1. Ein Käu­fer, der un­wis­sent­lich ein vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nes Fahr­zeug er­wirbt, er­lei­det ei­nen Scha­den i. S. des § 826 BGB. Le­bens­nah be­trach­tet wür­de näm­lich kein durch­schnitt­lich in­for­mier­ter und wirt­schaft­lich ver­nünf­tig den­ken­der Ver­brau­cher ein Fahr­zeug er­wer­ben, das mit ei­ner Soft­ware aus­ge­tat­tet ist, die ins­be­son­de­re den Stick­oxid­aus­stoß re­du­ziert, so­bald das Fahr­zeug auf ei­nem Prüf­stand ei­nen Emis­si­ons­test ab­sol­viert. Denn die Ver­wen­dung ei­ner sol­chen Soft­ware ver­stößt ge­gen Art. 5 II 1 i. V. mit Art. 3 Nr. 10 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007, weil es sich da­bei um ei­ne (un­zu­läs­si­ge) Ab­schalt­ein­rich­tung im Sin­ne die­ser Vor­schrif­ten han­delt.
  2. In­dem die Volks­wa­gen AG Fahr­zeu­ge mit Die­sel­mo­to­ren in Ver­kehr ge­bracht hat, die die ein­schlä­gi­gen Emis­si­ons­grenz­wer­te soft­ware­ge­steu­ert nur ein­hal­ten, wenn sie auf ei­nem Prüf­stand ei­nen Emis­si­ons­test ab­sol­vie­ren, kann sie die – pflicht­wid­rig dar­über nicht auf­ge­klär­ten – Fahr­zeug­käu­fer i. S. des § 826 BGB sit­ten­wid­rig vor­sätz­lich ge­schä­digt ha­ben. Vor­aus­set­zung da­für ist, ein ver­fas­sungs­mä­ßig be­ru­fe­ner Ver­tre­ter der Volks­wa­gen AG (§ 31 BGB) den ob­jek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­be­stand des § 826 BGB ver­wirk­licht hat. Da­von kann aus­zu­ge­hen sein, wenn die Volks­wa­gen AG sich trotz ei­ner sie tref­fen­den se­kun­dä­ren Dar­le­gungs­last nicht da­zu er­klärt, wel­ches ih­rer Or­ga­ne Kennt­nis von der den Schad­stoff­aus­stoß op­ti­mie­ren­den Soft­ware hat­te und das In­ver­kehr­brin­gen der mit die­ser Soft­ware ver­se­he­nen Mo­to­ren ver­an­lasst hat.
  3. Der heim­li­che Ein­satz ei­ner Soft­ware, die den Schad­stoff­aus­stoß ei­nes Fahr­zeugs (nur) wäh­rend ei­nes Emis­si­ons­tests re­du­ziert, ist sit­ten­wid­rig. Ver­werf­lich er­scheint ins­be­son­de­re, dass ein Fahr­zeug­kauf je­den­falls für ei­nen durch­schnitt­li­chen Ver­brau­cher mit ei­nem er­heb­li­chen fi­nan­zi­el­len Auf­wand ver­bun­den ist, der bei le­bens­na­her Be­trach­tung auf ei­ner wohl­über­leg­ten und ab­wä­gen­den Ent­schei­dung fußt. Auch ver­stößt ge­gen das An­stands­ge­fühl al­ler bil­lig und ge­recht Den­ken­den, dass die Soft­ware die Ein­hal­tung ge­setz­li­cher Um­welt­stan­dards vor­täuscht, da­mit der Her­stel­ler ein dem ge­sell­schaft­li­chen Zeit­geist der Um­welt­freund­lich­keit und Um­welt­ver­träg­lich­keit ent­spre­chen­des Fahr­zeug ver­mark­ten kann.
  4. Die Volks­wa­gen AG kann den Käu­fer ei­nes vom VW-Ab­gas­skan­dal be­trof­fe­nen Fahr­zeugs un­ter dem Ge­sichts­punkt des Scha­dens­er­sat­zes (§ 826 BGB) auch dann so zu stel­len ha­ben, als hät­te er den für ihn wirt­schaft­lich nach­tei­li­gen Kfz-Kauf­ver­trag nicht ge­schlos­sen, wenn sie selbst nicht Par­tei die­ses Ver­tra­ges ge­wor­den ist.

LG Pa­der­born, Ur­teil vom 07.04.2017 – 2 O 118/16

Sach­ver­halt: Der Klä­ger er­warb am 10.04.2013 von der Au­to­haus A-GmbH & Co. KG in X. ei­nen VW Ti­gu­an 2.0 TDI BMT Sport & Style zum Preis von 29.346,26 €. Der Pkw ver­fügt über ei­nen EA189-Die­sel­mo­tor, und die be­klag­te Volks­wa­gen AG hat ihn mit ei­ner Soft­ware aus­ge­stat­tet, die den Stick­oxid­aus­stoß op­ti­miert, so­bald sie er­kennt, dass das Fahr­zeug auf ei­nem Prüf­stand ei­nen Emis­si­ons­test ab­sol­viert. Nur auf­grund die­ser Soft­ware wer­den – wäh­rend des Be­triebs auf dem Prüf­stand – die im tech­ni­schen Da­ten­blatt an­ge­ge­be­nen Emis­si­ons­wer­te ein­ge­hal­ten. Wird das Fahr­zeug da­ge­gen un­ter rea­len Be­din­gun­gen im Stra­ßen­ver­kehr und des­halb mit ei­ner ge­rin­ge­ren Ab­gas­rück­füh­rungs­ra­te be­trie­ben, so ist der Stick­oxid­aus­stoß hö­her als auf dem Prüf­stand.

Die Be­klag­te kün­dig­te an, die in Re­de ste­hen­de Soft­ware un­ter Auf­sicht des Kraft­fahrt-Bun­des­am­tes im Rah­men ei­ner Rück­ruf­ak­ti­on aus den be­trof­fe­nen Fahr­zeu­gen zu ent­fer­nen. Zu­dem be­auf­trag­te sie ei­ne Rechts­an­walts­kanz­lei da­mit, die in­ter­ne Auf­klä­rung des VW-Ab­gas­skan­dals zu be­glei­ten.

