, in de­nen nach der Sat­zung des Ge­richts­hofs der Eu­ro­päi­schen Uni­on sei­ne Mit­wir­kung er­for­der­lich ist. Der Ge­richts­hof ist we­der an die­se Schluss­an­trä­ge noch an de­ren Be­grün­dung ge­bun­den. Dass ein Be­tei­lig­ter nicht mit den Schluss­an­trä­gen des Ge­ne­ral­an­walts ein­ver­stan­den ist, kann folg­lich un­ab­hän­gig von den dar­in un­ter­such­ten Fra­gen für sich ge­nom­men kein Grund sein, der die Wie­der­er­öff­nung des münd­li­chen Ver­fah­rens recht­fer­tigt (EuGH, Urt. v. 16.11.2021 – C-748/19 bis C-754/19, EU:C:2021:931 Rn. 31 m. w. Nachw. – Pro­ku­ra­tu­ra Re­jo­no­wa w Mi?sku Ma­zo­wieckim u. a.).

[45]   Zwar kann der Ge­richts­hof ge­mäß Art. 83 sei­ner Ver­fah­rens­ord­nung je­der­zeit nach An­hö­rung des Ge­ne­ral­an­walts die Wie­der­er­öff­nung des münd­li­chen Ver­fah­rens be­schlie­ßen, ins­be­son­de­re dann, wenn er sich für un­zu­rei­chend un­ter­rich­tet hält, wenn ei­ne Par­tei nach Ab­schluss des münd­li­chen Ver­fah­rens ei­ne neue Tat­sa­che un­ter­brei­tet hat, die von ent­schei­den­der Be­deu­tung für die Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs ist, oder wenn ein zwi­schen den Be­tei­lig­ten nicht er­ör­ter­tes Vor­brin­gen ent­schei­dungs­er­heb­lich ist.

[46]   Im vor­lie­gen­den Fall ver­fügt der Ge­richts­hof je­doch über al­le In­for­ma­tio­nen, die für sei­ne Ent­schei­dung er­for­der­lich sind, und es ist kein Vor­brin­gen ent­schei­dungs­er­heb­lich, das nicht zwi­schen den Be­tei­lig­ten er­ör­tert wor­den wä­re. Die in Rand­num­mer 39 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten An­trä­ge auf Wie­der­er­öff­nung des münd­li­chen Ver­fah­rens ent­hal­ten auch kei­ne neue Tat­sa­che, die von ent­schei­den­der Be­deu­tung für die Ent­schei­dung wä­re, die der Ge­richts­hof in der vor­lie­gen­den Rechts­sa­che zu tref­fen hat.

[47]   Der Ge­richts­hof ge­langt des­halb nach An­hö­rung des Ge­ne­ral­an­walts zu der Auf­fas­sung, dass kein Grund be­steht, die Wie­der­er­öff­nung des Ver­fah­rens zu be­schlie­ßen.

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zu­läs­sig­keit

[48]   Mit sei­ner sieb­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob Art. 267 II AEUV da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­steht, nach der ein Ein­zel­rich­ter un­ter an­de­rem we­gen der grund­sätz­li­chen Be­deu­tung ei­ner Rechts­sa­che, mit der er be­fasst ist, ver­pflich­tet ist, die­se Sa­che ei­ner aus drei Rich­tern be­ste­hen­den Zi­vil­kam­mer vor­zu­le­gen und da­von ab­zu­se­hen, im Rah­men die­ser Sa­che selbst dem Ge­richts­hof ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen vor­zu­le­gen.

[49]   Die Mer­ce­des Benz Group AG macht gel­tend, die sieb­te Fra­ge sei un­zu­läs­sig, da der Ge­richts­hof im Rah­men ei­nes nach Art. 267 AEUV ein­ge­reich­ten Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens nicht da­zu be­fugt sei, über die Ver­ein­bar­keit von na­tio­na­lem Recht mit Uni­ons­recht zu ent­schei­den.

[50]   Die deut­sche Re­gie­rung hält ei­ne Ant­wort des Ge­richts­hofs auf die­se Fra­ge für die Ent­schei­dung des vor­le­gen­den Ge­richts über den Aus­gangs­rechts­streit für nicht er­for­der­lich.

[51]   Nach An­sicht der Kom­mis­si­on ist die Fra­ge, ob das na­tio­na­le Recht ei­nem Ein­zel­rich­ter er­laubt, dem Ge­richts­hof ei­ne Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen, für die Ent­schei­dung die­ses Rechts­streits, der das Be­ste­hen ei­nes Scha­dens­er­satz­an­spruchs be­tref­fe, der vom Käu­fer ei­nes Fahr­zeugs ge­gen ei­nen Fahr­zeug­her­stel­ler gel­tend ge­macht wer­de, da das Fahr­zeug ei­ne nach Art. 5 II der Ver­ord­nung Nr. 715/2007 un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung ent­hal­te, ir­re­le­vant. Au­ßer­dem sei die­se Fra­ge hy­po­the­tisch, da aus dem Vor­la­ge­be­schluss her­vor­ge­he, dass der Aus­gangs­rechts­streit zum Zeit­punkt der Vor­la­ge an den Ge­richts­hof nicht mit ei­nem Rechts­mit­tel an­ge­foch­ten wor­den sei.

