1. Der Käu­fer ei­nes Ge­braucht­wa­gens darf er­war­ten, dass das Fahr­zeug die durch die ein­schlä­gi­ge Ab­gas­norm (hier: „Eu­ro 5“) vor­ge­ge­be­nen Emis­si­ons­grenz­wer­te tat­säch­lich und nicht nur dann ein­hält, wenn das Fahr­zeug – was ei­ne spe­zi­el­le Soft­ware er­kennt – ei­nem Ab­gas­test un­ter­zo­gen wird.
  2. Auch der Käu­fer ei­nes Fahr­zeugs, das vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fen und des­halb man­gel­haft ist, muss dem Ver­käu­fer grund­sätz­lich Ge­le­gen­heit zur Nach­er­fül­lung ge­ben. In­so­weit ist ins­be­son­de­re zu be­rück­sich­ti­gen, dass der Käu­fer in der Nut­zung des Fahr­zeugs in kei­ner Wei­se ein­ge­schränkt ist. Ihm kann des­halb zu­ge­mu­tet wer­den ab­zu­war­ten, bis sein Fahr­zeug im Rah­men des Rück­rufs, den das Kraft­fahrt-Bun­des­amt ge­gen­über der Volks­wa­gen AG an­ge­ord­net hat, an der Rei­he ist.

LG Pa­der­born, Ur­teil vom 09.06.2016 – 3 O 23/16

Sach­ver­halt: Der Klä­ger er­warb von der Be­klag­ten, die als un­ab­hän­gi­ge Kfz-Händ­le­rin auch VW-Fahr­zeu­ge ver­treibt, auf der Grund­la­ge ei­ner ver­bind­li­chen Be­stel­lung vom 29.04.2013 ei­nen Golf VI Va­ri­ant mit ei­ner Mo­tor­leis­tung von 103 KW (140 PS).

Die­ses Fahr­zeug war am 31.05.2012 erst­zu­ge­las­sen und an­schlie­ßend als Miet­wa­gen ge­nutzt wor­den. Als der Klä­ger es be­stell­te, wies es es ei­ne Ge­samt­fahr­leis­tung von 18.580 km auf. Der Kauf­preis für das „ge­brauch­te Fahr­zeug“ soll­te ur­sprüng­lich 20.450 € be­tra­gen. Über ein­zel­ne Emis­si­ons­wer­te des Fahr­zeugs wur­de vor Ab­schluss des Kauf­ver­trags nicht ge­spro­chen, wohl aber dar­über, dass der Klä­ger ein ver­brauchs­freund­li­ches Fahr­zeug such­te.

Der VW Golf VI Va­ri­ant wur­de am 17.05.2013 an den Klä­ger aus­ge­lie­fert; die Rech­nung vom glei­chen Tag wies al­ler­dings ei­nen Kauf­preis von nur 19.850 € aus, weil ein Mes­se­gut­schein über 600 € ver­rech­net wor­den war. Der Kauf­preis war teil­wei­se, in Hö­he von 11.500 €, durch ein – in­zwi­schen ab­ge­lös­tes – Dar­le­hen der Volks­wa­gen Bank GmbH fi­nan­ziert wor­den, wo­bei die Kre­dit­kos­ten ins­ge­samt 211,52 € be­tru­gen.

In dem vom Klä­ger er­wor­be­nen Pkw be­fin­det sich ein Die­sel­mo­tor (VW EA189). Die­ser Mo­tor steht mit ei­ner Soft­ware in Ver­bin­dung, die er­kennt, ob das Fahr­zeug auf ei­nem Prüf­stand ei­nem Emis­si­ons­test un­ter­zo­gen wird, und (nur) in die­sem Fall das „Ver­hal­ten“ des Mo­tors in Be­zug auf die Emis­si­on von Stick­oxi­den ver­än­dert. Auf­grund die­ser Soft­ware hält der Mo­tor (nur) wäh­rend ei­nes Emis­si­ons­tests die vor­ge­ge­be­nen Emis­si­ons­grenz­wer­te und die im tech­ni­schen Da­ten­blatt auf­ge­führ­ten Ab­gas­wer­te ein. Im rea­len Fahr­be­trieb ist der Aus­stoß von Stick­oxi­den da­ge­gen er­heb­lich hö­her.