Mit der Kla­ge macht der Klä­ger ge­gen die Be­klag­te ei­nen auf Rück­ab­wick­lung des Kauf­ver­tra­ges ge­rich­te­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch gel­tend; hilfs­wei­se ver­langt er den Er­satz des Wert­ver­lus­tes, den sein Fahr­zeug er­lit­ten ha­be. Er meint, dass ihn die Be­klag­te vor­sätz­lich und in sit­ten­wid­ri­ger Wei­se ge­schä­digt ha­be, wo­bei sein Scha­den dar­in be­ste­he, dass er ei­nen Kauf­ver­trag ge­schlos­sen ha­be, den er bei Kennt­nis der wah­ren Sach­la­ge nicht ein­ge­gan­gen wä­re. Die Be­klag­te ha­be ihn da­her so zu stel­len, als hät­te er das Fahr­zeug nicht ge­kauft. Je­den­falls ha­be das Fahr­zeug ei­nen ihm – dem Klä­ger – zu er­set­zen­den Wert­ver­lust er­lit­ten, weil sei­ne Ist-Be­schaf­fen­heit hin­ter der Soll-Be­schaf­fen­heit zu­rück­blei­be.

Die Kla­ge hat­te im We­sent­li­chen Er­folg.

Aus den Grün­den: Die Kla­ge ist hin­sicht­lich der Haupt­for­de­rung be­grün­det. Dem Klä­ger steht ein An­spruch auf Scha­dens­er­satz in Hö­he von 24.157,26 € Zug um Zug ge­gen Rück­ga­be … Fahr­zeugs aus § 826 BGB i. V. mit § 31 BGB ge­gen die Be­klag­te zu.

Nach die­ser An­spruchs­grund­la­ge ist der­je­ni­ge, der in ei­ner ge­gen die gu­ten Sit­ten ver­sto­ßen­den Wei­se ei­nem an­de­rem vor­sätz­lich Scha­den zu­fügt, dem an­de­ren zum Er­satz des Scha­dens ver­pflich­tet. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind vor­lie­gend er­füllt. Die Be­klag­te hat dem Klä­ger durch ei­ne ge­gen die gu­ten Sit­ten ver­sto­ßen­de schä­di­gen­de Hand­lung vor­sätz­lich ei­nen Scha­den zu­ge­fügt.

Ein Scha­den i. S. des § 826 BGB ist nicht nur je­de nach­tei­li­ge Ein­wir­kung auf die Ver­mö­gens­la­ge, son­dern dar­über hin­aus je­de Be­ein­träch­ti­gung ei­nes recht­lich an­er­kann­ten In­ter­es­ses und je­de Be­las­tung mit ei­ner un­ge­woll­ten Ver­pflich­tung (vgl. BGH, Urt. v. 19.07.2004 – II ZR 402/02). Der ge­mäß § 826 BGB er­satz­fä­hi­ge Scha­den wird von der Recht­spre­chung seit je­her weit ver­stan­den und be­schränkt sich ge­ra­de nicht auf die Ver­let­zung be­stimm­ter Rech­te oder Rechts­gü­ter. Er­fasst wird ganz all­ge­mein je­de nach­tei­li­ge Ein­wir­kung auf die Ver­mö­gens­la­ge. In Par­al­le­le zur Be­trugs­dog­ma­tik hat auch der Scha­dens­be­griff des § 826 ei­nen sub­jek­ti­ven Ein­schlag. Ins­be­son­de­re wer­den auch sol­che Fäl­le er­fasst, die im Straf­recht un­ter dem Stich­wort des Ein­ge­hungs­be­trugs ge­wür­digt wer­den. Das Ver­mö­gen wird nicht nur als öko­no­mi­scher Wert ge­schützt, son­dern zu­gleich auch die auf das Ver­mö­gen be­zo­ge­ne Dis­po­si­ti­ons­frei­heit des je­wei­li­gen Rechts­sub­jekts. Folg­lich stellt be­reits die Be­las­tung mit ei­ner un­ge­woll­ten Ver­pflich­tung ei­nen ge­mäß § 826 BGB zu er­set­zen­den Scha­den dar (vgl. MünchKomm-BGB/Wag­ner, 7. Aufl. [2017], § 826 Rn. 42).

Die Tat­sa­che, dass der Klä­ger auf­grund des Ver­schwei­gens der Be­klag­ten über den Ein­satz der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware ei­nen für ihn wirt­schaft­lich nach­tei­li­gen Ver­trag mit der Au­to­haus A-GmbH & Co. KG in X. … ge­schlos­sen hat, hat sei­ne Dis­po­si­ti­ons­frei­heit ver­letzt, so­dass sein Ver­mö­gen nun­mehr mit ei­ner un­ge­woll­ten Ver­pflich­tung ne­ga­tiv be­las­tet ist. Da­bei ist es nicht ent­schei­dend, ob der Kauf des Fahr­zeugs für den Klä­ger ei­nen mess­ba­ren Ver­mö­gens­nach­teil durch ei­nen ent­ste­hen­den Wert­ver­lust be­wirkt, da nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung die Be­las­tung mit ei­ner un­ge­woll­ten Ver­bind­lich­keit be­reits ei­nen Scha­den i. S. des § 826 BGB dar­stellt.

Die­ses folgt, auf den vor­lie­gen­den Fall be­zo­gen, al­lein dar­aus, dass bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung und un­ter le­bens­na­her Be­trach­tung kein durch­schnitt­lich in­for­mier­ter und wirt­schaft­lich ver­nünf­tig den­ken­der Ver­brau­cher ein Fahr­zeug er­wer­ben wür­de, wel­ches mit ei­ner ge­set­zes­wid­ri­gen Soft­ware aus­ge­stat­tet ist. Der Durch­schnitts­käu­fer ei­nes Fahr­zeugs kann und muss nicht da­von aus­ge­hen, dass die ge­setz­lich vor­ge­ge­be­nen und im tech­ni­schen Da­ten­blatt auf­ge­nom­me­nen Ab­gas­wer­te nur des­halb ein­ge­hal­ten und ent­spre­chend at­tes­tiert wer­den, weil ei­ne Soft­ware in­stal­liert wor­den ist, die da­für sorgt, dass der Prüf­stands­lauf er­kannt und über ei­ne ent­spre­chen­de Pro­gram­mie­rung der Mo­tor­steue­rung in ge­setz­lich un­zu­läs­si­ger Wei­se ins­be­son­de­re der Stick­oxid­aus­stoß re­du­ziert wird.