[52]   Nach stän­di­ger Recht­spre­chung ist es im Rah­men der durch Art. 267 AEUV ge­schaf­fe­nen Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen dem Ge­richts­hof und den na­tio­na­len Ge­rich­ten al­lein Sa­che des na­tio­na­len Ge­richts, das mit dem Rechts­streit be­fasst ist und in des­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich die zu er­las­sen­de Ent­schei­dung fällt, an­hand der Be­son­der­hei­ten der Rechts­sa­che so­wohl die Er­for­der­lich­keit ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung für den Er­lass sei­nes Ur­teils als auch die Er­heb­lich­keit der dem Ge­richts­hof vor­zu­le­gen­den Fra­gen zu be­ur­tei­len. Da­her ist der Ge­richts­hof grund­sätz­lich ge­hal­ten, über ihm vor­ge­leg­te Fra­gen zu be­fin­den, wenn die­se die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts be­tref­fen (EuGH, Urt. v. 15.07.2021 – C-709/20, EU:C:2021:602 Rn. 54 m. w. Nachw. – The De­part­ment for Com­mu­nities in Nort­hern Ire­land).

[53]   In­fol­ge­des­sen spricht ei­ne Ver­mu­tung für die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Fra­gen zum Uni­ons­recht. Der Ge­richts­hof kann die Be­ant­wor­tung ei­ner Vor­la­ge­fra­ge ei­nes na­tio­na­len Ge­richts nur ab­leh­nen, wenn die er­be­te­ne Aus­le­gung des Uni­ons­rechts of­fen­sicht­lich in kei­nem Zu­sam­men­hang mit den Ge­ge­ben­hei­ten oder dem Ge­gen­stand des Aus­gangs­rechts­streits steht, wenn das Pro­blem hy­po­the­ti­scher Na­tur ist oder wenn der Ge­richts­hof nicht über die tat­säch­li­chen und recht­li­chen An­ga­ben ver­fügt, die für ei­ne zweck­dien­li­che Be­ant­wor­tung der ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen er­for­der­lich sind (EuGH, Urt. v. 24.11.2020 – C-510/19, EU:C:2020:953 Rn. 26 m. w. Nachw. – Open­baar Mi­nis­te­rie [Ur­kun­den­fäl­schung]).

[54]   Im vor­lie­gen­den Fall ist fest­zu­stel­len, dass die sieb­te Fra­ge die Aus­le­gung von Art. 267 II AEUV be­trifft und dass das vor­le­gen­de Ge­richt nicht er­läu­tert hat, aus wel­chen Grün­den die Aus­le­gung die­ser Be­stim­mung für die Ent­schei­dung des Rechts­streits, mit dem es be­fasst ist, er­for­der­lich ist. Es hat näm­lich le­dig­lich er­klärt, dass die Zu­stän­dig­keit des Ein­zel­rich­ters zur Vor­la­ge des vor­lie­gen­den Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens an­ge­zwei­felt wer­den könn­te. Es er­läu­tert je­doch nicht, wel­che Aus­wir­kung der et­wai­ge Ver­fah­rens­feh­ler, der sich dar­aus er­ge­be, dass ein Ein­zel­rich­ter dem Ge­richts­hof ei­ne Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt ha­be, oh­ne den Aus­gangs­rechts­streit ei­nem aus meh­re­ren Rich­tern be­ste­hen­den Spruch­kör­per vor­zu­le­gen, auf den Vor­la­ge­be­schluss oder ge­ge­be­nen­falls auf die das Ver­fah­ren be­en­den­de Ent­schei­dung ha­ben könn­te. Ins­be­son­de­re geht aus dem Vor­la­ge­be­schluss nicht her­vor, dass die­ser in die­sem Ver­fah­rens­sta­di­um Ge­gen­stand ei­nes Rechts­mit­tels ge­we­sen wä­re, in des­sen Rah­men gel­tend ge­macht wur­de, dass er mit ei­nem sol­chen Feh­ler be­haf­tet ist.

[55]   Da­her ist die sieb­te Fra­ge für un­zu­läs­sig zu er­klä­ren.

Be­grün­det­heit

Vor­be­mer­kun­gen

[56]   Als Ers­tes ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ei­ne „Ab­schalt­ein­rich­tung“ in Art. 3 Nr. 10 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 de­fi­niert wird als „ein Kon­struk­ti­ons­teil, das die Tem­pe­ra­tur, die Fahr­zeug­ge­schwin­dig­keit, die Mo­tor­dreh­zahl (UpM), den ein­ge­leg­ten Ge­trie­be­gang, den Un­ter­druck im Ein­lass­krüm­mer oder sons­ti­ge Pa­ra­me­ter er­mit­telt, um die Funk­ti­on ei­nes be­lie­bi­gen Teils des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems zu ak­ti­vie­ren, zu ver­än­dern, zu ver­zö­gern oder zu de­ak­ti­vie­ren, wo­durch die Wirk­sam­keit des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems un­ter Be­din­gun­gen, die bei nor­ma­lem Fahr­zeug­be­trieb ver­nünf­ti­ger­wei­se zu er­war­ten sind, ver­rin­gert wird“.

[57]   Im vor­lie­gen­den Fall geht aus dem Vor­la­ge­be­schluss her­vor, dass mit der … ge­nann­ten Soft­ware ein Ther­mo­fens­ter ein­ge­rich­tet wur­de, mit­tels des­sen die Ab­gas­rück­füh­rung nur dann voll wirk­sam ist, wenn die Au­ßen­tem­pe­ra­tur nicht un­ter ei­ne be­stimm­te Schwel­le ab­sinkt. Hier­zu führt das vor­le­gen­de Ge­richt aus, dass die Ab­gas­rück­führ­ra­te und da­mit die Wirk­sam­keit des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems be­reits ab ei­ner Au­ßen­tem­pe­ra­tur von über 0 °C ver­rin­gert wer­de, das heißt ei­ner Tem­pe­ra­tur, die zu den Be­din­gun­gen zäh­le, die i. S. von Art. 3 Nr. 10 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 bei nor­ma­lem Fahr­zeug­be­trieb ver­nünf­ti­ger­wei­se zu er­war­ten sei­en.

