Art. 2 Nr. 9 der Richt­li­nie 2011/83/EU des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 25.10.2011 über die Rech­te der Ver­brau­cher, zur Ab­än­de­rung der Richt­li­nie 93/13/EWG des Ra­tes und der Richt­li­nie 1999/44/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes so­wie zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 85/577/EWG des Ra­tes und der Richt­li­nie 97/7/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes ist da­hin aus­zu­le­gen, dass ein Mes­se­stand ei­nes Un­ter­neh­mers wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de, an dem der Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­kei­ten an we­ni­gen Ta­gen im Jahr aus­übt, un­ter den Be­griff „Ge­schäfts­räu­me“ im Sin­ne die­ser Be­stim­mung fällt, wenn in An­be­tracht al­ler tat­säch­li­chen Um­stän­de rund um die­se Tä­tig­kei­ten und ins­be­son­de­re des Er­schei­nungs­bilds des Mes­se­stands so­wie der vor Ort auf der Mes­se selbst ver­brei­te­ten In­for­ma­tio­nen ein nor­mal in­for­mier­ter, an­ge­mes­sen auf­merk­sa­mer und ver­stän­di­ger Ver­brau­cher ver­nünf­ti­ger­wei­se da­mit rech­nen konn­te, dass der be­tref­fen­de Un­ter­neh­mer dort sei­ne Tä­tig­kei­ten aus­übt und ihn an­spricht, um ei­nen Ver­trag zu schlie­ßen, was vom na­tio­na­len Ge­richt zu prü­fen ist.

EuGH (Ach­te Kam­mer), Ur­teil vom 07.08.2018 – C-485/17 (Ver­brau­cher­zen­tra­le Ber­lin e.V./Uni­ma­tic Ver­triebs GmbH)

Das vor­lie­gen­de Ur­teil be­trifft die Aus­le­gung von Art. 2 Nr. 9 der Richt­li­nie 2011/83/EU des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 25.10.2011 über die Rech­te der Ver­brau­cher, zur Ab­än­de­rung der Richt­li­nie 93/13/EWG des Ra­tes und der Richt­li­nie 1999/44/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes so­wie zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 85/577/EWG des Ra­tes und der Richt­li­nie 97/7/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes (ABl. 2011 L 304, S. 64). Es ist im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der Ver­brau­cher­zen­tra­le Ber­lin e. V. (im Fol­gen­den: Ver­brau­cher­zen­tra­le) und der Uni­ma­tic Ver­triebs GmbH (im Fol­gen­den: Uni­ma­tic), in dem es um die Be­leh­rung über das Wi­der­rufs­recht des Ver­brau­chers im Rah­men ei­nes Mes­se­kaufs ging, er­gan­gen.

Sach­ver­halt: Uni­ma­tic ist ei­ne Ver­triebs­ge­sell­schaft, die un­ter an­de­rem auf der jähr­lich in Ber­lin (Deutsch­land) statt­fin­den­den Mes­se „Grü­ne Wo­che“ Pro­duk­te ver­kauft. Aus­weis­lich der Vor­la­ge­ent­schei­dung setzt sie ih­re Pro­duk­te aus­schließ­lich auf Mes­sen ab.

Am 22.01.2015 be­stell­te ein Kun­de am Stand von Uni­ma­tic auf der ge­nann­ten Mes­se ei­nen Dampf­staub­sau­ger zum Preis von 1.600 €. Uni­ma­tic be­lehr­te die­sen Kun­den nicht dar­über, dass nach deut­schem Recht im Ein­klang mit Art. 9 der Richt­li­nie 2011/83 ein Wi­der­rufs­recht be­ste­he.

