Im Fal­le ei­ner nur quo­ten­mä­ßi­gen Haf­tung des Schä­di­gers hat die­ser dem Ge­schä­dig­ten des­sen Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten nur im Um­fang der Haf­tungs­quo­te zu er­stat­ten.

BGH, Ur­teil vom 07.02.2012 – VI ZR 133/11

Sach­ver­halt: Der Klä­ger be­fuhr am 06.03.2008 mit sei­nem Pkw die Fried­rich­stra­ße in N., um an der mit ei­ner Licht­zei­chen­an­la­ge ge­re­gel­ten Kreu­zung nach links in die Frank­fur­ter Stra­ße ab­zu­bie­gen. Der Be­klag­te zu 1 be­fuhr mit ei­nem Pkw, der bei der Be­klag­ten zu 2 haft­pflicht­ver­si­chert ist, die auf die­se Kreu­zung in Ge­gen­rich­tung zu­füh­ren­de Wil­helm­stra­ße. Er be­ab­sich­tig­te, ge­ra­de­aus in die Fried­rich­stra­ße wei­ter­zu­fah­ren. Im Kreu­zungs­be­reich kam es zur Kol­li­si­on bei­der Fahr­zeu­ge, die je­weils auf der rech­ten Sei­te be­schä­digt wur­den.

Der vom Klä­ger be­auf­trag­te Sach­ver­stän­di­ge schätz­te den Wie­der­be­schaf­fungs­wert sei­nes Pkw auf 7.300 € brut­to und den Rest­wert auf 2.700 €. Der Klä­ger hat Er­satz des Wie­der­be­schaf­fungs­auf­wands von 4.600 € und der Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten von 747,57 €, die Zah­lung ei­ner Kos­ten­pau­scha­le von 26 € und die Er­stat­tung vor­ge­richt­li­cher An­walts­kos­ten be­gehrt.

Das Land­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Auf die Be­ru­fung des Klä­gers hat das Ober­lan­des­ge­richt ihr in Hö­he von 2.988,02 € nebst Zin­sen so­wie hin­sicht­lich ei­nes Teils der gel­tend ge­mach­ten An­walts­kos­ten statt­ge­ge­ben. Es hat dem Klä­ger je­weils 50 % des mit 4.428,90 € er­rech­ne­ten Net­to­wie­der­be­schaf­fungs­auf­wands und der Kos­ten­pau­scha­le nebst Um­mel­de­kos­ten von ins­ge­samt 52 € zu­er­kannt und ihm ei­nen An­spruch auf voll­um­fäng­li­chen Er­satz der Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten von 747,57 € zu­ge­bil­ligt.

Mit ih­rer Re­vi­si­on er­stre­ben die Be­klag­ten die Wie­der­her­stel­lung des land­ge­richt­li­chen Ur­teils, so­weit sie zur Zah­lung von mehr als 579,91 € nebst Zin­sen und zur Er­stat­tung vor­ge­richt­li­cher Kos­ten von mehr als 41,77 € nebst Zin­sen ver­ur­teilt wor­den sind. Das Rechts­mit­tel hat­te Er­folg.