[58]   In Be­zug auf ein Ther­mo­fens­ter, das mit dem im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den ver­gleich­bar war, hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass Art. 3 Nr. 10 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 in Ver­bin­dung mit de­ren Art. 5 I da­hin aus­zu­le­gen ist, dass ei­ne Ein­rich­tung, die die Ein­hal­tung der in die­ser Ver­ord­nung vor­ge­se­he­nen Emis­si­ons­grenz­wer­te nur ge­währ­leis­tet, wenn die Au­ßen­tem­pe­ra­tur zwi­schen 15 °C und 33 °C liegt und der Fahr­be­trieb un­ter­halb von 1.000 Hö­hen­me­tern er­folgt, ei­ne „Ab­schalt­ein­rich­tung“ im Sin­ne die­ses Art. 3 Nr. 10 dar­stellt (vgl. in die­sem Sin­ne EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-128/20, EU:C:2022:570 Rn. 47 – GSMB In­vest).

[59]   In die­sem Zu­sam­men­hang weist das vor­le­gen­de Ge­richt dar­auf hin, dass zwi­schen den Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens strei­tig sei, un­ter­halb wel­cher kon­kre­ten Au­ßen­tem­pe­ra­tur ei­ne Ver­rin­ge­rung der Ab­gas­rück­füh­rung er­fol­ge und in wel­chem Um­fang. Al­ler­dings ist im Rah­men des Ver­fah­rens nach Art. 267 AEUV, das auf ei­ner kla­ren Auf­ga­ben­tren­nung zwi­schen den na­tio­na­len Ge­rich­ten und dem Ge­richts­hof be­ruht, al­lein das na­tio­na­le Ge­richt für die Fest­stel­lung und Be­ur­tei­lung des Sach­ver­halts des Aus­gangs­rechts­streits so­wie die Aus­le­gung und An­wen­dung des na­tio­na­len Rechts zu­stän­dig (EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-128/20, EU:C:2022:570 Rn. 29 m. w. Nachw. – GSMB In­vest). Es ist da­her Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, ge­ge­be­nen­falls zu ent­schei­den, ob in An­be­tracht der Klar­stel­lun­gen in der in Rand­num­mer 58 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­ge­führ­ten Recht­spre­chung die … ge­nann­te Soft­ware ei­ne „Ab­schalt­ein­rich­tung“ i. S. von Art. 3 Nr. 10 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 dar­stellt.

[60]   Als Zwei­tes ist nach Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 die Ver­wen­dung von Ab­schalt­ein­rich­tun­gen, die die Wir­kung von Emis­si­ons­kon­troll­sys­te­men ver­rin­gern, un­zu­läs­sig. Al­ler­dings gibt es von die­sem Ver­bot drei Aus­nah­men, un­ter an­de­rem die­je­ni­ge in Art. 5 II lit. a, die nach An­sicht des vor­le­gen­den Ge­richts als ein­zi­ge in Be­tracht kommt. Sie be­trifft den Fall, dass „die Ein­rich­tung not­wen­dig ist, um den Mo­tor vor Be­schä­di­gung oder Un­fall zu schüt­zen und um den si­che­ren Be­trieb des Fahr­zeugs zu ge­währ­leis­ten“.

[61]   Da er ei­ne Aus­nah­me vom Ver­bot der Ver­wen­dung von Ab­schalt­ein­rich­tun­gen ent­hält, die die Wir­kung von Emis­si­ons­kon­troll­sys­te­men ver­rin­gern, ist Art. 5 II lit. a der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 eng aus­zu­le­gen (EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-128/20, EU:C:2022:570 Rn. 50 – GSMB In­vest).

[62]   Schon dem Wort­laut die­ser Be­stim­mung ist zu ent­neh­men, dass ei­ne Ab­schalt­ein­rich­tung, um un­ter die in die­ser Be­stim­mung ent­hal­te­ne Aus­nah­me zu fal­len, nicht nur not­wen­dig sein muss, um den Mo­tor vor Be­schä­di­gung oder Un­fall zu schüt­zen, son­dern auch, um den si­che­ren Be­trieb des Fahr­zeugs zu ge­währ­leis­ten. An­ge­sichts der Ver­wen­dung der Kon­junk­ti­on „und“ in die­ser Be­stim­mung ist die­se näm­lich da­hin aus­zu­le­gen, dass die dar­in vor­ge­se­he­nen Vor­aus­set­zun­gen ku­mu­la­tiv sind (EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-128/20, EU:C:2022:570 Rn. 61 – GSMB In­vest).

[63]   Das in Art. 5 II lit. a der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 vor­ge­se­he­ne Ver­bot wür­de aus­ge­höhlt und je­der prak­ti­schen Wirk­sam­keit be­raubt, wenn es zu­läs­sig wä­re, dass die Her­stel­ler Fahr­zeu­ge al­lein des­halb mit sol­chen Ab­schalt­ein­rich­tun­gen aus­stat­ten, um den Mo­tor vor Ver­schmut­zung und Ver­schleiß zu schüt­zen (vgl. in die­sem Sin­ne EuGH, Urt. v. 17.12.2020 – C-693/18, EU:C:2020:1040 Rn. 113 – CLCV u. a. [Ab­schalt­ein­rich­tung für Die­sel­mo­to­ren]).