Nach An­sicht der Ver­brau­cher­zen­tra­le hät­te Uni­ma­tic den Kun­den über das Be­ste­hen ei­nes Wi­der­rufs­rechts in­for­mie­ren müs­sen, da der Kauf­ver­trag au­ßer­halb von Ge­schäfts­räu­men ab­ge­schlos­sen wor­den sei. Die Ver­brau­cher­zen­tra­le er­hob des­halb beim LG Frei­burg (Deutsch­land) Kla­ge, mit der sie Uni­ma­tic auf Un­ter­las­sung des Ver­kaufs ih­rer Pro­duk­te oh­ne Be­leh­rung der Ver­brau­cher über de­ren Wi­der­rufs­recht in An­spruch nahm. Das Land­ge­richt wies die Kla­ge ab, und auch die Be­ru­fung der Ver­brau­cher­zen­tra­le vor dem OLG Karls­ru­he (Deutsch­land) blieb oh­ne Er­folg. Die Ver­brau­cher­zen­tra­le leg­te dar­auf­hin Re­vi­si­on beim vor­le­gen­den Ge­richt, dem BGH (Deutsch­land), ein.

Der BGH ist der An­sicht, dem Wort­laut der Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2011/83 las­se sich nicht ent­neh­men, nach wel­chen Kri­te­ri­en zu be­ur­tei­len sei, in­wie­weit der Un­ter­neh­mer in ei­nem kon­kre­ten Fall sei­ne Tä­tig­keit in Ge­wer­be­räu­men „für ge­wöhn­lich“ i. S. des Art. 2 Nr. 9 lit. b die­ser Richt­li­nie aus­übe. In­so­weit kom­me in An­be­tracht ins­be­son­de­re des 22. Er­wä­gungs­grun­des der Richt­li­nie 2011/83 ei­ner­seits in Be­tracht, dem Um­stand Rech­nung zu tra­gen, dass sich der Un­ter­neh­mer ei­ner be­stimm­ten Ver­kaufs­me­tho­de für ge­wöhn­lich be­die­ne, das heißt, dass er sei­ne Pro­duk­te in Ge­wer­be­räu­men re­gel­mä­ßig und nicht nur ge­le­gent­lich ver­kau­fe. An­de­rer­seits stün­de bei die­sem An­satz dem Ver­brau­cher, der ein Pro­dukt er­wer­be, das auf ei­ner Mes­se von ei­nem Un­ter­neh­mer zum Ver­kauf an­ge­bo­ten wer­de, der ein „sta­tio­nä­res“ La­den­ge­schäft un­ter­hal­te, in dem er die­ses Pro­dukt, das er nur ge­le­gent­lich auf Mes­sen an­bie­te, für ge­wöhn­lich ver­kau­fe, das Wi­der­rufs­recht i. S. des Art. 9 der Richt­li­nie 2011/83 zu, wäh­rend der Ver­kauf durch ei­nen an­de­ren Un­ter­neh­mer, der sei­ne Pro­duk­te für ge­wöhn­lich auf Mes­sen ver­kau­fe und kein sta­tio­nä­res La­den­ge­schäft un­ter­hal­te, nicht als „au­ßer­halb von Ge­schäfts­räu­men“ er­folgt gel­te und so­mit kein Wi­der­rufs­recht nach Art. 9 der Richt­li­nie be­grün­de.