Aus den Grün­den: [2]    I. Das Be­ru­fungs­ge­richt … bil­ligt dem Klä­ger ge­mäß §§ 7 I, 17 I StVG i. V. mit § 115 I VVG ei­nen An­spruch auf Er­satz der Hälf­te des ihm ent­stan­de­nen Scha­dens zu. So­wohl der Klä­ger als auch der Be­klag­te zu 1 hät­ten ge­gen Ver­kehrs­vor­schrif­ten ver­sto­ßen. Der Klä­ger ha­be als Links­ab­bie­ger das Vor­recht des ihm ent­ge­gen­kom­men­den Be­klag­ten zu 1 miss­ach­tet (§ 9 III StVO); der Be­klag­te zu 1 ha­be ge­gen § 37 II StVO ver­sto­ßen, in­dem er bei Gelb oder so­gar bei Rot in die Kreu­zung ein­ge­fah­ren sei. Da bei­de Sorg­falts­pflicht­ver­stö­ße gleich schwer­wie­gend sei­en, sei ei­ne hälf­ti­ge Haf­tungs­tei­lung ge­recht­fer­tigt. Die Haf­tungs­quo­te gel­te für den zu er­set­zen­den Wie­der­be­schaf­fungs­auf­wand und die Kos­ten­pau­scha­le, nicht je­doch auch für die gel­tend ge­mach­ten Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten. Die­se sei­en viel­mehr voll­um­fäng­lich zu er­set­zen, weil es sich um Kos­ten han­de­le, die in vol­ler Hö­he der Scha­dens­fest­stel­lung dien­ten. Ei­ne Quo­telung sol­cher Kos­ten kön­ne nur in Be­tracht kom­men, wenn der Ge­schä­dig­te die Mög­lich­keit ha­be, ihr Ent­ste­hen ent­spre­chend der spä­te­ren ge­richt­li­chen Quo­telung zu be­gren­zen, er mit­hin bei kor­rek­ter Ein­schät­zung der Haf­tungs­quo­te nicht auf ei­nem Teil des Scha­dens sit­zen blei­be. Dies sei ihm in der Pra­xis aber nicht mög­lich. Da der Ge­schä­dig­te viel­mehr im­mer den ge­sam­ten Fahr­zeug­scha­den durch ei­nen Gut­ach­ter er­mit­teln las­sen müs­se, sei­en die Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten auch im Fal­le ei­ner Haf­tungs­tei­lung in vol­lem Um­fang er­for­der­li­che Kos­ten der Scha­dens­fest­stel­lung. Da die ober­ge­richt­li­che Recht­spre­chung hier­zu un­ein­heit­lich sei, wer­de die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen.

[3]    II. 1. Die Re­vi­si­on ist zu­läs­sig. Sie ist ins­be­son­de­re un­ein­ge­schränkt statt­haft (§ 543 I Nr. 1 ZPO) …

[4]    2. Die Re­vi­si­on ist be­grün­det.

[5]    a) Sie be­an­stan­det mit Er­folg die Aus­füh­run­gen des Be­ru­fungs­ge­richts zur Ab­wä­gung der bei­der­sei­ti­gen Ver­ur­sa­chungs- und Ver­ant­wor­tungs­bei­trä­ge nach § 17 I und II StVG. Die Ent­schei­dung über ei­ne Haf­tungs­ver­tei­lung im Rah­men des § 254 BGB oder des § 17 StVG ist zwar grund­sätz­lich Sa­che des Tatrich­ters und im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren nur dar­auf zu über­prü­fen, ob der Tatrich­ter al­le in Be­tracht kom­men­den Um­stän­de voll­stän­dig und rich­tig be­rück­sich­tigt und der Ab­wä­gung recht­lich zu­läs­si­ge Er­wä­gun­gen zu­grun­de ge­legt hat (vgl. Se­nat, Urt. vom 13.12.2005 – VI ZR 68/04, VersR 2006, 369 Rn. 16; Urt. v. 16.10.2007 – VI ZR 173/06, VersR 2008, 126 Rn. 16; Urt. v. 17.11.2009 – VI ZR 58/08, VersR 2010, 270 Rn. 11; Urt. v. 01.12.2009 – VI ZR 221/08, VersR 2010, 642 Rn. 13, je­weils m. w. Nachw.; BGH, Urt. v. 20.07.1999 – X ZR 139/96, NJW 2000, 217 [219]; Urt. v. 14.09.1999 – X ZR 89/97, NJW 2000, 280 [281 f.]). Die Ab­wä­gung ist auf­grund al­ler fest­ge­stell­ten, das heißt un­strei­ti­gen, zu­ge­stan­de­nen oder nach § 286 ZPO be­wie­se­nen (vgl. Se­nat, Urt. v. 26.04.2005 – VI ZR 228/03, VersR 2005, 954 [956]) Um­stän­de des Ein­zel­falls vor­zu­neh­men, wenn sie sich auf den Un­fall aus­ge­wirkt ha­ben; in ers­ter Li­nie ist hier­bei das Maß der Ver­ur­sa­chung von Be­lang, in dem die Be­tei­lig­ten zur Scha­dens­ent­ste­hung bei­ge­tra­gen ha­ben (Se­nat, Urt. v. 20.09.2011 – VI ZR 282/10, VersR 2011, 1540 Rn. 14 m. w. Nachw.); das bei­der­sei­ti­ge Ver­schul­den ist nur ein Fak­tor der Ab­wä­gung. Ei­ner Über­prü­fung nach die­sen Grund­sät­zen hält das Be­ru­fungs­ur­teil nicht stand.

