Zur Haf­tung des als Ver­mitt­ler auf­tre­ten­den Ge­braucht­wa­gen­händ­lers aus Ver­schul­den bei Ver­trags­ab­schluss (cu­p­la in con­tra­hen­do), wenn der ver­kauf­te Pkw ge­stoh­len und die Fahr­ge­stell­num­mer durch ei­ne an­de­re er­setzt wor­den war.

BGH, Ur­teil vom 18.06.1980 – VI­II ZR 139/79

Die­se Ent­schei­dung ist zum „al­ten“ Schuld­recht und vor In­kraft­tre­ten der ZPO-Re­form 2002 er­gan­gen. Sie kann nicht oh­ne Wei­te­res auf das seit dem 01.01.2002 gel­ten­de Recht über­tra­gen wer­den (so ist z. B. an die Stel­le der Wan­de­lung der Rück­tritt vom Kauf­ver­trag ge­tre­ten). Die ge­nann­ten Vor­schrif­ten exis­tie­ren heu­te mög­li­cher­wei­se nicht mehr oder ha­ben ei­nen an­de­ren In­halt.

Sach­ver­halt: Der Klä­ger kauf­te am 04.01.1977 in den Ge­schäfts­räu­men der be­klag­ten Ge­braucht­wa­gen­händ­le­rin ei­nen ge­brauch­ten Pkw Ford Gra­na­da. Er un­ter­zeich­ne­te da­zu ein mit „Auf­trag“ über­schrie­be­nes Ver­trags­for­mu­lar, auf dem sich rechts ne­ben der Über­schrift der druck­tech­nisch her­vor­ge­ho­be­ne Ver­merk „Ver­mitt­ler: F-Au­to­mo­bi­le“ be­fin­det. Nach dem In­halt des For­mu­lars be­stell­te der Klä­ger bei „V. Wag­ner, 1-30“ (hand­schrift­lich aus­ge­füllt) den so­dann nä­her be­schrie­be­nen Pkw zum Preis von 12.900 DM, und zwar „ge­braucht, wie be­sich­tigt und un­ter Aus­schluss je­der Ge­währ­leis­tung. Für Un­fall­frei­heit wird nicht ga­ran­tiert“. Der vor­ge­druck­te For­mu­l­ar­text ent­hält un­ter an­de­rem fol­gen­de Be­stim­mun­gen:

„Der Ver­mitt­ler ist ver­pflich­tet, ei­ne ver­ein­bar­te Lie­fer­frist ein­zu­hal­ten …

Bleibt der Käu­fer trotz Auf­for­de­rung mit der Über­nah­me des Kauf­ge­gen­stan­des oder der Er­fül­lung sei­ner Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen län­ger als 8 Ta­ge im Rück­stand, so ist der Ver­mitt­ler oh­ne Set­zung ei­ner Nach­frist be­rech­tigt, vom Ver­trag zu­rück­zu­tre­ten oder vom Käu­fer ei­ne Ver­trags­stra­fe im Sin­ne der §§ 339 ff. BGB von 20 Pro­zent des ver­ein­bar­ten Kauf­prei­ses + Ver­käu­fer­pro­vi­si­on gel­tend zu ma­chen. Ein An­spruch des Ver­mitt­lers auf Scha­dens­er­satz we­gen Nicht­er­fül­lung wird da­durch nicht aus­ge­schlos­sen. Kommt der Käu­fer mit sei­ner Zah­lungs­ver­pflich­tung in Ver­zug, so ist der Ver­mitt­ler be­rech­tigt, Ver­zugs­zin­sen in Hö­he von 0,9 Pro­zent pro Mo­nat in Rech­nung zu stel­len …