Das Kraft­fahrt-Bun­des­amt hat vor die­sem Hin­ter­grund über zwei Mil­lio­nen VW-Mar­ken­fahr­zeu­ge zu­rück­ge­ru­fen und der Volks­wa­gen AG auf­er­legt, „die ent­spre­chen­de Soft­ware aus al­len Fahr­zeu­gen zu ent­fer­nen“. Au­ßer­dem sind „ge­eig­ne­te Maß­nah­men zur Wie­der­her­stel­lung der Vor­schrifts­mä­ßig­keit“ der be­trof­fe­nen Fahr­zeu­ge zu er­grei­fen. Das Kraft­fahrt-Bun­des­amt ist der Auf­fas­sung, dass es sich bei der so­eben be­schrie­be­nen Soft­ware um ei­ne un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung han­de­le.

Von dem Rück­ruf und den be­zeich­ne­ten Maß­nah­men wird auch das Fahr­zeug des Klä­gers be­trof­fen sein. Wann dies der Fall sein wird, wur­de dem Klä­ger al­ler­dings noch nicht mit­ge­teilt. Bis heu­te ver­fügt das Fahr­zeug des Klä­gers über sämt­li­che er­for­der­li­chen Ge­neh­mi­gun­gen. Ins­be­son­de­re ist die EG-Typ­ge­neh­mi­gung wei­ter­hin un­ver­än­dert wirk­sam, so­dass der Klä­ger sein Fahr­zeug un­ein­ge­schränkt nut­zen darf. Dass das Fahr­zeug im Üb­ri­gen fahr­be­reit und ver­kehrs­si­cher ist, steht zwi­schen den Par­tei­en nicht im Streit.

Mit An­walts­schrei­ben vom 27.10.2015 hat der Klä­ger den Rück­tritt vom Kauf­ver­trag er­klärt un­de die Be­klag­te zur Rück­ab­wick­lung des Kauf­ver­tra­ges auf­ge­for­dert. Hilfs­wei­se hat er die An­fech­tung we­gen arg­lis­ti­ger Täu­schung er­klärt. Die Be­klag­te hat mit Schrei­ben vom 12.11.2015 ei­ne Rück­nah­me des Fahr­zeugs ab­ge­lehnt und er­klärt, sie ver­zich­te­te im Hin­blick auf et­wai­ge Ge­währ­leis­tungs­an­sprü­che, die dem Klä­ger we­gen der in Re­de ste­hen­den Soft­ware zu­ste­hen könn­ten und die bis­her nicht ver­jährt sei­en, bis zum 31.12.2016 auf die Er­he­bung der Ein­re­de der Ver­jäh­rung. In ih­rem Schrei­ben führ­te die Be­klag­te au­ßer­dem aus, dass der Fahr­zeug­her­stel­ler in Ab­stim­mung mit dem Kraft­fahrt-Bun­des­amt „mit Hoch­druck“ an tech­ni­schen Lö­sun­gen ar­bei­te.