Nach ei­ner an­de­ren vom vor­le­gen­den Ge­richt dar­ge­stell­ten Auf­fas­sung soll es für die Fra­ge, ob der Ver­trag au­ßer­halb der „Ge­schäfts­räu­me“ i. S. des Art. 2 Nr. 9 der Richt­li­nie 2011/83 ge­schlos­sen wor­den sei, nicht dar­auf an­kom­men, wie der Un­ter­neh­mer sei­ne Ver­triebs­tä­tig­keit or­ga­ni­sie­re. Viel­mehr sei da­für auf die Art des ver­kauf­ten Pro­dukts ab­zu­stel­len. Hand­le es sich um ein Pro­dukt, das ty­pi­scher­wei­se auf Mes­sen ver­kauft wer­de, sei da­von aus­zu­ge­hen, dass der Ver­brau­cher, wenn er die be­tref­fen­de Mes­se be­su­che, da­mit rech­nen müs­se, dass ihm ein sol­ches Pro­dukt zum Kauf an­ge­bo­ten wer­de. Bei an­de­ren Ar­ten von Pro­duk­ten, mit de­ren An­ge­bot der Ver­brau­cher auf der Mes­se nicht ha­be rech­nen kön­nen, sei da­ge­gen für sei­nen Schutz zu sor­gen. Die­se Auf­fas­sung be­ru­he auf dem Zweck des von der Richt­li­nie 2011/83 vor­ge­se­he­nen Wi­der­rufs­rechts, der dar­in be­ste­he, den Ver­brau­cher vor dem über­eil­ten Ab­schluss ei­nes Ver­trags in ei­ner über­ra­schen­den Si­tua­ti­on oder un­ter psy­chi­schem Druck zu schüt­zen.

Bei die­sem An­satz kom­me es auf die Er­war­tun­gen und die Sicht des Ver­brau­chers an. In­so­weit könn­ten ei­ner­seits die Er­war­tun­gen be­rück­sich­tigt wer­den, die der Ver­brau­cher zu dem Zeit­punkt ha­be, zu dem er sich zum Mes­se­be­such ent­schlie­ße. Die­se Er­war­tun­gen grün­de­ten dann auf den In­for­ma­tio­nen über die auf der Mes­se an­ge­bo­te­nen Wa­ren oder Dienst­leis­tun­gen. Nach an­de­rer Auf­fas­sung wä­re für die Zwe­cke der Aus­le­gung des Art. 2 Nr. 9 der Richt­li­nie 2011/83 eher auf die kon­kre­ten Um­stän­de ab­zu­stel­len, un­ter de­nen der Ver­trag auf der Mes­se ab­ge­schlos­sen wer­de.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat der BGH be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

  1. Han­delt es sich bei ei­nem Mes­se­stand in ei­ner Hal­le, den ein Un­ter­neh­mer wäh­rend ei­ner für we­ni­ge Ta­ge im Jahr statt­fin­den­den Mes­se zum Zweck des Ver­kaufs sei­ner Pro­duk­te nutzt, um ei­nen un­be­weg­li­chen Ge­wer­be­raum i. S. von Art. 2 Nr. 9 lit. a der Richt­li­nie 2011/83 oder um ei­nen be­weg­li­chen Ge­wer­be­raum i. S. von Art. 2 Nr. 9 lit. b der Richt­li­nie 2011/83?
  2. Für den Fall, dass es sich um ei­nen be­weg­li­chen Ge­wer­be­raum han­delt: Ist die Fra­ge, ob ein Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­keit „für ge­wöhn­lich“ auf Mes­se­stän­den aus­übt, da­nach zu be­ant­wor­ten,
  1. wie der Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­keit or­ga­ni­siert oder
  2. ob der Ver­brau­cher mit dem Ver­trags­schluss über die in Re­de ste­hen­den Wa­ren auf der kon­kre­ten Mes­se rech­nen muss?
  1. Für den Fall, dass es bei der Ant­wort auf die zwei­te Fra­ge auf die Sicht des Ver­brau­chers an­kommt (Fra­ge 2 b):
    Ist bei der Fra­ge, ob der Ver­brau­cher mit dem Ver­trags­schluss über die kon­kre­ten Wa­ren auf der in Re­de ste­hen­den Mes­se rech­nen muss, dar­auf ab­zu­stel­len, wie die Mes­se in der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert wird, oder dar­auf, wie die Mes­se sich dem Ver­brau­cher bei Ab­ga­be der Ver­trags­er­klä­rung tat­säch­lich dar­stellt?

Der EuGH hat die­se Fra­ge wie aus dem Leit­satz er­sicht­lich be­ant­wor­tet.