[64]   Da­her kann ei­ne Soft­ware wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de, wenn sie als Ab­schalt­ein­rich­tung ein­zu­stu­fen ist, nur dann aus­nahms­wei­se zu­läs­sig sein, wenn nach­ge­wie­sen ist, dass die­se Ein­rich­tung aus­schließ­lich not­wen­dig ist, um die durch ei­ne Fehl­funk­ti­on ei­nes Bau­teils des Ab­gas­rück­füh­rungs­sys­tems ver­ur­sach­ten un­mit­tel­ba­ren Ri­si­ken für den Mo­tor in Form von Be­schä­di­gung oder Un­fall zu ver­mei­den, und die­se Ri­si­ken der­art schwer wie­gen, dass sie ei­ne kon­kre­te Ge­fahr beim Be­trieb des mit die­ser Ein­rich­tung aus­ge­stat­te­ten Fahr­zeugs dar­stel­len (vgl. in die­sem Sin­ne EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-128/20, EU:C:2022:570 Rn. 62 – GSMB In­vest).

[65]   Au­ßer­dem hat der Ge­richts­hof in Be­zug auf ein Ther­mo­fens­ter, das mit dem im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den ver­gleich­bar ist, ent­schie­den, dass es zwar zu­trifft, dass Art. 5 II lit. a der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 for­mell kei­ne wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen für die An­wen­dung der in die­ser Be­stim­mung vor­ge­se­he­nen Aus­nah­me vor­schreibt. Doch wür­de ei­ne Ab­schalt­ein­rich­tung, die un­ter nor­ma­len Be­triebs­be­din­gun­gen den über­wie­gen­den Teil des Jah­res funk­tio­nie­ren müss­te, da­mit der Mo­tor vor Be­schä­di­gung oder Un­fall ge­schützt und der si­che­re Be­trieb des Fahr­zeugs ge­währ­leis­tet wä­re, of­fen­sicht­lich dem mit die­ser Ver­ord­nung ver­folg­ten Ziel, von dem die­se Be­stim­mung nur un­ter ganz be­son­de­ren Um­stän­den ei­ne Ab­wei­chung zu­lässt, zu­wi­der­lau­fen und zu ei­ner un­ver­hält­nis­mä­ßi­gen Be­ein­träch­ti­gung des Grund­sat­zes der Be­gren­zung der NOX-Emis­sio­nen von Fahr­zeu­gen füh­ren (EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-128/20, EU:C:2022:570 Rn. 63 – GSMB In­vest).

[66]   Der Ge­richts­hof ist da­her zu dem Er­geb­nis ge­langt, dass ei­ne sol­che Ab­schalt­ein­rich­tung nicht im Sin­ne die­ser Be­stim­mung not­wen­dig ist. Lie­ße man zu, dass ei­ne sol­che Ab­schalt­ein­rich­tung un­ter die in Art. 5 II lit. a der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 vor­ge­se­he­ne Aus­nah­me fal­len könn­te, wür­de dies näm­lich da­zu füh­ren, dass die­se Aus­nah­me wäh­rend des über­wie­gen­den Teils ei­nes Jah­res un­ter den im Uni­ons­ge­biet herr­schen­den tat­säch­li­chen Fahr­be­din­gun­gen an­wend­bar wä­re, so­dass der in Art. 5 II 1 die­ser Ver­ord­nung auf­ge­stell­te Grund­satz des Ver­bots sol­cher Ab­schalt­ein­rich­tun­gen in der Pra­xis we­ni­ger häu­fig zur An­wen­dung kom­men könn­te als die­se Aus­nah­me (EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-128/20, EU:C:2022:570 Rn. 64 f. – GSMB In­vest).

[67]   Es ist Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, die Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen zu tref­fen, die für die An­wen­dung der in den Rn. 60 bis 66 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen er­for­der­lich sind.

Zur ers­ten und zur zwei­ten Fra­ge

[68]   Mit sei­nen ers­ten bei­den Fra­gen, die zu­sam­men zu be­ant­wor­ten sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob Art. 18 I, 26 I und 46 der Rah­men­richt­li­nie i. V. mit Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ne­ben all­ge­mei­nen Rechts­gü­tern die Ein­zel­in­ter­es­sen des in­di­vi­du­el­len Er­wer­bers ei­nes Kraft­fahr­zeugs ge­gen­über des­sen Her­stel­ler schüt­zen, wenn die­ses Fahr­zeug mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 aus­ge­stat­tet ist.

[69]   Dem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ist zu ent­neh­men, dass die­se Fra­gen vor dem Hin­ter­grund ge­stellt wer­den, dass nach Auf­fas­sung des vor­le­gen­den Ge­richts die Gel­tend­ma­chung des in § 823 II BGB vor­ge­se­he­nen Scha­dens­er­satz­an­spruchs durch den in­di­vi­du­el­len Käu­fer ei­nes nicht uni­ons­rechts­kon­for­men Kraft­fahr­zeugs ei­nen Ver­stoß ge­gen ein den Schutz ei­nes an­de­ren be­zwe­cken­des Ge­setz vor­aus­setzt.

[70]   In Be­zug auf Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das mit die­ser Ver­ord­nung ver­folg­te Ziel, wie sich aus ih­ren Er­wä­gungs­grün­den 1 und 6 er­gibt, dar­in be­steht, ein ho­hes Um­welt­schutz­ni­veau si­cher­zu­stel­len und zur Ver­bes­se­rung der Luft­qua­li­tät und zur Ein­hal­tung der Luft­ver­schmut­zungs­grenz­wer­te ins­be­son­de­re die Stick­stoff­oxid(NOX)-Emis­sio­nen bei Die­sel­kraft­fahr­zeu­gen zu min­dern (EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-128/20, EU:C:2022:570 Rn. 43 m. w. Nachw. – GSMB In­vest). Das in Art. 5 II 1 die­ser Ver­ord­nung auf­ge­stell­te Ver­bot der Ver­wen­dung von Ab­schalt­ein­rich­tun­gen, die die Wir­kung von Emis­si­ons­kon­troll­sys­te­men ver­rin­gern, zielt ge­ra­de dar­auf ab, die Emis­sio­nen von Schad­stof­fen zu be­gren­zen und auf die­se Wei­se zu dem mit die­ser Ver­ord­nung ver­folg­ten Ziel des Um­welt­schut­zes bei­zu­tra­gen (vgl. in die­sem Sin­ne EuGH, Urt. v. 08.11.2022 – C-873/19, EU:C:2022:857 Rn. 57 – Deut­sche Um­welt­hil­fe [Typ­ge­neh­mi­gung von Kraft­fahr­zeu­gen]).