Der Klä­ger meint, das von ihm er­wor­be­ne Fahr­zeug wei­se ei­nen er­heb­li­chen Man­gel auf, weil es die nach der Schad­stoff­klas­se „Eu­ro 5“ zu­läs­si­gen Si­ck­oxid-Grenz­wer­te im tat­säch­li­chen Be­trieb nicht ein­hal­te, son­dern um min­des­tens das 30-fa­che über­schrei­te. Au­ßer­dem ist der Klä­ger der Auf­fas­sung, dass er sich nicht auf ei­ne Nach­bes­se­rung ein­las­sen müs­se. Die­se sei ihm viel­mehr schon des­halb nicht zu­mut­bar, weil ihn je­den­falls der Fahr­zeug­her­stel­ler arg­lis­tig ge­täuscht ha­be. Die Be­klag­te sei zwar gleich­falls vom Her­stel­ler ge­täuscht wor­den; sie zei­ge je­doch durch ihr Ge­ba­ren, das sie ein­sei­tig die In­ter­es­sen des Her­stel­lers, von dem sie wirt­schaft­lich ab­hän­ge, wah­re, in­dem sie ihn, den Klä­ger, auf ei­ne al­lein im Her­stel­ler­in­ter­es­se lie­gen­de Nach­bes­se­rung ver­wei­se. Da­mit – so be­haup­tet der Klä­ger – sei die Mög­lich­keit ei­ner er­neu­ten Ma­ni­pu­la­ti­on sei­nes Fahr­zeugs ge­ge­ben, weil die Nach­bes­se­rung fak­tisch nicht die Be­klag­te, son­dern al­lein der Fahr­zeug­her­stel­ler steue­re, der schon bei der Her­stel­lung das Fahr­zeug un­zu­läs­sig ma­ni­pu­liert ha­be. Im Üb­ri­gen be­fürch­tet der Klä­ger, dass die von der Be­klag­ten be­ab­sich­tig­ten Maß­nah­men zu­min­dest zu ei­nem hö­he­ren Kraft­stoff­ver­brauch sei­nes Fahr­zeugs füh­ren wer­den. Wie sich die Maß­nah­men auf die Leis­tung und die Ge­räu­sche­mis­sio­nen des Fahr­zeugs aus­wirk­ten, sei je­den­falls un­ge­wiss. Au­ßer­dem be­fürch­tet der Klä­ger, dass sich das ge­sam­te Ge­sche­hens ne­ga­tiv auf den Ver­kehrs­wert sei­nes Fahr­zeugs au­wir­ke.

Die im We­sent­li­chen auf Zah­lung von 20.450 € nebst Zin­sen ge­rich­te­te Kla­ge hat­te kei­nen Er­folg.

Aus den Grün­den: Dem Klä­ger steht ge­gen die Be­klag­te kein An­spruch auf Rück­zah­lung des Kauf­prei­ses in Hö­he von ins­ge­samt 20.450 € Zug um Zug ge­gen Rück­ga­be und Rück­über­eig­nung des streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeugs aus § 346 I BGB i. V. mit §§ 437 Nr. 2, 323 I, II, 320, 348 BGB oder sons­ti­gen Rechts­grün­den zu.

Die Par­tei­en des Rechts­streits ha­ben zwar ei­nen Kauf­ver­trag i. S. von § 433 BGB ge­schlos­sen.

Auch weist das streit­ge­gen­ständ­li­che Fahr­zeug ei­nen Sach­man­gel i. S. von § 434 I 2 Nr. 2 BGB auf.

Nach der vor­ge­nann­ten Vor­schrift ist ei­ne Sa­che frei von Sach­män­geln, wenn sie sich für die ge­wöhn­li­che Ver­wen­dung eig­net und ei­ne Be­schaf­fen­heit auf­weist, die bei Sa­chen der glei­chen Art üb­lich ist und die der Käu­fer nach der Art der Sa­che er­war­ten kann.