Aus den Grün­den: [22]   Mit sei­nen zu­sam­men zu prü­fen­den Fra­gen möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob Art. 2 Nr. 9 der Richt­li­nie 2011/83 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass ein Mes­se­stand ei­nes Un­ter­neh­mers wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de, an dem der Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­kei­ten an we­ni­gen Ta­gen im Jahr aus­übt, un­ter den Be­griff „Ge­schäfts­räu­me“ im Sin­ne die­ser Be­stim­mung fällt.

[23]   Ein­gangs ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Richt­li­nie 2011/83 „Ge­schäfts­räu­me“ in ih­rem Art. 2 Nr. 9 lit. a zum ei­nen als un­be­weg­li­che Ge­wer­be­räu­me, in de­nen der Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­keit dau­er­haft aus­übt, und in ih­rem Art. 2 Nr. 9 lit. b zum an­de­ren als be­weg­li­che Ge­wer­be­räu­me, in de­nen der Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­keit für ge­wöhn­lich aus­übt, de­fi­niert.

[24]   Der 22. Er­wä­gungs­grund der Richt­li­nie 2011/83 führt da­zu nä­her aus, dass als Ge­schäfts­räu­me al­le Ar­ten von Räum­lich­kei­ten wie Ge­schäf­te, Stän­de oder Last­wa­gen gel­ten sol­len, an de­nen der Un­ter­neh­mer sein Ge­wer­be stän­dig oder ge­wöhn­lich aus­übt.

[25]   So­mit hat der Uni­ons­ge­setz­ge­ber vor­ge­se­hen, dass Ge­schäfts­räu­me un­be­weg­li­che oder be­weg­li­che Ge­wer­be­räu­me sein kön­nen, wenn die Tä­tig­keit des Un­ter­neh­mers dau­er­haft oder für ge­wöhn­lich aus­ge­übt wird.

[26]   Die Richt­li­nie 2011/83 de­fi­niert nicht, was un­ter ei­ner „dau­er­haft“ oder „für ge­wöhn­lich“ aus­ge­üb­ten Tä­tig­keit zu ver­ste­hen ist, und ver­weist für die ge­naue Be­deu­tung die­ser Aus­drü­cke auch nicht auf die na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen.

[27]   Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs folgt aus dem Er­for­der­nis der ein­heit­li­chen An­wen­dung des Uni­ons­rechts, dass ei­ne Uni­ons­vor­schrift, so­weit sie für ei­nen be­stimm­ten Be­griff nicht auf das Recht der Mit­glied­staa­ten ver­weist, in der ge­sam­ten Uni­on ei­ne au­to­no­me und ein­heit­li­che Aus­le­gung er­hal­ten muss, die un­ter Be­rück­sich­ti­gung nicht nur des Wort­lauts der be­tref­fen­den Vor­schrift, son­dern auch ih­res Kon­texts und des mit der Re­ge­lung, zu der sie ge­hört, ver­folg­ten Ziels ge­fun­den wer­den muss (Urt. v. 08.03.2018 – C-395/16, EU:C:2018:172 Rn. 20 – DO­CERAM – und die dort an­ge­führ­te Recht­spre­chung).

[28]   Da­her sind die in Art. 2 Nr. 9 lit. a und b der Richt­li­nie 2011/83 ent­hal­te­nen Be­grif­fe für die Zwe­cke der An­wen­dung die­ser Richt­li­nie als au­to­no­me Be­grif­fe des Uni­ons­rechts an­zu­se­hen, die in al­len Mit­glied­staa­ten ein­heit­lich aus­ge­legt wer­den müs­sen.

[29]   In­so­weit ist ers­tens fest­zu­stel­len, dass bei Tä­tig­kei­ten ei­nes Un­ter­neh­mers, die an ei­nem auf ei­ner Mes­se für ei­ni­ge Ta­ge im Ka­len­der­jahr ein­ge­rich­te­ten Stand wie dem im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den aus­ge­übt wer­den, nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den kann, dass sie „dau­er­haft“ in der üb­li­chen Be­deu­tung die­ses Aus­drucks aus­ge­übt wer­den.