Der Klä­ger hat in sei­ner per­sön­li­chen An­hö­rung in der münd­li­chen Ver­hand­lung am 07.04.2017 glaub­haft er­klärt, dass er das Fahr­zeug nicht er­wor­ben hät­te, wenn er Kennt­nis da­von ge­habt hät­te, dass die­ses Fahr­zeug mit ei­ner Prüf­stands­op­ti­mie­rungs­soft­ware aus­ge­stat­tet ist, da es ihm auch selbst­ver­ständ­lich dar­um ge­gan­gen sei, ein um­welt­freund­li­ches Fahr­zeug zu er­wer­ben. Er er­klär­te wei­ter, dass er frü­her zwar sehr vie­le Die­sel­fahr­zeu­ge ge­fah­ren sei, un­ter den vor­lie­gen­den Um­stän­den dann aber ei­nen Ben­zi­ner er­wor­ben hät­te.

Die von der Be­klag­ten vor­ge­nom­me­ne Op­ti­mie­rung der Mo­tor­steue­rungs­soft­ware ist ge­set­zes­wid­rig, da sie ge­gen Art. 5 II 1 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 in Ver­bin­dung mit Art. 3 Nr. 10 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/2007 ver­stößt (vgl. LG Ell­wan­gen, Urt. v. 10.06.2016 – 5 O 385/15; LG Hil­des­heim, Urt. v. 17.01.2017 – 3 O 139/16; LG Köln, Urt. v. 07.10.2016 – 7 O 138/16). Nach die­sen Vor­schrif­ten ist ei­ne Ab­schalt­ein­rich­tung, die die Wir­kung von Emis­si­ons­kon­troll­sys­te­men ver­rin­gert, un­zu­läs­sig, wo­bei ei­ne Ab­schalt­ein­rich­tung als Kon­struk­ti­ons­teil le­gal­de­fi­niert wird, näm­lich als ein sol­ches, das in der La­ge ist, ei­nen be­lie­bi­gen Teil des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems zu de­ak­ti­vie­ren, so­dass die Wirk­sam­keit des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems un­ter Be­din­gun­gen, die bei nor­ma­lem Fahr­zeug­be­trieb ver­nünf­ti­ger­wei­se zu er­war­ten sind, ver­rin­gert wird. Bei ver­stän­di­ger Aus­le­gung der Vor­schrif­ten muss die von der Be­klag­ten in­stal­lier­te Soft­ware als Ab­schalt­ein­rich­tung an­ge­se­hen wer­den. Denn sie setzt die zu ei­nem ge­rin­ge­ren Stick­oxid­aus­stoß füh­ren­de, aus­schließ­lich für den Prüf­stand be­stimm­te Pro­gram­mie­rung der Mo­tor­steue­rung für den Fahr­be­trieb auf der Stra­ße au­ßer Kraft mit der Fol­ge, dass der Stick­oxid­aus­stoß im Fahr­be­trieb auf der Stra­ße hö­her ist als auf dem Prüf­stand. Das Kraft­fahrt-Bun­des­amt stell­te mit rechts­kräf­ti­gen Be­scheid vom 15.10.2015 fest, dass es sich bei der von der Be­klag­ten ver­wen­de­ten Soft­ware um ei­ne „un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung“ im Sin­ne des Uni­ons­rechts han­de­le und ord­ne­te den ver­pflich­ten­den Rück­ruf der Die­sel­fahr­zeu­ge an, von dem auch der Pkw des Klä­gers be­trof­fen ist. Das im Wi­der­spruch hier­zu vor­ge­tra­ge­ne Be­strei­ten der Be­klag­ten, wo­nach es sich bei der ver­wen­de­ten „Op­ti­mie­rungs­soft­ware“ nicht um ei­ne „un­zu­läs­si­ge Ab­schalt­ein­rich­tung“ hand­le, ist dem­ge­gen­über un­zu­rei­chend qua­li­fi­ziert und da­her un­be­acht­lich.

Die den Klä­ger schä­di­gen­de Hand­lung der Be­klag­ten liegt im In­ver­kehr­brin­gen – un­ter Ver­schwei­gen der ge­set­zes­wid­ri­gen Soft­ware­pro­gram­mie­rung – von Die­sel­mo­to­ren zum Zweck des Wei­ter­ver­kaufs un­ter an­de­rem in Fahr­zeu­gen, de­ren Mo­tor­steue­rungs­soft­ware so pro­gram­miert war, dass sie den Be­trieb des Fahr­zeugs auf ei­nem Prüf­stand im Neu­en Eu­ro­päi­schen Fahr­zy­klus (NEFZ) er­kann­te und die Ab­gas­be­hand­lung „op­ti­mier­te“. Es be­stand ei­ne Pflicht der Be­klag­ten, je­den End­ver­brau­cher ih­rer Pro­duk­te dar­über auf­zu­klä­ren, dass in dem Fahr­zeug ei­ne Soft­ware ver­baut wur­de, die da­für sorgt, dass der Schad­stoff­aus­stoß nur im Prüf­stands­be­trieb die an­ge­ge­be­nen Grenz­wer­te ein­hält. Un­ter Be­rück­sich­ti­gung ei­nes bei le­bens­na­her Be­trach­tung vor­lie­gen­den In­for­ma­ti­ons- und Wis­sens­ge­fäl­les zwi­schen dem Käu­fer als Ver­brau­cher und dem Her­stel­ler durf­te und muss­te der Ver­brau­cher da­von aus­ge­hen, dass das von ihm er­wor­be­ne Fahr­zeug die Schad­stoff­grenz­wer­te nicht nur im Prüf­stands­be­trieb, son­dern auch un­ter Re­al­be­din­gun­gen im Stra­ßen­ver­kehr ein­hält.