Ich er­klä­re mich da­mit ein­ver­stan­den, dass der Ver­mitt­ler kei­ne Haf­tung für die Ver­kehrs­si­cher­heit des von mir ge­kauf­ten Wa­gen über­nimmt. Das Fahr­zeug ist un­ge­prüft und un­re­pa­riert … Soll­ten mei­ne An­ga­ben über mei­nen Alt­wa­gen nicht zu­tref­fen, ist der Ver­mitt­ler be­rech­tigt, die Ent­ge­gen­nah­me ab­zu­leh­nen, oh­ne sei­ne An­sprü­che aus dem Auf­trag des von ihm ver­kauf­ten Pkw auf­zu­ge­ben …“

Die Be­klag­te hat­te den Pkw am 03.01.1977 von ei­nem „Vol­ker W, B.“ er­hal­ten. Mit ihm hat­te sie ei­nen schrift­li­chen Ver­trag ge­schlos­sen, auf­grund des­sen sie be­auf­tragt und er­mäch­tigt war, das Fahr­zeug im Na­men und für Rech­nung des Auf­trag­ge­bers un­ter Aus­schluss je­der Ge­währ­leis­tung und mit ei­ner un­te­ren Preis­gren­ze von 10.000 DM zu ver­kau­fen. Als Pro­vi­si­on war ein et­wai­ger Mehr­er­lös ver­ein­bart. In dem mit­über­ge­be­nen Fahr­zeug­brief war W seit dem 28.06.1976 als Hal­ter ein­ge­tra­gen.

Nach­dem der Klä­ger den Kauf­preis von 12.900 DM ge­zahlt und den Pkw er­hal­ten hat­te, stell­te sich her­aus, dass der Wa­gen am 22.06.1976 dem frü­he­ren Ei­gen­tü­mer S ge­stoh­len wor­den war. Nach dem Dieb­stahl war ein Teil des Rad­hau­ses mit der Fahr­ge­stell­num­mer her­aus- und das ent­spre­chen­de Teil ei­nes an­de­ren Wa­gens glei­chen Typs mit des­sen Fahr­ge­stell­num­mer hin­ein­ge­schweißt wor­den. Au­ßer­dem war das Ty­pen­schild am rech­ten Schloßquer­trä­ger durch das „zer­knit­ter­te“ und nur un­voll­kom­men ge­glät­te­te des an­de­ren Wa­gens er­setzt wor­den; dar­auf war die Farb­code­num­mer für „po­lar-sil­ber“ ver­merkt, wäh­rend das ver­kauf­te Fahr­zeug „blau-me­tal­lic“ la­ckiert war.

Die Ver­si­che­rung des frü­he­ren Ei­gen­tü­mers ver­kauf­te und über­eig­ne­te dem Klä­ger den Wa­gen mit Ver­trag vom 03.10.1977 ge­gen Zah­lung von 11.000 DM. Die­sen Be­trag nebst 93,42 DM von ihm auf­ge­wen­de­ter Kos­ten für ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten so­wie Zin­sen ver­langt der Klä­ger als Scha­dens­er­satz von der Be­klag­ten. Das Land­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben; das Kam­mer­ge­richt hat sie ab­ge­wie­sen. Die Re­vi­si­on des Klä­gers, der die Wie­der­her­stel­lung des land­ge­richt­li­chen Ur­teils er­streb­te, hat­te kei­nen Er­folg.

Aus den Grün­den: I. Der Klä­ger nimmt die Be­klag­te in ers­ter Li­nie als sei­nen Kauf­ver­trags­part­ner in An­spruch, weil sie ihm das Ei­gen­tum an dem ver­kauf­ten Pkw nicht ver­schafft ha­be. Ein sol­cher auf die §§ 433, 440 I, 325 BGB zu stüt­zen­der An­spruch steht dem Klä­ger je­doch nicht zu.