Im vor­lie­gen­den Fall eig­net sich das streit­ge­gen­ständ­li­che Fahr­zeug grund­sätz­lich für den Fahr­be­trieb und so­mit für die ge­wöhn­li­che Ver­wen­dung. Je­doch hat es gleich­wohl kei­ne sol­che Be­schaf­fen­heit, die bei Sa­chen glei­cher Art üb­lich ist und die ein Käu­fer nach der Art der Sa­che er­war­ten kann. Auch nach den Dar­le­gun­gen der Be­klag­ten ist es der­art her­ge­stellt, dass der Mo­tor bzw. die ihn steu­ern­de Soft­ware im Prüf­stands­be­trieb an­de­re Emis­si­ons­wer­te vor­täuscht als im nor­ma­len Stra­ßen­ver­kehr ein­ge­hal­ten wer­den kön­nen. Dies hat nichts mit dem von der Be­klag­ten be­müh­ten Un­ter­schied zwi­schen dem syn­the­ti­schem Prüf­stands­be­trieb und dem rea­len All­tags­be­trieb zu tun. Selbst­ver­ständ­lich un­ter­schei­den sich die Emis­si­ons­wer­te im All­tags­be­trieb ei­nes Fahr­zeugs von de­nen in ei­nem syn­the­ti­schen Prüf­zy­klus. Das er­gibt sich schon dar­aus, dass sie von ei­ner Viel­zahl von Fak­to­ren wie Fahr­ver­hal­ten, Ver­kehrs­fluss usw. ab­hän­gig sind, die im Prüf­zy­klus nur stan­dar­di­siert statt­fin­den. Den­noch be­steht bei ei­nem die Prüf­stands­wer­te nicht ma­ni­pu­lie­ren­den Fahr­zeug die Ge­währ da­für, dass die Ver­mei­dung schäd­li­cher Emis­sio­nen im Stra­ßen­ver­kehr mit der­sel­ben Ef­fek­ti­vi­tät wie auf dem Prüf­stand er­folgt. Dies ist bei dem klä­ge­ri­schen Pkw je­doch nicht der Fall. Hier sorgt ei­ne tech­ni­sche Vor­rich­tung da­für, dass im Prüf­stands­be­trieb ei­ne Ab­gas­rei­ni­gung vor­ge­täuscht wird, die im All­tags­be­trieb schon grund­sätz­lich nicht statt­fin­det. Ein Käu­fer ei­nes ent­spre­chend zu­ge­las­se­nen Fahr­zeugs darf in­des an­neh­men, dass das Fahr­zeug hin­sicht­lich des Schad­stoff­aus­sto­ßes die für die Emis­si­ons­klas­se „Eu­ro 5“ vor­ge­ge­be­nen Grenz­wer­te im Rah­men des für die Ein­stu­fung maß­geb­li­chen Prüf­ver­fah­rens auch tat­säch­lich ein­hält. Die­se Er­war­tung wird ent­täuscht durch den Um­stand, dass das Er­geb­nis im Prüf­stand nur auf­grund ei­ner spe­zi­el­len in dem Fahr­zeug ver­bau­ten Soft­ware er­zielt wird, die den künst­li­chen Fahr­zy­klus er­kennt und in ei­nen Be­triebs­mo­dus schal­tet, der den Stick­oxid­aus­stoß re­du­ziert.

Dem Rück­tritt steht je­doch ent­ge­gen, dass der Klä­ger der Be­klag­ten kei­ne Frist zur Nach­er­fül­lung ge­setzt hat.

Nach § 323 I BGB kann der Gläu­bi­ger im Fall ei­ner nicht ver­trags­ge­mäß er­brach­ten Leis­tung des Schuld­ners vom Ver­trag zu­rück­tre­ten, wenn er dem Schuld­ner er­folg­los ei­ne an­ge­mes­se­ne Frist zur Nach­er­fül­lung be­stimmt hat. Vor­lie­gend hat der Klä­ger je­doch die so­for­ti­ge Rück­nah­me des streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeugs von der Be­klag­ten ge­for­dert, oh­ne ihr vor­her die Ge­le­gen­heit zur Man­gel­be­sei­ti­gung ge­währt zu ha­ben.

Die Ein­räu­mung ei­ner Ge­le­gen­heit zur Nach­er­fül­lung war nicht ent­behr­lich. Ins­be­son­de­re lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen des § 440 Satz 1 Fall 3 BGB nicht vor.

Nach § 440 Satz 1 Fall 3 BGB be­darf es au­ßer in den Fäl­len des § 281 II BGB und § 323 II BGB der Frist­set­zung un­ter an­de­rem auch dann nicht, wenn dem Käu­fer die Nach­er­fül­lung un­zu­mut­bar ist. Da­bei ist die Un­zu­mut­bar­keit der Nach­er­fül­lung – im Ge­gen­satz zu der Vor­schrift des § 323 II Nr. 3 BGB – al­lein aus der Per­spek­ti­ve des Käu­fers zu be­stim­men und kann sich aus der Per­son des Ver­käu­fers, der Art der Man­gel­haf­tig­keit so­wie den mit der Nach­er­fül­lung ver­bun­den­den Be­gleit­um­stän­den er­ge­ben (vgl. Be­ckOK-BGB/Faust, Stand 01.08.2014, § 440 Rn. 35 ff.).