So­weit die Be­klag­te vor­trägt, dass es zwi­schen dem Prüf­stands­be­trieb und dem Stra­ßen­be­trieb „na­tur­ge­mäß“ zu ei­ner Ab­wei­chung des an­ge­ge­be­nen Schad­stoff­aus­sto­ßes kom­me, kann der­ar­ti­ges Wis­sen bei le­bens­na­her Be­trach­tung zu­min­dest nicht von ei­nem durch­schnitt­li­chen Ver­brau­cher er­war­tet wer­den.

Die schä­di­gen­de Hand­lung ist der Be­klag­ten auch ge­mäß § 31 BGB zu­zu­rech­nen.

Da­bei ver­kennt die Kam­mer nicht, dass die Haf­tung ei­ner ju­ris­ti­schen Per­son aus § 826 BGB i. V. mit § 31 BGB vor­aus­setzt, dass ein ver­fas­sungs­mä­ßig be­ru­fe­ner Ver­tre­ter i. S. des § 31 BGB den ob­jek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­be­stand des § 826 BGB ver­wirk­li­chen muss (vgl. BGH, Urt. v. 28.06.2016 – VI ZR 536/15 Rn. 13). An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass die Be­klag­te ih­rer se­kun­dä­ren Dar­le­gungs­last hin­sicht­lich der Fra­ge, wel­ches ih­rer Or­ga­ne Kennt­nis von der Op­ti­mie­rung der Mo­tor­steue­rungs­soft­ware ge­habt hat­te und das In­ver­kehr­brin­gen der mit der Soft­ware aus­ge­rüs­te­ten Mo­to­ren ver­an­lasst hat, nicht im aus­rei­chen­den Ma­ße nach­ge­kom­men ist, geht die Kam­mer ge­mäß § 138 III ZPO da­von aus, dass die ver­fas­sungs­mä­ßig be­ru­fe­nen Ver­tre­ter der Be­klag­ten Kennt­nis vom Ein­satz der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware ge­habt und ei­ne Schä­di­gung der Kun­den bil­li­gend in Kauf ge­nom­men ha­ben.

Die Be­klag­te traf im hie­si­gen Fall ei­ne se­kun­dä­re Dar­le­gungs­last. Ei­ne se­kun­dä­re Dar­le­gungs­last be­steht nur in Fäl­len, in de­nen der Klä­ger au­ßer­halb des be­tref­fen­den Ge­sche­hens­ab­laufs steht und des­halb kei­ne ge­naue Kennt­nis der in­ter­es­sie­ren­den Tat­sa­chen hat, wäh­rend der Be­klag­te über die­se Kennt­nis ver­fügt und da­her oh­ne Wei­te­res die be­tref­fen­den Fra­gen zu klä­ren in der La­ge ist. Ein­fa­ches Be­strei­ten reicht in die­sen Fäl­len nicht mehr aus, viel­mehr müs­sen den zu­rück­ge­wie­se­nen Be­haup­tun­gen der Ge­gen­sei­te sub­stan­zi­el­le ei­ge­ne Be­haup­tun­gen ent­ge­gen­ge­setzt wer­den (vgl. Ah­rens, Der Be­weis im Zi­vil­pro­zess, 2015, Kap. 11 Rn. 23). Muss ei­ne Par­tei Um­stän­de be­wei­sen, die zu dem ih­rem Ein­blick ent­zo­ge­nen Be­reich des Pro­zess­geg­ners ge­hö­ren, so ent­ste­hen ihr er­heb­li­che Be­weis­pro­ble­me, da Be­weis­er­mitt­lungs- und Aus­for­schungs­an­trä­ge nicht zu­läs­sig sind (vgl. Zöl­ler/Gre­ger, ZPO, 31. Aufl. [2016], vor § 284 Rn. 34). Bei der se­kun­dä­ren Dar­le­gungs­last han­delt es sich je­doch um ein be­weis­recht­li­ches Hilfs­kon­strukt, wel­ches nur An­wen­dung fin­det, wenn die be­weis­be­las­te­te Par­tei den Be­weis mit dem ihr zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel nicht er­brin­gen kann oder zu ih­ren Las­ten er­heb­li­che Be­weis­pro­ble­me be­ste­hen (vgl. Zöl­ler/Gre­ger, a. a. O., vor § 284 Rn. 34). Die­ses ist zu­min­dest so lan­ge nicht der Fall, wie die be­weis­be­las­te­te Par­tei die von ihr auf­ge­stell­ten Be­haup­tun­gen durch Zeu­gen un­ter Be­weis stel­len kann. Nach­dem der zur Fra­ge der Kennt­nis des Vor­stands hin­sicht­lich des Ein­sat­zes der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware vom Klä­ger be­nann­te Zeu­ge W von sei­nem Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht Ge­brauch ge­macht und die Kam­mer mit Zwi­schen­ur­teil vom 20.01.2017 die Be­rech­ti­gung der Zeug­nis­ver­wei­ge­rung rechts­kräf­tig fest­ge­stellt hat­te, be­stand für den Klä­ger kei­ne Mög­lich­keit mehr, die von ihm auf­ge­stell­ten Be­haup­tun­gen mit dem ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln zu be­wei­sen.

Der Klä­ger hat als Ver­brau­cher kei­nen Ein­blick in die in­ter­nen Ent­schei­dungs­pro­zes­se der Be­klag­ten. Er hat den ihm in­so­weit zu­zu­mu­ten­den Vor­trag er­bracht. Der Klä­ger hat be­reits über­ob­li­ga­to­risch die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den öf­fent­li­chen Quel­len aus­ge­wer­tet und die ent­spre­chen­den Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen schrift­sätz­lich vor­ge­tra­gen. Dem Käu­fer ei­nes der­ar­ti­gen Fahr­zeugs kann nicht ab­ver­langt wer­den, dass er Tat­sa­chen vor­trägt, die al­lei­ne im Or­ga­ni­sa­ti­ons- und Kennt­nis­be­reich des Her­stel­lers lie­gen oder sich erst aus den noch an­dau­ern­den Er­mitt­lun­gen der Staats­an­walt­schaft Braun­schweig ge­gen ein­zel­ne Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten er­ge­ben. Da­her kann es dem Klä­ger nicht an­ge­las­tet wer­den, dass er sei­ne Be­haup­tung nicht noch kon­kre­ter fas­sen und un­ter Be­weis stel­len konn­te.