1. Das Be­ru­fungs­ge­richt legt mit Recht den „Auf­trag“ vom 04.01.1977 als An­trag des Klä­gers auf Ab­schluss ei­nes Kauf­ver­tra­ges zwi­schen ihm und dem an­geb­li­chen Fahr­zeug­ei­gen­tü­mer Vol­ker W aus, den die Be­klag­te als da­zu er­mäch­tig­te Ver­tre­te­rin des Ver­käu­fers münd­lich an­ge­nom­men ha­be.

a) Dem Text des „Auf­trags“ ist nicht zu ent­neh­men, ob es sich nur um ein von der Be­klag­ten oder je­den­falls aus­schließ­lich im Be­zirk des Be­ru­fungs­ge­richts ver­wen­de­tes For­mu­lar oder in sei­nem we­sent­li­chen In­halt um ein im Ge­braucht­wa­gen­han­del wei­ter ver­brei­te­tes han­delt. Des­halb kann zwei­fel­haft sein, ob das Re­vi­si­ons­ge­richt die tatrich­ter­li­che Aus­le­gung we­gen des ty­pi­schen Cha­rak­ters des häu­fig in die­ser oder ähn­li­cher Form ver­ein­bar­ten Ge­braucht­wa­gen­kaufs un­be­schränkt nach­prü­fen kann (Se­nat, Urt. v. 05.04.1978 – VI­II ZR 83/77, LM BGB § 433 Nr. 52 = NJW 1978, 1482 = WM 1978, 756). Auch bei un­be­schränk­ter Nach­prü­fung wür­de der Se­nat den Ver­trag in­des­sen eben­so aus­le­gen wie das Be­ru­fungs­ge­richt.

b) Das in dem „Auf­trag“ ent­hal­te­ne Ver­trags­an­ge­bot rich­tet sich nach der hand­schrift­li­chen Ein­tra­gung am An­fang des Tex­tes nicht an die Be­klag­te, son­dern an den an­geb­li­chen Vor­ei­gen­tü­mer Vol­ker W. Die Be­klag­te wird da­ge­gen in dem deut­lich er­kenn­ba­ren Auf­druck ne­ben der Über­schrift des For­mu­lars als „Ver­mitt­ler“ be­zeich­net. Da­mit ist ob­jek­tiv und in ei­ner auch für den Klä­ger ver­ständ­li­chen Wei­se klar­ge­stellt, dass der Kauf­ver­trag un­mit­tel­bar mit W zu­stan­de kom­men soll­te. Wel­che Rechts­stel­lung ein Ver­mitt­ler im Ein­zel­nen hat, mag von Fall zu Fall ver­schie­den sein. Auch für den nicht­ju­ris­ti­schen Sprach­ge­brauch ist aber ein­deu­tig, dass der Ver­mitt­ler ei­nes Kauf­ver­tra­ges nicht zu­gleich des­sen ei­ne Ver­trags­par­tei ist.

Der er­ken­nen­de Se­nat hat be­reits in meh­re­ren Fäl­len die Wirk­sam­keit ei­ner den Händ­ler nur als Ver­mitt­ler be­tei­li­gen­den Ver­trags­ge­stal­tung an­er­kannt (Se­nat, Urt. 29.01.1975 – VI­II ZR 101/73, BGHZ 63, 382; Se­nat, Urt. v. 17.03.1976 – VI­II ZR 208/74, LM BGB § 276 (A) Nr. 14 = WM 1976, 614; Urt. v. 29.06.1977 – VI­II ZR 43/76, NJW 1977, 1914 = WM 1977, 1048; Urt. v. 14.03.1979 – VI­II ZR 129/78, LM BGB § 276 (A) Nr. 15 = NJW 1979, 1707 = WM 1979, 672). In sei­nem Ur­teil vom 05.04.1978 (VI­II ZR 83/77, LM BGB § 433 Nr. 52 = NJW 1978, 1482 = WM 1978, 756) hat der Se­nat für den Fall ei­nes Neu­wa­gen­kaufs, bei dem ein Teil des Kauf­prei­ses durch den Er­lös aus dem vom Händ­ler zu ver­mit­teln­den Ver­kauf ei­nes Ge­braucht­wa­gens ge­deckt wer­den soll­te, die Wirk­sam­keit die­ser Ver­ein­ba­rung vor al­lem mit dem bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­se an der Ein­spa­rung der Mehr­wert­steu­er be­grün­det. An die­ser Recht­spre­chung hält der Se­nat auch ge­gen­über der für die Fäl­le der Ver­knüp­fung mit ei­nem Neu­wa­gen­kauf in der Li­te­ra­tur ge­äu­ßer­ten Kri­tik fest (Anm. zum Ur­teil vom 05.04.1978 von Es­pen­hain, WM 1978, 1107, und von Oeh­ler, JZ 1979, 787). Dass mög­li­cher­wei­se der Händ­ler in ein­zel­nen Fäl­len ent­ge­gen sei­ner Er­war­tung doch Mehr­wert­steu­er zu ent­rich­ten hat, kann für die zi­vil­recht­li­che Ein­ord­nung der Ver­ein­ba­run­gen kei­ne Be­deu­tung ha­ben. Die er­streb­te Steu­er­er­spar­nis ist in sol­chen Fäl­len das Mo­tiv für ei­ne den Händ­ler am ei­gent­li­chen Kauf­ver­trag nicht be­tei­li­gen­de Ver­trags­ge­stal­tung, die in­so­weit ernst­lich ge­wollt und da­mit nicht et­wa ein Schein­ge­schäft ist (vgl. auch das zur Ver­öf­fent­li­chung be­stimm­te Se­nats­ur­teil v. 28.05.1980 – VI­II ZR 147/79).