[6]    b) Die Re­vi­si­on wen­det sich mit Er­folg da­ge­gen, dass das Be­ru­fungs­ge­richt den Ver­ur­sa­chungs­bei­trag des Be­klag­ten zu 1 als eben­so schwer­wie­gend be­wer­tet hat wie den­je­ni­gen des Klä­gers. Ei­ne sol­che Be­ur­tei­lung be­rück­sich­tigt nicht in hin­rei­chen­dem Maß das un­ter­schied­li­che Ge­wicht der bei­der­sei­ti­gen Ver­kehrs­ver­stö­ße.

[7]    aa) Das Be­ru­fungs­ge­richt hat nicht fest­ge­stellt, dass der Be­klag­te zu 1 bei Rot in die Kreu­zung ein­ge­fah­ren ist, son­dern hält dies nur für mög­lich. Im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren ist des­halb zu­guns­ten der Be­klag­ten zu un­ter­stel­len, dass die Licht­zei­chen­an­la­ge für den Be­klag­ten zu 1 noch nicht auf Rot um­ge­sprun­gen war. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat al­ler­dings fest­ge­stellt, dass der Be­klag­te zu 1 in die Kreu­zung ein­ge­fah­ren ist, ob­wohl die Licht­zei­chen­an­la­ge für ihn schon län­ge­re Zeit Gelb zeig­te. Dar­in hat es mit Recht ei­nen Ver­stoß ge­gen § 37 II 3 Nr. 1 StVO ge­se­hen, wo­nach das Wech­sel­licht­zei­chen Gelb an ei­ner Kreu­zung an­ord­net, auf das nächs­te Zei­chen zu war­ten. Hier­ge­gen hat der Be­klag­te zu 1 ver­sto­ßen, denn das Be­ru­fungs­ge­richt nimmt an, dass er in die Kreu­zung ein­ge­fah­ren ist, ob­wohl die Licht­zei­chen­an­la­ge für ihn schon meh­re­re Se­kun­den lang Gelb zeig­te. Im Hin­blick dar­auf ist es da­von aus­ge­gan­gen, dass es ihm mög­lich ge­we­sen wä­re, sei­nen Pkw vor der Kreu­zung an­zu­hal­ten, wo­zu er mit­hin auch ver­pflich­tet ge­we­sen wä­re.