Nach der Recht­spre­chung des BGH strei­ten für die be­weis­be­las­te­te Par­tei be­reits bei der un­ter­blie­be­nen Of­fen­ba­rung ei­nes Man­gels trotz Kennt­nis vor Ab­schluss ei­nes Grund­stücks­kauf­ver­trags die Grund­sät­ze der se­kun­dä­ren Dar­le­gungs­last (vgl. BGH, Urt. v. 12.11.2010 – V ZR 181/09 Rn. 12 ff.). Ge­mes­sen dar­an fehlt es bei der Be­klag­ten an ei­nem sub­stan­zi­ier­ten Vor­trag zu der Fra­ge, wer bei der Be­klag­ten Kennt­nis über den Ein­satz der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware hat­te. Der Klä­ger hat mit an­walt­li­chem Schrift­satz vom 04.10.2016 sub­stan­zi­iert vor­ge­tra­gen, auf wel­chen We­gen und durch wel­che Köp­fe die Idee bei der Be­klag­ten zum Ein­satz der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware ge­reift ist und schließ­lich auch um­ge­setzt wur­de. Hier­bei wur­de ins­be­son­de­re zur Kennt­nis des aus­ge­schie­de­nen Vor­stands­vor­sit­zen­den und da­ma­li­gen Mit­glieds des Vor­stands, des Zeu­gen W, über den Ein­satz der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware vor­ge­tra­gen. Über­dies konn­te der Klä­ger auch die Ent­schei­dungs­pro­zes­se zum Ein­satz der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware in­ner­halb der Kon­zern­struk­tur der Be­klag­ten skiz­zie­ren. Der Klä­ger hat die ihm ob­lie­gen­de Dar­le­gungs- und Sub­stan­zi­ie­rungs­last da­mit er­füllt. Auf­grund des sub­stan­zi­ier­ten klä­ge­ri­schen Vor­trags konn­te sich die Be­klag­te nicht mehr auf ein ein­fa­ches Be­strei­ten, wo­nach we­der der Zeu­ge W noch an­de­re Vor­stands­mit­glie­der im Zeit­punkt des Kauf­ver­trags­schlus­ses Kennt­nis vom Ein­satz der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware hat­ten, zu­rück­zie­hen. Die Zu­rück­wei­sung der klä­ge­ri­schen Be­haup­tun­gen als un­sub­stan­zi­iert war folg­lich nicht aus­rei­chend. Dies gilt um­so mehr, als die Be­klag­te ih­rem ei­ge­nen Vor­trag nach (Schrift­satz vom 24.11.2016, S. 8) ei­ne Stu­die zu den in­ter­nen Ab­läu­fen bei der Kanz­lei D in Auf­trag ge­ge­ben hat, die im 4. Quar­tal 2016 ab­ge­schlos­sen wer­den soll­te, so­dass sie nun­mehr ei­nen ent­spre­chen­den Wis­sens­vor­sprung ge­gen­über dem Klä­ger be­sitzt.

Die Scha­dens­zu­fü­gung er­folg­te auch vor­sätz­lich und in ei­ner ge­gen die gu­ten Sit­ten ver­sto­ßen­den Wei­se.

Ei­ne Schä­di­gungs­ab­sicht muss nicht be­ste­hen, ein be­ding­ter Vor­satz reicht be­reits aus. Da­bei braucht der Schä­di­ger nicht im Ein­zel­nen zu wis­sen, wel­che oder wie vie­le Per­so­nen durch sein Ver­hal­ten ge­schä­digt wer­den; viel­mehr reicht aus, dass er die Rich­tung, in der sich sein Ver­hal­ten zum Scha­den ir­gend­wel­cher an­de­rer aus­wir­ken könn­te, und die Art des mög­li­cher­wei­se ein­tre­ten­den Scha­dens vor­aus­ge­se­hen und min­des­tens bil­li­gend in Kauf ge­nom­men hat (vgl. BGH, Urt. v. 19.07.2004 – II ZR 402/02). Der Vor­satz ent­hält ein „Wis­sens-“ und ein „Wol­lensele­ment“. Der Han­deln­de muss die Um­stän­de, auf die sich der Vor­satz be­zieht, im Fall des § 826 BGB al­so die Schä­di­gung des Klä­gers, ge­kannt bzw. vor­aus­ge­se­hen und in sei­nen Wil­len auf­ge­nom­men ha­ben. Das setzt vor­aus, dass der Han­deln­de die re­le­van­ten Um­stän­de je­den­falls für mög­lich ge­hal­ten und bil­li­gend in Kauf ge­nom­men hat (vgl. BGH, Urt. v. 20.11.2012 – VI ZR 268/11 Rn. 32). Die Ma­ni­pu­la­ti­on der Ab­gas­wer­te zielt nicht nur auf ei­ne Um­ge­hung von Um­welt­vor­schrif­ten ab, de­ren Ein­hal­tung der All­ge­mein­heit die­nen, son­dern auch auf die in­di­vi­du­el­le Ver­mö­gens­dis­po­si­ti­on des Kun­den. Die Kun­den soll­ten zum Kauf ei­nes Fahr­zeugs be­wegt wer­den, ob­wohl es zwin­gen­de um­welt­recht­li­che, uni­ons­recht­li­che Vor­schrif­ten nicht ein­hält und des­halb mit ei­nem Ma­kel be­haf­tet ist.