c) Die­ser Aus­le­gung steht auch der wei­te­re Ver­trags­in­halt nicht ent­ge­gen.

aa) Die Re­vi­si­on ist der Auf­fas­sung, im Ver­hält­nis zum Klä­ger ha­be die Be­klag­te so viel an ei­ge­nen Ver­trags­rech­ten und -pflich­ten, dass ent­ge­gen der fal­schen Be­zeich­nung von ei­nem Kauf­ver­trag zwi­schen den Par­tei­en die­ses Rechts­streits und ei­nem wei­te­ren zwi­schen W. und der Be­klag­ten aus­zu­ge­hen sei, auch wenn An­lass für die Ver­trags­ge­stal­tung der Wunsch ge­we­sen sei, Mehr­wert­steu­er ein­zu­spa­ren. Die Be­klag­te haf­te dem Klä­ger des­halb we­gen Nicht­er­fül­lung ih­rer Pflicht zur Ei­gen­tums­ver­schaf­fung.

bb) An­ge­sichts des von den Ver­trags­par­tei­en ver­folg­ten wirt­schaft­li­chen, steu­er­spa­ren­den Zwecks grei­fen die­se Er­wä­gun­gen nicht durch. Die Ver­pflich­tung des Ver­mitt­lers zur Ein­hal­tung von Lie­fer­fris­ten setzt nicht zwin­gend auch die ei­ge­ne Pflicht zur Ei­gen­tums­ver­schaf­fung vor­aus. Scha­dens­er­satz- und Ver­trags­stra­fen­an­sprü­che des Ver­mitt­lers könn­ten zwar für ei­ne ei­ge­ne Ver­trags­be­zie­hung zum Käu­fer spre­chen. Ei­ne von dem In­ter­es­se an Steu­er­er­spar­nis aus­ge­hen­de Aus­le­gung lässt aber auch die An­nah­me zu, der Ver­mitt­ler sol­le den An­spruch nur na­mens des Ver­käu­fers er­he­ben kön­nen. Des­sen Be­frie­di­gung kä­me – wie es nach dem Ver­trags­text of­fen­bar be­ab­sich­tigt ist – auch bei die­ser Aus­le­gung wirt­schaft­lich der Be­klag­ten zu­gu­te, weil sie sich im Ver­trag mit W des­sen sämt­li­che An­sprü­che ge­gen den Käu­fer hat ab­tre­ten las­sen.