[8]    bb) Rechts­feh­ler­haft hat das Be­ru­fungs­ge­richt die­sen un­fall­ur­säch­li­chen Ver­kehrs­ver­stoß des Be­klag­ten zu 1 in­des­sen als eben­so schwer­wie­gend be­wer­tet wie das Ver­kehrs­ver­hal­ten des Klä­gers. Letz­te­rer ist an der Kreu­zung nach links ab­ge­bo­gen, ob­wohl ihm er­kenn­bar der von dem Be­klag­ten zu 1 ge­lenk­te Pkw ent­ge­gen­kam. Da­mit hat der Klä­ger, wie auch das Be­ru­fungs­ge­richt nicht ver­kannt hat, ge­gen § 9 III 1 StVO ver­sto­ßen. Nach die­ser Vor­schrift muss, wer links ab­bie­gen will, ent­ge­gen­kom­men­de Fahr­zeu­ge durch­fah­ren las­sen. Den Links­ab­bie­ger trifft mit­hin ei­ne War­te­pflicht. De­ren Nicht­be­ach­tung stellt nach stän­di­ger Recht­spre­chung ei­nen be­son­ders schwer­wie­gen­den Ver­kehrs­ver­stoß dar. Ge­nügt ein Ver­kehrs­teil­neh­mer die­ser War­te­pflicht nicht und kommt es des­halb zu ei­nem Un­fall, hat er in der Re­gel, wenn kei­ne Be­son­der­hei­ten vor­lie­gen, in vol­lem Um­fang oder doch zu­min­dest zum größ­ten Teil für die Un­fall­fol­gen zu haf­ten (vgl. Se­nat, Urt. v. 11.01.2005 – VI ZR 352/03, VersR 2005, 702 m. w. Nachw.). Der Links­ab­bie­ger muss den Vor­rang des Ge­gen­ver­kehrs grund­sätz­lich auch dann be­ach­ten, wenn die­ser bei Gelb oder bei frü­hem Rot ein­fährt (Gre­ger, Haf­tungs­recht des Stra­ßen­ver­kehrs, 4. Aufl. [2007], Stand: 10.01.2010, § 14 Rn. 125). Selbst ei­ne er­heb­li­che Ge­schwin­dig­keits­über­schrei­tung des ge­ra­de­aus Fah­ren­den hebt des­sen Vor­recht nicht auf (vgl. Se­nat, Urt. v. 14.02.1984 – VI ZR 229/82, VersR 1984, 440; OLG Hamm, NZV 2001, 520). In Fall­ge­stal­tun­gen die­ser Art wird al­ler­dings je nach Ge­wich­tung der bei­der­sei­ti­gen Ver­ur­sa­chungs­an­tei­le un­ter Be­rück­sich­ti­gung der je­wei­li­gen kon­kre­ten Um­stän­de re­gel­mä­ßig ei­ne Mit­haf­tung bei­der Un­fall­be­tei­lig­ter an­zu­neh­men sein. Ei­ne über­wie­gen­de Haf­tung des ge­ra­de­aus Fah­ren­den als auch ei­ne Haf­tungs­quo­te von 50 % ist nur aus­nahms­wei­se in be­son­ders ge­la­ger­ten Ein­zel­fäl­len ge­recht­fer­tigt (vgl. Grü­ne­berg, Haf­tungs­quo­ten bei Ver­kehrs­un­fäl­len, 12. Aufl., Rn. 222 und Vor­be­mer­kung vor Rn. 221). Ei­ne Haf­tungs­tei­lung je zur Hälf­te ist in der Recht­spre­chung teil­wei­se bei ei­ner Kol­li­si­on zwi­schen dem war­te­pflich­ti­gen Links­ab­bie­ger und ei­nem ent­ge­gen­kom­men­den Ver­kehrs­teil­neh­mer auf ei­ner mit ei­ner Licht­zei­chen­an­la­ge ge­re­gel­ten Kreu­zung et­wa dann an­ge­nom­men wor­den, wenn der ent­ge­gen­kom­men­de Un­fall­geg­ner in spä­ter Gelb­pha­se oder be­gin­nen­der Rot­pha­se an an­de­ren, auf ei­nem par­al­le­len Fahr­strei­fen be­reits hal­ten­den Fahr­zeu­gen vor­bei in den Kreu­zungs­be­reich ein­ge­fah­ren ist (vgl. OLG Düs­sel­dorf, Urt. v. 16.10.1975 – 12 U 156/74, r+s 1976, 205; KG, Ver­k­Mitt 1984, 36 f.; OLG Hamm, VersR 90, 99). Um ei­ne sol­che oder ei­ne ähn­lich zu be­wer­ten­de Fall­ge­stal­tung han­delt es sich vor­lie­gend je­doch nicht.

[9]    cc) Das Be­ru­fungs­ge­richt hat ab­ge­se­hen von dem Gelb­licht­ver­stoß des Be­klag­ten zu 1 kei­ne Be­son­der­hei­ten fest­ge­stellt, die vor­lie­gend ein Ab­wei­chen von dem all­ge­mei­nen Grund­satz recht­fer­ti­gen könn­ten, dass der Links­ab­bie­ger, der die ihn ge­mäß § 9 III 1 StVO ge­gen­über dem Ge­gen­ver­kehr tref­fen­de War­te­pflicht miss­ach­tet, re­gel­mä­ßig in vol­lem Um­fang al­lein oder doch zu­min­dest zum größ­ten Teil für die Un­fall­fol­gen zu haf­ten hat. Im Hin­blick dar­auf er­weist sich die vor­ge­nom­me­ne Ab­wä­gung der bei­der­sei­ti­gen Ver­ur­sa­chungs­an­tei­le als rechts­feh­ler­haft. Bei die­ser Sach­la­ge kann die an­ge­ord­ne­te Haf­tungs­quo­te von 50 % kei­nen Be­stand ha­ben.