Dies gilt erst recht un­ter Be­rück­sich­ti­gung der Maß­stä­be, die die Recht­spre­chung des BGH zur per­sön­li­chen Haf­tung von Vor­stands­mit­glie­dern aus § 826 BGB we­gen feh­ler­haf­ter Ad-hoc-Mit­tei­lun­gen fest­ge­legt hat (vgl. BGH, Urt. v. 19.07.2004 – II ZR 402/02). Dort hat­te der BGH wie folgt ent­schie­den:

„Die Ver­öf­fent­li­chung der Mit­tei­lung vom 20.05.1999 als Ad-hoc-Mit­tei­lung setz­te be­reits nach dem Ge­setz (§ 15 I WpHG a.F.) vor­aus, dass die mit­ge­teil­te neue Tat­sa­che ‚ge­eig­net ist, den Bör­sen­preis der zu­ge­las­se­nen Wert­pa­pie­re er­heb­lich zu be­ein­flus­sen‘. Da dies oh­ne Kauf- und Ver­kaufs­ent­schei­dun­gen von in­di­vi­du­el­len Markt­teil­neh­mern als zu er­war­ten­der Re­ak­ti­on auf die Mit­tei­lung der mel­de­pflich­ti­gen Tat­sa­che nicht mög­lich ist, wis­sen die ver­ant­wort­li­chen Vor­stän­de, daß es in­fol­ge der feh­ler­haf­ten Ad-hoc-In­for­ma­ti­on zu ent­spre­chen­den An­la­ge­ent­schei­dun­gen kom­men wird (so zu­tref­fend Fuchs/Dühn, BKR 2002, 1063 [1067]). Ken­nen sie die Un­rich­tig­keit der Ad-hoc-Mit­tei­lung, so wis­sen sie auch, dass des­halb Wert­pa­pier­käu­fe auf feh­ler­haf­ter Tat­sa­chen­grund­la­ge ge­tä­tigt wer­den. Da bei­de Be­klag­ten die Be­deu­tung der kon­kre­ten Ad-hoc-Mit­tei­lung und de­ren Un­rich­tig­keit kann­ten, ist – wie die Re­vi­si­on zu­tref­fend gel­tend macht – schon nach der Le­bens­er­fah­rung da­von aus­zu­ge­hen, daß die un­rich­ti­ge Mel­dung kei­nen an­de­ren Zweck hat­te, als dem Bör­sen­pu­bli­kum ei­nen ge­stie­ge­nen Un­ter­neh­mens­wert vor­zu­spie­geln und den Bör­sen­preis po­si­tiv zu be­ein­flus­sen.“

Die­ser vom BGH ent­wi­ckel­te Maß­stab muss auch im vor­lie­gen­den Fall Be­rück­sich­ti­gung fin­den. Den ver­ant­wort­li­chen Ent­schei­dern bei der Be­klag­ten war die Be­deu­tung ih­res Ver­schwei­gens für die Be­ein­flus­sung der Kauf­ent­schei­dung der Kun­den be­wusst. Die Be­klag­te hat als Kon­zern in der Öf­fent­lich­keit of­fen­siv mit der Um­welt­ver­träg­lich­keit ih­rer Fahr­zeu­ge ge­wor­ben. Den ver­ant­wort­li­chen Or­ga­nen bei der Be­klag­ten war da­bei nach der all­ge­mei­nen Le­bens­er­fah­rung be­wusst, dass die Kun­den auf­grund des Ver­schwei­gens des Ein­sat­zes der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware die Ent­schei­dung zum Kauf auf­grund ei­ner feh­ler­haf­ten bzw. un­voll­stän­di­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge tra­fen, die sie bei der ge­bo­te­nen Auf­klä­rung ent­we­der über­haupt nicht oder aber nur zu an­de­ren Kon­di­tio­nen ge­trof­fen hät­ten. Der­ar­ti­ge Schä­den als Fol­gen ih­rer vor­sätz­li­chen Hand­lungs­wei­se nah­men sie zu­min­dest bil­li­gend in Kauf. An­ge­sichts der Ge­samt­um­stän­de be­ste­hen hier an ei­ner vor­sätz­li­chen Hand­lungs­wei­se der Be­klag­ten in Be­zug auf den Ein­satz der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware kei­ne ver­nünf­ti­gen Zwei­fel.

Das Ver­hal­ten der Be­klag­ten ver­stieß auch ge­gen die gu­ten Sit­ten. Ob­jek­tiv sit­ten­wid­rig ist nach der Recht­spre­chung ei­ne Hand­lung, die nach In­halt oder Ge­samt­cha­rak­ter, der durch zu­sam­men­fas­sen­de Wür­di­gung von In­halt, Be­weg­grün­den und Zweck zu er­mit­teln ist, ge­gen das An­stands­ge­fühl al­ler bil­lig und ge­recht Den­ken­den ver­stößt, das heißt mit den grund­le­gen­den Wer­tun­gen der Rechts- und Sit­ten­ord­nung nicht ver­ein­bar ist. Ein Un­ter­las­sen ist dann sit­ten­wid­rig, wenn das ge­for­der­te Tun ei­nem sitt­li­chen Ge­bot ent­spricht. Dass das Ver­hal­ten ge­gen ver­trag­li­che Pflich­ten oder das Ge­setz ver­stößt, un­bil­lig er­scheint oder ei­nen Scha­den her­vor­ruft, ge­nügt nicht. Ins­be­son­de­re ist die Ver­fol­gung ei­ge­ner In­ter­es­sen bei der Aus­übung von Rech­ten im Grund­satz auch dann le­gi­tim, wenn da­mit ei­ne Schä­di­gung Drit­ter ver­bun­den ist. Hin­zu­tre­ten muss nach der Recht­spre­chung ei­ne nach den Maß­stä­ben der all­ge­mei­nen Ge­schäfts­mo­ral und des als „an­stän­dig“ Gel­ten­den be­son­de­re Ver­werf­lich­keit des Ver­hal­tens, die sich aus dem ver­folg­ten Ziel, den ein­ge­setz­ten Mit­teln, der zu­ta­ge tre­ten­den Ge­sin­nung oder den ein­tre­ten­den Fol­gen er­ge­ben kann (vgl. Pa­landt/Sprau, BGB, 75. Aufl. [2016], § 826 Rn. 4).