Dies zu­grun­de ge­legt kann im vor­lie­gen­den Fall nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass dem Klä­ger die von der Be­klag­ten wei­ter­hin an­ge­bo­te­ne Nach­er­fül­lung un­zu­mut­bar ist, was zu­gleich be­deu­tet, dass auch nach der all­ge­mei­nen Vor­schrift des § 323 II Nr. 3 BGB die Frist­set­zung zur Nach­er­fül­lung nicht ent­behr­lich ist. Im Ein­zel­nen:

Der von dem Klä­ger be­an­stan­de­te Man­gel in Form des er­höh­ten Ab­gas­aus­sto­ßes im ge­wöhn­li­chen Fahr­be­trieb führt zu kei­ner­lei funk­tio­nel­len Be­ein­träch­ti­gung in der Nut­zung des Fahr­zeugs. Ins­be­son­de­re ver­fügt das Fahr­zeug nach wie vor über al­le er­for­der­li­chen Ge­neh­mi­gun­gen zur Nut­zung im öf­fent­li­chen Stra­ßen­ver­kehr.

Wenn der Klä­ger dar­auf ver­weist, dass die Dul­dung des der­zei­ti­gen Zu­stands durch das Kraft­fahrt-Bun­des­amt eher wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Mo­ti­ven ge­schul­det sei, da die ge­ge­be­ne Funk­ti­ons­wei­se des Mo­tors ei­ner Zu­las­sung ent­ge­gen­ste­he, ist dies un­er­heb­lich, da sich nach­tei­li­ge Aus­wir­kun­gen für den Klä­ger in­so­weit nicht er­ge­ben. Auch ist der­zeit nicht im An­satz ab­zu­se­hen, dass sich am ge­ge­be­nen Zu­stand et­was än­dert.

So­weit der Klä­ger dar­auf ab­stellt, dass zu be­rück­sich­ti­gen sei, dass die Um­welt durch die Ab­gas­soft­ware über die bis­he­ri­ge Le­bens­dau­er des Fahr­zeugs er­heb­lich mehr Stick­oxid auf­ge­nom­men ha­be als bei Be­rück­sich­ti­gung der Grenz­wer­te zu­läs­sig, so ist zu­nächst zu sa­gen, dass die Be­rech­nun­gen des Klä­gers dar­un­ter lei­den, dass er fälsch­li­cher­wei­se die Ein­hei­ten „mg“ und „g“ ver­wech­selt. An­ders als der Klä­ger er­rech­net, geht es al­so nicht um 531,9 t NOX, die sein Fahr­zeug bei ins­ge­samt 98.500 ge­fah­re­nen Ki­lo­me­tern er­zeugt ha­ben soll, son­dern „nur“ um 531,9 kg NOX. Dass die in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Aus­wir­kun­gen auf die Um­welt Ein­fluss dar­auf ha­ben sol­len, dass dem Klä­ger ein Zu­war­ten auf ei­nen Nach­bes­se­rungs­ver­such nicht zu­mut­bar sein soll, ist nicht er­sicht­lich. Al­len­falls bleibt als un­ter Um­stän­den re­le­van­ter An­satz, dass es dem Klä­ger un­zu­mut­bar sei, ein Fahr­zeug … bis zur – zeit­lich noch nicht fi­xier­ten – Nach­rüs­tung zu nut­zen, von dem er nun­mehr weiß, dass es mit ei­ner ma­ni­pu­lie­ren­den Soft­ware aus­ge­stat­tet ist. Dies al­lein ver­mag aber die Un­zu­mut­bar­keit nicht zu be­grün­den, denn die we­sent­li­che Funk­ti­on des Fahr­zeugs, die Fort­be­we­gungs­mög­lich­keit, ist nach wie vor ge­ge­ben.