[30]   Zwei­tens ist zum Aus­druck „für ge­wöhn­lich“ fest­zu­stel­len, dass er in sei­ner her­kömm­li­chen Be­deu­tung als Ver­weis ent­we­der auf ei­ne ge­wis­se zeit­li­che Be­stän­dig­keit der frag­li­chen Tä­tig­keit oder auf die Üb­lich­keit der Aus­übung die­ser Tä­tig­keit in der be­tref­fen­den Räum­lich­keit ver­stan­den wer­den kann. Die Be­deu­tung die­ses Aus­drucks im ge­wöhn­li­chen Sprach­ge­brauch er­mög­licht des­halb für sich ge­nom­men noch kei­ne ein­deu­ti­ge Aus­le­gung.

[31]   Al­ler­dings ist der Um­stand, dass ein Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­kei­ten dau­er­haft oder für ge­wöhn­lich in „Ge­schäfts­räu­men“ i. S. des Art. 2 Nr. 9 der Richt­li­nie 2011/83 aus­übt, maß­geb­lich für den Um­fang des Ver­brau­cher­schut­zes, den die­se Richt­li­nie vor­sieht.

[32]   Zum ei­nen se­hen näm­lich die Art. 6 und 7 der Richt­li­nie 2011/83 In­for­ma­ti­ons­pflich­ten und for­ma­le An­for­de­run­gen bei „au­ßer­halb von Ge­schäfts­räu­men ab­ge­schlos­se­nen Ver­trä­gen“ i. S. des Art. 2 Nr. 8 die­ser Richt­li­nie vor. Au­ßer­dem ge­wäh­ren die Art. 9 bis 16 der Richt­li­nie dem Ver­brau­cher ein Wi­der­rufs­recht nach Ab­schluss ei­nes sol­chen Ver­trags und re­geln die Vor­aus­set­zun­gen und Mo­da­li­tä­ten der Aus­übung die­ses Rechts. Zum an­de­ren nimmt die De­fi­ni­ti­on des „au­ßer­halb von Ge­schäfts­räu­men ge­schlos­se­nen Ver­trags“ auf den Be­griff „Ge­schäfts­räu­me“ i. S. von Art. 2 Nr. 9 der Richt­li­nie 2011/83 Be­zug.

[33]   Das Ziel der in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer ge­nann­ten Be­stim­mun­gen wird ins­be­son­de­re im 21. Er­wä­gungs­grund der Richt­li­nie 2011/83 aus­ge­führt, wo es heißt, dass der Ver­brau­cher au­ßer­halb der Ge­schäfts­räu­me des Un­ter­neh­mers mög­li­cher­wei­se psy­chisch un­ter Druck steht oder ei­nem Über­ra­schungs­mo­ment aus­ge­setzt ist, wo­bei es kei­ne Rol­le spielt, ob er den Be­such des Un­ter­neh­mers her­bei­ge­führt hat oder nicht. In­so­weit woll­te der Uni­ons­ge­setz­ge­ber auch Si­tua­tio­nen ein­schlie­ßen, in de­nen der Ver­brau­cher au­ßer­halb von Ge­schäfts­räu­men per­sön­lich und in­di­vi­du­ell an­ge­spro­chen wird, der Ver­trag aber un­mit­tel­bar da­nach in den Ge­schäfts­räu­men des Un­ter­neh­mers oder über Fern­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ge­schlos­sen wird.