Das­sel­be wie für die Er­satz­an­sprü­che gilt für das Rück­tritts­recht des Ver­mitt­lers. So­weit in den bei­den Ver­trä­gen der Be­klag­ten Ent­schei­dungs­rech­te wie zum Bei­spiel über An­nah­me oder Ab­leh­nung von Ge­braucht­wa­gen über­tra­gen sind, las­sen sich die­se oh­ne Wei­te­res als Be­voll­mäch­ti­gung deu­ten. Schließ­lich ist auch die Tat­sa­che, dass die Be­klag­te den Min­dester­lös be­reits an Wag­ner ge­zahlt hat­te, kein Ar­gu­ment ge­gen die An­nah­me ei­nes Ver­mitt­lungs­ver­tra­ges (vgl. Se­nat, Urt. v. 29.06.1977 – VI­II ZR 43/76, NJW 1977, 1914 = WM 1977, 1048).

2. Der Re­vi­si­on kann auch nicht dar­in ge­folgt wer­den, dass – wenn die Be­klag­te nur Ver­mitt­ler sei – ein Ver­trags­ver­hält­nis be­son­de­rer Art (zu dritt) be­ste­he und die Be­klag­te dar­aus für die Ei­gen­tums­ver­schaf­fung wie ein Ver­käu­fer haf­te. Die­se Aus­le­gung wür­de ei­ne dem Ver­trags­text zu ent­neh­men­de ganz ein­deu­ti­ge Er­klä­rung der Be­klag­ten vor­aus­set­zen, dass sie – auch oh­ne Ver­käu­fe­rin zu sein – die Ver­pflich­tung zur Ei­gen­tums­ver­schaf­fung oder we­nigs­tens die Haf­tung da­für über­neh­me. Ei­ne sol­che Er­klä­rung ent­hält der For­mu­l­ar­text aber nicht.

II. Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch des Klä­gers er­gibt sich – wie das Be­ru­fungs­ge­richt mit Recht an­nimmt – auch nicht aus dem Ge­sichts­punkt des Ver­schul­dens beim Ver­trags­ab­schluss.

1. Nimmt je­mand bei ei­nem durch ihn ver­mit­tel­ten Ver­trags­ab­schluss ei­ne un­ein­ge­schränk­te Sach­wal­ter­stel­lung für die ei­ne Ver­trags­par­tei ein und hat er ein ei­ge­nes wirt­schaft­li­ches In­ter­es­se am Zu­stan­de­kom­men des Ver­tra­ges, so kann er ge­gen­über der an­de­ren, ihm al­lein ver­trau­en­den Ver­trags­par­tei be­son­de­re Sorg­falts­pflich­ten ha­ben, de­ren Ver­let­zung ihn er­satz­pflich­tig macht (BGH, Urt. v. 05.04.1971 – VII ZR 163/69, BGHZ 56, 81). Das gilt nach der Recht­spre­chung des er­ken­nen­den Se­nats in be­son­de­rem Ma­ße für den als Ver­mitt­ler auf­tre­ten­den Ge­braucht­wa­gen­händ­ler, weil der Käu­fer in al­ler Re­gel den Ver­käu­fer nicht kennt und dar­auf an­ge­wie­sen ist, dem Händ­ler als Fach­mann zu ver­trau­en (Se­nat, Urt. v. 29.01.1975 – VI­II ZR 101/73, BGHZ 63, 382 [386]; Urt. v. 17.03.1976 – VI­II ZR 208/74, LM BGB § 276 (A) Nr. 14 = WM 1976, 614; Urt. v. 29.06.1977 – VI­II ZR 43/76, NJW 1977, 1914 = WM 1977, 1048). Der Ver­mitt­ler haf­tet da­nach nicht schlecht­hin in der­sel­ben Wei­se wie der Ver­käu­fer. Er hat aber ihm be­kann­te Män­gel oder die ihm be­wuss­te Mög­lich­keit von Män­geln mit­zu­tei­len.

Er­ge­ben sich kon­kre­te An­halts­punk­te, die ei­nen Ver­dacht auf Schä­den am Fahr­zeug oder an­de­re un­güns­ti­ge und für den Kauf­ent­schluss mit­be­stim­men­de Um­stän­de recht­fer­ti­gen, so kann dar­aus ei­ne Pflicht des Ver­mitt­lers zur Un­ter­su­chung des Fahr­zeugs oder we­nigs­tens zu ei­nem Hin­weis an den Käu­fer fol­gen (vgl. die oben zi­tier­ten Se­nats­ur­tei­le).