Bei Wür­di­gung der Ge­samt­um­stän­de war das Ver­schwei­gen des Ein­sat­zes der so­ge­nann­ten Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware auch un­ter Be­rück­sich­ti­gung ei­nes durch­schnitt­li­chen An­stands­maß­stabs als sit­ten­wid­rig zu be­wer­ten, da ein der­ar­ti­ges Ver­hal­ten mit den Grund­be­dürf­nis­sen loya­ler Rechts­ge­sin­nung un­ver­ein­bar ist und von ei­nem red­li­chen und rechtstreu­en Ver­brau­cher auch nicht er­war­tet wer­den kann (vgl. BGH, Urt. v. 09. 07.1953 – IV ZR 242/52). Ge­ra­de das heim­li­che Vor­ge­hen der Be­klag­ten un­ter Aus­nut­zung ei­nes ei­ge­nen In­for­ma­ti­ons- und Wis­sens­vor­sprungs ge­gen­über dem nichts­ah­nen­den Ver­brau­cher lässt das Ver­hal­ten der Be­klag­ten als recht­lich sit­ten­wid­rig er­schei­nen. Die Ma­ni­pu­la­ti­on konn­te von ei­nem Ver­brau­cher als tech­ni­schen Lai­en nicht er­kannt wer­den, so­dass die Be­klag­te von vorn­her­ein ein­kal­ku­lier­te, dass die Ma­ni­pu­la­ti­on nicht ent­deckt wird. Die­ses er­scheint ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund be­son­ders ver­werf­lich, dass die Ent­schei­dung zum Kauf ei­nen Kraft­fahr­zeugs, zu­min­dest für den durch­schnitt­li­chen Ver­brau­cher, mit ei­nem er­heb­li­chen fi­nan­zi­el­len Auf­wand ver­bun­den ist, der bei le­bens­na­her Be­trach­tung auf ei­ner wohl­über­leg­ten und ab­wä­gen­den Ent­schei­dung fußt. Es ver­stößt auch ge­gen das An­stands­ge­fühl al­ler bil­lig und ge­recht Den­ken­den, wenn ein Her­stel­ler ei­ne Soft­ware ein­setzt, die die Ein­hal­tung der ge­setz­li­chen Um­welt­stan­dards „vor­spielt“, um da­mit ein dem ge­sell­schaft­li­chen Zeit­geist der Um­welt­freund­lich­keit und Um­welt­ver­träg­lich­keit ent­spre­chen­des Fahr­zeug zu ver­mark­ten. Die ob­jek­ti­ve Sit­ten­wid­rig­keit der schä­di­gen­den Hand­lung rührt auch da­her, dass die Be­klag­te ge­gen öf­fent­lich-recht­li­che Vor­schrif­ten ver­sto­ßen und durch den mil­lio­nen­fa­chen Ver­trieb der be­trof­fe­nen Fahr­zeu­ge nicht nur ei­ne Schä­di­gung der Um­welt un­mit­tel­bar, son­dern auch der Ge­sund­heit an­de­rer Men­schen in Kauf ge­nom­men hat. Fer­ner wur­den Mil­lio­nen Kun­den über die Ei­gen­schaf­ten der von ih­nen ge­kauf­ten Fahr­zeu­ge ge­täuscht.

Im Rah­men des § 826 BGB rich­tet sich die Rechts­fol­ge des Scha­den­er­satz­an­spruchs auf den Er­satz des so­ge­nann­ten ne­ga­ti­ven In­ter­es­ses. Der Ge­schä­dig­te hat ei­nen An­spruch, so ge­stellt zu wer­den, wie er oh­ne Ein­tritt des schä­di­gen­den Er­eig­nis­ses stün­de (vgl. Stau­din­ger/Oechs­ler, BGB, Neu­be­arb. 2014, § 826 Rn. 153). Sei­nem In­ter­es­se kann durch Rück­ab­wick­lung des Ver­tra­ges oder durch Er­satz des durch die Täu­schung ver­ur­sach­ten wirt­schaft­li­chen Mehr­auf­wan­des Rech­nung ge­tra­gen wer­den (vgl. Stau­din­ger/Oechs­ler, a. a. O., § 826 Rn. 153). Der Klä­ger ist da­her so zu stel­len, wie wenn er den schä­di­gen­den Ver­trag nicht ab­ge­schlos­sen hät­te, und hat folg­lich ei­nen An­spruch auf Rück­ab­wick­lung des Kauf­ver­tra­ges ge­gen­über der Be­klag­ten.

Da­bei ver­kennt die Kam­mer nicht, dass die Be­klag­te im vor­lie­gen­den Fall Drit­te und da­mit nicht Ver­trags­part­ne­rin des Klä­gers war. Grund­sätz­lich ist der Scha­dens­er­satz ge­mäß § 826 BGB, der auf die Be­frei­ung ei­ner durch Täu­schung ein­ge­gan­gen ver­trag­li­chen Ver­bind­lich­keit ab­zielt, in Art und Um­fang nur ge­gen den di­rek­ten Ver­trags­part­ner mög­lich (vgl. MünchKomm-BGB/Wag­ner, a.a.O., § 826 Rn. 53). Ein An­spruch auf Rück­ab­wick­lung des Kauf­ver­tra­ges kann aber auch ge­gen­über Drit­ten be­ste­hen (vgl. OLG Mün­chen, Urt. v. 20.08.1999 – 14 U 860/98). Das OLG Mün­chen hat ent­schie­den, dass der Käu­fer ei­nes Ge­braucht­wa­gens, den er von ei­nem Kfz- Händ­ler ge­kauft hat und der ei­nen schwe­ren Vor­scha­den auf­weist, von dem pri­va­ten Ver­käu­fer, der den Vor­scha­den beim Ver­kauf arg­lis­tig ver­schwie­gen hat­te, Scha­dens­er­satz in der Wei­se ver­lan­gen kann, dass er so ge­stellt wird, als hät­te er das Fahr­zeug nicht von dem Kfz- Händ­ler ge­kauft.