[10]   c) Die Re­vi­si­on hat auch in­so­weit Er­folg, als sie sich da­ge­gen wen­det, dass das Be­ru­fungs­ge­richt dem Klä­ger trotz An­nah­me ei­ner Mit­haf­tungs­quo­te von 50 % ei­nen An­spruch auf voll­um­fäng­li­chen Er­satz der Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten zu­ge­bil­ligt hat. Der in der Recht­spre­chung und im Schrift­tum ver­ein­zelt ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, der Schä­di­ger ha­be auch im Fal­le ei­ner nur quo­ten­mä­ßi­gen Haf­tung dem Ge­schä­dig­ten des­sen Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten zu 100 % zu er­stat­ten, ver­mag der er­ken­nen­de Se­nat nicht zu fol­gen.

[11]   aa) Nach der au­ßer vom Be­ru­fungs­ge­richt ins­be­son­de­re vom OLG Ros­tock (vgl. OLG Ros­tock, DAR 2011, 263 [264]; NJW 2011, 1973 f. mit Anm. Bal­ke, SVR 2011, 337 f. und Anm. Nu­gel, ju­ris­PR-Ver­kR 10/2011 Anm. 2) im An­schluss an das AG Sieg­burg (vgl. AG Sieg­burg, Urt. v. 31.03.2010 – 111 C 10/10, NJW 2010, 2289 mit Anm. Pop­pe, ju­ris­PR-Ver­kR 12/2010 Anm. 1; Win­ne­feld, DAR 1996, 75) und ver­ein­zel­ten Stim­men in der Li­te­ra­tur (vgl. Pop­pe, DAR 2005, 669 f.; ders., ju­ris­PR-Ver­kR 12/2010 Anm. 1; Kap­pus, DAR 2010, 727 [729]; Ja­netz, SVR 2011, 213 f.) ver­tre­te­nen Auf­fas­sung ist der An­spruch auf Er­satz der Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten nicht ent­spre­chend der Ver­ur­sa­chungs­quo­te zu kür­zen. Die­se Kos­ten sei­en viel­mehr in vol­lem Um­fang er­stat­tungs­fä­hig, weil sie nur ent­stün­den, wenn der Ge­schä­dig­te sei­nen er­stat­tungs­fä­hi­gen An­teil des Ge­samt­scha­dens ge­gen­über dem Schä­di­ger be­zif­fern und be­le­gen müs­se; sie fie­len über­haupt nicht an, wenn der Ge­schä­dig­te den Un­fall al­lein ver­ur­sacht ha­be, und dien­ten aus­schließ­lich da­zu, den auf­grund der je­wei­li­gen Haf­tungs­quo­te er­stat­tungs­fä­hi­gen An­teil von dem Schä­di­ger er­setzt zu be­kom­men. Auch kön­ne hier nicht – an­ders als bei den Rechts­an­walts­kos­ten – ein An­teil ent­spre­chend den Scha­dens­ver­ur­sa­chungs­bei­trä­gen er­rech­net wer­den, weil der Sach­ver­stän­di­ge sei­ne Leis­tung in­so­weit nicht tei­len kön­ne.

[12]   bb) Die­se Auf­fas­sung ist ab­zu­leh­nen, denn sie fin­det im Ge­setz kei­ne Stüt­ze und ist mit den Grund­sät­zen des Scha­dens­er­satz­rechts nicht ver­ein­bar (vgl. OLG Düs­sel­dorf, r+s 2011, 268 f. mit Anm. Bal­ke, SVR 2011, 335 ff. und Anm. Wen­ker, ju­ris­PR-Ver­kR 11/2011 Anm. 3; OLG Cel­le, Urt. v. 24.08.2011 – 14 U 47/11, ju­ris mit Anm. Wen­ker, ju­ris­PR-Ver­kR 23/2011 Anm. 3; vgl. auch LG Au­rich, SP 2011, 281; AG Lands­hut, SP 2010, 404; Wort­mann, NJW 2011, 3482 [3483 f.]).