[71]   Es ist da­her da­von aus­zu­ge­hen, dass die­se Be­stim­mung eben­so wie die Ver­ord­nung, zu der sie ge­hört, ein all­ge­mei­nes Ziel ver­folgt, das dar­in be­steht, ein ho­hes Um­welt­schutz­ni­veau si­cher­zu­stel­len.

[72]   Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Num­mer. 40 sei­ner Schluss­an­trä­ge aus­ge­führt hat, trägt die in Art. 4 III der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 vor­ge­se­he­ne Pflicht der Her­stel­ler, dem Fahr­zeug­käu­fer beim Kauf ein Schrift­stück mit An­ga­ben über die Koh­len­di­oxid­emis­sio­nen und den Kraft­stoff­ver­brauch aus­zu­hän­di­gen, zur Ver­fol­gung die­ses Ziels bei. Wie dem 17. Er­wä­gungs­grund die­ser Ver­ord­nung ent­nom­men wer­den kann, zielt die­se Pflicht näm­lich dar­auf ab, dass die Ver­brau­cher und An­wen­der zu dem Zeit­punkt, zu dem sie ih­re Kauf­ent­schei­dung tref­fen, ob­jek­ti­ve und ge­naue In­for­ma­tio­nen zur mehr oder we­ni­ger star­ken Um­welt­be­las­tung der Fahr­zeu­ge er­hal­ten.

[73]   Für die Be­ant­wor­tung der ers­ten bei­den Fra­gen ist al­ler­dings die Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 in den Kon­text zu set­zen, in den sie sich ein­fügt. Art. 5 die­ser Ver­ord­nung ist nicht nur im Hin­blick auf die ver­schie­de­nen Be­stim­mun­gen die­ser Ver­ord­nung zu prü­fen, son­dern auch im Hin­blick auf den Re­ge­lungs­rah­men für die Ge­neh­mi­gung von Kraft­fahr­zeu­gen in­ner­halb der Uni­on, in den sich die Ver­ord­nung ein­fügt (vgl. in die­sem Sin­ne EuGH, Urt. v. 17.12.2020 – C-693/18, EU:C:2020:1040 Rn. 75 – CLCV u. a. [Ab­schalt­ein­rich­tung für Die­sel­mo­to­ren]).

[74]   Art. 3 Nr. 5 der Rah­men­richt­li­nie de­fi­nier­te die „EG-Typ­ge­neh­mi­gung“ ei­nes Fahr­zeugs wie des im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den als „Ver­fah­ren, nach dem ein Mit­glied­staat be­schei­nigt, dass ein Typ ei­nes Fahr­zeugs, ei­nes Sys­tems, ei­nes Bau­teils oder ei­ner selbst­stän­di­gen tech­ni­schen Ein­heit den ein­schlä­gi­gen Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten und tech­ni­schen An­for­de­run­gen die­ser [Rah­men­richt­li­nie] und der in An­hang IV oder XI [der Rah­men­richt­li­nie] auf­ge­führ­ten Rechts­ak­te ent­spricht“. Die­ser An­hang IV („Für die EG-Typ­ge­neh­mi­gung von Fahr­zeu­gen an­zu­wen­den­de Vor­schrif­ten“) ver­wies in sei­nem Teil I („Auf­stel­lung der Rechts­ak­te für die EG-Typ­ge­neh­mi­gung von in un­be­grenz­ter Se­rie her­ge­stell­ten Fahr­zeu­gen“) für „Emis­sio­nen leich­ter Pkw und Nutz­fahr­zeu­ge (Eu­ro 5 und 6)/​Zu­gang zu In­for­ma­tio­nen“ auf die Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007.

[75]   Nach Art. 4 III Un­ter­ab­satz 1 der Rah­men­richt­li­nie ge­stat­te­ten die Mit­glied­staa­ten die Zu­las­sung, den Ver­kauf oder die In­be­trieb­nah­me von Fahr­zeu­gen nur, wenn die­se den An­for­de­run­gen die­ser Richt­li­nie ent­spra­chen.

[76]   Ge­mäß Art. 4 I der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 schließ­lich weist der Her­stel­ler nach, dass al­le von ihm ver­kauf­ten, zu­ge­las­se­nen oder in der Uni­on in Be­trieb ge­nom­me­nen Neu­fahr­zeu­ge über ei­ne Typ­ge­neh­mi­gung ge­mäß die­ser Ver­ord­nung und ih­ren Durch­füh­rungs­maß­nah­men ver­fü­gen.

[77]   Aus den in den Rand­num­mern 74 bis 76 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Be­stim­mun­gen er­gibt sich zum ei­nen, dass die Fahr­zeu­ge, die in den Gel­tungs­be­reich der Rah­men­richt­li­nie fal­len, ei­ner Typ­ge­neh­mi­gung be­dür­fen, und zum an­de­ren, dass die­se Typ­ge­neh­mi­gung nur er­teilt wer­den kann, wenn der frag­li­che Fahr­zeug­typ den Be­stim­mun­gen der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007, ins­be­son­de­re de­nen über Emis­sio­nen, zu de­nen Art. 5 die­ser Ver­ord­nung ge­hört, ent­spricht (EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-145/20, EU:C:2022:572 Rn. 52 – Por­sche In­ter Au­to und Volks­wa­gen).