[34]   Dar­aus folgt, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber den Schutz des Ver­brau­chers, was au­ßer­halb von Ge­schäfts­räu­men ge­schlos­se­ne Ver­trä­ge be­trifft, des­halb für den Fall vor­ge­se­hen hat, dass sich der Ver­brau­cher bei Ver­trags­ab­schluss nicht in ei­ner vom Un­ter­neh­mer dau­er­haft oder für ge­wöhn­lich ge­nutz­ten Räum­lich­keit be­fin­det, weil er der An­sicht war, dass der Ver­brau­cher, wenn er sich von sich aus in ei­ne sol­che Räum­lich­keit be­gibt, da­mit rech­nen kann, vom Un­ter­neh­mer an­ge­spro­chen zu wer­den, so­dass er dann da­nach nicht mit Er­folg gel­tend ma­chen kann, dass er vom An­ge­bot die­ses Un­ter­neh­mers über­rascht wor­den sei.

[35]   Au­ßer­dem ist dar­an zu er­in­nern, dass der Be­griff „Ge­schäfts­räu­me“ schon in Art. 1 I ers­ter Ge­dan­ken­strich der Richt­li­nie 85/577/EWG des Ra­tes vom 20.12.1985 be­tref­fend den Ver­brau­cher­schutz im Fal­le von au­ßer­halb von Ge­schäfts­räu­men ge­schlos­se­nen Ver­trä­gen (ABl. 1985 L 372, S. 31) vor­kam, die durch die Richt­li­nie 2011/83 auf­ge­ho­ben und er­setzt wur­de.

[36]   Im vier­ten Er­wä­gungs­grund der Richt­li­nie 85/577 hieß es, dass Ver­trä­ge, die au­ßer­halb der Ge­schäfts­räu­me ei­nes Ge­wer­be­trei­ben­den ab­ge­schlos­sen wer­den, da­durch ge­kenn­zeich­net sind, dass die In­itia­ti­ve zu den Ver­trags­ver­hand­lun­gen in der Re­gel vom Ge­wer­be­trei­ben­den aus­geht und der Ver­brau­cher auf die Ver­trags­ver­hand­lun­gen nicht vor­be­rei­tet ist und häu­fig kei­ne Mög­lich­keit hat, Qua­li­tät und Preis des An­ge­bots mit an­de­ren An­ge­bo­ten zu ver­glei­chen. Klar­ge­stellt wur­de dort fer­ner, dass es die­ses Über­ra­schungs­mo­ment nicht nur bei Haus­tür­ge­schäf­ten gibt, son­dern auch bei an­de­ren Ver­trä­gen, die auf In­itia­ti­ve des Ge­wer­be­trei­ben­den au­ßer­halb sei­ner Ge­schäfts­räu­me ab­ge­schlos­sen wer­den.

[37]   Un­ter Be­rück­sich­ti­gung na­ment­lich die­ses vier­ten Er­wä­gungs­grun­des der Richt­li­nie 85/577 ent­schied der Ge­richts­hof in den Rand­num­mern 34 und 37 des Ur­teils vom 22.04.1999 (C-423/97, EU:C:1999:197 – Tra­vel Vac), dass der Be­griff „Ge­schäfts­räu­me“ im Sin­ne die­ser Richt­li­nie die Ge­schäfts­räu­me be­zeich­ne­te, in de­nen der Ge­wer­be­trei­ben­de ge­wöhn­lich sei­ne Tä­tig­keit aus­übt und die deut­lich als öf­fent­li­che Ver­kaufs­räu­me ge­kenn­zeich­net sind.

[38]   Da sich aus dem 22. Er­wä­gungs­grund der Richt­li­nie 2011/83 er­gibt, dass die­se mit dem Be­griff „Ge­schäfts­räu­me“ eben­falls auf die Ört­lich­kei­ten ab­zielt, an de­nen für den Ver­brau­cher der Um­stand, dass er zu kom­mer­zi­el­len Zwe­cken an­ge­spro­chen wird, kein Über­ra­schungs­mo­ment dar­stellt, be­hal­ten die Er­kennt­nis­se, die je­nem Ur­teil des Ge­richts­hofs zur Aus­le­gung der Richt­li­nie 85/577 zu ent­neh­men sind, ih­re Re­le­vanz auch für die Zwe­cke der Aus­le­gung des glei­chen Be­griffs im Sin­ne der Richt­li­nie 2011/83.