[13]   (1) Wird ein Fahr­zeug bei ei­nem Ver­kehrs­un­fall be­schä­digt, hat der Schä­di­ger dem Ge­schä­dig­ten nach § 249 II 1 BGB den zur Wie­der­her­stel­lung der be­schä­dig­ten Sa­che er­for­der­li­chen Geld­be­trag zu zah­len. So­weit zur Gel­tend­ma­chung des Scha­dens­er­satz­an­spruchs ei­ne Be­gut­ach­tung durch ei­nen Sach­ver­stän­di­gen er­for­der­lich und zweck­mä­ßig ist, ge­hö­ren die Kos­ten ei­nes vom Ge­schä­dig­ten ein­ge­hol­ten Scha­dens­gut­ach­tens zu den mit dem Scha­den un­mit­tel­bar ver­bun­de­nen und gem. § 249 I BGB aus­zu­glei­chen­den Ver­mö­gens­nach­tei­len (vgl. Se­nat, Urt. v. 30.11.2004 – VI ZR 365/03, VersR 2005, 380; Urt. v. 23.01.2007 – VI ZR 67/06, VersR 2007, 560 Rn. 11; BGH, Urt. v. 29.11.1988 – X ZR 112/87, NJW-RR 1989, 953 [956]). Eben­so kön­nen die­se Kos­ten zu dem nach § 249 II 1 BGB er­for­der­li­chen Her­stel­lungs­auf­wand ge­hö­ren, wenn ei­ne vor­he­ri­ge Be­gut­ach­tung zur tat­säch­li­chen Durch­füh­rung der Wie­der­her­stel­lung er­for­der­lich und zweck­mä­ßig ist (vgl. Se­nat, Urt. v. 06.11.1973 – VI ZR 27/73, VersR 1974, 90; Urt. v. 29.01.1985 – VI ZR 59/84, VersR 1985, 441 [442]; Urt. v. 30.11.2004 – VI ZR 365/03, VersR 2005, 380; Urt. v. 23.01.2007 – VI ZR 67/06, VersR 2007, 560 Rn. 11; Wort­mann, VersR 1998, 1204 [1210 f.]). Un­ter bei­den Ge­sichts­punk­ten sind die­se Kos­ten grund­sätz­lich in vol­lem Um­fang er­stat­tungs­fä­hig.

[14]   (2) Ist der ge­schä­dig­te Fahr­zeug­hal­ter in er­heb­li­cher Wei­se für den Scha­den mit­ver­ant­wort­lich, so führt dies nach § 17 I und II StVG al­ler­dings zu ei­ner Be­schrän­kung von Grund und Um­fang des Scha­dens­er­satz­an­spruchs. Die Be­stim­mung sta­tu­iert – eben­so wie § 254 I BGB, § 9 StVG und § 4 Haft­PflG – ei­ne Aus­nah­me von dem Grund­satz der To­tal­re­pa­ra­ti­on (Al­les-oder-Nichts-Prin­zip des Scha­dens­er­satz­rechts). Sie hat zur Fol­ge, dass auch der An­spruch auf Er­satz der Kos­ten ei­nes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens nur un­ge­schmä­lert fort­be­ste­hen kann, wenn sich aus „den Um­stän­den“, ins­be­son­de­re aus der Fest­stel­lung, „in­wie­weit der Scha­den vor­wie­gend von dem ei­nen oder an­de­ren Teil ver­ur­sacht wor­den ist“ (§ 17 I StVG) ein sol­ches Er­geb­nis recht­fer­ti­gen lässt (OLG Düs­sel­dorf, r+s 2011, 268 f.).