[78]   Ab­ge­se­hen von die­sen An­for­de­run­gen an die EG-Typ­ge­neh­mi­gung, die an die Her­stel­ler ge­stellt wer­den, sind die­se auch ver­pflich­tet, dem in­di­vi­du­el­len Käu­fer ei­nes Fahr­zeugs ei­ne Über­ein­stim­mungs­be­schei­ni­gung aus­zu­hän­di­gen. Art. 18 I der Rah­men­richt­li­nie be­stimm­te näm­lich, dass der Her­stel­ler in sei­ner Ei­gen­schaft als In­ha­ber ei­ner EG-Typ­ge­neh­mi­gung für Fahr­zeu­ge je­dem voll­stän­di­gen, un­voll­stän­di­gen oder ver­voll­stän­dig­ten Fahr­zeug, das in Über­ein­stim­mung mit dem ge­neh­mig­ten Typ her­ge­stellt wur­de, ei­ne Über­ein­stim­mungs­be­schei­ni­gung bei­legt.

[79]   Nach Art. 26 I der Rah­men­richt­li­nie war die­se Be­schei­ni­gung für die Zu­las­sung, den Ver­kauf oder die In­be­trieb­nah­me ei­nes Fahr­zeugs zwin­gend vor­ge­schrie­ben. Die­se Pflicht er­klärt sich durch den Um­stand, dass die­se Be­schei­ni­gung ge­mäß der De­fi­ni­ti­on, die da­für in Art. 3 Nr. 36 die­ser Richt­li­nie ge­ge­ben wur­de, das „vom Her­stel­ler aus­ge­stell­te Do­ku­ment [ist], mit dem be­schei­nigt wird, dass ein Fahr­zeug aus der Bau­rei­he ei­nes nach die­ser [Rah­men­richt­li­nie] ge­neh­mig­ten Typs zum Zeit­punkt sei­ner Her­stel­lung al­len Rechts­ak­ten ent­spricht“.

[80]   Des Wei­te­ren sol­len die in Art. 46 der Rah­men­richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Sank­tio­nen ne­ben dem mit die­sem Ar­ti­kel ver­folg­ten Ziel der Schaf­fung und des Funk­tio­nie­rens ei­nes Bin­nen­markts mit fai­rem Wett­be­werb zwi­schen den Her­stel­lern auch ge­währ­leis­ten, dass der Käu­fer ei­nes Fahr­zeugs im Be­sitz ei­ner Über­ein­stim­mungs­be­schei­ni­gung ist, die es ihm er­laubt, das Fahr­zeug ge­mäß An­hang IX die­ser Richt­li­nie in je­dem Mit­glied­staat zu­zu­las­sen, oh­ne zu­sätz­li­che tech­ni­sche Un­ter­la­gen vor­le­gen zu müs­sen (EuGH, Urt. v. 04.10.2018 – C-668/16, EU:C:2018:802 Rn. 87 – Kom­mis­si­on/​Deutsch­land).

[81]   Wenn ein in­di­vi­du­el­ler Käu­fer ein Fahr­zeug er­wirbt, das zur Se­rie ei­nes ge­neh­mig­ten Fahr­zeug­typs ge­hört und so­mit mit ei­ner Über­ein­stim­mungs­be­schei­ni­gung ver­se­hen ist, kann er so­mit ver­nünf­ti­ger­wei­se er­war­ten, dass die Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 und ins­be­son­de­re de­ren Art. 5 bei die­sem Fahr­zeug ein­ge­hal­ten wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-145/20, EU:C:2022:572 Rn. 54 – Por­sche In­ter Au­to und Volks­wa­gen).

[82]   In­fol­ge­des­sen er­gibt sich aus den in den Rand­num­mern 78 bis 80 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Be­stim­mun­gen der Rah­men­richt­li­nie, dass die­se ei­ne un­mit­tel­ba­re Ver­bin­dung zwi­schen dem Au­to­mo­bil­her­stel­ler und dem in­di­vi­du­el­len Käu­fer ei­nes Kraft­fahr­zeugs her­stellt, mit der die­sem ge­währ­leis­tet wer­den soll, dass das Fahr­zeug mit den maß­geb­li­chen Rechts­vor­schrif­ten der Uni­on über­ein­stimmt. Da der Her­stel­ler ei­nes Fahr­zeugs bei der Aus­hän­di­gung der Über­ein­stim­mungs­be­schei­ni­gung an den in­di­vi­du­el­len Käu­fer des Fahr­zeugs für die Zu­las­sung, den Ver­kauf oder die In­be­trieb­nah­me die­ses Fahr­zeugs die sich aus Art. 5 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 er­ge­ben­den An­for­de­run­gen be­ach­ten muss, er­mög­licht die­se Be­schei­ni­gung ins­be­son­de­re, den Käu­fer da­vor zu schüt­zen, dass der Her­stel­ler sei­ne Pflicht, im Ein­klang mit die­ser Be­stim­mung ste­hen­de Fahr­zeu­ge auf den Markt zu brin­gen, nicht ein­hält.