Die Ar­gu­men­ta­ti­on des OLG Mün­chen greift auch im vor­lie­gen­den Fall. Oh­ne das Ver­schwei­gen der Be­klag­ten hin­sicht­lich des Ein­sat­zes der sog. Prüf­stands­ent­de­ckungs­soft­ware hät­te der Klä­ger das streit­ge­gen­ständ­li­che Fahr­zeug nicht er­wor­ben. Da­mit kann der Klä­ger von der Be­klag­ten auf­grund der von die­ser ihm ge­gen­über be­dingt vor­sätz­lich vor­ge­nom­me­nen Schä­di­gung ge­mäß § 826 BGB Er­satz des ihm dar­aus ent­stan­de­nen Scha­dens ver­lan­gen. Sein „ne­ga­ti­ves In­ter­es­se“ geht da­bei nicht nur auf den mög­li­cher­wei­se ein­ge­tre­te­nen Wert­ver­lust, er kann viel­mehr von der Be­klag­ten auch die Her­stel­lung des Zu­stands ver­lan­gen, der oh­ne den Kauf des Fahr­zeugs be­ste­hen wür­de.

In der Rechts­fol­ge sind ana­log § 346 I BGB die emp­fan­ge­nen Leis­tun­gen zu­rück­zu­ge­wäh­ren. Die Be­klag­te muss den ge­zahl­ten Kauf­preis er­stat­ten und er­hält ne­ben dem streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeug auch die durch die Fahr­leis­tung ein­ge­tre­te­ne Wert­min­de­rung des Fahr­zeugs er­setzt (§ 346 II 1 Nr. 1 BGB). Auf den zu­rück­zu­er­stat­ten­den Kauf­preis in Hö­he von 29.346,26 € hat sich der Klä­ger des­we­gen ei­ne Nut­zungs­ent­schä­di­gung in Hö­he von 5.189 € an­rech­nen zu las­sen. Die Kam­mer hat für die Be­rech­nung die vom Klä­ger an­ge­ge­be­ne Lauf­leis­tung im Zeit­punkt der münd­li­chen Ver­hand­lung in Hö­he von 53.046 km an­ge­setzt. Die Ge­samt­lauf­zeit des streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeugs schätzt die Kam­mer auf 300.000 km.

Der An­spruch auf die Rechts­hän­gig­keits­zin­sen seit dem 26.04.2016 folgt aus §§ 291, 288 I BGB i. V. mit § 187 I BGB ana­log.

Vor­aus­set­zung für ei­nen An­spruch auf Rechts­hän­gig­keits­zin­sen ist, dass die gel­tend ge­mach­te For­de­rung fäl­lig ist. Die­ses ist bei dem vor­lie­gen­den Zug-um-Zug-An­trag des Klä­gers nicht der Fall, da der Be­klag­ten ein Zu­rück­be­hal­tungs­recht aus § 320 BGB zu­steht. Hier­bei scha­det es auch nicht, wenn die Be­klag­te nicht aus­drück­lich das Zu­rück­be­hal­tungs­recht gel­tend macht, da der Klä­ger dem Zu­rück­be­hal­tungs­recht der Be­klag­ten schon in sei­nem An­trag Rech­nung ge­tra­gen hat.

Et­was an­de­res gilt nur dann, wenn sich der Gläu­bi­ger be­reits mit der Leis­tung in An­nah­me­ver­zug be­fin­det. Die­ses ist hier der Fall. Ge­mäß § 293 BGB kommt der Gläu­bi­ger in An­nah­me­ver­zug, wenn er die ihm an­ge­bo­te­ne Leis­tung nicht an­nimmt. Da­bei setzt § 294 BGB bzw. § 295 BGB vor­aus, dass dem Gläu­bi­ger die Leis­tung tat­säch­lich oder wört­lich an­ge­bo­ten wird.

Ge­mäß § 295 Satz 1 BGB ge­nügt ein wört­li­ches An­ge­bot des Schuld­ners, wenn der Gläu­bi­ger ihm er­klärt hat, dass er die Leis­tung nicht an­neh­men wer­de, oder wenn zur Be­wir­kung der Leis­tung ei­ne Hand­lung des Gläu­bi­gers er­for­der­lich ist, ins­be­son­de­re wenn der Gläu­bi­ger die ge­schul­de­te Sa­che ab­zu­ho­len hat. Ein wört­li­ches An­ge­bot kann da­bei be­reits in ei­nem Kla­ge­an­trag Zug um Zug lie­gen (vgl. BGH, Urt. v. 15.11.1996 – V ZR 292/95; MünchKomm-BGB/Ernst, 7. Aufl. [2016], § 295 Rn. 2). Mit der Zu­stel­lung der Kla­ge­schrift ist die Be­klag­te auch in Schuld­ner­ver­zug ge­ra­ten, so­dass der Klä­ger seit dem 26.04.2016 ei­nen An­spruch auf Ver­zugs­zin­sen hat (vgl. BGH, Urt. v. 15.11.1996 – V ZR 292/95).

Der An­spruch auf Er­satz au­ßer­ge­richt­li­che Rechts­an­walts­kos­ten in Hö­he von 1.242,82 € er­gibt sich aus den §§ 826, 249 I BGB. Bei ei­ner vor­sätz­lich sit­ten­wid­ri­gen Schä­di­gung sind die An­walts­kos­ten Teil des zu er­set­zen­den Scha­dens. In der Hö­he rich­ten sich die vor­ge­richt­li­chen Rechts­an­walts­kos­ten je­doch nach dem An­spruch, den der Klä­ger be­rech­tig­ter­wei­se ver­lan­gen kann.

Der Zins­an­spruch auf die vor­ge­richt­li­chen Rechts­an­walts­kos­ten ist je­doch erst seit dem 26.04.2016 be­grün­det. Dass sich die Be­klag­te be­reits seit dem 19.03.2016 in Ver­zug be­fand, ist we­der er­sicht­lich, noch wird es von dem Klä­ger vor­ge­tra­gen, so­dass die Kam­mer oh­ne Ver­stoß ge­gen § 308 I ZPO nur Zin­sen seit Rechts­hän­gig­keit zu­spre­chen konn­te. …

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