Ei­ne Un­zu­mut­bar­keit er­gibt sich auch nicht aus dem Um­stand, dass ei­ne Nach­er­fül­lung für den streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeug­typ der­zeit zeit­lich noch nicht fi­xiert ist. Der Klä­ger war und ist nach wie vor in der La­ge, das Fahr­zeug bis zu die­sem Zeit­punkt oh­ne für ihn spür­ba­re Be­ein­träch­ti­gun­gen wei­ter zu nut­zen. Er­heb­li­che, über die blo­ße Zeit­span­ne bis zur tat­säch­li­chen Vor­nah­me der Nach­bes­se­rungs­ar­bei­ten hin­aus­ge­hen­de Un­an­nehm­lich­kei­ten oder sons­ti­ge Nach­tei­le, die mit der an­ge­bo­te­nen Nach­er­fül­lung durch die Be­klag­te ein­her­ge­hen, sind von dem Klä­ger je­den­falls nicht hin­rei­chend sub­stan­zi­iert vor­ge­tra­gen wor­den und auch sonst nicht er­sicht­lich. Ins­be­son­de­re hat die Be­klag­te ge­gen­über dem Klä­ger auf die Ein­re­de der Ver­jäh­rung für An­sprü­che im Zu­sam­men­hang mit der Ver­wen­dung der Soft­ware bis zum 31.12.2016 ver­zich­tet, so­weit nicht Ver­jäh­rung be­reits ein­ge­tre­ten ist.

Ei­ne an­de­re Be­wer­tung er­gibt sich auch nicht vor dem Hin­ter­grund der be­haup­te­ten arg­lis­ti­gen Täu­schung des Her­stel­lers über den tat­säch­li­chen Schad­stoff­aus­stoß des Fahr­zeugs im Fahr­be­trieb, die die Be­klag­te sich nach Auf­fas­sung des Klä­gers letzt­lich ent­ge­gen­hal­ten las­sen müs­se. Zwar kann bei Täu­schung über ei­nen Man­gel durch­aus ein Ver­lust der Ver­trau­ens­grund­la­ge ge­ge­ben sein, der ei­ne Nach­er­fül­lung des­we­gen als un­zu­mut­bar er­schei­nen lässt. Dass dies auf die Per­son der Be­klag­ten zu­trifft, lässt sich aber ent­ge­gen der klä­ge­ri­schen Be­trach­tung ge­ra­de nicht sa­gen:

So be­haup­tet der Klä­ger schon nicht, dass die Be­klag­te selbst um die ma­ni­pu­lier­te Soft­ware wuss­te. Um­stän­de, aus de­nen sich er­gibt, dass die Be­klag­te sich das – zu­min­dest bei ir­gend­ei­nem der dor­ti­gen Mit­ar­bei­ter vor­han­de­ne – Wis­sen des Her­stel­lers um die Soft­ware im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses mit dem Klä­ger zu­rech­nen las­sen muss, sind gleich­falls we­der vor­ge­tra­gen noch er­sicht­lich. In­so­fern ist zu be­to­nen, dass die Be­klag­te als Ver­käu­fe­rin zwar für die Män­gel ei­nes Pro­dukts im Rah­men des Ge­währ­leis­tungs­rechts ein­zu­ste­hen hat, nicht aber für jeg­li­ches (Fehl-)Ver­hal­ten des Her­stel­lers haft­bar ge­macht wer­den kann. Al­lein der Um­stand, dass die Be­klag­te sich nach Be­kannt­wer­den des „VW-Ab­gas­skan­dals“ im Sep­tem­ber 2015 mit dem Her­stel­ler ab­stimmt und der­ge­stalt an al­le ih­re Kun­den, auch den Klä­ger, her­an­tritt, be­wirkt kei­ne Zu­rech­nung et­wai­gen be­trü­ge­ri­schen Ver­hal­tens des Her­stel­lers auf die Be­klag­te. Das In­ter­es­se der Be­klag­ten, hier im Rah­men ei­ner ein­heit­li­chen Pro­blem­be­hand­lung in Ab­stim­mung mit dem Her­stel­ler zu agie­ren ist viel­mehr vor dem Hin­ter­grund, dass bun­des­weit mehr als zwei Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge des Her­stel­lers VW be­trof­fen sind und An­sprech­part­ner in al­ler­ers­ter Li­nie die je­wei­li­gen Händ­ler sein wer­den, nach­voll­zieh­bar.