[83]   Es ist in­des nicht aus­ge­schlos­sen, dass ein Fahr­zeug­typ, der über ei­ne EG-Typ­ge­neh­mi­gung ver­fügt, mit der die­ses Fahr­zeug auf der Stra­ße ver­wen­det wer­den kann, ur­sprüng­lich von der Typ­ge­neh­mi­gungs­be­hör­de ge­neh­migt wor­den sein kann, oh­ne dass ihr das Vor­han­den­sein der … ge­nann­ten Soft­ware of­fen­bart wur­de. Die Rah­men­richt­li­nie spricht den Fall an, dass die Un­zu­läs­sig­keit ei­nes Bau­teils ei­nes Fahr­zeugs, zum Bei­spiel im Hin­blick auf die An­for­de­run­gen von Art. 5 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007, erst nach die­ser Ge­neh­mi­gung ent­deckt wird. So sieht Art. 8 VI der Rah­men­richt­li­nie vor, dass die­se Be­hör­de die Typ­ge­neh­mi­gung ei­nes Fahr­zeugs ent­zie­hen kann. Au­ßer­dem er­gibt sich aus Art. 13 I 1 und 3 der Rah­men­richt­li­nie, dass ein Mit­glied­staat, der die EG-Typ­ge­neh­mi­gung er­teilt hat, dann, wenn ihn der Her­stel­ler über ei­ne Än­de­rung der An­ga­ben in den Be­schrei­bungs­un­ter­la­gen un­ter­rich­tet, im Be­neh­men mit dem Her­stel­ler ent­schei­den kann, dass ei­ne neue EG-Typ­ge­neh­mi­gung zu er­tei­len ist, so­fern dies er­for­der­lich ist (vgl. in die­sem Sin­ne EuGH, Urt. v. 14.07.2022 – C-145/20, EU:C:2022:572 Rn. 56 – Por­sche In­ter Au­to und Volks­wa­gen). Fer­ner sah Art. 30 I der Rah­men­richt­li­nie vor, dass ein Mit­glied­staat, der ei­ne EG-Typ­ge­neh­mi­gung er­teilt hat, wenn er ei­ne feh­len­de Über­ein­stim­mung mit dem Fahr­zeug­typ, für den er die Ge­neh­mi­gung er­teilt hat, fest­stellt, die not­wen­di­gen Maß­nah­men, ein­schließ­lich er­for­der­li­chen­falls ei­nes Ent­zugs der Typ­ge­neh­mi­gung, er­greift, um si­cher­zu­stel­len, dass die Fahr­zeu­ge mit dem je­weils ge­neh­mig­ten Typ in Über­ein­stim­mung ge­bracht wer­den.

[84]   In­fol­ge­des­sen kann die nach Er­tei­lung der EG-Typ­ge­neh­mi­gung für die­ses Fahr­zeug ent­deck­te Un­zu­läs­sig­keit ei­ner Ab­schalt­ein­rich­tung, mit der ein Kraft­fahr­zeug aus­ge­rüs­tet ist, die Gül­tig­keit die­ser Ge­neh­mi­gung und dar­an an­schlie­ßend die der Über­ein­stim­mungs­be­schei­ni­gung, mit der be­schei­nigt wer­den soll, dass die­ses Fahr­zeug, das zur Bau­rei­he des ge­neh­mig­ten Typs ge­hört, zum Zeit­punkt sei­ner Her­stel­lung al­len Rechts­ak­ten ent­sprach, in­fra­ge stel­len. In An­be­tracht der in Art. 26 I der Rah­men­richt­li­nie ge­nann­ten Re­gel kann die­se Un­zu­läs­sig­keit so­mit un­ter an­de­rem ei­ne Un­si­cher­heit hin­sicht­lich der Mög­lich­keit her­vor­ru­fen, das Fahr­zeug an­zu­mel­den, zu ver­kau­fen oder in Be­trieb zu neh­men, und letzt­lich beim Käu­fer ei­nes mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung aus­ge­rüs­te­ten Fahr­zeugs zu ei­nem Scha­den füh­ren.

[85]   Nach al­le­dem ist auf die ers­ten bei­den Fra­gen zu ant­wor­ten, dass Art. 18 I, 26 I und 46 der Rah­men­richt­li­nie i. V. mit Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ne­ben all­ge­mei­nen Rechts­gü­tern die Ein­zel­in­ter­es­sen des in­di­vi­du­el­len Käu­fers ei­nes Kraft­fahr­zeugs ge­gen­über des­sen Her­stel­ler schüt­zen, wenn die­ses Fahr­zeug mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II die­ser Ver­ord­nung aus­ge­stat­tet ist.

Zur drit­ten und zur vier­ten Fra­ge

[86]   In An­be­tracht der Ant­wort auf die ers­ten bei­den Fra­gen sind die drit­te und die vier­te Fra­ge nicht zu be­ant­wor­ten.

Zur fünf­ten und zur sechs­ten Fra­ge

[87]   Mit sei­ner fünf­ten und sei­ner sechs­ten Fra­ge, die zu­sam­men zu prü­fen sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob das Uni­ons­recht da­hin aus­zu­le­gen ist, dass es im Rah­men des Er­sat­zes des Scha­dens, der ei­nem Käu­fer ei­nes mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 aus­ge­rüs­te­ten Fahr­zeugs ent­stan­den ist, dem ent­ge­gen­steht, dass der Nut­zungs­vor­teil für die tat­säch­li­che Nut­zung des Fahr­zeugs auf die Rück­zah­lung des Kauf­prei­ses die­ses Fahr­zeugs an­ge­rech­net wird, und, soll­te dies nicht der Fall sein, dass sich die­ser Nut­zungs­vor­teil am vol­len Kauf­preis die­ses Fahr­zeugs be­misst.