2. Un­ter Be­zug­nah­me auf die­se Recht­spre­chung meint das Be­ru­fungs­ge­richt, der Be­klag­ten sei kei­ne schuld­haf­te Pflicht­ver­let­zung vor­zu­wer­fen. Die am Fahr­zeug sicht­ba­ren An­halts­punk­te für den Dieb­stahl (Schweiß­näh­te am Rad­haus, „zer­knit­ter­tes“ Ty­pen­schild mit fal­scher Farb­code-Num­mer) sei­en ihr nicht be­wusst ge­we­sen. Kon­kre­te, für die Not­wen­dig­keit ei­ner Un­ter­su­chung spre­chen­de Um­stän­de hät­ten nicht vor­ge­le­gen. Der Fahr­zeug­brief sei echt und der Ver­käu­fer W dar­in als Hal­ter ein­ge­tra­gen ge­we­sen. Der Wa­gen sei nicht zu ei­nem auf­fäl­lig nied­ri­gen Preis ver­kauft wor­den. Er ha­be sich in gu­tem Pfle­ge­zu­stand be­fun­den, so­dass auch die Mög­lich­keit ei­ner Neu­la­ckie­rung be­stan­den ha­be, durch die die Farb­ab­wei­chung ge­gen­über dem Ver­merk auf dem Ty­pen­schild ha­be er­klärt wer­den kön­nen.

3. Recht­li­che Be­den­ken ge­gen die­se tatrich­ter­li­che Wür­di­gung des teils un­strei­ti­gen, teils durch das Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen H be­wie­se­nen Sach­ver­halts sind nicht zu er­he­ben.

a) Zu­läs­si­ge Ver­fah­rens­rügen ge­gen die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen hat die Re­vi­si­on nicht er­ho­ben.

b) Um­fang und Aus­maß der den Ver­mitt­ler tref­fen­den Sorg­falts­pflicht hat das Be­ru­fungs­ge­richt nicht ver­kannt. Da das von W an­ge­bo­te­ne Fahr­zeug kei­ner­lei äu­ßer­lich sicht­ba­re Schä­den auf­wies, ge­bot der Zu­stand des Wa­gens kei­ne ein­ge­hen­de Un­ter­su­chung durch die Be­klag­te. Soll­te das Be­ru­fungs­ur­teil al­ler­dings so zu ver­ste­hen sein, dass der Händ­ler ge­ne­rell nicht ein­mal die An­ga­ben im Fahr­zeug­brief mit de­nen am Fahr­zeug zu ver­glei­chen brau­che, könn­te dem nicht ge­folgt wer­den. Die Über­ein­stim­mung hin­sicht­lich der Fahr­ge­stell­num­mer muss auch je­der als Ver­mitt­ler auf­tre­ten­de Ge­braucht­wa­gen­händ­ler prü­fen, da­mit der Käu­fer den zum Fahr­zeug ge­hö­ren­den Fahr­zeug­brief er­hält, gro­be Täu­schungs­hand­lun­gen min­des­tens er­schwert sind und Ver­wechs­lun­gen ver­mie­den wer­den.

Die Prü­fung des Fahr­zeug­briefs und der Ver­gleich mit der Fahr­ge­stell­num­mer am Wa­gen er­brach­te hier je­doch kei­nen ver­däch­ti­gen An­halts­punkt. Nach dem Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen H wa­ren die Schweiß­näh­te an dem er­setz­ten Teil mit der Fahr­ge­stell­num­mer so ge­schickt ka­schiert, daß sie auch für ei­nen Sach­ver­stän­di­gen nur er­kenn­bar wa­ren, wenn er die dar­über be­find­li­che Lack­schicht ab­kratz­te, weil er nach ih­nen such­te. Von dem Händ­ler in je­dem Fall und auch oh­ne sons­ti­ge Ver­dachts­grün­de ei­ne der­ar­ti­ge Nach­prü­fung zu ver­lan­gen, hie­ße die Sorg­falts­an­for­de­run­gen er­heb­lich zu über­span­nen.