[39]   In An­be­tracht die­ser und der oben in Rand­num­mer 34 an­ge­stell­ten Er­wä­gun­gen ist der Aus­druck „für ge­wöhn­lich“ i. S. von Art. 2 Nr. 9 lit. b der Richt­li­nie 2011/83 als Ver­weis auf die Üb­lich­keit der Aus­übung der in Re­de ste­hen­den Tä­tig­keit in der be­tref­fen­den Räum­lich­keit zu ver­ste­hen.

[40]   Die­se Aus­le­gung wird nicht da­durch in­fra­ge ge­stellt, dass sich Art. 2 Nr. 9 lit. a der Richt­li­nie 2011/83 für un­be­weg­li­che Räum­lich­kei­ten auf ge­werb­li­che Tä­tig­kei­ten be­zieht, die vom be­tref­fen­den Un­ter­neh­mer nicht „für ge­wöhn­lich“, son­dern „dau­er­haft“ aus­ge­übt wer­den. Bei sol­chen Räum­lich­kei­ten wird näm­lich der Um­stand an sich, dass die be­tref­fen­de Tä­tig­keit dort dau­er­haft aus­ge­übt wird, zwangs­läu­fig be­deu­ten, dass sie sich für ei­nen Ver­brau­cher als „üb­lich“ oder „ge­wöhn­lich“ dar­stel­len wird. In An­be­tracht der Dau­er­haf­tig­keit, die die in sol­chen Ge­schäfts­räu­men aus­ge­üb­te Tä­tig­keit auf­wei­sen muss, kann der Ver­brau­cher von der Art An­ge­bot, die ihm dort et­wa ge­macht wird, nicht über­rascht wer­den.

[41]   Was ge­nau­er ei­ne Si­tua­ti­on wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de be­trifft, in der ein Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­kei­ten an ei­nem Mes­se­stand aus­übt, ist dar­an zu er­in­nern, dass Markt- und Mes­se­stän­de, wie im 22. Er­wä­gungs­grund der Richt­li­nie 2011/83 aus­ge­führt, als Ge­schäfts­räu­me be­han­delt wer­den sol­len, wenn sie die­se Be­din­gung er­fül­len.

 

[42]   Aus die­sem Er­wä­gungs­grund geht auch her­vor, dass Ver­kaufs­stät­ten, in de­nen der Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­keit sai­so­nal aus­übt, bei­spiels­wei­se wäh­rend der Frem­den­ver­kehrs­sai­son an ei­nem Ski­ort oder See­ba­de­ort, als Ge­schäfts­räu­me an­ge­se­hen wer­den sol­len, wenn der Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­keit in die­sen Ge­schäfts­räu­men für ge­wöhn­lich aus­übt. Da­ge­gen sol­len der Öf­fent­lich­keit zu­gäng­li­che Or­te wie Stra­ßen, Ein­kaufs­zen­tren, Strän­de, Sport­an­la­gen und öf­fent­li­che Ver­kehrs­mit­tel, die der Un­ter­neh­mer aus­nahms­wei­se für sei­ne Ge­schäfts­tä­tig­kei­ten nutzt, so­wie Pri­vat­woh­nun­gen oder Ar­beits­plät­ze nicht als Ge­schäfts­räu­me gel­ten.