(3) Aus den „den Um­stän­den“, ins­be­son­de­re den Ver­ur­sa­chungs­bei­trä­gen, er­gibt sich ei­ne sol­che Recht­fer­ti­gung hier nicht. Auch die Kos­ten des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens sind durch den Un­fall ver­ur­sacht, denn oh­ne die Un­fall­be­tei­li­gung des Ge­schä­dig­ten wä­re es da­zu nicht ge­kom­men. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­ru­fungs­ge­richts dient die Ein­ho­lung ei­nes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens nicht al­lein dem Nach­weis des vom Schä­di­ger zu tra­gen­den Scha­dens­an­teils. Sie liegt auch im ei­ge­nen In­ter­es­se des Ge­schä­dig­ten, weil das Gut­ach­ten ihm Ge­wiss­heit über das Aus­maß des Scha­dens und die von ihm zu tra­gen­den Kos­ten ver­schafft. Et­was an­de­res er­gibt sich auch nicht aus den Grund­sät­zen zur Er­stat­tungs­fä­hig­keit vor­ge­richt­li­cher An­walts­kos­ten, denn bei die­ser Scha­dens­po­si­ti­on han­delt es sich um ei­ne Ne­ben­for­de­rung, de­ren Hö­he sich erst be­stim­men lässt, wenn die Haupt­for­de­rung kon­kre­ti­siert ist. Das trifft auf Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten nicht zu, denn die­se sind, wie oben aus­ge­führt, dem Sach­scha­den zu­zu­rech­nen und da­mit auch Be­stand­teil der Haupt­for­de­rung (vgl. Se­nat, Urt. v. 23.01.2007 – VI ZR 67/06, VersR 2007, 560 Rn. 10 ff.; OLG Düs­sel­dorf, r+s 2011, 268 f.). Zu­dem hängt ih­re Hö­he nicht in ge­setz­lich be­stimm­ter Wei­se vom Um­fang des üb­ri­gen Scha­dens ab. Wäh­rend bei den An­walts­kos­ten ei­ne Be­rück­sich­ti­gung der Mit­ver­ant­wor­tung des Ge­schä­dig­ten nicht durch ei­ne Quo­telung der Kos­ten, son­dern durch ei­ne Quo­telung des Streit­werts er­folgt, der nach dem Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz die Hö­he der Rechts­an­walts­ge­büh­ren be­stimmt, kennt das für den Er­satz von Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten maß­ge­ben­de Scha­dens­er­satz­recht ei­ne sol­che Dif­fe­ren­zie­rungs­mög­lich­keit nicht. Hier kann die Mit­ver­ant­wor­tung des Ge­schä­dig­ten für die Scha­dens­ent­ste­hung nicht an­ders als durch ei­ne Quo­telung die­ser Kos­ten Be­rück­sich­ti­gung fin­den (OLG Düs­sel­dorf, r+s 2011, 268 f.). Ei­ner sol­chen Quo­telung steht auch die so­ge­nann­te Dif­fe­renz­hy­po­the­se nicht ent­ge­gen, wo­nach die Fra­ge, ob ein zu er­set­zen­der Ver­mö­gens­scha­den vor­liegt, grund­sätz­lich durch ei­nen Ver­gleich der in­fol­ge des haf­tungs­be­grün­den­den Er­eig­nis­ses ein­ge­tre­te­nen Ver­mö­gens­la­ge mit der­je­ni­gen, die sich oh­ne die­ses Er­eig­nis er­ge­ben hät­te, zu be­ur­tei­len ist (vgl. Se­nat, Urt. v. 18.01.2011 – VI ZR 325/09, BGHZ 188, 78 Rn. 8; Urt. v. 15.11.2011 – VI ZR 4/11, je­weils m. w. Nachw.), denn die­se Grund­sät­ze be­tref­fen al­lein die Fra­ge der Scha­dens­hö­he, nicht die Fra­ge der Haf­tungs­ver­tei­lung (OLG Düs­sel­dorf, r+s 2011, 268 f.; a. A. AG Sieg­burg, Urt. v. 31.03.2010 – 111 C 10/10, NJW 2010, 2289; Pop­pe, DAR 2005, 669). Im Fal­le ei­ner nur quo­ten­mä­ßi­gen Haf­tung des Schä­di­gers hat die­ser dem Ge­schä­dig­ten des­sen Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten mit­hin im Um­fang der Haf­tungs­quo­te zu er­stat­ten (vgl. auch OLG Hamm, DAR 2012, 20; OLG Mün­chen, Urt. v. 27.05.2010 – 10 U 3379/09, ju­ris; OLG Hamm, NJW-RR 2011, 464 [465]).

[16]   3. Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil kann nach al­le­dem kei­nen Be­stand ha­ben. Die Sa­che ist ge­mäß § 563 I 1 ZPO an das Be­ru­fungs­ge­richt zu­rück­zu­ver­wei­sen. Die­ses wird … über die Haf­tungs­ver­tei­lung ge­mäß § 17 I StVG er­neut zu be­fin­den ha­ben …

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