Über­dies ist zu be­den­ken, dass ein Ver­lust der Ver­trau­ens­grund­la­ge auf­sei­ten des ge­täusch­ten Käu­fers, der Grund für den Weg­fall der Nach­er­fül­lungs­mög­lich­keit des Ver­käu­fers in Fäl­len der arg­lis­ti­gen Täu­schung ist, dann nicht an­zu­neh­men ist, wenn be­son­de­re Um­stän­de vor­lie­gen (vgl. BGH, Urt. v. 09.01.2008 – VI­II ZR 210/06, ju­ris Rn. 20), die er­war­ten las­sen, dass ei­ne ord­nungs­ge­mä­ße Nach­bes­se­rung statt­fin­den wird. Vor­lie­gend kommt in Be­tracht, dass sol­che be­son­de­ren Um­stän­de dar­in zu se­hen sind, dass die Nach­bes­se­rungs­ar­bei­ten der Be­klag­ten in en­ger Zu­sam­men­ar­beit des Her­stel­lers mit dem Kraft­fahrt-Bun­des­amt und da­mit un­ter staat­li­cher Auf­sicht er­fol­gen. In die­sem Zu­sam­men­hang ha­ben das Kraft­fahrt-Bun­des­amt und der Her­stel­ler ei­nen über­ge­ord­ne­ten Maß­nah­men­plan so­wie dar­auf auf­bau­end kon­kre­te Um­set­zungs­ver­ein­ba­run­gen ge­trof­fen, um die Nach­bes­se­rungs­ar­bei­ten an den be­trof­fe­nen Fahr­zeu­gen zu ge­währ­leis­ten.

Der Klä­ger kann sich der­zeit auch nicht dar­auf be­ru­fen, dass die von der Be­klag­ten an­ge­bo­te­ne Nach­er­fül­lung nicht dau­er­haft und wert­min­de­rungs­frei er­fol­gen kön­ne oder aber zu ei­nem er­höh­ten Kraft­stoff­ver­brauch füh­ren wer­de. Da­für, dass die be­ab­sich­tig­te und von der Be­klag­ten be­schrie­be­ne Nach­bes­se­rung von vor­ne­her­ein nicht er­folg­reich sein kann, ist bis­lang nichts er­sicht­lich. Soll­ten die klä­ge­ri­schen Be­haup­tun­gen aber tat­säch­lich zu­tref­fen und die Nach­bes­se­rung er­folg­los ver­lau­fen, so stün­den dem Klä­ger dann, aber eben erst nach Er­folg­lo­sig­keit der Nach­er­fül­lungs­be­mü­hun­gen, ge­ge­be­nen­falls Ge­währ­leis­tungs­rech­te ge­gen die Be­klag­te zu, die dies­be­züg­lich bis zum 31.12.2016 auf die Ein­re­de der Ver­jäh­rung aus­drück­lich ver­zich­tet hat.

Nach al­le­dem lie­gen je­den­falls der­zeit die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Rück­ab­wick­lung des Kauf­ver­tra­ges nicht vor. Auf die wei­te­re strei­ti­ge Fra­ge, ob der Rück­tritt we­gen Un­er­heb­lich­keit der Pflicht­ver­let­zung nach § 323 V 2 BGB aus­ge­schlos­sen ist, kam es nicht mehr an.

Man­gels Haupt­an­spruchs hat der Klä­ger auch kei­nen Zins­an­spruch aus den §§ 288 I, 286 BGB oder § 291 BGB. Auch die wei­ter mit der Kla­ge gel­tend ge­mach­ten An­sprü­che sind man­gels wirk­sa­men Rück­tritts nicht be­grün­det …

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