[43]   Dem­nach ist für die Fra­ge, ob ein Mes­se­stand in ei­nem be­stimm­ten Fall un­ter den Be­griff „Ge­schäfts­räu­me“ i. S. des Art. 2 Nr. 9 der Richt­li­nie 2011/83 zu sub­su­mie­ren ist, das kon­kre­te Er­schei­nungs­bild die­ses Stands aus Sicht der Öf­fent­lich­keit zu be­rück­sich­ti­gen und ge­nau­er, ob er sich in den Au­gen ei­nes Durch­schnitts­ver­brau­chers als ein Ort dar­stellt, an dem der Un­ter­neh­mer, der ihn in­ne­hat, sei­ne Tä­tig­kei­ten, ein­schließ­lich sai­so­na­ler, für ge­wöhn­lich aus­übt, so­dass ein sol­cher Ver­brau­cher ver­nünf­ti­ger­wei­se da­mit rech­nen kann, dass er, wenn er sich dort­hin be­gibt, zu kom­mer­zi­el­len Zwe­cken an­ge­spro­chen wird.

[44]   Re­le­vant ist hier­bei die Wahr­neh­mung durch den Durch­schnitts­ver­brau­cher, das heißt ei­nen nor­mal in­for­mier­ten, an­ge­mes­sen auf­merk­sa­men und ver­stän­di­gen Ver­brau­cher (vgl. ent­spre­chend Urt. v. 30.04.2014 – C-26/13, EU:C:2014:282 Rn. 74 – Kásler und Káslerné Rábai; Urt. v. 26.10.2016 – C-611/14, EU:C:2016:800 Rn. 39 – Ca­nal Di­gi­tal Dan­mark; Urt. v. 20.09.2017 – C-186/16, EU:C:2017:703 Rn. 47 – An­d­ri­ci­uc u. a.).

[45]   In die­sem Zu­sam­men­hang ist es Sa­che des na­tio­na­len Ge­richts, das Er­schei­nungs­bild, das der be­tref­fen­de Stand dem Durch­schnitts­ver­brau­cher bie­tet, un­ter Be­rück­sich­ti­gung al­ler tat­säch­li­chen Um­stän­de rund um die Tä­tig­kei­ten des Un­ter­neh­mers und ins­be­son­de­re der vor Ort auf der Mes­se selbst ver­brei­te­ten In­for­ma­tio­nen zu be­ur­tei­len. Die Dau­er der je­wei­li­gen Mes­se ist in­so­weit für sich ge­nom­men nicht aus­schlag­ge­bend, da der Uni­ons­ge­setz­ge­ber, wie dem 22. Er­wä­gungs­grund der Richt­li­nie 2011/83 zu ent­neh­men ist, dar­auf ab­ge­stellt hat, dass die Räum­lich­kei­ten, an de­nen der Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­keit sai­so­nal aus­übt, „Ge­schäfts­räu­me“ i. S. des Art. 2 Nr. 9 die­ser Richt­li­nie dar­stel­len kön­nen.

[46]   Nach al­le­dem ist auf die Vor­la­ge­fra­gen zu ant­wor­ten, dass Art. 2 Nr. 9 der Richt­li­nie 2011/83 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass ein Mes­se­stand ei­nes Un­ter­neh­mers wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de, an dem der Un­ter­neh­mer sei­ne Tä­tig­kei­ten an we­ni­gen Ta­gen im Jahr aus­übt, un­ter den Be­griff „Ge­schäfts­räu­me“ im Sin­ne die­ser Be­stim­mung fällt, wenn in An­be­tracht al­ler tat­säch­li­chen Um­stän­de rund um die­se Tä­tig­kei­ten und ins­be­son­de­re des Er­schei­nungs­bilds des Mes­se­stan­des so­wie der vor Ort auf der Mes­se selbst ver­brei­te­ten In­for­ma­tio­nen ein nor­mal in­for­mier­ter, an­ge­mes­sen auf­merk­sa­mer und ver­stän­di­ger Ver­brau­cher ver­nünf­ti­ger­wei­se da­mit rech­nen konn­te, dass der be­tref­fen­de Un­ter­neh­mer dort sei­ne Tä­tig­kei­ten aus­übt und ihn an­spricht, um ei­nen Ver­trag zu schlie­ßen, was vom na­tio­na­len Ge­richt zu prü­fen ist. …

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