Das „zer­knit­ter­te“ Ty­pen­schild al­lein brauch­te die Be­klag­te nicht zu nä­he­rer Prü­fung zu ver­an­las­sen. Be­son­de­re, der Iden­ti­täts­fest­stel­lung die­nen­de In­for­ma­tio­nen wa­ren von den An­ga­ben auf dem Ty­pen­schild nicht zu er­war­ten. Die un­rich­ti­ge Farb­code-Num­mer wä­re nur beim Ver­gleich mit ei­ner Farblis­te fest­zu­stel­len ge­we­sen, wo­bei aber die Mög­lich­keit ei­ner Um­la­ckie­rung nicht aus­zu­schlie­ßen war. Im üb­ri­gen gab es an der lin­ken Fahr­zeug­sei­te ein wei­te­res, un­be­schä­dig­tes Ty­pen­schild, so­dass da­mit ge­rech­net wer­den muss, daß der Be­klag­ten die Be­schä­di­gung des rechts­sei­ti­gen Schil­des gar nicht hät­te auf­fal­len müs­sen, wenn sie et­wa das lin­ke Schild zu­nächst prüf­te.

Die Tat­sa­che, dass die Kraft­fahr­zeug­zu­las­sungs­stel­le den Dieb­stahl eben­falls nicht be­merkt und W als Hal­ter ein­ge­tra­gen hat­te, wür­de al­ler­dings für sich al­lein die Be­klag­te nicht von ei­ner be­ste­hen­den Nach­for­schungs- und Un­ter­su­chungs­pflicht frei­stel­len, wenn der Brief an­de­re kon­kre­te An­halts­punk­te ent­hal­ten hät­te (Se­nat, Urt. v. 23.05.1966 – VI­II ZR 60/64, LM BGB § 932 Nr. 21 = WM 1966, 678). In­so­weit kä­me hier al­len­falls der Um­stand in Be­tracht, dass das nach den Ein­tra­gun­gen am 09.12.1975 erst­mals zum Ver­kehr zu­ge­las­se­ne Fahr­zeug be­reits am 22.12.1975 still­ge­legt und am 28.06.1976 für W wie­der zum Ver­kehr zu­ge­las­sen sein und der Ki­lo­me­ter­stand An­fang Ja­nu­ar 1977 nur cir­ca 6300 be­tra­gen soll­te. Die Stil­le­gung be­reits elf Ta­ge nach der Erst­zu­las­sung konn­te aber man­cher­lei Grün­de wie zum Bei­spiel Krank­heit oder Tod des ers­ten Hal­ters ha­ben und war nicht so auf­fäl­lig, dass die Be­klag­te auf ei­nen Dieb­stahl oder an­de­re Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten hät­te schlie­ßen müs­sen. Da­bei ist auch zu be­rück­sich­ti­gen, dass W nach der Wie­der­zu­las­sung mehr als sechs Mo­na­te Hal­ter des Wa­gens ge­we­sen war und für die­se Zeit ei­ne Fahr­stre­cke von 6.300 km durch­aus nor­mal war.

4. Man­gels kon­kre­ter An­halts­punk­te er­gab sich da­nach für die Be­klag­te kein An­lass, den Zu­stand oder die Her­kunft des Wa­gens ge­nau­er zu über­prü­fen. Da­mit ent­fällt der nur an die Ver­let­zung ei­ner Sorg­falts­pflicht zu knüp­fen­de Vor­wurf ei­nes Ver­schul­dens beim Ver­trags­schluss.

III. Die Re­vi­si­on muss­te un­ter die­sen Um­stän­den mit der Kos­ten­fol­ge aus § 97 ZPO zu­rück­ge­wie­sen wer­den.

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