[88]   Hier­zu ist fest­zu­stel­len, dass, wie aus der Ant­wort auf die ers­ten bei­den Fra­gen her­vor­geht, Art. 18 I, 26 I und 46 der Rah­men­richt­li­nie i. V. mit Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 die Ein­zel­in­ter­es­sen des in­di­vi­du­el­len Käu­fers ei­nes Kraft­fahr­zeugs ge­gen­über des­sen Her­stel­ler schüt­zen, wenn die­ses Fahr­zeug mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II die­ser Ver­ord­nung aus­ge­stat­tet ist.

[89]   So­mit geht aus die­sen Be­stim­mun­gen her­vor, dass ein in­di­vi­du­el­ler Käu­fer ei­nes Kraft­fahr­zeugs ge­gen den Her­stel­ler die­ses Fahr­zeugs ei­nen An­spruch dar­auf hat, dass die­ses Fahr­zeug nicht mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II die­ser Ver­ord­nung aus­ge­stat­tet ist.

[90]   Des Wei­te­ren ist es, wie be­reits im We­sent­li­chen in Rand­num­mer 80 des vor­lie­gen­den Ur­teils fest­ge­stellt wor­den ist, nach Art. 46 der Rah­men­richt­li­nie Sa­che der Mit­glied­staa­ten, die Sank­tio­nen fest­zu­le­gen, die im Fall der Nicht­be­ach­tung der Richt­li­ni­en­be­stim­mun­gen an­wend­bar sind. Die­se Sank­tio­nen müs­sen wirk­sam, ver­hält­nis­mä­ßig und ab­schre­ckend sein. Dar­über hin­aus le­gen die Mit­glied­staa­ten ge­mäß Art. 13 I der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 für Ver­stö­ße ge­gen die Vor­schrif­ten die­ser Ver­ord­nung Sank­tio­nen fest. Die­se Sank­tio­nen müs­sen wirk­sam, ver­hält­nis­mä­ßig und ab­schre­ckend sein.

[91]   Un­ter die­sen Um­stän­den ist fest­zu­stel­len, dass sich aus Art. 18 I, 26 I und 46 der Rah­men­richt­li­nie i. V. mit Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 er­gibt, dass die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen müs­sen, dass der Käu­fer ei­nes mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II die­ser Ver­ord­nung aus­ge­stat­te­ten Fahr­zeugs ei­nen An­spruch auf Scha­dens­er­satz durch den Her­stel­ler die­ses Fahr­zeugs hat, wenn dem Käu­fer durch die­se Ab­schalt­ein­rich­tung ein Scha­den ent­stan­den ist.

[92]   In Er­man­ge­lung uni­ons­recht­li­cher Vor­schrif­ten über die Mo­da­li­tä­ten für die Er­lan­gung ei­nes sol­chen Er­sat­zes durch die be­tref­fen­den Käu­fer we­gen des Er­werbs ei­nes sol­chen Fahr­zeugs ist es Sa­che je­des ein­zel­nen Mit­glied­staats, die­se Mo­da­li­tä­ten fest­zu­le­gen.

[93]   Al­ler­dings stün­den na­tio­na­le Rechts­vor­schrif­ten, die es dem Käu­fer ei­nes Kraft­fahr­zeugs prak­tisch un­mög­lich ma­chen oder über­mä­ßig er­schwe­ren, ei­nen an­ge­mes­se­nen Er­satz des Scha­dens zu er­hal­ten, der ihm durch den Ver­stoß des Her­stel­lers die­ses Fahr­zeugs ge­gen das in Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 ent­hal­te­ne Ver­bot ent­stan­den ist, nicht mit dem Grund­satz der Ef­fek­ti­vi­tät in Ein­klang.

[94]   Un­ter die­sem Vor­be­halt ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die na­tio­na­len Ge­rich­te be­fugt sind, da­für Sor­ge zu tra­gen, dass der Schutz der uni­ons­recht­lich ge­währ­leis­te­ten Rech­te nicht zu ei­ner un­ge­recht­fer­tig­ten Be­rei­che­rung der An­spruchs­be­rech­tig­ten führt (EuGH, Urt. v. 25.03.2021 – C-501/18, EU:C:2021:249 Rn. 125 – Bal­gars­ka Nar­od­na Ban­ka).

[95]   Im vor­lie­gen­den Fall wird das vor­le­gen­de Ge­richt zu prü­fen ha­ben, ob die An­rech­nung des Nut­zungs­vor­teils für die tat­säch­li­che Nut­zung des in Re­de ste­hen­den Fahr­zeugs dem be­tref­fen­den Käu­fer ei­ne an­ge­mes­se­ne Ent­schä­di­gung ge­währ­leis­tet, so­weit fest­ge­stellt wird, dass die­sem im Zu­sam­men­hang mit dem Ein­bau ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 in die­ses Fahr­zeug ein Scha­den ent­stan­den ist.

[96]   Dem­entspre­chend ist auf die fünf­te und die sechs­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass das Uni­ons­recht da­hin aus­zu­le­gen ist, dass es in Er­man­ge­lung ein­schlä­gi­ger uni­ons­recht­li­cher Vor­schrif­ten Sa­che des Rechts des be­tref­fen­den Mit­glied­staats ist, die Vor­schrif­ten über den Er­satz des Scha­dens fest­zu­le­gen, der dem Käu­fer ei­nes mit ei­ner un­zu­läs­si­gen Ab­schalt­ein­rich­tung i. S. von Art. 5 II der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 aus­ge­stat­te­ten Fahr­zeugs tat­säch­lich ent­stan­den ist, vor­aus­ge­setzt, dass die­ser Er­satz in ei­nem an­ge­mes­se­nen Ver­hält­nis zum ent­stan­de­nen Scha­den steht.

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